In einer bürgerlichen Familie der Nachkriegszeit aufgewachsen, macht sich Barbara Klein auf die Suche nach deren verdrängter und verschwiegener jüdischer Herkunft und erzählt von Flucht und Exil, von Vernichtung und vom Überleben des Großvaters als letztem jüdischem »Krankenbehandler« im Nazi-Wien.
In den Worten Elfriede Jelineks: »Eine Familiengeschichte, ein Rubens’scher Engelsturz, die einen landen auf den Füßen, die andren in den Krematorien der Nazis. Es stürzen die Opfer. Die Täter dürfen aufrecht bleiben und gehen in die Welt, als wäre nichts gewesen. Eine unglaublich präzise recherchierte Geschichte von so vielen Leben, und jedes Leben hat seine eigene. Und jede dieser Geschichten steht für unsere Geschichte, und sie müssen auch alle für sie einstehen. Rechenschaft wird nicht verlangt, das wäre schon zuviel des Guten. Was man nicht fassen kann, das muß man lesen.«
Kundinnen und Kunden meinen
4.5/5.0
Bewertung
5/5
06.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Gegen das Schweigen
In erstaunlich unaufgeregtem Tonfall erzählt die Autorin die Geschichte ihrer jüdischen Familie - einer Geschichte, die ihr während ihrer Kindheit bis in ihre Erwachsenenzeit vorenthalten wurde. Also entschloss sich Barbara Klein, all das, was ihr vor allem von den Eltern verschwiegen wurde, aus familiären und zeitgeschichtlichen Quellen zusammenzutragen. Das Ergebnis ist eine unter die Haut gehende Lektüre über das Nicht-Wahrhaben-Wollen der Gefahr, denen jüdische Menschen im Aufkommen der Nazi-Bewegung ausgesetzt waren. Im Mittelpunkt des Buches steht Barbara Kleins Vater, dessen Flucht vor den Nazis nach mehreren Zwangsaufenthalten in französischen Lagern in der Schweiz endete. Parallel dazu beschreibt Barbara Klein mit bewundernswerter Ehrlichkeit und ohne jegliche Larmoyanz, wie es ihr in ihrer Kindheit bis in ihr Leben als Erwachsene mit ihren extrem strengen Eltern und ihren drei Brüdern ergangen ist. Dieses Buch ist ein Appell gegen das Schweigen, besondern innerhalb der eigenen Familie. Besonders empfehlenswert!
Michaela
aus Wien
5/5
05.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Große Empfehlung!
Soweit alles in Ordnung… und schon beim Lesen des Titels spüre ich, dass es nicht so sein wird, dass es eine Hoffnung ist, ein Strohhalm, um das Schreckliche zu überstehen. Ein Verdrängen, um auszuhalten was Menschen im Krieg aushalten müssen, bewusst oder unbewusst, um sich selbst zu schützen oder die Angehörigen zu beruhigen.
Das Buch erzählt beeindruckend von mehreren Ebenen, und Barbara Klein verknüpft gekonnt ihre eigene Kindheit und das Erleben von Angst und Gewalt mit dem Krieg und wie sich das auf nachfolgende Generationen auswirkt. Kann Liebe sich durchsetzen, warum entsteht Gewalt, wer trägt die Verantwortung? Durch die so sorgfältig recherchierten und genauen privaten Briefe und Dokumente aus der Zeit des zweiten Weltkriegs wird es erlebbar, das Unfassbare.
Die Autorin stellt sich sehr mutig ihrer Familiengeschichte und öffnet einen Blick in das, was oft verborgen bleibt.
Ein Buch, das ich während des Lesens nicht weglegen wollte, auch wenn es stellenweise verlangt tief durchzuatmen.
Bellis-Perennis
aus Wien
5/5
13.10.2026
eBook (ePUB 3)
Eine klare Leseempfehlung!
