Teresa, eine junge Frau aus bescheidenen Verhältnissen kommt aus dem Veltlin nach Zürich, um bei einer wohlhabenden Familie als Kindermädchen zu arbeiten. Sie soll sich um Giovanni und Pietro kümmern, die Kinder des Psychiaters Bruno und der Archäologin Maria. Aus erster Ehe hat Maria eine Tochter, Esther, die ein paar Jahre älter ist als Teresa, und nicht mehr zu Hause wohnt. Über dem Familienleben und der angespannten Beziehung zu Esther schwebt der Schatten von Marias verstorbenem ersten Ehemann. Und ein kaum greifbarer Verdacht, der dem Kindermädchen zu schaffen macht.
Jahrzehnte später, nach dem Tod der Eltern, bringt eine geheimnisvolle Einladung die Familie und Teresa wieder zusammen. Aus verschiedenen Perspektiven erzählt, enthüllt Anna Ruchat nach und nach ein toxisches Familiengefüge, das von seiner Vergangenheit heimgesucht wird. Ein gespenstisch schöner, atmosphärischer Roman, der in glasklarer Sprache das Unaussprechliche beschwört.
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Ein leises Buch mit vielen Leerstellen
Bewertung am 17.05.2026
Bewertungsnummer: 3140538
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
"Ein kaltes Chaos, ging Theresa spontan durch den Kopf, und sie konnte sich weder an diesem Tag noch während ihrer gesamten Zeit in diesem Haushalt entscheiden, ob ihr diese Art zu wohnen gefiel oder nicht." Ihr italienisches Dorf wird der gerade erwachsen gewordenen Theresa zu klein und so beschließt sie, als Au-Pair in einem Schweizer Haushalt zu arbeiten. Dort angekommen ist sie von vollkommen neuen Lebensumständen begeistert. Die Kinder, Giovanni und Pietro, sind liebenswert, die Mutter Maria bezahlt Theresa nicht nur den Deutschkurs, sondern lädt sie auch regelmäßig auf einen Kaffee ein. Dann aber findet Theresa heraus, dass Maria noch eine ältere Tochter aus einer früheren Beziehung hat, die sich merkwürdig distanziert verhält. Der Mutter macht sie Vorwürfe, wenn der Stiefvater anwesend ist, verlässt sie die Wohnung so schnell wie möglich. Was ist da wohl vorgefallen? - Diese Frage drängt sich in Anna Ruchats Roman "Vertraute Gespenster" nahezu auf. Spätestens als Theresa von den Erzieherinnen in der Kita gebeten wird, alles Verdächtige zu melden, stellt sich auch beim Leser eine unterschwellige Bedrohung ein. Ist es ein Zufall, dass die Jungen nicht gerne in die Praxis des Vaters gehen? Was genau meint Esther mit ihren Andeutungen? In dieser Hinsicht passt der deutsche Titel des Romans sehr gut. Die Vermutungen ziehen wie Gespenster durch die Erzählung, sie bleiben wenig greifbar, werden nie konkret, schwingen aber mit. Gleichzeitig ist es aber auch das, was das Ende etwas unbefriedigend macht. Ohne zu viel zu verraten, kann man schon behaupten, dass das Buch an einer wichtigen Stelle einfach abbricht. Dem Leser wird hier viel zugemutet. Welcher Deutung er folgen könnte, lässt die Autorin vollkommen offen. Dafür bietet sie gleich mehrere Perspektiven auf das Geschehen an. Der Roman ist auf zwei Zeitebene erzählt: In den 1980er-Jahren, als Theresa im Haushalt arbeitet und gut dreißig Jahre später, nach dem Tod von Bruno und Maria. In beiden Kapiteln erfahren wir nicht nur aus Theresas Sicht von der Handlung. Es gibt Briefe und Tagebucheinträge von Maria und Kapitel aus Sicht der erwachsenen Kinder im zweiten Teil. Diese Vielstimmigkeit lädt zur Suche nach den Puzzleteilen ein. Ich gebe zu, dass mich das Ende ziemlich enttäuscht zurückgelassen hat. Den Sog, den die Erzählung entwickelt, wird hier abrupt gestoppt. Das fand ich schade, auch wenn ich die Funktion dieses offenen Endes für das Buch nachvollziehen kann. Auf der Erzählebene ist der Roman wirklich gelungen. Auch der "Re-Read-Faktor" ist hoch.
Ein psychologisch dichter Roman
Jürg K. am 02.05.2026
Bewertungsnummer: 3126223
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Für mich ist Anna Ruchats Roman ein stilles, eindringliches Porträt von Menschen, die unter dem Gewicht unausgesprochener Dinge leben. Teresa fungiert als aufmerksame Beobachterin und zugleich als Spiegel für die Brüche in dieser Familie. Die Autorin versteht es, die kultivierte Oberfläche des Hauses und die unterschwelligen Spannungen fein austariert gegenüberzustellen, sodass sich das Unbehagen langsam, aber unaufhaltsam einschleicht. Besonders gelungen ist die Art, wie Erinnerungen und Schweigen als aktive Kräfte dargestellt werden, die Beziehungen formen und deformieren. Die Figuren sind nicht plakativ böse oder unschuldig, sondern ambivalent und dadurch glaubwürdig. Esther bleibt als unstetes Zentrum faszinierend, weil sie mehr andeutet, als sie erklärt, und weil ihre Distanz zur Mutter eine ganze Reihe von Deutungsmöglichkeiten offenhält. Die Rückkehr der Kinder nach Jahrzehnten wirkt nicht wie ein bloßes Aufräumen alter Geheimnisse, sondern wie ein behutsames Freilegen von Schichten, die lange Zeit Schutz und Gefängnis zugleich waren. Manchmal wünscht man sich etwas mehr Klarheit in den Motiven, doch gerade die Zurückhaltung der Erzählerin verstärkt die bedrückende Atmosphäre und zwingt den Leser, die Lücken selbst zu füllen. Insgesamt ein literarisch souveräner, psychologisch dichter Roman über Erinnerung, Macht und die zerstörerische Kraft des Verschweigens, der lange nachklingt.
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