'Niemand schreibt besser über die Liebe als Per Petterson.' Norwegischer Rundfunk
Jeden Abend nach der Spätschicht in der Fabrik fährt Kasper mit dem Nachtbus bis zur Endhaltestelle. Zu Hause warten seine Frau Inger und ihre beiden Kinder. Alles hat seine Richtigkeit, es könnte für immer so weitergehen - bis Kasper von der Wucht seiner Gefühle für die gemeinsame Freundin Signe überrascht wird. Dreißig Jahre später blickt Kasper auf diese Zeit zurück. Sicher hätte er anders handeln können, aber warum sollte es nicht möglich sein, zwei Menschen gleichzeitig zu lieben? Per Petterson, der Meister der psychologischen Präzision, macht das Existenzielle im Alltäglichen sichtbar - ein zutiefst menschlicher, zärtlicher Roman über die große Frage, wann man im Leben wirklich angekommen ist.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Bewertung
3/5
10.10.2026
eBook (ePUB)
Auf der Suche
Der Roman "Nach Hause kommen" von Per Petterson ist im Hanser Verlag erschienen und wurde von Ina Kronenberger aus dem Norwegischen übersetzt. Das Cover und der Titel finde ich sehr ansprechend und ergeben einen Sinn.
Kasper, siebzig Jahre und Schriftsteller, hat eines Abends einen Wildunfall mit einem Reh. Davon erzählt er seinem langjährigen Freund Einar. Der Unfall und die Begegnung mit dem Reh beschäftigen Kasper und er überlegt, einen Roman zu schreiben. Doch Einar rät ihm zu einen Roman in Form von Briefen und so erzählt Kasper seine Geschichte.
Kasper ist Mitte dreißig und sein Alltag ist geprägt von Routinen. Die Arbeit in der Fabrik im Schichtbetrieb, die Fahrten mit dem Bus zur Arbeit, das Zusammenleben mit seiner Frau Inger und den beiden Kindern Trine und Tomas. Dann verliebt sich Kasper in Signe. Signe und ihr Mann Jonny sind ein befreundetes Ehepaar der beiden. Seine Frau Inger bestärkt ihn darin, Signe seine Liebe zu gestehen. Kasper ist überzeugt beide Frauen zu lieben. Doch sein Geständnis und die Folgen bringen Kasper aus dem Tritt.
Per Petterson hat einen ruhigen Roman geschrieben. Manche Abschnitte waren mir persönlich zu langatmig und zu sprunghaft. Vieles bleibt aber auch unausgesprochen und es bleibt der Phantasie des Lesenden überlassen diese Lücken zu füllen.
Eternal-Hope
aus Österreich
5/5
22.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Von Nähe, Distanz und Lücken
Ich blicke auf die Lektüre dieses Buches zurück und fühle Entschleunigung und Ruhe. Ich sehe die skandinavischen Landschaften vor mir, durch die ein alter Mann fährt, als ihm plötzlich ein Reh vor das Auto läuft und verletzt wird. Atmosphärisch war ich die ganze Zeit tief drin im Buch, das zeigt, hier schreibt ein Autor, der sein Handwerk versteht. Doch zurück zur Geschichte...
Der alte Mann, sein Name ist Kasper, überlegt, was er tun soll und ist sich nicht ganz sicher, was das Richtige ist. Er wartet erst mal ab und dann passieren verschiedene Dinge. Manche seiner darauf folgenden Handlungen sind vielleicht auch etwas obskur. Denn Kasper ist eine etwas verschrobene Persönlichkeit, das wird schon hier, ganz am Anfang, spürbar.
