Diese Neuausgabe von Paul Virilios erstem Werk, das bereits 1975 veröffentlicht und nun vom Autor durch ein neues Nachwort ergänzt wurde, zeigt die erschreckende Aktualität des Themas der "großen Einschließung".In jahrelanger Recherche- und Dokumentationsarbeit hat Paul Virilio die Bunkeranlagen des von den Nazis erbauten "Atlantikwalls" an der französischen Atlantikküste untersucht und präsentiert die Ergebnisse – Fotografien, Kriegsweisungen, Karten – im Rahmen von philosophischen Essays. "Wenn man die zur Hälfte vergrabene Masse eines Bunkers mit seinen verstopften Belüftungsanlagen und dem schmalen Schlitz des Beobachtungspostens betrachtet, dann schaut man in einen Spiegel und gewahrt das Spiegelbild unserer eigenen Todesmacht, unserer eigenen Destruktivität, das Spiegelbild der Kriegsindustrie. Der Bunker ist anwesender und abwesender Mythos zugleich geworden: anwesend als für eine transparente und offene zivile Architektur abstoßendes Objekt, abwesend in dem Maße, in dem sich die Festung von heute woanders befindet, unter unseren Füßen, von nun an unsichtbar."
Noch keine Bewertungen vorhanden
Verfassen Sie die erste Bewertung zu diesem Artikel
Helfen Sie anderen Kundinnen und Kunden durch Ihre Meinung.
Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.
5/5
09.11.2011
Buch (Taschenbuch)
Eine immer noch erstaunliche Lektüre
Virilios Bücher zur Bunkerarchitektur des Nationalsozialismus und zur Verräumlichung des Militärapparats sind einzigartig. Auch nach Jahrzehnten ist eine erneute Lektüre erstaunenswert. Ich habe in den 80er-Jahren Virilios Schriften, wie die anderer Autoren, über den Merve Verlag kennengelernt, die in einer Fehllektüre damals der Postmoderne bzw. dem Neostrukturalismus zugeschlagen wurden.
Einerseits berichten auch heute noch Virilios Arbeiten von einem Trauma, mit dem mehrere Generationen groß geworden sind, das der Nationalsozialismus hinterlassen hat. Andererseits hat keiner wie Virilio auf die Verräumlichung des Krieges und auf den Raum des Militärs hingewiesen.
Virilio ist an der Küste der Bretagne, bei Nantes, aufgewachsen. In der Einleitung zur Bunkerarchäologie erfährt die Leserin von der schmerzhaften Erfahrung, die der kleine Junge Virilio machte, als das deutsche Militär die französische Bevölkerung vom Meer fernhielt und den Atlantikwall mit seinen Bunkern und Monumenten errichtete. Diese Wunde ließ Virilio arbeiten, als Architekt, als Philosoph, als Militärhistoriker, als Raum- und Geschwindigkeitsdenker.
Das, was Virilio von allen Staats- und Kriegshistorikern unterscheidet, ist der Gedanke, dass der Krieg keine Ausnahme ist. Der Krieg ist keine Ausnahme des Rechts oder liegt jenseits des Rechts. Der Krieg ist nur die eine Wirklichkeit, die wache Wirklichkeit, der militärischen Institutionen, die den Bereich der Gewalt hüten. Virilio schreibt: Die militärische Institution ist ein zyklothymes Tier, das im Frieden schläft und im Krieg erwacht.
Virilio geht es um die Gewalt, die stets räumlich und zeitlich ist. Als eine Gewalt, die räumlich und zeitlich ist, strukturiert sie Bereiche und Territorien. Dieser geografische Raum der Gewalt ist ein dynamisches Aktionsfeld, in dem die Gewalt militärische Institutionen und Architekturen ausbildet. Virilio beschreibt, wie die technische Entwicklung militärischer Gewalt verschiedenste Umformungen erfuhr, die letztlich darüber entscheiden, wie der Raum aufgeteilt ist. Mal sind die Verminderung von Hindernissen und die Schrumpfung der Entfernung kriegsentscheidend, mal kommt es darauf an, die Geschwindigkeit derart zu vergrößern, dass die Zeit im Krieg verschwindet: Diese Verkürzung des Krieges zielt darauf ab, den Beginn des Krieges mit seinem Ende zusammenfallen zu lassen.
Diese Analyse von Raum- und Zeitverhältnissen der Gewalt und des Krieges, die Virilio vorlegt, gewährt ein Verständnis der Gewalt- und Kriegszustände, die eine politische Analyse nicht in Blick nehmen kann. So kommt Virilio bezüglich der nationalsozialistischen Militärstrategie zu dem Schluss, dass mit dem Ausbau einer Festung Europa samt Atlantikwall die Niederlage unvermeidbar wurde. Der Erfolg des sogenannten Blitzkrieges des Nationalsozialismus kam an den Künsten Westeuropas zum Erliegen und läutete mit der defensiven Bunkerarchitektur den manifesten Niedergang des Systems ein.
Auch wenn der Bunker in seiner Architektur das totale und feste Haus (Schutzraum und Festung) sein soll, so zeigen die Bunkermonolithe des Atlantikwalls, wie aus dem panic room ein Sarkophag wurde, dessen architektonische Semantik sich nicht nur in der Nuklearindustrie wiederholt, sondern mit den ökologischen Katastrophen (Treibhauseffekt und die Verschmutzung der Biosphären) als Planet Erde wiederersteht. Mit der Globalisierung technischer und ökonomischer Gewalt (Verschmutzung, Zerstörung, Ausbeutung) wird der Planet Erde zu einem Bunker mit gigantischen terrestrischen Ausmaßen, der keine Funktion als Rückzugsraum besitzt, jedoch die Gewalt seiner Geschichte in sich einschließt.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.