Tamara, bei Licht betrachtet
Roman | Können wir uns je von der Mutter lösen, um in die eigene Rolle zu finden? | Unterhaltung mit Tiefgang und hohem Identifikationspotenzial
Wenn die Mutter geht, kommt das eigene Leben auf den Prüfstand
Marie hat sich mit ihrem Mann und ihrer Tochter ein Stück Heimat erschaffen. Der selbstgewählte Tod Tamaras bringt jedoch alles ins Wanken. Schon früh war Maries Mutter vor allem abwesend. Die Künstlerin zog es nach Berlin, wo sie schließlich blieb - weit weg von der Familie im Ruhrgebiet. Nun ist es für Marie an der Zeit, den Entscheidungen ihrer Mutter auf den Grund zu gehen, um in ihrer eigenen Mutterrolle anzukommen. Sie reist von der Lausitz nach Berlin und Gelsenkirchen, und stellt fest, dass sie mehr mit Tamara gemein hat, als ihr lieb ist. Ein aufwühlender Roman über eine Frau, die sich aufmacht, um zu verstehen und ihrem eigenen Dasein als Mutter die entscheidende Wende zu geben. Sarah Meyer-Dietrich erzählt eine Geschichte voller Tiefgang, mit hohem Identifikationspotenzial und einem hoffnungsvollem Ausblick.
»Ein einfühlsamer Roman über die Bedeutung von Familie und Herkunft.« ARD, Westart
Kundinnen und Kunden meinen
4.8/5.0
Bewertung
Thalia Book Circle Community
5/5
30.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Riss ist spürbar
Triggerwarnung: Das Buch behandelt Suizid, den Verlust der Mutter und andere belastende Themen. Bitte schaut beim Lesen gut auf euch.
Wow, was für ein gewaltiges Buch!
Mit „Tamara, bei Licht betrachtet“ ist Sarah Meyer-Dietrich ein wirklich imposanter Roman gelungen. Die Themen reichen vom Strukturwandel und Bergbau im Ruhrgebiet über den Mauerfall, Mutterschaft, Herkunft und Trauer bis hin zu Zerrissenheit und Selbstverlust.
Marie lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter Paula ein ruhiges Familienleben. Als sich ihre Mutter Tamara das Leben nimmt, wird Marie mit einer Vergangenheit konfrontiert, der sie sich eigentlich nicht stellen wollte.
Der Liebe wegen zieht Tamara zu Peter nach Gelsenkirchen, wo die beiden mit ihrer Tochter Marie in einer Zechensiedlung leben. Peter ist Kumpel, wie schon sein Vater vor ihm. Tamara dagegen ist Künstlerin und hält es dort kaum aus. Immer wieder fliegt sie für Tage oder längere Zeit nach Berlin.
Tamara verschwindet immer häufiger und immer länger nach Berlin. Marie hat entsetzliche Angst, dass auch ihrem Vater unter Tage etwas passiert und er nicht mehr zu ihr zurückkommt. Dass auch er sie alleine lässt. Gleichzeitig schließt im Ruhrgebiet eine Zeche nach der anderen.
Der Mauerfall wird schließlich zum Wendepunkt. Für Tamara als Künstlerin bedeutet er unglaublich viel, für die Familie ist er der endgültige Riss. Tamara kommt nicht mehr zurück. Wie so viele Kinder glaubt Marie, dass sie schuld daran ist, und hat ihr Leben lang das Gefühl, von ihrer Mutter verlassen worden zu sein.
Nach Tamaras Tod ist Marie, wie schon ihr ganzes Leben lang, hin- und hergerissen zwischen Trauer, Wut und Sehnsucht. Sie macht sich auf die Suche nach Antworten und will verstehen, wer ihre Mutter wirklich war. Dabei hinterfragt sie auch ihre eigene Rolle als Mutter und entdeckt Seiten an sich, die sie stark an Tamara erinnern.
Die Beziehung zwischen Tamara und Marie ist unglaublich schwierig. Tamara entscheidet sich für ihre Freiheit, Marie sehnt sich nach ihrer Mama, nach Bindung und Nähe. Als sie erwachsen ist und zu ihr nach Berlin zieht, hat sie große Hoffnung. Doch auch dort bleibt diese Nähe aus.
Man merkt immer wieder, wie gehemmt Marie ist, bei ihrer Mama genauso wie bei ihrem Papa. Sie hat so viele Wünsche und Bedürfnisse, die sie ganz intensiv spürt, ist zu diesem Zeitpunkt aber nicht in der Lage, sie zu äußern. Unter den Folgen dessen, was unausgesprochen bleibt, leidet sie noch lange.
Tamara ist mit ganzem Herzen Künstlerin. Für sie ist Gelsenkirchen zu klein. Sie braucht das Gefühl, am Puls der Zeit zu sein. Gerade während und nach dem Mauerfall, als sich Berlin so sehr verändert, ist ihr Drang nach Freiheit nicht mehr aufzuhalten. Familie, Partnerschaft und Mutterschaft sind für sie eine solche Beschneidung ihres Freigeistes, dass sie sich mit der Zeit einfach für sich selbst entscheidet.
Sehr interessant fand ich Maries kindlichen Gedanken, dass den Kumpeln unter Tage nichts passiert, solange sie die Klötzchen aufeinanderstapelt und der Turm nicht umfällt. Solche Gedanken kenne ich von mir selbst aus meiner Kindheit, mit so etwas Kleinem alles unter Kontrolle halten zu wollen.
