Ein zutiefst persönlicher und zugleich spannender Bericht: über die Komplexe und Ängste der Österreicher, das Zerrbild und die Mythen der Zweiten Republik, den Aufstieg und Fall ihrer prägenden Persönlichkeiten, das Erlebte im "guten Österreich" und die einzigartige Erfolgsbilanz eines halben Jahrhunderts. Im Spiegel der Begegnungen mit herausragenden Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Medien (u.a. mit Josef Klaus, Bruno Kreisky, Kurt Waldheim, Rudolf Kirchschläger und Thomas Klestil) entsteht ein unverwechselbares Bild des neuen Österreichs, geschildert von einem einstigen Ungarn-Flüchtling, der den Kampf gegen österreichfeindliche Klischees - gerade in Krisenzeiten - stets als eine Art Verpflichtung angesehen hat. Persönliche Gespräche mit bekannten Persönlichkeiten (von Androsch bis Vranitzky, von Busek bis Schüssel, von Haider bis Gusenbauer) über brisante Details der Wendezeiten ergänzen die persönlichen Erlebnisse eines, trotz Dankbarkeit für das ihm gewährte Heimatrecht, stets kritisch und wachsam gebliebenen Publizisten.
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Paul Lendvai führt durch 50 Jahre österreichischer Geschichte (1957-2007)
Mario Pf. aus Oberösterreich am 20.05.2008
Bewertungsnummer: 581929
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
"Ich flüchtet nach Österreich als ein Mensch, der sich nach den eigenen jugendlichen Irrwegen für die Wahrheit und gegen die Lüge, für die unperfekte Demokratie und gegen den Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, entschied. Deshalb muss auch die Liebe zu Österreich eine kritische sein und bleiben.", schreibt Prof. Paul Lendvai am Ende seines Vorwortes (Seite 15), der als spätgekommener ungarischer Flüchtling, am 2. Februar 1957 mit 27 Jahren und nur begrenzten Deutschkenntnissen infolge des Ungarnaufstandes die Flucht ins Ungewisse, nach Österreich gewagt hat. Als Korrespondent für die Financial Times, ORF-Berichterstatter, ORF-Intendant und jahrelanger Leiter des Europastudios hat sich Lendvai seitdem einen Namen gemacht und ist heute einer der bedeutendsten österreichischen Publizisten.
"Mein Österreich" ist Prof. Lendvais persönlicher Rückblick auf 50 Jahre österreichische Geschichte, die als Korrespondent mit persönlichen Beziehungen zu vielen Akteuren auf der politischen Bühne, wie Bruno Kreisky, hautnah miterlebt hat. Dabei führt er den Leser von den Zeiten Leopold Figls, über Kreisky, bis zu Schüssel und an den Beginn der Kanzlerschaft von Alfred Gusenbauer, ohne allerdings die Vorgeschichte Österreichs vor 1957 außer Acht zu lassen. "Es ist schwierig, oft fast unmöglich, den Vorhang der Klischees und Vorurteile beiseitezuschieben, wenn über Österreich gesprochen wird.", lautet einer der Beweggründe, welcher zu diesem Buch geführt hat, eine Ansicht der auch Profil-Chefredakteur und Herausgeber Christian in einem Leitartikel (5. Mai 2008) zum Österreich-Bild in ausländischen Medien zugestimmt hat. Die Balance zwischen Kritik und Bewunderung ist oft nicht gegeben, denn die zum typisch österreichischen Merkmal gewordene Selbstzerfleischung wird nicht selten missverstanden, wenn sie in surrealer Weise vorurteilbehaftet zur Pauschalverurteilung übersteigert wird. Nun, 50 Jahre Erfahrung als Wahl-Österreicher Kenner erlauben es Prof. Paul Lendvai diesen dilettantischen Fehler gekonnt, ich wage es zu behaupten, gelernt österreichisch, zu vermeiden.
Ungeachtet dessen lässt es sich Prof. Lendvai wie vielen anderen österreichischen Journalisten zum Vorwurf machen, dass gerade der Amtszeit Bundeskanzler Bruno Kreiskys womöglich mehr Platz als notwendig zugestanden wird. Natürlich, Kreisky war ein großer Mann, muss unglaubliches Charisma besessen haben und scheint wohl eine ganze Generation geprägt zu haben, der auch Kreisky-Bewunderer Dr. Alfred Gusenbauer angehört. Verständlich also dass jene die ihn noch erlebt haben, dieser Ära gebührenden Respekt erweisen möchten. Der Fokus von "Mein Österreich" liegt demnach auf den goldenen Jahren 1960-1990 und widmet sich den großen Krisen, Umwälzungen und Reformen der Zweiten Republik. Dabei scheut sich der Autor nicht, auch die Machtposition der Kammern (Wirtschaftskammer, Landwirtschaftskammer, Arbeiterkammer) und Bünde (Gewerkschaftsbund) gegenüber den Parteien hervorzuheben und darauf zu verweisen, wie die Wirtschaft in Österreich in der Lage ist Politik zu machen.
Fazit:
Als kenntnisreicher Analyst Journalist schafft Prof. Paul Lendvai mit "Mein Österreich" die neuere Geschichte der Zweiten Republik zu vermitteln und diese gar zu einer spannenden Lektüre werden zu lassen.
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