Während 1944 aus der Heimat schlimme Nachrichten eintrafen, wurde die Arbeit an diesem Buch zum Ort der Flucht: »Das Schreiben, die einzige kleine Insel der Ordnung« — so notiert Kästner zu Beginn des Jahres in Athen. Wer von der Lektüre seines letzten Buches herkommt, vom Aufstand der Dinge, ward anteilnehmend erkennen, wie groß das Erlebnis war, Menschen und Dinge zu erfahren, ungeachtet der Not der Zeit.
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5/5
12.11.2018
Buch (Taschenbuch)
Kreta als literarische Reise erwandern
Erhard Kästner ist ein leider etwas in Vergessenheit geratener Literat. Der aus Bayern stammende Schriftsteller erhält Anfang der 1940er Jahre den Auftrag verschiedene griechische Inseln zu bereisen und seine Erlebnisse dann in literarischer Form niederzuschreiben. Zu Beginn des Buches wird angeführt, dass dieses Werk im Jahr 1943 entstanden ist, ich denke jedoch, dass das zeitlich etwas früher einzuordnen ist. Herr Kästner bereist unter anderem die Insel Chalkidiki, Mykronos und eben auch die Insel Kreta. Man kann die einzelnen Bände unabhängig voneinander lesen, so bin auch ich auf diesen Band gestoßen.
Es handelt sich um eine Reiseerzählung wie Herr Kästner aus seiner persönlichen Sicht die Insel erlebt. Zu Beginn startet er seine Erkundungen noch alleine und zu Fuß, jedoch wird ihm dies nach wenigen Tagen bereits zu beschwerlich. Zum einen verfügt er nicht über die Ortskenntnis, jedoch sind ihm überall Menschen der Region bei seinen Reisen behilflich. So entschließt er sich, einen ortsansässigen Führer zu organisieren, der ihm Land und Leute besser vermittelt. Da er über gute Kenntnisse der griechischen (Schrift-)Sprache und Geschichtskenntnisse verfügt, gelingt es ihm sehr schnell in die kretische Kultur einzutauchen.
Sein gewählter Reisebegleiter trägt den Samen Sifi, was nichts anderes ist, als die griechische Schreibweise für Josef. Das gefällt ihm dermaßen gut, dass er einwilligt, auch noch Sifis Esel als Lasttier mitzunehmen. Zusammen bereisen die drei ungleichen Reisegefährten die Nordseite der Insel. Kästner erfährt es zum ersten Mal auf dieser Insel, was es heißt hier geboren und aufgewachsen zu sein. Viele Kretaner, so der Name der Einwohner, haben fast ihr ganzes Leben auf der Insel verbracht. Im Gegensatz zu seiner bayrischen Heimat ist hier das kretaische Lebensgefühl allgegenwärtig. Heutzutage würde man, denke ich, entschleunigt dazu sagen.
Kästner sieht zum ersten Mal in seinem Leben der Produktion des landestypischen Rotweins zu. Im Gegensatz zu Mitteleuropa wird der Fruchtsaft jedoch noch per Hand- und Fußtritten aus den Weintrauben gepresst. Es ist diese Art der Lebensweise der kretischen Bevölkerung, die ihn nachträglich beeinflussen.
Als er seine literarisch verarbeitete Reise im Norden beendet hat, wendet er sich der Gebirgsregion Mittelkretas zu. Teilweise ist er in der Lage diese 2000 Meter hohen Berge zu erwandern, jedoch nicht in jedem Fall. Er erhält Unterstützung durch einen Piloten mithilfe eines „Storchs“. Ich denke damit ist ein „Fieseler Storch“, ein in den 1940er Jahren weit verbreitetes Transportflugzeug aus deutscher Produktion gemeint. Ob dies aufgrund der Besetzung der Wehrmacht dort gerade stationiert ist oder zufällig noch aus der Vorkriegszeit dort herumsteht, kommt dabei allerdings nicht heraus.
Weiters führt ihn seine literarische und kulinarische Entdeckung an die Ausgrabungsstätte nach Knossos. Dieser, auch in unserer Zeit sehr populäre Ort, ist auch in der Zeit Kästners weit über die Landes- und Inselgrenzen hinaus bekannt. Die Arbeiten des britischen Archäologen Evans sind bereits seit 20 Jahren abgeschlossen und man kann sich die Ergebnisse ansehen. So zieht auch Kästner, ohne dabei nennenswerte Kritik an der Rekonstruktion zu üben, durch die antike Ruinenstadt, um sie zu erkunden und der Nachwelt zu erhalten.
Ein Reisebericht der etwas anderen Art, in einer alten Sprache verfasst. Aus der Sicht von Kästner kann man sich, sowohl als Urlauber als auch als Liebhaber der Insel, ein schönes Bild davon machen wie es vor knapp 80 Jahren dort ausgesehen hat und zum großen Teil auch noch heute tut.
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