So beginnt dieses Buch und gemeinsam mit dem alten Mann steigen wir in seine Erinnerungen ein, in die Erinnerungen vor über drei Jahrzehnten, als er noch ein viel jüngerer Mann war, verheiratet mit Inger, Vater zweier kleiner Kinder, in einer Fabrik arbeitend. Da gibt es Signe, in die er sich verliebt, was er seiner Frau auch erzählt, woraufhin diese ihn auffordert, Signe die Liebe zu gestehen. Es ist also keine heimliche Affäre und doch scheint sie Konsequenzen gehabt zu haben, die sich Kasper so nicht erwartet hätte. So wie überhaupt Kasper auf mich seltsam entfremdet wirkt von einem wirklichen Verständnis für die Menschen und insbesondere für die Frauen.
Die beiden Frauenfiguren, Inger und Signe, die Gattin und die Geliebte, bleiben seltsam blass und austauschbar. Zwar steigen wir mit Kasper in seine Vergangenheit ein, doch so wirklich verständlich wird das Geschehen aus der Rückschau für ihn wohl nicht... und damit auch für uns als Lesende nicht.
Vieles bleibt stückhaft und unverständlich, zwar erfahren wir so manches, was passiert ist und manches andere, das später vielleicht daraus resultierte oder sowieso passiert wäre, so genau wissen wir das nicht. Vielleicht durchaus ein Spiegel für das wirkliche Leben, das ja nicht immer so klare Kausalketten bereithält, wie wir Menschen das gerne hätten? Vielleicht ist genau das eine besondere Qualität des Buches, hier nicht zu suggerieren, alle Zusammenhänge wären so eindeutig erkennbar, zumindest im Nachhinein?
Interessant sind in diesem Buch besonders die vermeintlichen Nebenschauplätze: da gibt es eine fast tragische Szene am Fluss, was offenbart sie uns über Kaspers Reifegrad zu diesem Zeitpunkt? Da gibt es einen Busfahrer, dem Kasper sich sehr verbunden fühlt, fast fühlt sich diese Bekanntschaft, fast schon Freundschaft, näher an als die Beziehung zu seiner Frau und seiner Geliebten. Es gibt eine distanzierte Schwester, die früher eine Schutzfunktion für ihn hatte und über deren Leben er nicht wirklich viel weiß, eine weitere Frau, die eher blass bleibt. Es gibt Hinweise auf eine unglückliche Kindheit, und es gibt einen treuen, lebenslangen Freund.
In Summe habe ich den Eindruck, diesem Kasper sind Männer näher als Frauen, ohne sich erotisch zu ihnen hingezogen zu fühlen. Freundschaft und Kameradschaft mit Männern, das scheint etwas zu sein, was ihm liegt und verständlich ist, mehr als die mysteriösen Frauen, mit denen er zwar eine Beziehung oder Affäre haben kann, die ihm aber wohl doch etwas Fremdes und Rätselhaftes bleiben, und deren Gekränkt-Sein, wenn es sich mal zeigt, ihn erstaunt zurücklässt?
Ja, wenn ich so zurückdenke an dieses Buch, dann liegt durchaus viel Tiefsinnigkeit darin. Viel, über das man nachdenken, diskutieren, nachspüren und nachsinnen kann. So einiges, was im Unklaren bleibt, vermutlich beabsichtigt. Es ist ein Buch für jene, die sich von einer guten Lektüre keine Eindeutigkeit erwarten, sondern auch das bis zum Ende nicht ganz Verständliche und das Lückenhafte - ein Spiegelbild für das Leben - gut aushalten und vielleicht sogar genießen können.
Christian1977
aus Leipzig
5/5
12.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Von Liebe, Schuld und Verletzungen
Kasper ist traurig. Wieso hat er bloß nicht rechtzeitig gebremst, als das Reh über die Straße lief? Nun liegt es dort, verstört und schwer verletzt. "Entschuldige, ich habe dich nicht gesehen", sagt er zu dem Tier. Doch die Schuld trägt er. So wie er in der Vergangenheit offenbar schon häufiger anderen Lebewesen Verletzungen zugefügt hat. Seiner Frau Inger, der er vor 40 Jahren gestand, dass er sich in die gemeinsame Freundin Signe verliebt habe. Und Signe selbst natürlich, der er dann doch nicht beistand, als sie es am dringendsten brauchte. Doch wie sieht es eigentlich mit seinen eigenen Verletzungen aus, die so lange zurückliegen?
