Ein großer Roman über die Risse in unserer GesellschaftIn ihrer Kindheit waren sie unzertrennlich. Max, der Jüngere, bewundert den älteren Julius, aber er misstraut ihm auch. Ende der 90er Jahre gehen sie zum Studium nach Berlin. Julius wird Journalist, Max Arzt. Beide lieben Nina, die Julius heiratet. Doch Max kommt von ihr nie los.Als Julius' Karriere ins Stocken gerät, verhärten sich seine politischen Ansichten. Die Kluft zwischen den Brüdern wird tiefer, sie werden sich fremd. Dann verschwindet Julius, und Max ahnt warum. Er muss sich Fragen stellen, die er lange vermieden hat: Wie gut kennen wir die Menschen, die uns am nächsten stehen? Und halte ich zu meinem Bruder, auch wenn er gefangen scheint in einer Welt aus Lüge und Zorn?
Kundinnen und Kunden meinen
4.3/5.0
MarieOn
5/5
02.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine gedankliche und emotionale Achterbahnfahrt
1985
Der zehnjährige Max bewundert seinen drei Jahre älteren Bruder Julius. Sie schlafen immer in einem Bett, Fuß an Kopf. Wenn Julius Grind am Knie hat, weil er beim Skaten gestürzt ist, findet Max die Stelle und streicht darüber. An dem Abend, als die Eltern im Theater sind, sitzt Julius plötzlich aufrecht im Bett. Er ruckelt Max an der Schulter. „Da unten ist jemand.“ Max schaut durch die halb offene Kinderzimmertür und lauscht, hört nichts. „Komm steh auf, wir müssen runter gucken!“ Julius greift nach dem massiven Tennisschläger seines Vaters und schiebt sich durch die Tür. Max zittert, will weinen, hält aber die Luft an und folgt Julius. Unten angekommen lugt Julius um die Ecke ins Esszimmer, es ist niemand da.
2020
Max bestellt einen Cappuccino. Nina hat ihn angerufen und klang besorgt, deshalb trifft er sie. Er schließt die Augen, lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Als er sie wieder öffnet, sieht er sie auf sich zukommen. Er liebt ihren aufrechten Gang. Sie kommt zu seinem Tisch, er steht auf und sie umarmt ihn länger als erwartet. Nina setzt sich und bestellt ein Glas Weißwein, sie wirkt nervös. Sie habe schon länger nichts mehr von Julian gehört. Die Polizei suche nach ihm, ob er etwas wisse. „Nein.“ Er hat Julian blockiert, wollte nichts mehr von seinen kruden Ideen wissen.
2020
Maximilian kauft Brot, Käse und Oliven beim Italiener und findet noch zwei vielsagende Flaschen Rotwein. Julius wird sich darüber freuen, er kommt am Abend zu ihm, weil die Restaurants im Lockdown sind. Max richtet die Speisen an, dann klingelt es. Er öffnet und Julius tritt ein. Max öffnet eine Flasche Wein. „Kein Riesling?“ „Nein.“ „Vater würde sich im Grabe umdrehen.“ Max lässt sich nicht provozieren. Er weiß nicht, seit wann Julius Vater sagt, bis vor kurzem nannten sie ihn noch Papa, wenn sie über ihn sprachen. Sie setzen sich auf den Balkon, Max reicht Julius das Brot. Erinnerst du dich an den Kirschbaum, fragt Max. „Nein, was ist damit?“
Fazit: Der Moderator, Korrespondent und Autor Andreas Wunn hat sich in dieser politischen Fiktion zwei unterschiedlichen Brüdern gewidmet. Der starke, coole Julius ist Max Vorbild. Einige Ereignisse, unter anderem der Kirschbaum, führen dazu, dass der erwachsene Max daran zweifelt, seinen Bruder immer richtig eingeschätzt zu haben. Während Julius sich für ein Journalismusstudium entscheidet, tritt Max in Vaters Fußstapfen und wird Arzt. Beide Brüder fühlen sich zur attraktiven Nina hingezogen, die Julius heiratet. Als die Twin Towers einstürzen, verstrickt Julius sich in fragwürdigen Ideen. Durch zwei berufliche Ablehnungen kurz hintereinander verhärten sich Julius Ansichten. Er repostet QAnons Beiträge und verkauft sein Handeln als Achtung der Meinungsfreiheit. Max distanziert sich von seinem Bruder. Die Geschichte wird kapitelweise in Vergangenheit und Gegenwart erzählt. Durch die Rückblicke lerne ich Julius kennen und erfahre, dass Julius seinen Bruder ebenso bewunderte und zwar für seine Zielstrebigkeit. Die Geschichte ist rund erzählt und überzeugend. Ich verstehe, dass man durch Enttäuschung am eigenen Lebensweg in einen Sog von Extremismus rutschen kann und sich als Unterstützer und Verbreiter von Verschwörungsfantasien den Anschein von Wichtigkeit geben will. Es ist allerdings schwer nachvollziehbar, dass man so verhärtet und in einer Überzeugung erstarrt, die ebensolche Zweifel aufwerfen sollte wie jede andere Ideologie. Und so ist das Ende hart und konsequent. Dieser Roman hat mich während des Lesens und auch danach gedanklich und emotional durchgerüttelt.
begine
aus Lemwerder
5/5
29.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Max und Julius
Die Brüder, die wir waren, ist eine interessante Geschichte von Andreas Wunn.
Der Autor besticht durch gute Dialoge und Wortgewandtheit.
Die Brüder sind Julius und Max.
Als Kinder hat Julius oft seinen Bruder verteidigt. Dafür bekam er immer wieder Prügel von seinem Vater und Max wurde der Kopf getätschelt.
