'Hillenkamp schreibt Sätze, die geradezu leuchten.'Gerrit Bartels
'Lange hat mich kein Buch mehr so schockiert, berührt, beschäftigt und für sich eingenommen.' Henning Sußebach
Jans Existenz ist auf ein schiefes Fundament gestellt. Im Aufwachsen mit der Mutter und ihren Geliebten, dem Vater und der Stiefmutter schlägt das Normale immerzu ins Extreme um. Das Leben des jungen Mannes bleibt haltlos und gefährdet, in der Freundschaft, in der Liebe, in der Politik. Doch so groß die Widerstände sind, so heftig ist Jans Streben nach Geborgenheit und Glück. Mit unvergleichlicher Präzision, Dichte und Strahlkraft erzählt Sven Hillenkamp Jans Geschichte. Als Jans Leben zu kippen beginnt, ist er noch ein Kind. Die Mutter stirbt früh, der Vater kann ihm keinen Halt geben. Die erlebte Verlorenheit wird zum stetigen Begleiter. Doch Jan ist sich selbst nicht durchsichtig und strebt unaufhaltsam nach einem Selbstbild, das ihn trägt. Weder in der Liebe, noch mit Gleichgesinnten oder in einer sinnstiftenden Betätigung findet Jan jenen Halt, nach dem er sich sehnt. In seiner schmerzhaften Entwicklung offenbart sich eine Allgemeingültigkeit menschlicher Existenz. Wer sind wir, wenn Erleben und Vorstellung nicht in Einklang gebracht werden können? Die hohe Sensibilität und Genauigkeit der Sprache von Sven Hillenkamp erzeugen ein soghaftes Lektüreerlebnis von beeindruckender Wucht. Ein Roman von unvergleichlicher Unmittelbarkeit und Intensität.
Kundinnen und Kunden meinen
4.8/5.0
Kwinsu
aus Salzburg
5/5
14.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Was ist schon Glück?
Jan ist entsetzt: er beobachtet, wie Bauarbeiter ohne mit der Wimper zu zucken, ein Möwennest zerstören, die Eier einfach auf den Asphalt werfen. Das Trauerkreischen der Möweneltern zerreißt ihm fast das Herz. Dies sind mitunter die intensivsten und empathischsten Gefühlsregungen, die wir vom Protagonisten im kompletten Buch direkt und ohne Umschweife zu spüren bekommen. Nach diesem Prolog wird Jans Geschichte bis zur Gegenwart aufgerollt - und diese ist hart und nur schwer verdaulich.
Auf den knapp 170 Seiten werden wir als Lesende mit so viel Rohheit und Gewalt konfrontiert, dass es nur schwer auszuhalten ist. Jans Kindheit ist - nach den ersten wenigen, schönen Jahren - scheinbar immer mehr ein Weg in die Hölle. Seine Mutter ist selbst- und sexsüchtig, ihr Äußeres das Wichtigste, genauso wie verschiedene Beziehungen zu Männern. Wenn diese in die Brüche gehen, folgt rasch ein Suizidversuch der Mutter, die ihren Verflossenen, jedoch nicht ihrem Sohn einen Abschiedsbrief hinterlässt. Zuneigung für ihr Kind lässt sie nur wenig spüren, vielmehr ist Vernachlässigung ein steter Begleiter. Irgendwann verschwindet die Mutter und Jan zieht zu seinem Vater und dessen neue Frau Alexandra. Der Vater ist schwach und entzieht Jan jegliche Grenzen, einstig Alexandra erkennt, wie wesentlich solche für die Entwicklung eines Kindes sind - und wird dementsprechend zur Buhfrau für Jan. Mit nur 16 Jahren zieht er aus und weg und wird mehr oder minder selbstständig. Jans Leben allein ist geprägt von Dingen, die ihm seine Eltern gut beigebracht haben: er sucht sich Bestätigung durch Sex, ist von sich selbst sehr überzeugt, rührt für andere keinen Finger. Er eckt überall an, scheint oft teilnahmslos, ja durchaus emotionslos zu sein. Nicht einmal der Tod bestimmter Menschen scheint sonderlich an ihm zu kratzen. Er treibt durch das Leben wie ein Stück Holz durch einen übergetretenen Fluss - er ist Teil vom Leben, aber ebenso teilnahmslos, wohin er treibt, scheint völlig egal zu sein. Er vernachlässigt sich selbst genauso wie die Menschen, die ihm etwas bedeutet haben könnten.
