Die Bewohner von Gravesend, einem italienischen Arbeiterviertel in Brooklyn, verbindet ein Fluch, der unter Amerikanern weit verbreitet ist: die unerfüllte Hoffnung, ihr Leben für ein besseres Leben einzutauschen. 1986. Risa Franzone lebt mit ihrem gewalttätigen Ehemann Saverio und ihrem acht Monate alten Baby Fabrizio in einer Erdgeschosswohnung in der Saint of the Narrows Street. Als ihr betrunkener Ehemann eine Waffe auf den Tisch legt und ihre Schwester Giulia bedroht, schlägt Risa ihn, außer sich vor Wut, mit einer gusseisernen Pfanne nieder. Tragischerweise schlägt Sav beim Sturz mit dem Kopf auf einen Tisch auf und stirbt. Die Schwestern stehen vor der Entscheidung die Cops zu benachrichtigen und Notwehr geltend zu machen oder die Leiche des Mannes verschwinden zu lassen. Risa und ihre Schwester rufen einen Freund aus der Nachbarschaft zu Hilfe. Chooch begräbt mit ihnen die Leiche und die drei vereinbaren, den Mord ein Leben lang geheim zu halten. Allen in Gravesend erzählen sie, Sav sei verschwunden. Alle außer ihrem Sohn, der kaum spricht, schaffen es, ein halbwegs normales Leben zu führen, bis Jahre später Savs Bruder Roberto auftaucht und Risas Geschichte in Frage stellt.
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Ein echtes Highlight!
SimoneF am 01.06.2026
Bewertungsnummer: 3155677
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Eher zufällig wurde ich auf „Heilige der Narrows Street“ aufmerksam, da mich Cover und Kurzbeschreibung ansprachen. Zum Glück, denn William Boyle hat mir mit seinem Kriminalroman ein echtes Highlight beschert.
Die Schwestern Risa und Giulia, beide in den Zwanzigern, wohnen 1986 in einem italienischen Arbeiterviertel in Gravesend, Brooklyn. Risa ist mit Sav verheiratet, einem gewalttätigen Kleinkriminellen, und hat mit ihm den achtmonatigen Sohn Fab. Als Sav betrunken mit einer Waffe nach Hause kommt, Giulia am Hals packt und sie zu erwürgen droht, schlägt Risa mit der Bratpfanne zu. Sav stürzt unglücklich und stirbt. Die beiden Schwestern holen den Nachbarssohn Christopher „Chooch“ zu Hilfe und beschließen, die Leiche zu vergraben und allen zu erzählen, dass Sav einfach abgehauen ist. Da Sav zuvor in der Kneipe entsprechende Absichten geäußert hat, schöpft niemand Verdacht, zumal sich sein älterer Bruder Roberto Jahre zuvor ebenfalls bei Nacht und Nebel davongemacht hatte. Als Roberto eines Tages wieder auftaucht, beginnt er, unangenehme Fragen zu stellen.
William Boyle schreibt in klarer, eindringlicher Sprache und lässt Brooklyn und seine Bewohner vor meinem inneren Auge so lebendig werden, als würde ich selbst durch die Straßen der italoamerikanischen Community gehen, obwohl ich noch nie in New York war. Besonders fasziniert hat mich Boyles außergewöhnlicher Erzählstil: „Heilige der Narrows Street“ besteht aus vier Teilen, die jeweils die Geschehnisse an ein bzw. zwei Tage in den Jahren 1986, 1991, 1998 und 2004 erzählen. Obwohl er hierdurch nur Schlaglichter auf einzelne Tage im Leben der Figuren wirft, wirkt der Roman nie lückenhaft, sondern entwickelt gerade hierdurch eine besondere Dichte.
Wie Boyle das italienischstämmige Arbeitermilieu Brooklyns zum Leben erweckt, erinnert mich an einen meiner Lieblingsautoren, Dennis Lehane (bei ihm ist es Boston). Man spürt beim Lesen eine ehrliche Zuneigung zu den Menschen, ihren Sorgen und Nöten. In „Heilige der Narrows Street“ zeigt sich, wie kleine Zufälle, schnelle Entscheidungen ganze Leben prägen und einen Strudel von Ereignissen in Gang setzen.
Ganz klare Leseempfehlung!
Schuld, Loyalität und den Preis des Schweigens
Jürg K. am 12.05.2026
Bewertungsnummer: 3135816
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Was mich an diesem Roman am tiefsten berührt hat, ist die Art, wie er ein ganzes Viertel wie einen atmenden Organismus zeichnet. Ein Ort voller Sehnsucht, Stagnation und jener typisch amerikanischen Hoffnung, die sich für viele nie erfüllt. Risa ist eine Frau, die zu lange geschwiegen hat, zu lange geschluckt hat, bis ein einziger Moment der Panik ihr gesamtes Leben zerreisst. Der Tod ihres Mannes ist kein kalkulierter Mord, sondern ein tragischer Unfall, der sich wie die logische Konsequenz eines Systems anfühlt, welches Frauen wie Risa nie schützt. Die Szene mit der Pfanne ist weniger ein Akt der Gewalt als ein verzweifeltes Aufbäumen gegen Jahre der Erniedrigung. Die Entscheidung, Saverios Leiche verschwinden zu lassen, ist moralisch fragwürdig, aber erschreckend nachvollziehbar. In Gravesend vertraut man nicht der Polizei, sondern der Nachbarschaft, den unausgesprochenen Regeln, dem Schweigen. Chooch’ Hilfe zeigt, wie tief Loyalität und Verstrickung in diesem Milieu ineinandergreifen. Genau dieses Schweigen wird zum eigentlichen Fluch. Es frisst sich in die Jahre, in die Beziehungen, in die Körper. Besonders eindringlich fand ich Fabrizio, das Kind, das kaum spricht, als würde er die Wahrheit in sich tragen, unfähig, sie auszusprechen. Er ist der stille Zeuge eines Verbrechens, das nie als solches geplant war, und zugleich das Symbol dafür, dass Schuld niemals vollständig begraben werden kann. Der Roman zeigt mit grosser Sensibilität, wie Menschen versuchen, sich ein neues Leben zu erkämpfen, und wie die Schatten der Vergangenheit dennoch immer wieder die Oberhand gewinnen. Für mich ein melancholisches, tief menschliches Buch über Schuld, Loyalität und den Preis des Schweigens.
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