Diese ungleiche Behandlung hat wohl auch Julius Zukunft geschadet.
Dann lieben beide die gleiche Frau.
Max wurde Arzt und Julius ein verhinderter Journalist. Jeder lebt sein Leben, aber sie treffen immer wieder aufeinander.
Die Beziehung der Brüder wird von dem Autor bildhaft interpretiert..
Ich habe die beiden Liebeswege mit Hoffnung verfolgt.
Es ist ein gut geschriebener Roman, der unbedingt fesselt und lesenswert ist.
Reader1965
aus Hamburg
5/5
28.09.2026
eBook (ePUB)
Interessant & zum Nachdenken
"Die Brüder, die wir waren" von Andreas Wunn ist ein interessanter Roman über die Brüder Julius & Max, die sich in der Kindheit nah sind, dann aber unterschiedliche Wege gehen.
Andreas Wunn beschreibt die Entwicklung von & zwischen den Brüdern für mich konsequent & nachvollziehbar. Die Fragstellung "Wie gut kenne ich einen Menschen und halte ich unter allen Umständen zu ihm?" wird anschaulich vermittelt und regt zum Nachdenken darüber an, wie man selbst zwischen Liebe & Gewissen entscheiden würde. Besonders gut hat mir gefallen, dass die Geschichte nah am Leben erzählt ist. Dazu passend bindet der Autor Fakten zu gesellschaftlichen & politischen Themen ein.
Eine klare Leseempfehlung.
Buecherheidrun
aus Horb
4/5
12.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wieviel Familie bleibt, wenn die Ansichten auseinanderdriften?
Das Aufwachsen der Brüder Julius und Max, das im Wechsel mit ihrer Beziehung als Erwachsene erzählt wird, hat mich sehr nachdenklich gemacht. Kann man schon am Verhalten eines Kindes gegenüber den Geschwistern erkennen, welchen charakterlichen Weg es einmal gehen wird? Dass sich radikalere politische Tendenzen in kleinen Grausamkeiten manifestieren, die rückblickend doch eine größere Bedeutung zu haben scheinen?
Max bewundert seinen großen furchtlosen Bruder Julius, versucht ihm in allem nachzueifern und spürt doch in manchen Situationen eine schmerzhafte Distanz, wenn vermeintliche Scherze ins Gefährliche kippen. Die Kluft zwischen den Beiden wird nach ihren erfolgreichen Studiengängen in Berlin und der Liebe zur selben Frau, immer größer. In der Pandemie entwickelt Julius kompromisslosere Ansichten, die ihren Höhepunkt in einer Demonstration vor dem Bundestag findet und in einer Katastrophe endet. Als Julius daraufhin wie vom Erdboden verschluckt zu sein scheint, beginnt Max, sich den unbequemen Fragen ihrer Beziehung zueinander zu stellen…
„Julius, ich vermisse die Brüder, die wir waren.“ (S. 204) Aber waren sie wirklich mal eine Gemeinschaft? Oder reichen die Risse bis in die Kindheit und zu einer unschönen Episode im Kirschbaum?
Der Autor dringt tief in ein Beziehungsgeflecht, dessen Wurzel schon vor langer Zeit zu faulen begannen und inzwischen das Pflänzchen Hoffnung zu verwelken beginnt. Wie gut kennt man die Menschen wirklich, mit denen man aufwächst, deren Erbgut man teilt, aber nicht die Ansichten? Und hält man trotz allem noch als Familie zusammen?
Ein intensiver und zeitgemäßer Blick auf unsere Gesellschaft, der einfach großartig an der Entzweiung der Brüder und den damit verbundenen Konsequenzen verdeutlicht wird.
Kann ich euch wärmstens ans Herz legen.
Bewertung
aus Oranienburg
4/5
03.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Familie kann man sich nicht aussuchen
Max ist drei Jahre jünger als Julius. Er bewundert seinen großen Bruder, lernt aber bereits in der Kindheit Julius negative Seite kennen. Und doch kann die beiden nichts trennen, so dass Max sogar seinem Bruder nach Berlin folgt, wo beide studieren. Selbst als beide Nina kennen- und lieben lernen, zerbricht ihre Verbundenheit nicht daran. Das passiert schleichend. Als Julius beruflicher Erfolg als Journalist ins Wanken gerät, während Max erfolgreich eine Arztpraxis führt. Julius verändert sich, sieht in allem eine Verschwörung. Was ihm da alles durch den Kopf gegangen ist, fand ich mitunter mehr als haarig. Zudem wird sein Handeln dadurch immer radikaler. Weder Nina noch Max können sein Verhalten verstehen, sie machen sich Sorgen um ihn. Denn seit 29.8.2020 wird Julius polizeilich gesucht nachdem eine Demo gegen Corona außer Kontrolle geraten ist. War er da anfangs nur der Dokumentator, wechselte er dann auf die Seite der Stimmungsmacher und Randalierer.
Die Beschreibungen des Autors zu den menschlichen Bindungen, wie auch die Entgleisungen fand ich schon sehr interessant. Da die Geschichte einen zeitlich großen Rahmen umfasst, haben die in die Handlung einfließenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ereignisse mich auch gleichzeitig an meine eigenen Erlebnisse dazu abschweifen lassen. Wobei Andras Wunn hier sehr, sehr viele Daten und Fakten einfließen ließ, wofür ich ihn bewundere. Genau so viel, dass es auf mich nicht überladen wirkte. Was ich allerdings gar nicht verstehen konnte, war die Beziehung beider Brüder inklusive Sex mit Nina. On Off und immer wieder von vorn. Das hätte mich krankgemacht. So richtig konsequent war wirklich nur der gemeinsame Freund Milton. Insgesamt gebe ich 3,5 Lese-Sterne.
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