Der Ich-Erzähler Jan ist äußerst unzuverlässig. Oft gibt er vor, glücklich zu sein, ohne, dass man ihm das abkauft. Er macht Dinge, ohne wirklich Anhaltspunkte für eine Erklärung zu liefern. So kämpft er in einer linksradikalen Gruppierung, ohne, dass wir seiner Ideologie näher kommen würden. Grundsätzlich: alles was er erzählt ist karg und entrückt. Diese harte Sprache ist so distanziert, dass man in keiner Sekunde das Gefühl hat, ihm näher zu kommen. Es gibt wenige Situationen, bei der wir Lesende erahnen können, dass Jan tatsächlich (positiv) fühlt, etwa, wenn er mit Kindern zu tun hat oder wenn er von seinem Großvater erzählt. Doch wenn das Buch beendet ist, liest man den Beginn von Neuem und weiß - Jan hat sich entwickelt. Und vielleicht doch noch sein Glück gefunden. Aber was ist schon Glück?
Mein Fazit: "Erde" ist ein schmerzhaft zu lesender Roman, der von der Kraft der Distanziertheit und Grenzenlosigkeit lebt. Er schockiert, macht fassungslos und braucht definitiv lange bis er sickert. Am Besten tut er das, wenn man die Möglichkeit hat, sich mit anderen über ihn auszutauschen. Ich für mich habe irgendwann erkannt: diese Gewalt in jeglicher Hinsicht wird lange nicht vergessen werden. "Erde" ist langsam zu einem Jahreshighlight herangewachsen und könnte durchaus noch das ein oder andere Jahr überdauern.
Eternal-Hope
aus Österreich
5/5
01.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Buch für fortgeschrittene Leserinnen und Leser
Wer in Betracht zieht, "Erde", das neueste Buch des deutschen, nach Schweden ausgewanderten Autors, Soziologen und Philosophen Sven Hillenkamp, lesen zu wollen, dem empfehle ich, zuerst einmal innezuhalten und sich die Frage zu stellen: warum lese ich Bücher und was erwarte ich mir von der Lektüre?
Denn wer sich angenehme Unterhaltung, spannungsgetrieben oder mit schönen Gefühlen, wünscht, der ist hier definitiv falsch. Dieses Buch ist unbequem, es ist schwierig, es ist fordernd und am Ende werden die meisten Menschen froh sein, wenn sie es wieder zuklappen können. Und doch lässt sich rückblickend viel Erkenntnisgewinn aus dieser unbequemen, aber lohnenden Lektüre ziehen.
Wir befinden uns direkt im Kopf eines Menschen, der es gar nicht leicht hat mit sich und der Welt, und erleben die ganze Geschichte konsequent aus seiner Perspektive: Jan ist so einiges nicht klar in der Welt, das ist schon in seiner Kindheit der Fall und zieht sich auch später durch sein Leben. Die Mutter ist psychisch krank und nimmt sich das Leben, als der Junge 11 Jahre alt ist. Sie wird monatelang verschwunden sein, bis man endlich ihre Leiche findet.
Auch davor war die Beziehung zu ihrem Sohn nicht von viel Liebe geprägt. Der Vater hat sich zu diesem Zeitpunkt längst schon von der Mutter getrennt, er ist eine schwache Persönlichkeit, bemüht sich zwar immer wieder ein bisschen, kann seinem Sohn aber nicht den Halt geben und die Grenzen aufzeigen, die dieser brauchen würde. Eine Ambivalenz, die kaum aushaltbar ist für den heranwachsenden Jungen:
"Ich weiß: Mein Vater ist jämmerlich, ein Kind, ein Idiot, feige, dumm und lächerlich, weniger als ein Nichts. Er hat mich verlassen. Er ist nicht mehr mein Vater. Ich habe keinen Vater.
