Ende der fünfziger Jahre zieht der sechsjährige Josef mit den Eltern von Köln nach Wuppertal in ein Haus voller Eisenbahnerfamilien. Er ist ein stark introvertierter Einzelgänger, der am liebsten nur Klavier spielen würde. Die Schule in Köln musste er abbrechen, in der neuen Heimat nimmt er einen zweiten Anlauf. Als er Mücke, die Tochter des Gemüsehändlers von gegenüber, kennenlernt, entwickelt sich zwischen den beiden Kindern eine enge Freundschaft, die ihm hilft, seine Hemmungen zu überwinden. Allmählich öffnet er sich auch anderen Menschen, wie etwa den Patres des Kreuzherrenordens, die ihm lautes Vorlesen und Singen beibringen, oder einem Jugendtrainer, der ihn im Langlauf trainiert. Den stärksten Halt aber gibt ihm das Aufschreiben von Geschichten, über Schwebebahnflüge entlang der Wupper, Expeditionen mit skurrilen Tieren im Zoo oder abenteuerlichen Kämpfen mit Jugendbanden in einem nahen Waldgebiet.Berührend intensiv erzählt Hanns-Josef Ortheil vom inneren und äußeren Wiederaufbau im westlichen Nachkriegsdeutschland. "Schwebebahnen" ist die Geschichte eines anfänglich autistischen Jungen, der seine eigenen, von Musik getragenen Fantasiewelten entdeckt. Zugleich ist er das große Panorama einer zutiefst traumatisierten Gesellschaft, in der die Menschen ein stilles und vom zweiten Weltkrieg gezeichnetes Leben führen und angesichts eines wiederum drohenden Krieges noch immer angstvoll agieren.
Kundinnen und Kunden meinen
3.2/5.0
Bewertung
5/5
13.12.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Musik, Italien, Literatur
Der sechsjährige Josef zieht mit seinen Eltern von Köln nach Wuppertal. Er will lieber nicht mit den Nachbarsjungen Fussball kicken, die sind zu laut und zu schnell, im neuen Haus leben nur Eisenbahnerfamilien. Doch gegenüber wohnt Mücke. Ihre Eltern haben ein italienischen Feinkostgeschäft und eigene Sorgen. Die beiden werden unzertrennlich. Musik, Literatur, Stille, Sport, Farben und Ort alles Themen, die man von Hanns-Josef Ortheil kennt, aber immer wieder gerne liest. Ich könnte ewig weiter lesen...So schön!
Juti
aus HD
3/5
18.11.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
bieder *** Ortheil ist einer,…
bieder *** Ortheil ist einer, der Bücher über das Schreiben schreibt. Da denkt man, es müsse ja ein guter Roman dabei herauskommen. Dann habe ich ihn sowohl auf der Buchmesse als auch bei Denis Scheck gesehen, der den Anspruch hat, auf gute Literatur hinzuweisen. Ob dieser Roman das auch ist? *** Ich habe ihn gelesen, teilweise im Zug, weil es für mich mehr wie eine Aneinanderreihung von Kurzgeschichten wirkte. Als dann das Josef ohne seinen Vater mit der Schwebebahn losfuhr, hoffte ich, dass nun eine spannende Geschichte eines einsamen Kindes im neuen Wuppertal beginnt, aber nach der nächsten Überschrift war das Thema gegessen. *** So bleibt die Geschichte eines Heranwachsenden in der Nachkriegszeit mit etwas Schule, viel kindlichem Katholizismus und besonders viel Klaviermusik. Nicht zu vergessen ist die Freundin Mücke, die vorher ihre Schwester verloren hat. Ein kritischer Moment im doch eher biederen Heile- Welt Epos. *** Ein Buch, das schnell zu lesen ist, aber außer für Ortheil-Fans wegen seiner autobiografischen Bezüge keinen bleibenden Nachklang hinterlässt. 3 Sterne ***
Buchbesprechung
aus Bad Kissingen
3/5
16.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Nichts Neues von Ortheil?
REZENSION - Neues von Hanns-Josef Ortheil? Eigentlich eher nicht. Mit seinem neuen Roman "Schwebebahnen", im September beim Luchterhand Verlag erschienen, füllt er lediglich in bekanntem, durchaus auch bewährtem Stil mit Blick auf Details eine weitere Lücke in der Reihe seiner autobiografischen Romane, diesmal eine Episode aus dem Leben des siebenjährigen autistischen Jungen, der sich nach dem Umzug von Köln nach Wuppertal in seiner neuen Umgebung und seiner neuen Grundschule eingewöhnen muss. Es gibt weitaus bessere bzw. interessantere Romane von Ortheil. Und wer seine Bände "Die Erfindung des Lebens" (2009) und "Der Stift und das Papier" (2015) kennt, weiß über die schwierigen Kinderjahre Ortheils, seine Passion fürs Klavierspielen und seine frühe Liebe zum Schreiben von Geschichten bestens Bescheid. Insofern ist in "Schwebebahnen" die Handlung zwar eine andere, die Kernaussagen aber sind Ortheil-Kennern bereits bekannt. Insofern also nichts Neues. Wer Ortheil liebt, wird am neuen Roman Gefallen finden - oder sich vielleicht auch schon langweilen. Alle anderen dürfte dieser autobiografische Roman kaum besonders ansprechen. Wie gesagt: Es gab schon bessere Bücher dieses Autors - wie u.a. "Die Mittelmeerreise. Roman eines Heranwachsenden" (2018) oder "Der von den Löwen träumte" (2019).
