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"Prodige" von Nancy Huston. Eine kommentierte Übersetzung in Auszügen
Polyphonie heißt ,Mehrstimmigkeit'. Diese vielschichtige ,Spielart' ist zuerst in der Musik aufgetaucht, nämlich bei den Klostergesängen im frühen Mittelalter. Die Weiterentwicklung der Polyphonie fand schließlich mit der Fuge, die der Orgel- und Cembalovirtuose Johann Sebastian Bach (1685-1750) nach den Regeln des Kontrapunkts sehr häufig komponierte, große Beachtung. Die Fuge von Bach spielt, ebenso wie die Fuge in metaphorischer Bedeutung, auch in Prodige eine bedeutende Rolle. Sie wird darin immer wieder thematisiert und als Ausgangspunkt für kleine philosophische Exkurse durch die Figuren verwendet.
In der Literatur wird die Polyphonie erst im 20. Jahrhundert beschrieben. Der russische Literaturwissenschaftler Michail Bachtin hat den Begriff anhand der Romane von Fjodor Dostoevskij erklärt. Problematisch ist dabei, dass im geschriebenen Wort nur eine lineare Darstellung einer einzigen Stimme, jedoch keine Gleichzeitigkeit möglich ist. Huston möchte in Prodige durch die typografische Hervorhebung der einzelnen Stimmen eine Art Choreffekt erreichen, was aber nicht wie bei einer Partitur gelingen kann.
Die Polyphonie verweist neben der musikalischen und literarischen auch noch auf eine dritte Bedeutung, nämlich die der Mehr- bzw. Vielsprachigkeit. Sie wird in Prodige ebenfalls sichtbar.
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