Ich weiß: Mein Vater ist verständnisvoll und großzügig und immer lustig. Er hat das reinste Herz von uns dreien. Keiner hat einen Vater, wie ich ihn habe. Ich liebe meinen Vater." (S. 80)
Dazu kommt noch Jans sehr spezielle Persönlichkeit, die möglicherweise ein bisschen in Richtung Neurodivergenz/autistisches Spektrum geht (das wird nie explizit so benannt und es ist gar nicht leicht, hier zu differenzieren, was eine Folge der traumatischen Kindheit war und was andere Ursachen haben könnte).
Jedenfalls sucht er zwar die Nähe zu anderen Menschen, kann als junger Mann auch immer wieder Frauen zumindest kurzfristig für sich begeistern, scheint sich aber immer wieder, ihm selbst unbewusst, so zu verhalten, dass sich die Menschen von ihm distanzieren und auch die Eltern seiner Schulkameraden ihren Kindern den Kontakt zu ihm verbieten wollen.
So ist sein Leben in allen Bereichen von abrupten Beziehungsabbrüchen geprägt, die ihm selbst oft unverständlich bleiben (der beobachtende Leser hat hingegen oft durchaus eine Idee, wie es dazu gekommen sein könnte):
"Mein Chef sagt: "Paul und Viktor wollen nicht in der gleichen Schicht wie du arbeiten. Sie wollen eher kündigen, als mit dir zu arbeiten." Ich gehe zu Paul. "Warum kannst du mich nicht leiden?", "Ich kann dich nicht leiden, das ist alles." (S. 97)
Dabei hat Jan durchaus eine sehr sensible Seele, fühlt sich der Natur und ihren Geschöpfen verbunden und kann es kaum ertragen, wenn diesen von den Menschen Leid zugefügt wird:
"Ich gehe in Richtung des Wassers. Fort von den verhassten Menschen. Die Menschen zerstören alles. Jedes Paradies." (S. 8)
Wir haben hier also das Psychogramm eines in vielerlei Hinsicht ungewöhnlichen Menschen, der vom Schicksal schwer gezeichnet ist, von vielen missverstanden wird und auch selbst die Welt und die Menschen nicht wirklich versteht.
Selbst aus dieser Innensicht ist Jans Persönlichkeit und Motivation oft nicht eindeutig: wir haben in einer Leserunde ausführlich über seinen Charakter diskutiert, der an vielen Stellen ganz unterschiedlich gelesen und interpretiert werden kann, je nachdem, mit welcher Linse man darauf schaut.
Es erfordert große Meisterschaft in den Bereichen Empathie und schriftstellerischer Ausdruck, ein Buch so konsequent aus dem Innenleben eines so stark von den Normen und dem Durchschnitt der Gesellschaft abweichenden Charakters zu schreiben. Und es braucht Mut, so ein Buch, das bewusst unbequem und störrisch ist und sehr wahrscheinlich nicht den Geschmack der großen Masse treffen wird, zu veröffentlichen. Dafür hat der Autor meinen tiefsten Respekt.
Empfehlen kann ich das Buch all jenen, die auch vor sehr anspruchsvollen Werken nicht zurückschrecken, die offen sind, sich auf einen sehr schwierigen Charakter, dunkle Themen und eine insgesamt depressive Stimmung einzulassen, die sich für die Tiefen der menschlichen Seele interessieren und diese ergründen wollen und die gerne über das Innenleben eines Menschen, der sich vielleicht stark von einem selbst und von den meisten Menschen, die man kennt, unterscheidet, nicht nur abstrakt lesen, sondern dieses von innen heraus erleben wollen.
Christian1977
aus Leipzig
5/5
24.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Alles ist Schmerz
Als die Arbeiter das Möwennest vom Dach werfen, ist Jans Empörung grenzenlos. Liegt die Zerstörungswut in der Natur des Menschen? Seit seiner Kindheit sucht er nach seinem Platz in der Gesellschaft, doch immer wieder wenden sich die Menschen von ihm ab. Selbst seine Mutter hat ihn früh verlassen, auch sein Vater hat ihn früh aus dem Nest gestoßen. Ausgehend von diesem Ereignis lässt Jan sein bisheriges Leben Revue passieren. Ein Leben der Extreme…
“Erde” ist der neue Roman von Sven Hillenkamp, der bei Klett-Cotta erschienen ist. Bereits der Blick auf das Cover machte mich stutzig. In scheinbarer Harmonie lehnt sich eine junge Frau an einen jungen Mann. Dem Moment wohnt eine gewisse Zärtlichkeit inne. Doch bei genauerer Betrachtung verlaufen diagonal kleine Risse durch das Bild. Risse, die auch den Lebenslauf von Ich-Erzähler Jan prägen.