Bories vom Berg
aus München
2/5
23.03.2026
eBook (ePUB)
Stilistisch schwebend mit banalem Plot
Wie auch in vielen seiner anderen Romane geht es in «Schwebebahnen» von Hanns-Josef Ortheil um Episoden aus seinem Leben. Zu diesem neuen Roman hat er angemerkt: «Ich habe von 1957 bis 1962/1963 in Wuppertal gelebt, und das Seltsame ist, dass ich danach immer wieder von Wuppertal geträumt habe. Und zwar von den Schwebebahn-Fahrten». Der aus Köln kommende sechsjährige Josef hat äußerste Schwierigkeiten, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Sein Vater ist Eisenbahner und hat in Wuppertal eine Wohnung in einem Haus voller Eisenbahner-Familien bezogen. Josef musste in Köln die Schule abbrechen, er ist ein introvertierter Einzelgänger, der sich fast nur für Musik interessiert.
In dieser autofiktionalen Coming-of-Age-Geschichte werden für einen Zeitraum von etwas mehr als fünf Jahren Josefs Erlebnisse in neuer Umgebung und mit neuen Mitmenschen geschildert, an die er sich nun langsam gewöhnen muss. Das gilt insbesondere auch für die neuen Mitschüler, denn er «lebt, denkt und fühlt anders als andere Kinder», er wurde deshalb in Köln auch immer wieder gehänselt. Die neue Rektorin nimmt sich seiner besonders intensiv an, sie wurde durch einen Brief der Kölner Schule vorinformiert und will ihm möglichst helfen. Gleich am ersten Tag in der neuen Wohnung hat er ein Mädchen im Haus gegenüber gesehen, das ihm gewunken hat. Es ist Rosa, die Tochter des Gemüsehändlers mit italienischen Wurzeln, die klug ist und voller Temperament. Sie will «Mücke» genannt werden, weil sie Rosa schrecklich findet, und sie selbst nennt Josef schon bald nur noch «Giuseppe». Die Beiden freunden sich schnell an und werden bald unzertrennlich. Furchtlos geht sie mit ihm in den Wald, sie hat keine Angst vor den feindlichen Jugendbanden, die dort herumstrolchen, und sie zeigt ihm auch ihre versteckte Höhle, in der sie Engelsfiguren aufgestellt hat, die sie manchmal sogar mit Kerzen beleuchtet.
Mücke symbolisiert im Roman das Gegenbild zu einer herzlosen Leistungs-Gesellschaft mit hohem Erwartungsdruck, die nur durch Anpassung zu funktionieren scheint und in der hartnäckiges Verschweigen zum Prinzip geworden ist. Die titelgebende Schwebebahn wiederum, das kuriose städtische Wahrzeichen Wuppertals, fungiert hier als poetisches Symbol für das Leichte, Schwebende, für das, was möglich bleibt in der schwer gewordenen Realität des Nachkriegs-Lebens, in dem die unheilvolle Vergangenheit ständig durchschimmert. Die Eltern von Josef haben vier Kinder verloren, all ihre Hoffung richtet sich nun auf ihn. Aber es ist nun mal die Musik, in die er sich flüchtet mit seinem Klavierspiel, das ihm alles bedeutet. Bei dem er so wunderbar improvisieren kann, statt sich der eisernen Disziplin des Lehrbuchs zu unterwerfen, - es ist sein Fluchtweg aus dem allgemeinen, eisernen Schweigen heraus. Im Roman ist die Nachkriegs-Gesellschaft mit ihren Erwartungen, «etwas aus sich zu machen», als diffuse Autorität und permanente Aufforderung im Hintergrund ständig erkennbar.
Der Autor hat keinen klassischen Entwicklungsroman im Sinn gehabt, ihm ging es mit dem Aneinanderreihen von Episoden vielmehr um das Nachklingen einer Kindheit, die immer noch fortwirkt und nicht abgeschlossen ist. Erzählt wird «doppelgleisig», einerseits aus der kindlichen Innen-Perspektive von Josef, andererseits aus einer distanzierten Außenperspektive. Dabei wird dann fleißig sinniert oder räsoniert, - es wird also nichts erklärt oder gar analysiert, sondern nur gezeigt. Man wird als Leser nicht alles verstehen können, aber doch auch manches wieder erkennen aus eigenem Erleben. Im autobiografischen Œuvre des Vielschreibers Hanns-Josef Ortheil ist dieser Roman nichts Neues, er ist allenfalls eine Ergänzung zu bereits Erzähltem. Die Kernaussagen wiederholen sich hier nämlich, wobei das Narrativ kaum variiert wird, was eifrige Stammleser dieses Autors wohl nicht stören, manche hingegen aber durchaus enttäuschen dürfte. Was den Stil anbelangt, so ist das Leichte, Schwebende, an Musik Erinnernde als Markenzeichen des Autors die Lektüre allemal wert, der Plot als solcher aber enttäuscht leider als deutlich zu banal.
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