Die Entdeckung einer großen literarischen Stimme: Ein glasklarer Debütroman über die Fragilität des Lebens und die unerwartete Kraft einer neuen LiebeÜberlebensgroß. Auf einem Werbedisplay in der unterirdischen Taipei Mall. So sieht die junge Ärztin Novana ihre Mutter wieder, die taiwanische Künstlerin March. Achtzehn Jahre ist es her, dass March sie ohne jede Erklärung in Deutschland zurückließ.Alles, was Novanas Leben zuletzt bestimmt hat, verblasst angesichts dieses unerwarteten Wiedersehens: ihr Wunsch nach einem Neuanfang, der sie aus Köln weggehen ließ. Der Alltag auf der Neugeborenen-Intensivstation in Taipei. Die Nächte, in denen sie schlaflos durch die Millionenstadt streift.Dann lernt Novana auf einem Karaokeabend Sihan kennen. Eine furchtlose Aktivistin – lebendig, entschlossen. Novana fühlt sich zu ihr hingezogen, und etwas, das längst verloren schien, kehrt in ihr Leben zurück: die Möglichkeit von Nähe.Eindringlich und radikal klar erzählt Leh-Wei Liao von widerständigen Frauen, von Begehren und Verletzungen und der unsicheren Zukunft Taiwans – und stellt die Frage, wofür es sich zu kämpfen lohnt.Ungekürzte Lesung mit Leh-Wei Liaoca. 7h
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4.3/5.0
Bewertung
Thalia Book Circle Community
5/5
02.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Leben und Freiheit und die Möglichkeit eines anderen Landes ...
Ein Leben und Freiheit und die Möglichkeit eines anderen Landes. Mehr würde es nicht geben 4,5⭐️
Die junge Ärztin Novana wurde vor 18 Jahren von ihrer Mutter einfach in Deutschland zurückgelassen, wuchs in einer Pflegefamilie auf. Mit ihrem Pflegebruder Theo war sie zusammen, brach jedoch urplötzlich alles ab, um in Taiwan einen Neuanfang zu wagen.
„Dabei war alles, was ich sagen wollte: Taiwan ist wichtig. Vergesst dieses Land nicht. Ich fühlte mich verantwortlich, dafür zu sorgen. Tatsächlich kannte ich das Land nur von M. und ihren leidenschaftlichen Liebes- und Hasserklärungen. Ich kannte Taiwan nur im Zustand eines permanenten Kippbildes. Bevor ich nach Taipei ging, lernte ich es zu lieben, wie man nur ein Fantasieland lieben konnte.
In Taiwan hatte M. Sterne vom Himmel geholt.
In Taiwan, das hatte sie mir gesagt, war sie das letzte Mal so richtig glücklich gewesen.
Nichts davon konnte ich erzählen.“
Novana arbeitet auf einer Intensivstation für Frühgeborene in Taipei. Nachts leidet sie unter Schlaflosigkeit; die Schicksale der Babys gehen ihr oft sehr zu Herzen.
„Dass sie mir nichts erklären müsse, sagte ich leise.
Ich war nicht wütend. Ich wusste, dass eine Wut in mir existierte, aber sie war woanders. Nicht hier. Nicht zwischen Ärztin und Mutter einer Patientin. Ich wollte ihr sagen, dass sie sich wieder umentscheiden konnte. Dass sich Lianlian später freuen würde, wenn sie sie besuchen ginge. Dass Kinder nicht wählerisch mit ihren Eltern waren, es gar nicht sein konnten.
Ich schluckte, drehte mich um, schloss leise die Tür. Ich schaffte es nicht, meine Tränen bis zur Toilette zurückzuhalten. Sie liefen mir auf dem Flur die Wangen hinunter. Ich senkte meinen Kopf, ging zügig, ohne jemanden anzusehen.