Auf den kommenden gut 170 Seiten nimmt dieser Jan die Leserinnen mit auf eine Tour de Force, denn “Erde” ist alles andere als Wohlfühlliteratur. Der Roman ist schmerzhaft und vulgär, er ist berührend und zärtlich. In seiner Radikalität erinnert er stark an Stig Dagermans “Gebranntes Kind”, in dem ein zentrales Element ebenfalls das toxische Verhältnis zwischen Eltern und Kind ist. Vergleichbar ist außerdem die Gewaltbereitschaft der Protagonisten und die Suche nach dem eigenen Ich, der Liebe und dem Halt in der Gesellschaft.
Dennoch macht Sven Hillenkamp aus “Erde” etwas ganz Individuelles. Aus seiner Prosa entsteht ein stakkatohafter Rausch, der dem Roman einen sehr eigenen Sound gibt. Viele der überwiegend kurzen Sätze beginnen mit “Ich” und werden nahtlos aneinander gereiht. Dabei ist bemerkenswert, wie es dem Autor gelingt, Poesie und Gewalt miteinander zu verbinden. "Aus dem Wald fließt Nebel über den Pfad. Es kommt uns vor, als gingen wir mit den Füßen in den Wolken”, heißt es an einer Stelle. "Ich will leiden. Es soll brennen in mir!", an einer anderen. Der Rhythmus des Textes lässt manchmal an ein Langgedicht erinnern. An der Mischung aus Sex, Alkohol, direkter Sprache und der späteren Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Randgruppe von linksextremen Revolutionären hätten vermutlich auch die Beatniks ihre helle Freude gehabt.
Viele der Sätze tun weh. “Seit du weg bist, ist alles viel besser”, lässt der Autor Jans Vater in einem besonders furchtbaren Moment gegenüber dem Jugendlichen sagen. Jans Mutter hat sich zu diesem Zeitpunkt längst umgebracht, ohne ihren Sohn im Abschiedsbrief zu erwähnen. “Alles ist Schmerz”, heißt es gleich an mehreren Stellen und es mag das Mantra von “Erde” sein.
Mich haben vor allem die Kindheitserfahrungen Jans berührt und wütend gemacht. Neben den ständigen Suizid-Androhungen der Mutter bringt sie regelmäßig neue Liebhaber mit nach Hause, ohne sich dabei um Jan zu scheren. Etwas Schlimmeres, als dem eigenen Sohn andauernd mit Selbstmord zu drohen, kann man einem Kind kaum antun. So scheint für die Hauptfigur ein Weg der Ängste und des Schmerzes vorgezeichnet. Und wenn Jan zu oft betont, dass ihn dies oder jenes glücklich mache, spürte ich das eigentliche Unglück des Jugendlichen fast körperlich, das sich hinter diesen Worten verbarg.
Befasst man sich mit der überaus interessanten Vita von Sven Hillenkamp, wird man feststellen, dass sich einige autofiktionale Merkmale in den Roman eingeschlichen haben. So gehörte auch Hillenkamp zeitweise einer linksautonomen Gruppe an, so lebt auch er mit seiner Familie in Schweden, das man zu Beginn des Buches auch ohne Nennung unschwer als Handlungsort identifizieren kann. Allerdings hoffe ich, dass sich bei all den extremen Schilderungen die Autofiktion letztlich in Grenzen hält.
Insgesamt ist “Erde” ein inhaltlich und stilistisch radikales Stück Literatur, das schmerzt und mit seiner großen Intensität mitreißt. Mich hat der Roman bewegt, wütend und traurig gemacht. Ich wünsche dem Autor, dass er abseits der Massenkompatibilität damit ein Publikum erreicht, das diese großartigen Qualitäten zu schätzen weiß.