„Das Schlimmste ist, dass wir im Kinderzimmer warten müssen, bis der Vater Zeit hat, uns zu schlagen.“
Zunächst hat Barbara Klein, Jahrgang 1954, den Briefen und Dokumenten, die sie im Nachlass der Familie gefunden hat nur wenig Bedeutung beigemessen. Erst als sie reflektiert wie wenige Briefe dieser Fluchtgeschichten erhalten geblieben sind, hat sie realisiert, welchen Schatz sie da gehoben hat. Sie beginnt Geschichte ihrer jüdischen Familie und die damit verbundenen Rätsel zu erkunden.
Denn sie entdeckt im Nachlass ihrer Eltern nicht nur zahlreiche Briefe, sondern auch die Metalltafel ihres Großvaters, des angesehenen Kieferchirurgen Dr. Bruno Klein, dem es gelungen ist, bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Wien zu überleben und im letzten jüdischen Spital Wiens zu arbeiten. Diese „privilegierten Mischehe“ schützt in vor der Deportation. Zahlreiche andere Familien Mitglieder werden in den diversen Vernichtungslagern ermordet.
Rudolf, der Sohn der Familie, also Barbaras Vater, gelingt die Flucht über zahlreiche Stationen in verschiedenen Anhaltelagern des Vichy-Regimes bis in die Schweiz. Ein bis heute Unbekannter hat Rudolfs Namen auf die Liste jener gesetzt, die in die Schweiz einreisen durften. Dort kann er seine musikwissenschaftlichen Studien fortsetzen.
Der Titel „Soweit ist alles in Ordnung“ sagt schon alles aus, denn in den diversen Lagern, in denen sich der geflüchtete Richard Klein in Frankreich befindet, ist so gut wie nichts in Ordnung. Über die Realität kann er allerdings nicht schreiben, da die Post der Zensur unterliegt. Ich wundere mich immer wieder, dass der Postverkehr während des Krieges aufrecht erhalten werden konnte, wie man an diesen erhaltenen Briefen sehen kann.
Gleichzeitig gewinnt sie Erkenntnisse über die Vergangenheit ihrer Eltern, die so manches Ereignis und das lieblose Aufwachsen mit ihren vier Brüdern erklären. Diese Erlebnisse fließen in einem zweiten Erzählstrang in der Ich-Form ein.
"Im Alter hat mein Vater so 25, 30 Seiten über sein Leben geschrieben, über seine Karriere, die Freimaurer, die Musik, und über seinen Stolz auf die vier Kinder und die wunderbare Ehefrau. Alles so happy family. Und nichts davon war wahr. Wir waren eine völlig unhappy family. Das ist einfach die Wahrheit. Diese schwarze Pädagogik hat es ja nicht nur bei uns gegeben. Jeder Krieg hinterlässt Narben und Spuren in den späteren Generationen. Ich wollte die Auswirkungen zeigen. Wir alle leiden darunter, und je mehr geschwiegen wird, desto mehr leiden wir. Auch die, die 'davongekommen' sind."
Barbara Kleins Erzählung ist beeindruckend. Man kann sich die Angst der Kinder vorstellen, wenn sie darauf warten müssen, bis der Vater heimkommt, um sie zu bestrafen. Diese schwarze Pädagogik ist bis heute in so mancher Drohung „Warte bis der Papa heimkommt!“ noch vorhanden. Der Zusammenhang mit dem „Vergehen“ und der Strafe, die Stunden später erfolgt, ist kleinen Kindern unverständlich. Dem Leser eröffnet sich aber der Kontext, wenn gleich nach einer solchen Prügelszene, die Zeit des Vaters auf der Flucht bzw. im Lager beschrieben wird. Dass solche Traumata an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden, ist noch nicht so lange bekannt.
Barbara Klein stellt sich mutig ihrer Familiengeschichte, von der sie erstmals mit 18 Jahren erfährt. Zwar bemerkt sie als Kind, dass sie nicht so beengt wohnen wie andere Kinder, und dass ihr verboten ist, mit Nachbarskindern zu spielen, wundert sich, misst dem aber keine Bedeutung bei.
