Die jüdische Kultur und die der Roma und Sinti, aber auch ihre Verfolgung und Bedrohung stehen im Zentrumeines Gedächtnisprojekts, das aus Veranstaltungen der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) unter luxemburgischem Vorsitz im Jahre 2020 hervorging. Der Titel »Bleib ein Mensch« leitet sich ab aus dem Appell zur Solidarität und zur Widerständigkeit der Verfolgten aus Jura Soyfers und Herbert Zippers berühmten »Dachaulied«.Die Lebendigkeit jüdischer Kultur stand im Mittelpunkt des Konzerts der international gefeierten niederländischenSängerin Shura Lipovsky und ihres Ensembles Novaya Shira in der Philharmonie Luxemburg vom 3.Dezember 2019. »Bleib ein Mensch« bietet die Gelegenheit, das Konzert jiddischer und sephardischerLieder auf der beigefugten CD »Di royz / Die Rose« im Live-Mitschnitt nachzuerleben und Shura Lipovskyseigene jiddische wie auch andere Liedtexte im Buch im Original und in Übersetzung nachzulesen. Zugleich entfaltet Lipovsky in einem sehr persönlichen Buchbeitrag, warum das Lehren jiddischer Volkslieder trotz ihrer spezifischen kulturellen Identität eine universale Komponente beinhaltet.Dem zur Seite steht ein Lesebuch, in dem sich Autoren auf unterschiedlichste Weise damit beschäftigen, was sich an Grauen, aber teilweise auch an menschlicher Größe, an Widerstand und an Mut mit den Erfahrungen der kollektiven Katastrophe für Juden wie auch für Roma und Sinti verbindet – nämlich der Schoah (»Untergang«, »Katastrophe«, hebräisch) oder demChurb(a)n (»Verwüstung«; »Vernichtung«, hebr./jiddisch) und dem Porajmos (»das Verschlingen«, »Verschlungenwerden«, Romanes).Versammelt sind literarische Texte, die teils in Gefangenschaft oder im Untergrund entstanden und so zum Vermächtnis wurden, Erinnerungstexte von Zeitzeugen, essayhafte Fragen nach einer angemessenen Gedächtniskultur, ihren Möglichkeiten und Grenzen. Einige dieser Beiträge spiegeln auch, wie das Schreiben oder die Musik zum Lebenshalt in Zeiten ständiger Todeserwartung wurden.Dabei kommen auch zahlreiche Autoren des Arco Verlags zu Wort wie Fritz Beer, Tomaš Radil, Reli Alfandari Pardo, Marga Minco und Manfred Winkler. Ihnen zur Seite stehen unter anderem die Roma-Dichterin Bronisława Wajs, bekannt als Papusza, Rafał Lemkin, Mateo Maximoff, Etty Hillesum, Manès Sperber, Itzig Manger und Tamara Radzyner – sowie der Musiker EduardDęmbicki, Avrom Sutzkever oder Martin Beradt, die Solidarität zwischen den verfolgten Roma, Sinti und Juden überliefern. Einige dieser Texte werfen die Frage auf, was das Erinnern über Jahrzehnte bedeutet, betonen die Notwendigkeitdes Nicht-Vergessens und zugleich, welche seelische Last damit verbunden ist.Facetten heutigen Bewahrens und Erinnerns knüpfen daran an: Bertram Nickolay zeigt bahnbrechende »HighTech fur die Erinnerungskultur« – neue Technologien zur Wiederherstellung zerstörter Holocaustdokumente und jiddischerManuskripte«; Corinna Coulmas reflektiert über »Das Gedächtnis des Bösen, eine Unmöglichkeit? Gedanken zum Gedächtnis der Shoah«.In einem gemeinsamen Beitrag zeigen Georges Santer luxemburgischer Botschafter a.D. und ehemaliger Vorsitzender der IHRA, und Lennart Aldick, deren früherer stellvertretender Generalsekretar, Schwerpunkte und Erfolge der IHRA, die diplomatisch zwischen den Interessen unterschiedlicher Länder vermittelt und übergreifende Standards für eine angemessene internationaleKultur der Aufarbeitung und des Erinnerns an die Katastrophen der Völkermorde setzt. So wird der pragmatische Ansatz, heutigem Antisemitismus und Antiziganismus zu begegnen, in einem Erfahrungsbericht an einer Reihe von vorbildlichen Beispielen und Initiativen anschaulich. Dabei wird auch die internationale Selbstverpflichtung mit der bahnbrechendenStockholmer Erklärung aus dem Jahre 2000, die Grundlage von Aktivitäten im Geiste der IHRA ist, und dem Zustandekommen der richtungsweisenden Anschlußvereinbarung – der »Ministeriellen Erklärung« vom 19. Januar 2020– dokumentiert und in ihrer Bedeutung gewürdigt.Im Nebeneinander der ganz unterschiedlichen Beschäftigungen mit Erfahrungen, die nur schwer zu fassen und zu ertragen ist, finden sich Denkanstöße und Ermutigungen, heute mit aller Entschiedenheit und der notwendigen Zivilcourage Diskriminierung und Ausgrenzung, Intoleranz und Haß zu begegnen oder diesem Ungeist durch überzeugende Strategien vorzubauen.