Literaturhexle
aus Baden-Württemberg
4/5
09.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Aus dem Nest gefallen
Ein verstörender Einstieg: Ein Mann mit Frau und neugeborenem Kind schaut aus dem Fenster und beobachtet Arbeiter, die mutwillig ein Möwennest zerstören und die Brut auf den Asphalt werfen. Der Mann, Jan mit Namen, wird zurückgeworfen in Erinnerungen an seine eigene Kindheit und Jugend. Darüber erzählt er nicht chronologisch, spart Verstörendes nicht aus, analysiert seinen Hunger nach Liebe und Sexualität, beleuchtet seine falschen Schritte in die linksextreme Szene. Diese Ehrlichkeit schockiert und irritiert, es haftet ihr aber auch etwas zutiefst Berührendes an.
„Die ersten Jahre meiner Kindheit sind so glücklich, wie Kindheitsjahre nur glücklich sein können. (…) Es ist das Himmelreich auf Erden.“ (S. 20)
Diese glücklichen Jahre enden jäh, als die Mutter sich zunächst in einen Musiker, dann in andere Männer verliebt. Sie ist gefallsüchtig und labil, greift zur Überdosis Schlaftabletten. Paradoxerweise beschließen Vater und Großeltern, dass der Junge trotzdem bei seiner Mutter bleiben soll, um ihr „Halt zu geben“. Der Junge nimmt psychischen Schaden, entwickelt ein gestörtes Verhältnis zur Sexualität, wird von Mitschülern ausgegrenzt. Als Jan 11 Jahre alt ist, verschwindet die Mutter für immer. Der Junge hat kein Nest mehr. Die glücklichsten Stunden verbringt er mit dem Großvater. Der Vater heiratet eine neue Frau, Alexandra, ist aber selbst zu schwach, Jan Halt, Richtung und Liebe zu geben. Stattdessen bekommt er Geld, Geschenke und mit 16 Jahren eine eigene Wohnung.
Nun beginnt eine haltlose Zeit mit zahlreichen sexuellen Kontakten und falscher Kameraderie. „Sobald ich alleine bin, nicht mit meinen Freunden zusammen, nicht mit einer Frau zusammen, leide ich gleich an allem. Dabei ist mir richtige Not fremd.“ (S. 90) Dank seiner naturwissenschaftlichen Begabung gelingt das Abitur trotzdem. Gewaltsame linksextreme Übergriffe werden nur schattenhaft erzählt, trotzdem stoßen sie den Leser ab. Man ist versucht, dem Protagonisten sämtliches Verständnis zu entziehen. Doch in seinen Worten schwingt viel erlittener Schmerz mit, auch Einsicht und Aufrichtigkeit
In der Gegenwart (Rahmenhandlung) hat der Erzähler eine Entwicklung durchlaufen. Jetzt kann er Empathie für sein Umfeld aufbauen, er hat seine "schwierigen" Jahre überwunden und endlich ein Nest für seine eigene Familie gebaut. Sein Rückblick liefert keine Erklärungen, es bleiben Leerstellen. Der Erzähler betrachtet sein altes Ich aus der Distanz der Jahre. Diese Ehrlichkeit hat mir gefallen.
Man muss bei diesem Buch genau schauen, dass man sich von einer anfänglichen moralischen Empörung nicht hinwegreißen lässt. Es scheint so leicht, Jan zu verurteilen, doch der Fall liegt weit komplexer, wenn man hinter die Oberfläche schaut. Der Roman öffnet den Horizont und schafft Verständnis für geschundene Seelen, denen das Nest mit allem, was dazu gehört, bereits in der Kindheit abhandenkam. Man darf davon ausgehen, dass Autor Hillenkamp auch autobiografische Hintergründe einfließen ließ.
Der Text korreliert dicht mit der Handlung. Viele Sätze sind kurz, beinahe stakkatohaft klingen sie hart und ungefiltert. An anderen Stellen finden sich Schönheit, Sehnsucht und leise Poesie in und zwischen den Zeilen. Die Sprache wechselt mit den Stimmungen. Dieser Entwicklungsroman stellt eine Herausforderung dar, er ist keine Wohlfühllektüre und dennoch ein Buch, das ich mit Gewinn gelesen habe.
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