Veza Canettis unveröffentlichter Exil-Roman spielt in Österreich nach dem »Anschluß«: Ehemals friedliche Nachbarn werden plötzlich zu Handlangern des NS-Regimes. Ein schockierender Roman, der die Ängste, die Niedertracht und den Stolz der Menschen zeigt. Das Hauptwerk Veza Canettis, das man als Gegenstück zur Blendung sehen kann.
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Keine leichte Lektüre - aber sehr empfehlenswert
Johanna aus München am 06.06.2026
Bewertungsnummer: 3159866
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Der autobiographisch gefärbte Roman „Die Schildkröten“ von Veza Canetti, der nicht so berühmten Frau des berühmten Elias Canetti, spielt im Grinzing des Jahres 1938. Sie schrieb ihn unmittelbar nach ihrer Flucht nach England. Veröffentlicht wurde er erst lang nach ihrem Tod (1963) aus dem Nachlass im Jahr 1999.
Es ist eine äußerst schmerzhafte Geschichte vom Untergang des Rechts, der Kultur und der Zivilisation – dargestellt an den Ängsten und der Existenznot eines Paares (Eva und Dr. Kain), das den Canettis sehr ähnelt. Veza Canetti erzählt kaum verhüllt ihre eigene Geschichte von Verfolgung, Bangen ums Visum, Angst vor Verhaftung, Folter und Flucht. Daneben porträtiert sie in Kain ihren eigenen Mann und in dem jungen Nachbarmädchen Hilde Elias Canettis Geliebte Friedl Benedikt. Die staatenlosen Canettis können in letzter Minute über Paris nach England fliehen.
„Du lebst immer noch in dem Wahn, daß sie nach einem Programm vorgehen. Sie gehen in Pogromen vor.“
Beide wissen, sie müssen ihre Wohnung und das Land verlassen. Als Juden haben sie kein Recht mehr auf ihre Bleibe. Ein SA-Mann wird sie ihnen wegnehmen. Sie warten auf das ersehnte Visum. Bei jedem Läuten an der Tür kommt die Angst wieder. Während Evas Mann, ein in seine Bücher und Papiere versunkener Gelehrter, sich vor der Realität verschließt, versucht Eva mit dem SA-Mann namens Pilz zu verhandeln. Wie Kain hat er einen sprechenden Namen. Pilz breitet sich aus – in der Wohnung wie in der Stadt. Er ist Symbol für all das Schreckliche, das sie und ihre Freunde und Verwandte erwartet.
Das quirlige Nachbarsmädchen aus betuchtem Haus hat eine irrwitzige Idee. Sie will ihre Freunde (und sich selbst) aus Österreich herausbringen und zwar mit einem Flugzeug, das sie Pilz abkaufen möchte. Natürlich geht die Sache, von der ihr Eva und Kain dringend abraten, schief. Ihr Vater geht für die Aktion, von der er nichts gewusst hat, ins Gestapo-Gefängnis. Das Foto des anvisierten „Aeroplans“ erweist sich als Fälschung - Dekorationsstück in einem Fotostudio.
Die Situation wird schnell bedrohlicher. Die Frist zur Ausreise ist abgelaufen.
Man wirft sie aus der Wohnung, bevor das Visum da ist. Die Möbel sind schon requiriert. Sie ziehen zum Bruder in seine Ein-Zimmer-Wohnung in der Stadt. Der hat schon einen Einquartierten, einen gläubigen Juden, eine tragikomische Figur. Das Novemberpogrom wird vor allem aus dessen Sicht drastisch dargestellt. Nur eine Verwechslung rettet Eva und Kain vor dem Abtransport ins Konzentrationslager.
Der Titel des Romans ist sein Leitmotiv und bezieht sich auf einen Korb voller Schildkröten, die Kain davor rettet, mit Hakenkreuzen versehen zu werden. Sie sind zäh, aber auch sehr verletzlich.
Trotz Veza Canettis oft unterkühltem, knappen Stil, der an manchen Stellen ins Biblische, in bitter-sarkastischen Humor und ins Groteske (ein Gastmahl für den SA-Mann) rutscht, kann man sich dem Geschehen kaum entziehen. Ein Roman über den ungeheuren Schmerz des Heimatverlusts und den Zivilisationsbruch des 20. Jahrhunderts. Lesepausen sind unumgänglich. Eine intensive Lektüre.
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