Der Arbeitsmarkt kennt keine Gnade, erst recht nicht für Philosophen. Daher tritt Dr. phil. Gerhard Warlich eine Stelle als Wäscheausfahrer an und richtet sich ein in dieser nicht allzu aufregenden, aber sicheren Existenz. Doch als seine Freundin Traudel sich ein Kind wünscht, bringt das Warlich, der eigentlich nur "halbtags leben" möchte, vollkommen aus dem Gleis. Wilhelm Genazino erzählt diese Geschichte eines traurigen Helden und seiner viel weniger traurigen Freundin mit verblüffender Lakonie. Keiner beschreibt die menschliche Verzweiflung an Leben und Liebe so ironisch und brillant wie er.
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Katrin Schamaun
aus St. Gallen
4/5
30.10.2010
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wie weit wird einer gehen, um davonzukommen?
Das Leben des Gerhard Warlich gerät nachhaltig ins Wanken, als seine langjährige Freundin Traudel ihm sagt, dass sie sich ein Kind von ihm wünscht.
Warlich fühlt sich aus der Bahn geworfen, er flieht in das Projekt, eine "Schule der Besänftigung" zu gründen und in die kleinen Glücksmomente, die er in abstrusen Alltagsszenen findet.
Ein typischer Genazino: eigenwillig, zurückhaltend, angenehm traurig, leise und doch federleicht.
Lesen!
Gabi Kampitsch
aus Villach
4/5
22.07.2009
Buch (Gebundene Ausgabe)
"Ironisch und brilliant"
Der Arbeitsmarkt kennt keine Gnade - erst recht nicht für Philosophen. Genzino erzählt die Geschichte eines traurigen Helden und seiner Freundin. Keiner beschreibt die menschliche Verzweiflung an Leben und Liebe so ironisch und brilliant wie er.
J.G.
aus Berlin
4/5
26.05.2009
Buch (Gebundene Ausgabe)
Großartig!
Gerhard Warlich ist promovierter Philosoph und arbeitet seit Jahren als Leiter in einer Wäscherei, in der er damalig als Ausfahrer begonnen hatte. Er lebt mit seiner Freundin Traudel zusammen, mehr oder weniger glücklich. Sie möchte ihn heiraten, weil ihre Mutter sich das wünscht, viel eher wünscht sie sich ein Kind von ihm. Damit ist er vollends überfordert und sein Leben gerät ins Wanken, bis er sogar seinen Job verliert.
W. Genazino ist ein bemerkenswerter Autor. Mit der Figur des Gerhard Warlichs schafft er einen traurigen und einsamen Menschen, der allein durch Betrachtungen seiner Mitmenschen und der Welt lebt und bestimmte Vorstellungen von seinem Leben hat, ohne seine Wünsche oder Träume umzusetzen. Die alltäglichen Gegebenheiten werden mit viel Ironie und Sarkasmus beschrieben bzw. analysiert. Ganz neue Sichtweisen auf bestimmte Dinge werden geschaffen, die einen schmunzeln, aber auch manchmal erschrecken lassen.
Die Lektüre dieses besonderen Buches war ein großes Vergnügen.
Raumzeitreisender
aus Ahaus
4/5
05.02.2026
Diverse
Das Scheitern eines Glückssuchers
Gerhard Warlich, ein 41-Jähriger promovierter Philosoph, schlendert durch eine Großstadt, beobachtet banale Geschehnisse des Alltags und führt Zwiegespräche mit sich selbst. In einer Szene im ersten Kapitel wird ihm bewusst, dass er nicht nur beobachtendes Subjekt, sondern ebenso beobachtetes Objekt ist. Er fühlt sich als Erfinder einer Blickkette und gerät in Hochstimmung. Ist Glück so einfach zu finden?
Autor Genazino beschreibt in seinen Werken Lebenskünstler, labile Individuen, Tagträumer und gescheiterte Existenzen. Es gelingt ihm immer wieder, innerhalb dieser Bandbreite nicht alltäglicher Charaktere, neue Persönlichkeitsprofile zu entwickeln. Typisch für seine Prosa sind ausführliche Beschreibungen von Nebensächlichkeiten, meist Beobachtungen von Banalitäten.