Von Liebe, Schuld und Verletzungen erzählt Per Pettersons neuer Roman "Nach Hause kommen", der in der deutschen Übersetzung von Ina Kronenberger bei Hanser erschienen ist. Ganze sieben Jahre soll Petterson an den gerade einmal gut 200 Seiten geschrieben haben. Dass dieser bemerkenswert stille und langsame Roman dennoch voller intensiver Wucht steckt, ist eine große Kunst. Denn Pettersons bewusst gesetzte erzählerische Lücken lassen bei den Lesern von ganz allein eindringliche Bilder entstehen, die lange nachhallen.
Schon die Auftaktszene mit dem Reh ist ein gelungener Kniff, die der Ich-Erzähler im Folgenden noch einmal aufgreifen wird. Petterson wirft die Leserinnen mitten hinein ins Unheil, so wie die Ricke haben auch sie keine Möglichkeit, den Ereignissen auszuweichen. Der gut 70-jährige Schriftsteller Kasper präsentiert sich empathisch, doch voller Fehler. Der Autounfall wird so zu einer Art Spiegelbild seines Lebens. "Da kam mir die Idee, ich könnte mit dem Reh beginnen und schauen, wohin es mich führt", lässt Petterson Kasper in Bezug auf den Roman sagen.
Es führt die Leser zu einem ungeheuerlichen Ereignis, das vor 40 Jahren stattfand und den Kern der Erzählung bildet. Kasper gesteht seiner Frau Inger die Liebe zu einer anderen Frau, zudem zu einer gemeinsamen Freundin. Signe heißt diese und ist ein paar Jährchen jünger als unser Protagonist. Noch ungeheuerlicher scheint allerdings Ingers Antwort: "Dann solltest du es ihr sagen." Es ist letztlich der zentrale Satz, ohne den "Nach Hause kommen" gar nicht funktionieren würde.
Im Folgenden reflektiert Kasper sein Leben, die Verletzungen der Kindheit, die ungewöhnliche Freundschaft zu einem Busfahrer und natürlich die Liebe zu zwei Frauen. Dabei stellt der Roman die Frage, ob es nicht möglich sein kann, zwei Menschen gleichzeitig und gleichwertig zu lieben? Inger und Signe, Signe und Inger. Diese beiden Frauen, die machmal nicht nur für Kasper, sondern auch für die Leser fast zu einer Einheit verschmelzen. Die sich nur durch einen einzigen Buchstaben unterscheiden.
Petterson beweist viel Feingefühl bei seinen Charakteren. Er überlässt es letztlich den Lesern, wie viel Schuld Kasper daran trägt, dass seine Ehe Stück für Stück zerbricht. Denn, und so viel sei verraten, für Kasper ist diese Liebe zu zwei Menschen offenbar möglich, doch für sein Umfeld und die Betroffenen eben nicht. Hervorzuheben ist unbedingt auch die Sprache, die von Beginn an eine große Melancholie ausstrahlt. Beispielsweise, wenn Kasper seinen Blick auf einen weiten See wirft und sich an die Wunden der Kindheit erinnert. Oder in dem fantastischen Satz "Und in dem Zimmer, in dem wir im zweiten Stock unseres Wohnblocks lagen, wach und einander im Zwielicht der Nacht zugewandt, wir hatten uns gerade geliebt, stand das Fenster sperrangelweit offen", der eine der vermutlich verstörendsten Szenen des Romans einleitet. Unbedingt zu erwähnen ist hier auch die durchweg äußerst gelungene Übersetzung von Ina Kronenberger.
Insgesamt ist Per Petterson in meinen Augen mit "Nach Hause kommen" ein sehr gut komponierter, bewegter, reflektierter und reflektierender Roman gelungen, der mit Kasper keinen klassischen Helden, sondern eine ambivalente und durchdachte Hauptfigur präsentiert. Ich bin diesem Kasper über die 200 Seiten sehr gern gefolgt und habe mich trotz der langsamen Erzählweise nie gelangweilt. Für mich war es die erste Begegnung mit dem Norweger und ich freue mich schon auf "Pferde stehlen", das noch ungelesen auf mich wartet.