Wie auch, denn im Schweigen unterscheiden sich die Opferfamilien nicht von den Täterfamilien.
Für dieses Buch hat Barbara Klein ausführliche Recherchereisen nach Treblinka, Theresienstadt und Auschwitz unternommen. Es ist ihr gelungen den Stammbaum, den ihr Vater begonnen hat, anhand der zahlreichen vergilbten Fotos zu ergänzen. Nur wenige Personen bleiben namenlos. Ein Teil dieser Fotos ist in diesem Buch zu sehen.
Fazit:
Gerne gebe ich dieser beeindruckenden Auseinandersetzung mit der eigenen komplexen Familiengeschichte 5 Sterne.
Bewertung
aus Quickborn
3/5
03.10.2026
eBook (ePUB 3)
Das Schlimme überlagert das Schreckliche
Barbara Klein – wie ich Jahrgang 1954 – versucht, die Rätsel ihrer jüdischen Familie zu lösen. Mich hat das Buch interessiert, weil ich erfahren wollte, wie eine Frau meines Alters mit ihren jüdischen Vorfahren, dem Trauma des Holocaust und dem eigenen Erleben umgeht.
Obwohl sie auf viele Quellen stößt und viele Briefe, insbesondere zwischen ihrem Vater und dessen Eltern, erhalten sind, bleibt in mir ein tiefes Gefühl der Traurigkeit, das die Holocaust-Ebene der Geschichte völlig überdeckt. Die Autorin berichtet nicht nur von ihren Großeltern und ihrem Vater, wie sie durch die Hölle der antijüdischen Drangsalierungen gehen mussten, sondern sie berichtet auch über ihre Kindheit und Jugend in Wien. Bisher habe ich meine Kindheit immer als eine normale und frohe Zeit betrachtet, seit ich die Schilderungen von Barbara Klein gelesen habe, weiß ich, wie normal und wie froh mein Leben war. Das Ihre war von Schlägen und Bosheiten gezeichnet, die man sich so nicht vorstellen kann. „Das Schlimmste ist, dass wir im Kinderzimmer warten müssen, bis der Vater Zeit hat, uns zu schlagen.“ Eine Mutter, die dem Vater abends mitteilt, dass die Tochter wegen eines „Vergehens“ körperlich zu züchtigen ist, das grenzt schon an Sadismus. Und ein Vater, der auf das Kind losgeht, als gelte es, das Böse auszutreiben, ist auch nicht besser. Er fügt nur den psychischen noch die physischen Schmerzen hinzu. Kaum ist ein solches Kapitel beendet, liest man von jenem Vater, was er erleben musste bei seiner Emigration, die recht halbherzig begann, aber je länger er in Frankreich bleibt, um so lebensgefährlicher wurde. Ist es ein Trauma, dass ihn Jahre später die eigenen Qualen an sein Kind weitergeben lässt?
Der Vater, Richard, war ein verwöhntes Kind, gefüttert von Mehl- und Süßspeisen, gezüchtet zu einem lieben, musikalischen Wesen, soll er plötzlich Wien verlassen und auf sich selbst gestellt, in die Emigration gehen. Von der Vorliebe für süße Speisen muss er sich recht schnell verabschieden, aber er hat immer eine große Portion Glück, bekommt Geld von Verwandten, auch Kleidung, und Hilfe von der Resistance, als es brenzlich wird in Frankreich. Noch mehr Glück scheint fast unvorstellbar, aber er schafft irgendwann den Grenzübertritt in die Schweiz, dort gerät er in verschiedene Lager, aber er ist gerettet. Die liebevollen Briefe, die vor allem zwischen ihm und seinem Vater hin- und hergehen, zeigen immer wieder die Sorge, den anderen vor der bitteren Wahrheit zu schützen. Wie schlecht es allen wirklich geht, liest man zwischen den Briefen. Trotzdem, Richards Vater überlebt in Wien den Holocaust als Krankenbehandler. Andere Verwandte sind in Brasilien zu Reichtum gekommen, wieder andere im Holocaust ermordet oder verschwunden. Die Autorin kann hier die gesamte Bandbreite des unvorstellbaren Leids zeigen, in der Familie jedoch wird es verschwiegen. Das ist nichts Seltenes, der „blinde Fleck“ ist überall, ob in Berlin, Prag oder Wien, erst die Kinder und Enkel werden ihn vom Schleier der Vergangenheit langsam befreien.
