"Meine Klasse. Wer hat überlebt?"Es ist eine Momentaufnahme: Im Mai 1937 versammelt sich die dritte Klasse der Jüdischen Volksschule in der Herzog-Rudolf-Straße in München zu einem Klassenfoto. Ausgehend von dieser Aufnahme entwirft das Buch eine vielstimmige Kollektivbiografie all der Kinder, die darauf zu sehen sind. Mithilfe von Tagebüchern, Erinnerungen und Interviews macht es sichtbar, wie vielfältig jüdische Lebenswelten in Deutschland vor dem Nationalsozialismus waren und wie radikal sie zerstört wurden. Aus einem einzigen Foto entfaltet sich so das Panorama einer Generation zwischen kindlicher Unschuld, brutaler Verfolgung, Flucht und vorsichtigem Neubeginn - immer verbunden mit der Frage: Welche Lehre ziehen wir aus der Geschichte?Sie heißen Hugo, Bertel, Sigi und Mella: Das Buch folgt den Spuren der Schülerinnen und Schüler auf dem Foto und nähert sich ihrer Geschichte aus der Perspektive einzelner Kinder. Es erzählt von wachsender Diskriminierung und einer Jugend im Ausnahmezustand, vom "Kindertransport" nach England, der Emigration in die USA, die Türkei oder nach Argentinien ebenso wie von der Deportation "in den Osten", von den Ghettos und Lagern und vom Leben im Versteck. Elf der Kinder erleben das Ende des Krieges nicht. Andere beginnen fern der alten Heimat ein neues Leben. Manche von ihnen machen sich später auf die Suche nach ihren ehemaligen Schulfreunden und tragen diese eine Frage ein Leben lang mit sich: "Meine Klasse. Wer hat überlebt?
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
Lesenswert
aus Bielefeld
5/5
14.10.2026
eBook (PDF)
Danke an die Autorinnen und ihre Studierenden für diese großartige Recherche
"Klassenfoto 1937" der Historikerinnen Kristina Milz und Julia Schneidawind ist kein Buch, das sich so einfach weg liest. Es macht traurig, wütend, aber auch ängstlich, da sich die Bilder dem Heute annähern.
Anhand eines Klassenfotos einer 3. Klasse der Jüdischen Volksschule aus dem Jahr 1937 in München haben die beiden Autorinnen mit ihren Studierenden den Weg der Schüler*innen mit sehr viel Recherchearbeit nachvollzogen. Die Schüler*innen sind auf dem Foto nummeriert. Auf der Rückseite finden sich die Namen der Kinder, die der Vater eines der Kinder, Karl Süßheim, aufgeschrieben. Elf der Kinder haben den Holocaust nicht überlebt.
Viel Arbeit steckt in diesem Buch, alles ist mit Quellen hinterlegt. Wir erfahren von Ausgrenzung der Kinder, die bereits in speziellen jüdischen Schulen unterrichtet wurden, von Flucht vor den Machthabern. Es gibt bisher wenig zum Thema Kinder während der NS-Zeit, abgesehen von Anne Franks Lebensgeschichte. Wir begleiten die Kinder auf ihrer Flucht alleine nach England, mit ihren Eltern nach Palästina, aber auch nach Südamerika. Kinder, die nicht verstehen, warum sie ihr Zuhause und manche von ihnen auch ihre Eltern verlassen müssen. Anhand von Briefen, Tagebüchern und Poesiealben, die Überlebende aufgehoben haben erfahren wir, wie die Kinder damals Diskriminierung , die Pogrome und Ausweisungen erlebt haben. Ich musste während der Lektüre immer wieder Pausen einlegen, Die Autorinnen haben ihr Buch in einer sehr nahbaren Sprache verfasst, die auch deutlich macht, dass es für die ausgewanderten Kinder fernab der Heimat durchaus nicht einfach war. Kinder, die als Erwachsene sich immer die Frage gestellt haben, wer von den Mitschüler*innen wohl überlebt hat. Und den Kindern, die nicht überlebt haben, ist dieses Buch gewidmet.
Das Buch regt zum Nachdenken an, gerade in der heutigen Zeit, in der schon wieder Menschen ausgegrenzt werden von Seiten einer bestimmten Partei. Und das macht Angst! Ein absolut lesenswertes Buch, das sich zu lesen wirklich lohnt. Und es ist kein Roman der "auf Tatsachen beruht" und dann ausgeschmückt wurde. Ich kann mich bei den beiden Historikerinnen und ihren Studierenden nur bedanken für die ausgezeichnete Recherche und ihre Fähigkeit, dieses Buch auch für Nichtwissenschaftler*innen gut lesbar zu machen.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
5/5
03.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wer hat überlebt?
Ich lese gerne Geschichten, die ihren Ursprung zu Zeiten des zweiten Weltkrieges haben. Sie alle tragen ein Stück deutscher und internationaler Geschichte in sich. Sind Erinnerung und Mahnung zugleich.