Jürg K.
5/5
25.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine leise Herzgeschichte
Dieser Roman berührt sofort. Weil er eine stille, aber tief eindringliche Frage stellt. Wann ist man im Leben angekommen? Kasper führt ein scheinbar geordnetes Dasein, Nachtbus, Fabrikschicht, Familie, Routine. Alles wirkt stabil, fast beruhigend. Doch genau in dieser Alltäglichkeit bricht etwas auf, als er von seinen Gefühlen für Signe überrascht wird. Es ist kein dramatischer Ausbruch, sondern ein leises, aber mächtiges Erschüttern, das zeigt, wie komplex Liebe sein kann, selbst in einem Leben, das längst festgeschrieben scheint. Besonders stark ist die Rückschau dreissig Jahre später. Kasper blickt nicht verbittert zurück, sondern mit einer Mischung aus Reue, Zärtlichkeit und dem Wunsch, zu verstehen. Die Frage, ob man zwei Menschen gleichzeitig lieben kann, wird nicht moralisch verhandelt, sondern menschlich. Per Petterson gelingt es, das Existenzielle im Alltäglichen sichtbar zu machen. Die Sehnsucht nach Nähe, die Angst vor Veränderung, die Schuldgefühle, die bleiben, und die Momente, die einen prägen, ohne dass man es merkt. Der Roman ist zärtlich, leise und dennoch voller Wucht. Er zeigt, wie ein einziger Sommer ein ganzes Leben färben kann und wie schwer es ist, Entscheidungen zu treffen, die niemanden verletzen. Für mich ist es ein tief menschliches Buch über Liebe, Verantwortung und die Frage, ob man je wirklich ankommt oder ob das Ankommen selbst eine Illusion ist.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
5/5
15.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zuhause
Werbung | Rezensionsexemplar
Liebe.
Familie.
Zuhause.
Ein sehr ruhiges, unaufgeregtes und emotional tiefgehendes Buch.
Mit „Nach Hause kommen“ ist dem Autor Per Petterson ein faszinierender Roman gelungen, der durch seine feine und ruhige Sprache die inneren Konflikte und zwischenmenschlichen Spannungen intensiv herausarbeitet.
Die Handlung selbst kommt ohne große Dramatik aus. Gerade die leisen Töne sind die große Stärke dieser Geschichte. Im Mittelpunkt stehen Liebe, Familie und die Frage, was Zuhause eigentlich bedeutet. Es geht um Entscheidungen, Sehnsüchte und Emotionen, die nicht immer einfach zu deuten sind. Vor allem die inneren Konflikte verleihen der Geschichte eine spürbare Intensität.
Die Charaktere wirken wie aus dem Leben gegriffen. Durch sie kommen ganz unterschiedliche Emotionen und Themen zum Vorschein: Liebe und Verliebtsein, Familie und Ursprungsfamilie, aber auch Resignation, Sehnsucht und Einsamkeit und schlussendlich die Frage, was Zuhause eigentlich bedeutet. Mich hat dabei besonders die Frage beschäftigt, was wirkliche Nähe ausmacht. Ganz gleich, ob in Elternschaft, Freundschaft oder Partnerschaft, ob bloßes Anwesendsein genügt oder ob es vielmehr darum geht, einander wirklich wahrzunehmen, einander zu sehen und eine tiefe Verbundenheit miteinander zu spüren.
Für mich ist „Nach Hause kommen“ ein leiser und tiefgehender Roman, der viele Fragen aufwirft und keine leichten Antworten liefert. Ich fand diesen Roman sehr stark und deswegen gibt es von mir eine absolute Leseempfehlung.
Vielen herzlichen Dank an den Hanser Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt davon wie immer unbeeinflusst.
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