Dass die Autorin ihre Geschichte so detailliert erzählen kann und trotzdem Empathie bewahrt für ihren Vater, auch für ihre Mutter, das grenzt für mich an ein Wunder. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Wunden der Kindheit jemals verheilen können. Man kann den Schmerz zwar unterdrücken, aber er bleibt unter der Oberfläche. Umso mehr ist hoch anzuerkennen, dass die Geschichte der Großeltern und Eltern hier in diesem Buch so authentisch erzählt wird. Ein Zitat möchte ich einfügen, das vielleicht ein wenig zeigt, warum die Autorin viel später doch immer noch Kontakt zu ihrem Vater pflegte: „Hätte mein Vater nicht diese ungeheure Widerstandsfähigkeit entwickelt, die ihn sein Schicksal ertragen ließ, ich wäre nicht geboren worden. […] Widerstandsfähigkeit scheint vererbbar in dieser Familie.“ Der Autorin Barbara Klein kann ich eine hohe Resilienz nicht absprechen, andere, schwächere Menschen wären an dieser Kindheit zerbrochen.
Das letzte Viertel des Buches widmet die Autorin immer mehr den späteren Ereignissen, der langsam in die Demenz abdriftenden Mutter, dem größenwahnsinnigen Bruder Andreas, dem Vater, der erblindet und freiwillig in ein Altersheim zieht, auch, um dort ungestört seine Erinnerungen aufzuschreiben. Es spielen sich schreckliche Szenen ab, insbesondere nach dem Tod des Vaters.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie problematisch es ist, harte Wahrheiten und Urteile über die eigenen Eltern und Geschwister zu schreiben und das Geschriebene, das aus meiner Sicht schon sehr persönlich und intim ist, dann auch zu veröffentlichen. Da fällt es tatsächlich leichter, die vielköpfige Familie zu beschreiben, die der Holocaust ziemlich zerfetzt hat. Zum Ende hin werden aus meiner Sicht aber zu viele Namen genannt, zu viele Einzelschicksale angesprochen, die ursprünglich dichte Familiengeschichte zerfasert zusehends.
Für mich ist soweit noch lange nicht alles in Ordnung. Der Titel des Buches ist sehr trügerisch, auch der Schreibstil war mir zu Beginn sehr fremd. Im Lauf der Erzählung hat sich das geändert, es trat ein gewisser Gewöhnungseffekt ein, aber die Traurigkeit blieb in mir bis zur letzten Seite. Verwundert hat es mich von Zeit zu Zeit, wenn die Ich-Erzählerin plötzlich von sich in der 3. Person schreibt. Wahrscheinlich will sie so einen gewissen inneren Abstand zum Erzählten erreichen, mir gefiel dieser Stilbruch nicht so gut.
Nach der Lektüre muss ich feststellen, dass allein das gleiche Geburtsjahr nicht ausreicht, um sich gut in eine Autorin hineinversetzen zu können.
Fazit: Eine Holocaust-Opfer-und-Überlebende-Geschichte, die sich einreiht in die Erzählungen vieler Kinder und Enkel, die ihre Familiengeschichte aufarbeiten wollen, die aber ein gewisses Alleinstellungsmerkmal aufweist: die furchtbaren Erlebnisse der Autorin als Kind eines traumatisierten Überlebenden.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.