Gerhard Warlich ist kein Lebenskünstler, wie der Protagonist in "Ein Regenschirm für diesen Tag" und auch kein emotional gleichgültiger Mensch wie Dieter Rotmund in "Mittelmäßiges Heimweh". Er ist ein nonkonformistischer Melancholiker, der sich im Alltag nicht überarbeiten möchte und in subjektiv schwierigen Zeiten Freiheit und Unabhängigkeit sucht, die er mit Glück gleichsetzt.
Es geht aber nicht nur um die Suche nach Glück. Auffallend ist die Ironie, wenn es um den monetären Wert geisteswissenschaftlicher Bildung geht. Warlich hat nach seiner Promotion keinen adäquaten Beruf gefunden. Dies sei nach Meinung seines früheren Professors auch nicht zu erwarten, wenn man ausgerechnet Philosophie als Hauptfach studiert.
Warlich arbeitet seit 14 Jahren in einer Großwäscherei. Er hat sich dort vom Fahrer bis zum Organisationsleiter hoch gearbeitet. Mit seiner Freundin Traudel, Leiterin einer Bankfiliale, bewohnt er eine Wohnung in einem ruhigen Mietshaus. Sie kennen ihre Schwächen und haben sich miteinander arrangiert. Warlich, seinem Naturell nach kein Energiebündel, scheut Verantwortung.
Seine Welt gerät aus den Fugen, als seine Freundin ein Kind haben will. Mit dieser Situation ist er überfordert. Seine latent vorhandene Verrücktheit bahnt sich einen Weg an die Oberfläche. Er verspürt den Drang, nicht mehr das zu tun, was von ihm erwartet wird. In der Folgezeit verliert er seinen Arbeitsplatz und wird sozial auffällig. Sein sonderbares Verhalten führt ihn schließlich in die Psychiatrie.
Ist Warlich damit existenziell gescheitert? Das wäre zu einfach gedacht. Der Preis für ein bisschen Wahlfreiheit kann hoch sein. Warlich bleibt seinen eigenen Prinzipien treu. Glück ist relativ, wie schon der Titel des Buches andeutet. Wilhelm Genazino ist mit diesem Buch eine facettenreiche Charakterstudie über einen das Glück suchenden Melancholiker gelungen.
Auffallend sind strukturelle Ähnlichkeiten zu seinen früheren Werken (Beobachtungsgabe des Protagonisten, Ich-Erzähler, zufällige Begegnungen), die sich aber auf den Lesegenuss positiv auswirken, weil sie seinen Stil prägen. Ausführliche Beschreibungen seltsamer Beobachtungen und Gedanken gehören bei Genazino dazu. Der Roman ist unterhaltsam und zu empfehlen.
Der promovierte Philosoph Gerhard Warlich weiß um die ökonomische Nichtverwertbarkeit seines Philosophiestudiums am heutigen Arbeitsmarkt. Trotzdem hat er es bis zum Organisationsleiter einer Großwäscherei gebracht. Der bildungsverliebte Einzelgänger glaubt nicht mehr an die Veränderbarkeit irgendwelcher Verhältnisse. Melancholisch resigniert hat er sich angepasst. Als aber die Frau, mit der er seit zehn Jahren zusammenlebt, den Wunsch nach einem gemeinsamen Kind äußert, gerät sein unspektakuläres Leben aus den Fugen und er selbst in die Psychiatrie. Ein tiefsitzendes Unbehagen gegen die inhumanen Züge unserer Leistungsgesellschaft führt bei Genazinos Romanhelden zu einer unablässigen Suche nach den "kleinen Glücken" des Alltags. Der Wunsch nach dem großen Glück, resultierend aus dem Kern seines Unglücks, nämlich der Gewissheit, in einem eigentlich sinnlosen und leeren Leben zu sein, überlebt seine permanente Nichterfüllung. Es ist auf jeden Fall ein großes Glück Genazino zu lesen. Auch alle seine anderen Romane mit ähnlichen stillen und leisen Glückssuchern in glücksfernen Zeiten.
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