Was bleibt von einem Leben? Die internationale Bestsellerautorin Emma Cline über einen Mann auf seiner letzten Reise – aufwühlend, fesselnd und tröstlichIrgendwann im nächsten Jahr wird sein Verstand ihn vollständig im Stich lassen, so die Prognose – und schon jetzt besteht die Welt für David zunehmend aus Rätseln. Was er weiß: Cody, der auf dem Sitz neben ihm schläft, begleitet ihn auf einer Reise. Ein Zwischenstopp in London. Ein Abendessen mit seiner erwachsenen Tochter. Das Ziel: die Schweiz. Während die Gegenwart sich auflöst, drängt die Vergangenheit heran: die Sonntagsbraten der Kindheit. Die steifen Kleider, die David für die Kirche trug. Die Sommer im Haus seines Freundes Tom. Emma Clines neuer Roman ist ein psychologisches Meisterstück, mal komisch, mal berührend und immer fesselnd. Eine eindringliche Geschichte über die Frage, was von einem Menschen bleibt, wenn all das, was ihn ausmacht, zu verschwinden beginnt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
Literaturhexle
aus Baden-Württemberg
5/5
12.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Abschiedsreise
Dies ist mein dritter Roman von Emma Cline und ich bewundere die Autorin dafür, dass sie in der Lage ist, völlig unterschiedliche Themen lebensnah und ihren Figuren zugewandt zu bearbeiten. Die Autorin schreibt außergewöhnlich empathisch und versetzt sich tief in die Psyche der Protagonisten hinein, um sie zu durchdringen. Ich habe mich zwangsläufig jahrelang mit demenziellen Erkrankungen beschäftigen müssen: großartig, wie realistisch Cline das Wesen der fortschreitenden Demenz in diesem Buch einfängt und erfahrbar macht!
Im Mittelpunkt steht der ca. 75-jährige David Hastings, einst erfolgreicher, durchsetzungsstarker Geschäftsmann, den die ärztliche Demenz-Diagnose in den Ruhestand versetzt hat. Seine Prognose ist beängstigend: innerhalb der nächsten Monate soll die Krankheit so stark voranschreiten, dass ihm ein selbstbestimmtes Leben mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr möglich sein wird. David möchte nicht hilflos auf dauerhafte Hilfe angewiesen sein und entscheidet sich für Sterbehilfe in der Schweiz. Wir lernen ihn auf dem Weg dorthin in einem Privatjet kennen.
Der Roman wird strikt aus personaler Erzählperspektive erzählt, so dass man eine konsequente Innenschau Davids erhält, seine Verwirrung und Orientierungslosigkeit spürt sowie seinen sprunghaften, teilweise verschwommenen Erinnerungen folgt, die ihn unvermittelt aus der Gegenwart hinaus in die Vergangenheit komplementieren können. Man erlebt das Geschehen hautnah, ebenso wie Davids Überforderungen, irrationale Verdächtigungen und Ängste. Eine faszinierende, authentische, aber auch erschreckende Leseerfahrung!
Assistiert wird David von Cody, einem jungen Angestellten, der umfassende persönliche Vollmachten besitzt. Er hat die Reise bis ins Detail geplant sowie die entsprechenden Vereinbarungen geschlossen. Cody kümmert sich professionell, aber auch menschlich um seinen Schützling. Er versucht Missverständnisse frühzeitig zu erkennen und Konflikte zu entschärfen - möglichst ohne David bloßzustellen oder zu verärgern, was oft einem Drahtseiltakt gleichkommt und großes psychologisches Geschick erfordert. Nicht umsonst wird Cody in den Gedanken des alten Mannes „der Junge“ genannt, was in meinen Augen eine väterliche Konnotation enthält.
Die äußere Handlung umfasst die Reise von New York nach Zürich. Ein Zwischenstopp wird in London eingelegt, wo David seine Tochter Rebecca noch einmal treffen will Die beiden haben sich über die Jahre entfremdet, seinen Enkel kennt David so gut wie gar nicht. Die Gründe für das familiäre Auseinanderdriften sind David nur noch rudimentär in Erinnerung. Krampfhaft ist er bemüht, seinen wahren gesundheitlichen Zustand vor Rebecca zu verbergen, denn außer Cody darf niemand etwas von den Suizidplänen erfahren. Ein weiterer emotionaler Abschied steht David bei seiner Begegnung mit Jugendfreund Tom bevor. Diese Freundschaft prägte sein Leben, gerade weil sie einst ein tragisches Ende nahm, an dem David nicht schuldlos ist.
Ich habe selten ein Buch gelesen, das mich so nah an den Hauptcharakter herangeführt hat. Dem Thema angemessen schreibt Cline nüchtern, klar und schnörkellos. Trotzdem besitzen ihre Sätze Kraft und poetische Schwingung, die die Verletzlichkeit Davids darlegen, dem Larmoyanz völlig fremd ist. Der Handlung wohnt eine latente Melancholie inne, die nie ins Kitschige oder gar Lächerliche abdriftet. Damit unterscheidet sich der Roman wohltuend von Gesellschaftskomödien, die die von Demenz Betroffenen nur um der Lacher Willen brutal bloßstellen.