Kinder nahmen, was sie bekommen konnten.“
Als sie auf einem riesigen Werbedisplay in einem Einkaufszentrum ihre Mutter in der Künstlerin March wiedererkennt, ist das ein Schock für sie, der viele Erinnerungen wieder hochbringt, sie reagiert mit Panikattacken und Ängsten.
Als Novana bei einem Karaokeabend die lebensfrohe Aktivistin Sihan kennenlernt, scheint es für sie doch wieder die Möglichkeit von Nähe und Verbundenheit zu geben.
Doch Novana kann ihrer Vergangenheit nicht entkommen, während ihrer Mutter in ihrer Kindheit abwesend war, ist sie nun überall präsent – Novana beschließt, die Kunstausstellung ihrer Mutter zu besuchen …
„Glaszeit“ von Leh-Wei Liao ist ein leises, aber sehr berührendes Buch, sprachlich wie inhaltlich.
Vor dem Hintergrund der der politischen Spannungen in Taiwan verbindet die Autorin eine sehr intensive Mutter-Tochter-Geschichte mit einer queeren Liebesgeschichte. Besonders die Situationen auf der Neugeborenen-Station und das Mutter-Tochter-Verhältnis gingen mir sehr nahe.
„M. hat mir ein Leben geschenkt und Freiheit und die Möglichkeit eines anderen Landes. Mehr würde es nicht geben.“
Vielen Dank an die Penguin Random House Verlagsgruppe und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!
Bewertung
aus Wermelskirchen
5/5
30.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Novana
Dieses Buch hat mich inhaltlich und sprachlich beeindruckt, weil dieser Roman so viele Grenzen überschreitet und gleichzeitig immer wieder danach fragt, was uns voneinander trennt.
Im Mittelpunkt steht Novana, eine Ärztin, die auf einer Neugeborenen-Intensivstation in Taipei arbeitet und sich dort ein neues Leben aufgebaut hat. Eines Tages entdeckt sie ihre Mutter auf einer Werbeanzeige. Die taiwanische Künstlerin hatte Novana vor 18 Jahren in Deutschland zurückgelassen. Nun ist sie wieder da und mit ihr all das, was Novana hinter sich lassen wollte, die gemeinsame Geschichte, die alten Verletzungen und die offenen Fragen. Novana beginnt sich ihrer Mutter anzunähern. Gleichzeitig erzählt ein Handlungsstrang von ihrer Beziehung zu Sihan, einer politischen Aktivistin, in die sie sich verliebt hat.
Es geht in diesem Roman nicht nur um eine Mutter und ihre Tochter, sondern es geht um Zugehörigkeit, Identität, Liebe und die große Frage, wohin man eigentlich gehört.
Deutschland und Taiwan sind dabei nicht einfach Schauplätze, sondern zwei Welten, zwischen denen Novana steht. Grade Taiwan wird zu einem faszinierenden, manchmal fremd wirkenden Raum, den die Autorin auch sprachlich spürbar macht. Englische und chinesische Passagen stehen neben dem Deutschen und werden zum Teil nicht übersetzt. Eine Sprache zu lesen, die mir fremd ist und diese Fremdheit auszuhalten fand ich sehr spannend.
Und dann ist da die Geschichte mit dem Glas. Es trennt und verbindet zugleich. Es macht sichtbar und bleibt doch eine Barriere. Die Babys auf der Intensivstation liegen hinter Glas. Menschen sehen einander, können sich aber nicht erreichen. Die Autorin verwebt die verschiedenen Themenstränge unglaublich fein und bildstark.
Lies diesen herausfordernden Roman, wenn du Bücher magst, die nicht alle Antworten liefern, sondern noch lange nach dem Lesen Fragen aufwerfen.
Juno
5/5
27.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Dazwischen, nicht angekommen
Zwischen innerer und äußerer Unsicherheit tastet sich der Roman durch Fragen der Beziehungen, Verlässlichkeit, Abstammung und Bedürfnissen. Tiefe und Leichte balancieren sich im Text aus.