Dieses Buch hier hat mich gleich angesprochen und auch neugierig gemacht. Ein ganz besonderes Klassenfoto wird hier zum Inhalt der Geschichte. Einer Geschichte, welche die Wege der abgebildeten Kinder aus dem Mai 1937 erzählt. Kinder der dritten Klasse der Jüdischen Volksschule in München, deren Schicksale berühren, erschüttern, aber auch Zeugnis sind für die damalige Zeit unter der Herrschaft des Nationalsozialismus..
Die Autorinnen zeichnen die extrem unterschiedlichen Lebenswege der Kinder nach: Flucht, Kindertransport, Emigration, Ghettos oder Vernichtungslager. Sie gewähren Einblicke in ihren Alltag, ihre Freuden, Ängste und Hoffnungen.
Besonders eindrücklich schildert das Buch auch das spätere Leben der Überlebenden, die Traumata des Verlusts und der Last des Überlebens.
„Klassenfoto 1937“ ist ein bewegendes geschichtliches Sachbuch, dass den Kindern ihre Identität wiedergibt und sie vor dem Vergessen für die Nachwelt erhält., Keine leichte Kost und nichts für zwischendurch. Ich fand es sehr interessant, informativ und berührend.
Johanna
aus München
5/5
01.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Nicht vergessen!
„Meine Klasse. Wer hat überlebt???“
Die Israelin Sara Hinde Rosenstock notierte die Frage auf Hebräisch auf der Rückseite ihres Klassenfotos. Die Frage beschäftigte sie ihr ganzes Leben lang. Von den 48 Kindern auf dem Klassenfoto der dritten Klasse haben elf nicht überlebt. Sie alle gingen in die 1924 gegründete Jüdische Volksschule in München, gleich neben der Synagoge. Auf dem Foto sind sie durchnummeriert. In dem Fall ist das keine Perfidie der Nazis, sondern der Sorgfalt des jüdischen Münchner Orientalisten Karl Süßheim zu verdanken, der die Namen und die Abbildungen der Klassenkameraden seiner Tochter auf diese Weise gerettet hat.
Das Foto, das eine der beiden Autorinnen im Zug ihrer Recherchen zur Biographie Süßheims fand, war der Ausgangspunkt der Recherche. Studentinnen und Studenten der Münchner LMU forschten nach den Schicksalen und dokumentierten die Lebenswege der Kinder und ihrer Eltern. Kristina Milz und Julia Schneidawind konzentrierten sich dann für ihr Buch auf einige Schicksale, die sich deutlich voneinander unterscheiden, berichten aber auch immer wieder von den Spuren der anderen Kinder.
Dass viele Kinder der Klasse überlebt haben, rührt daher, dass die deutschen Familien mehr Zeit hatten, sich um Auswanderungsmöglichkeiten zu kümmern als die Juden in den überfallenen Ländern. Das Buch erzählt mit vielen Details und Anekdoten vom zunehmend schwieriger werdenden Alltag der Kinder in München. Von der oft vertretenen Meinung der Eltern, schlimmer könne es ja nicht werden, von den immer wieder vergeblichen Bemühungen um Ausreisevisa, von den Verhaftungen der Väter, den Hausdurchsuchungen durch die Gestapo - und doch von einer Kindheit in München, an die sich manche Überlebenden später gern erinnern. Die Schule war ihr abgeschirmter Rückzugsort, Raum für Erfahrungen und Freundschaften.
Sie entkamen mithilfe der Kindertransporte nach Großbritannien, sie wurden zu früher ausgewanderten Verwandten verschickt, überlebten im Versteck oder im Lager den Krieg oder flohen in letzter Minute mit ihren Eltern. Die Süßheims verschlug es mit ihrer Familie in die Türkei. Dort „gab es sogar ein eigenes Wort Heymatloz. Der Begriff findet sich heute in jedem türkischen Wörterbuch.“
Einer der Überlebenden, Dan Golomb, war zu Kriegsende mehr tot als lebendig aus dem Todeszug gezogen worden, der aus dem KZ Mühldorf in Seeshaupt am Starnberger See ankam. Bei einer Gedenkveranstaltung im Jahr 1995 dort (die vielen Einwohnern gar nicht gefiel) betonte er:
„Ich weiß, Sie wollen [mit dieser Erinnerungsfeier] auf ihre Weise zum Ausdruck bringen, daß jene Ereignisse des Schreckens, jene unbeschreiblichen Brutalitäten nie wieder geschehen dürfen. […] Wir müssen Erinnerungen dieser Art wachhalten hier in Seeshaupt, wie auch in Lübeck und Hannover, in Little Rock, in Belfast, in Sarajewo.[… W]ir müssen unsere Kinder lehren, daß Völkerhass und Rassismus, nationaler Eigendünkel und Ausländerfeindlichkeit, Diskriminierung und Intoleranz keine Gültigkeit haben dürfen in unserer Welt.“
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Ein besondere Leseempfehlung! Für alle Münchner sowieso.
