Ein neuer, integrativer Ansatz in der Psychoanalyse
Bewertung am 29.05.2007
Bewertungsnummer: 562342
Bewertet: Buch (Paperback)
Der Theorieteil sichtet sehr kritisch zentrale psychoanalytische Modellvorstellungen unter neurobiologischen Aspekten und plädiert für einen integrativen Theorieansatz. Er enthält eine besonders kritische Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse von Melanie Klein. Die Ergebnisse der Streß-, Trauma- und Kognitionsforschung begründen die hohe Bedeutung, die einem optimalen psychophysischen Aktivierungsniveau im therapeutischen Geschehen zukommt. Aus der Theorie neuronaler Netzwerke ergibt sich, daß dauerhafte Änderungen der psychischen Struktur weder einfach noch schnell zu erzielen sind. Psychische Änderungen brauchen Zeit, aber sie können in einem Behandlungssetting wie der Psychoanalyse schließlich dauerhaft sein und zu einer kompletten Neuorientierung und Neubewertung des eigenen Lebens führen.
Der Behandlungsteil schildert ausführlich die Therapie einer jungen, beruflich sehr erfolgreichen Frau. Neben anderen, vor der Umwelt verborgenen Symptomen, wie Leere- und Sinnlosigkeitsgefühlen, Eßstörungen, Stimmungsschwankungen und verstörenden Phantasien, kippte sie in ihrer Partnerwahl zwischen zwei Männertypen hin und her: bestimmten "smarten Messemännern", die sie hochattraktiv fand, von ihnen aber regelmäßig gedemütigt und verlassen wurde, und eher "lieben, verständnisvollen" Männern, deren Sicherheit sie ersehnte, wie den Ehemann ihrer Freundin, einen Förster. Solche Männer stufte sie aber als sexuell langweilig ein, weil sie einen bestimmten "Kick" nicht vermitteln konnten. In der Therapie ergaben sich Hinweise auf jahrelange, dem Gedächtnis zunächst nicht zugängliche sexuelle Gewalt in der Ursprungsfamilie. In bislang seltener Offenheit und Aufrichtigkeit wird das therapeutische Geschehen zwischen Analytiker und Patientin geschildert, besonders der Übertragungsprozesse und die sich daraus ergebenden Verwicklungen. Die Patientin, die am Ende der Behandlung die Darstellung ihres Analytikers las, beschreibt parallel dazu unter Pseudonym die Therapie aus ihrer eigenen Sicht. Sie möchte damit auch Andere ermutigen, den Schritt in eine Psychotherapie zu wagen. Der Behandlungsteil eignet sich daher auch als Einführungslektüre für Interessierte, die etwas von dem kennenlernen möchten, was in einer Psychoanalyse vor sich gehen kann.
Traumatherapeutische Interventionen wurden in die Analyse einbezogen, ihre Möglichkeiten werden eingehend diskutiert. Resümee: Psychoanalytiker können, wenn sie sich darauf einlassen, traumatherapeutische Techniken wie EMDR sehr gut mit analytischen Methoden kombinieren. Analytiker können diese Techniken besonders kompetent und kreativ handhaben!
Das Buch ist ein Plädoyer für eine integrative Psychoanalyse in Ankopplung an die Neurowissenschaften, für die Aufgabe überalterter Theorieteile und für ein authentisches und zugewandtes therapeutisches Handeln auf Basis einer hilfreichen Beziehung.
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