Als Bonus: eine queere Liebe, die kein Problem ist, sondern einfach normal.
Bewertung
5/5
22.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein schmerzhaft schönes Buch.
Es ist eine bittersüße Geschichte über Liebe, Mutterschaft und die Suche nach Zugehörigkeit. Trotz seiner thematischen Tiefe und der vielen miteinander verwobenen Ebenen war es überhaupt nicht anstrengend, es zu lesen. Im Gegenteil, nachdem ich einmal angefangen hatte, konnte ich es kaum noch aus der Hand legen.
Besonders interessant fand ich, wie Sichtbarkeit sowohl auf zwischenmenschlicher als auch auf geopolitischer Ebene thematisiert wurde. Dabei ist Taiwan nicht nur eine Kulisse für das Geschehen, sondern ist eine aktive und dynamische Umgebung, die an der Geschichte teilnimmt. Die Orte, die im Buch beschrieben werden, fühlen sich echt und lebendig an, und es ist spannend, wie viel man über das Land und dessen Situation lernt.
Auch sprachlich hat mich der Roman überzeugt. Die Sprache gibt der Protagonistin eine unverwechselbare Stimme und schafft es immer wieder, mit großer Präzision emotional zu treffen.
Besonders das Ende hat mich tief berührt. Noch lange nach dem letzten Satz hat mich der Roman beschäftigt.
Ein überragendes Debüt. Es hat die Nominierung zum Deutschen Buchpreis wirklich verdient.
Eine klare Empfehlung!
Bewertung
5/5
20.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Toller Roman, volle 5 Sterne
Ich habe Glaszeit von Leh-Wei Liao innerhalb weniger Tage gelesen und denke noch viel an dieses Leseerlebnis zurück, das in mir nachhallt. Nicht nur, dass es mich sprachlich immer wieder innehalten ließ (manche Sätze oder Passagen habe ich mir markiert, um sie auch später immer wiederfinden zu können), ich bin auch sehr beeindruckt, wie viel dieses Buch gleichzeitig tut. Es erzählt von Novana, die in Taipeh in einer Klinik arbeitet. Diese Szenen und Kapitel sind so greifbar und real beschrieben, als würde man mittendrin stehen. Mal wird man von der Distanz gepackt, die nötig ist, um auf einer Intensivstation für Neugeborene den klaren, kühlen Kopf zu behalten, mal von dem Hauch an Emotionen, der zarten Verletzlichkeit, die doch an die Oberfläche dringt und einen mit einer unerwarteten Wucht spüren lässt, was Novana alles leistet, erträgt, gibt – aber auch bekommt: Damit sind nicht nur die Struktur und der Halt gemeint, den sie sich durch ihre Arbeit selbst geschaffen hat, das Resultat aller aktivierten Ressourcen, die sie überleben lassen, sondern auch die Nähe, die Sihan ihr anbietet, eine politische Aktivistin, die sich in Novana verliebt. Es ist beeindruckend, wie fein, subtil und funktionierend die Themenstränge miteinander verflochten werden, ohne dass einer zu laut oder dominant ist. Die politische Lage in Taiwan, die Arbeit als Ärztin, die romantische Beziehung zu Sihan, aber auch die Mutter-Tochter-Beziehung zwischen Novana und March, die auf dem Papier schon längst nicht mehr existiert und doch auf eine Art allgegenwärtig ist, bilden einen feinen Handlungsstrang, der trägt – sich selbst, aber auch den Leser, der trotz der existentiellen Themen im Buch mühelos bis zur letzten Seite gelangt. Was die Mutter-Tochter-Beziehung angeht, so möchte ich nicht zu stark spoilern, aber hier gibt es Szenen, die mir wirklich nahegingen, mich aus meinem Alltag herausrissen und für ein paar kostbare Lesestunden ganz in dieses Buch eintauchen ließen. Glaszeit bekommt von mir volle fünf Sterne.
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