Bellis-Perennis
aus Wien
5/5
30.09.2026
eBook (PDF)
Eine klare Leseempfehlung!
„Meine Klasse. Wer hat überlebt?“
Ich habe unlängst ein Klassenfoto aus meiner Schulzeit von 1976 in Händen gehalten und mich gefragt, was aus den achtzehn Schulkolleginnen und Kollegen geworden ist. Den Verbleib der meisten konnte ich über die alte Klassenliste unter anderem im Internet entdecken. Vier sind bereits verstorben, doch von drei Kollegen fehlt jede Spur. Das hat mich betroffen gemacht.
Wie sehr muss es daher jene Personen, die auf dem Klassenfoto von 1937 abgebildet sind, treffen, nichts über ihre früheren Mitschülerinnen und Mitschüler zu wissen? Haben sie den NS-Terror überlebt? Was ist aus den anderen geworden?
Dank einer bemerkenswerten Studie, der Grundlage dieses Fotos ist, ist es Kristina Milz & Julia Schneidawind, zwei engagierte Forscherinnen an der Ludwig-Maximilian-Universität gelungen, die Geschichte der abgebildeten Kinder zu rekonstruieren.
Dieses Buch ist das Ergebnis der Forschung und erzählt die Geschichte der 46 Schülerinnen und Schüler der dritten Klasse der Jüdischen Volksschule in München von 1937. Neben Dokumenten aus diversen Archiven enthält das Buch Ausschnitte aus Tagebüchern, Briefen und autobiografischen Aufzeichnungen von einigen sowie Interviews der Autorinnen, mit jenen, die überlebt haben. Es ist die erschütternde Dokumentation von Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung, von einer Jugend ohne Perspektive, von Abschieden, von lebensrettenden Kindertransporten nach England, Emigration mit und ohne Eltern in völlig unbekannte Länder. Wir lesen aber auch von Deportation in Ghettos nach Polen, in die Vernichtungslager sowie - selten aber doch - das Überleben als „U-Boot“ in Deutschland. Elf Kinder werden die NS-Diktatur nicht überleben.
Manch einer wird sich fragen, warum noch ein Buch über die NS-Zeit? Es ist doch eh alles bekannt, eh alles erzählt. Das besondere an diesen Forschungen und ihrem Ergebnis ist, dass wir die betroffenen Kindern namentlich kennen lernen. Sie heißen Hugo, Bertel, Sigi und Mella, einer sogar Adolf. Dadurch heben sie sich aus der Masse der Verfolgten und Ermordeten heraus.
Wir erfahren, wie sie zuvor gelebt haben. Die einen in gut bürgerlichen Haushalten mit Kindermädchen, andere wiederum eher bescheiden. Interessant ist das Schicksal jener Kinder, die aus sogenannten Mischehen hervorgegangen sind. Also wenn entweder Vater oder Mutter nicht jüdisch waren. Aber hier will ich dem Buch nicht vorgreifen. Wie sich ihre Lebensweise schrittweise verschlechtert hat, vom Ausziehen aus der komfortablen Villa oder Wohnung, in eine der vielen Sammelwohnungen bis hin zur Ausreise in die Freiheit bzw. in den Tod.
Manch einer/eine, der Überlebenden, macht sich später auf die Suche nach den ehemaligen Schulfreunden und trägt diese eine Frage ein Leben lang mit sich: "Warum habe ICH überlebt? Warum nicht die anderen aus meiner Klasse?"
Im Rahmen der Forschungsarbeit hat es auch das eine oder andere Wiedersehen zwischen den ehemaligen Schulkindern gegeben.
Das Bedenken der Autorinnen, ihr Buch käme zu spät, kann ich nicht teilen. Es ist nie zu spät, die Gräuel des NS-Unrechtsregimes zu benennen. Vor allem vor dem Hintergrund des Wiedererstarken des Antisemitismus, nicht nur in Deutschland oder Österreich. Holen wir stellvertretend für die Millionen oft namenlosen Opfer der Shoa, jene in unser Gedächtnis zurück, deren Namen wir kennen.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem beeindruckenden Buch, das seinen Anfang in einem Klassenfoto aus 1937 nimmt, 5 Sterne und eine unbedingte Leseempfehlung.
begine
aus Lemwerder
5/5
24.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Jüdische Schicksale
Kristina Milz und Julia Schneidawind haben gemeinsam das Buch Klassenfoto 1937 gestaltet.
Sie haben nach den Schicksalen der jüdischen Schulklasse geforscht.
Sie haben ein Foto gefunden und ein er der Schüler hat ein Tagebuch geführt.
Durch Interviews Überlebender wird alles so intensiv dargestellt.
Es waren die Kinder die das alles nicht überlebt haben.
Familien denen die Flucht gelang, hatten in den Ländern auch ziemliche Probleme.
Das Buch ist gut gemacht.
Allerdings konnte ich es nur in kurzen Dosen lesen.
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