„In die Schweiz“ bleibt ehrlich und realistisch, der Roman zeigt Davids schwindendes Bewusstsein auf eindrückliche Weise auf. Es ist ein Buch, das man nicht vergisst und das zurecht auf der Shortlist des Booker Prize 2026 steht.
Für mich ein Highlight des Jahres, dem ich viele begeisterte Leser wünsche.
Bewertung
aus Drensteinfurt
5/5
11.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
immer wieder geht es um die Würde
was für ein geniales Buch rundum von Emma Cline. Der Titel die Schweiz, in die Schweiz wegen des löchrigen Käses? Nur der dort statt findende begleitende Weggang? Die Fragen in jede Seite mit Antworten mitgenommen, vielleicht auch das Buchcover ist farbdurchlässig schön. Immer mit dem Gedanken was bleibt von einem Leben? Zu gehen in Würde war nicht möglich nicht in Kalifornien nicht in vielen anderen Ländern, keine Chance , nicht für ein arme Leute Gehirn. Was macht das mit David was macht die immer weniger werdende Gehirnleistung mit seinesgleichen, beeindruckend formuliert zeitnah des weniger Werdens geschildert. Es trifft es immer wieder wenn David zugleich hier ist und aber auch nicht hier ist. Es trifft ihn der Sog wissend und doch eine andere Sprache, jenseits von Schmerz und Unbehagen. Hier am Ende war es doch nicht mehr wichtig gewesen sich anzustrengen. Woher hat Emma Cline soviel Wort Empathie und beende mit dem Zitat. kein anderer Gott auf Erden als Menschen Liebe.
Bewertung
5/5
29.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
berührend
Die Geschichte von David Hastings wird aus seiner Perspektive fragmentarisch erzählt. Er leidet unter Demenz und so sind seine Gedanken ebenfalls sprunghaft. Die Vergangenheit wird mit der Gegenwart und stellenweise mit der Zukunft vermischt. Zu Beginn fiel es mir schwer, seinem Innenleben zu folgen, aber mit dem Voranschreiten des Buches konnte ich mich besser darauf einlassen. Seine Gedanken sind roh und es wird das Gefühl vermittelt, als würde man tatsächlich in seinen Kopf schauen. Er als Figur hat seine Ecken und Kanten sowie die anderen Figuren ebenso, weswegen sie authentisch wirken und nicht stumpf. Der Fortlauf seiner Krankheit ist mitzuerleben und es ist spannend, welche Mechanismen er entwickelte, um nicht allzu auffällig zu erscheinen.
Der Schreibstil ist präzise und angenehm zu lesen. Die Autorin schafft es recht bildliche Atmosphären zu kreieren.
Ein empfehlenswertes Buch!
Bewertung
5/5
28.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Berührend
Ich bin wirklich beeindruckt: "In die Schweiz" hat mich tief berührt, nachdenklich und traurig gemacht, stellenweise aber auch zum Schmunzeln gebracht.
Das Schicksal des demenzkranken Davids, ist tragisch und betrifft so viele Menschen auf dieser Welt, sodass es meiner Meinung nach sehr wertvoll ist, zu versuchen die Erkrankten zu verstehen. Die Autorin schafft es, den Leser/die Leserin in die Situation Davids hineinfühlen zu lassen. Ich konnte seine Verzweiflung, Ratosigkeit und Ergebenheit spüren. Das Fortschreiten seiner Erkrankung lässt sich von Seite zu Seite verfolgen und es ist unheimlich bewegend aus Leserperspektive den Überblick zu bewahren, während sein Erinnerungsvermögen ihn nach und nach immer mehr im Stich lässt.
Emma Cline ist mit ihrem Roman eine ebenso traurige wie wunderschöne Verbindung zu den Betroffenen gelungen.
Debora_K
5/5
27.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Mal was Neues
Das Cover ist schön dezent und drückt direkt aus, was der Inhalt ist: Die Auflösung des eigenen Seins. Und dabei muss es noch nicht einmal um Demenz, wie der Hauptteil in diesem Buch, gehen.
Immer wieder wurden kurz und prägnant Gedanken über die Welt und das eigene Sein gestellt, bei denen ich mich irgendwie wiedergefunden habe, selbst als junger Leser.
Das Buch ist eins meiner ersten „literarischen“ Bücher, deshalb hab ich noch nicht wirklich viele Vergleiche, aber das Buch hat irgendwie genau das hingekriegt, was ich von Literatur erwarte: Zum Nachdenken anregen und sich wiederfinden, ohne das es langweilig oder zu kompliziert wird.
Den Schreibstil finde ich ebenfalls ganz interessant. Man befindet sich wirklich im Kopf des Mannes und kann dadurch wirklich sehr gut seine Verwirrung mitverfolgen, ohne das Gefühl zu haben, ihn bevormunden zu müssen. Auch das wörtliche Rede nicht in Anführungszeichen gesetzt wurde, war für mich neu, ist aber ein Stilmittel was hier äußerst Sinn macht.
Ich habe nur gutes über Emma Clines Bücher gehört, also muss ich jetzt wohl mehr von ihr lesen
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