Ein Lichtblick in Maries Leben sind Fatih und Thilo, die mit ihrer Tochter Ela in Berlin neben Tamara wohnen. Bei ihnen erlebt Marie, wie Familie im besten Sinne sein kann. Sie fühlt sich bei ihnen angenommen und geborgen und kann mit ihnen über alles reden. Auch da ist ganz klar spürbar, wie sehr sie sich gewünscht hätte, dass Tamara sich um sie bemüht und um ihre Liebe, um eine Beziehung und Bindung kämpft.
Und dann ist da noch Maries Papa. Er tut sich schwer, über Gefühle zu sprechen, aber er ist immer da. Jahrelang war Marie verletzt und gekränkt. Erst nach langer Zeit erkennt sie, dass eigentlich er es war, der sie nie im Stich gelassen hat und ihr immer wieder mit offenen Armen begegnet ist.
Die Beziehung von Paula zu ihrer Oma hat mich wahnsinnig berührt. Die beiden haben sich sehr gut verstanden und Paula war die Leidtragende der schwierigen Beziehung zwischen Tamara und Marie. Marie wollte nämlich nie, dass Paula überhaupt Zeit mit Tamara verbringt.
Der Roman zeigt, wie sehr uns unsere Eltern prägen und wie leicht man sich selbst verlieren kann, wenn man ein Leben lang auf Liebe, Nähe und Bindung wartet. Das Ende trägt eine wichtige Botschaft. Da meine Mama selbst erst vor einem halben Jahr gestorben ist und auch unsere Beziehung nicht gerade leicht war, hat mich das Buch zutiefst berührt.
Ich kann euch dieses Buch von Herzen empfehlen, vor allem wenn ihr euch gerne mit schwierigen Mutter-Tochter-Beziehungen befasst.
Vielen herzlichen Dank an HarperCollins für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt davon wie immer unbeeinflusst.
Bewertung
5/5
26.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Starke Mutter- Tochter Belichtung
„Tamara ist tot.“
Damit beginnt der Roman legt die Grundfarbe des Romanes für mich fest, ein Grau.
Kein leuchtendes Gelb, wie der Umschlag, mit Raffinesse gestaltet ein Durchschauen aus dem Schutzumschlag darauf.
Vielleicht hätte Tamara so hell geleuchtet, wenn sie die Möglichkeit gehabt hätte. Als Künstlerin, Freiheitsliebende, jemand, der einen Neuanfang gewagt hat, obwohl es ein Risiko barg.
Aber Tamara verliebte sich, bekam ein Kind, wusste nicht wie sie beides verbinden konnte, wusste nicht, was eine Mutterrolle ist und wie sie diese leben kann.
Und so flüchtete sie immer wieder aus dieser Rolle, aus dieser Verantwortung und aus dem grauen Ruhrgebiet.
Wir können ihre Gründe jedoch nur erahnen, wir lesen aus der Perspektive der Tochter, erleben hautnah mit, wie es sich anfühlt, wenn die Mutter mal wieder die Koffer packt und den Rest der kleinen Familie zurücklässt. Wie Geburtstage und viele andere Tage ohne die Mutter verbracht werden.
Wir erleben das Erwachsen werden der Tochter, das fehlende Licht der Mutter, die Stille und das Schweigen zwischen den Beiden.
„Und du?,will ich fragen. Warum malst du jetzt nur noch schwarz? Aber da ist die Angst, es könnte ein Schatten in Tamaras Augen kriechen, sie könnte sich ans Fenster stellen und stumm hinausstarren.“ Auf diese Häuser ohne Gärten. Also sitze ich bloß da und kaue auf einem Stück Fladenbrot herum.
Es liest sich nicht leicht, die Hoffnung auf eine bessere Beziehung zum Vater zerbricht an dessen eigenen Problemen, der Aussicht auf die Schließung der Zechen und damit dem Ende seiner Tätigkeit.
Und auch ein Neustart mit einer eigenen Familie kann die Vergangenheit nicht übermalen.
„Wir werden noch genug Zeit zusammen verbringen,“sagt Tamara. „ Aber deine innere Leere, die musst du schon selbst füllen.“ - solche Sätze prägen, lassen die Prota in vielen Situationen falsch reagieren,Störungen entwickeln.
Wir erleben in diesem Roman das Innenleben einer Frau, den Strukturwandel in Kohle-Abbau-Gebieten, spannend! Nur für mich ein kleinen Tick zu grau.
Das Ende, das leuchtet in einem hoffnungsvollen sanften gelb.
Jürg K.
5/5
17.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eindrückliche Lebensgeschichte, wertvoll
Marie hat sich mit ihrem Mann und ihrer Tochter ein Stück Heimat erschaffen. Der selbst gewählte Tod Tamaras bringt jedoch alles ins Wanken. Mich hat dieses Buch tief getroffen und lange begleitet. Marie ist für mich eine so glaubwürdige, verletzliche Protagonistin, dass ich ihr beim Suchen nach Halt regelrecht über die Schulter schauen wollte. Der selbstgewählte Tod Tamaras wirkt wie ein scharfer Schnitt, der Maries bisheriges Leben offenlegt und sie zwingt, Fragen zu stellen, die sie lange vermieden hat. Die Reisen von der Lausitz nach Berlin und Gelsenkirchen sind mehr als Ortswechsel. Sie sind innere Expeditionen, in denen Erinnerungen, Wut und zarte Erkenntnisse miteinander ringen. Besonders berührt hat mich, wie das Buch zeigt, dass Mutter sein nicht automatisch mit Verstehen einhergeht und dass Nähe oft erst durch Konfrontation möglich wird. Sprachlich fein, mit Szenen, die still bleiben und doch laut nachhallen, schafft Sarah Meyer-Dietrich eine Atmosphäre zwischen Melancholie und Hoffnung. Insgesamt ein aufwühlender, ehrlicher Roman über Verlust, Identität und die schwierige Kunst, sich selbst und die eigene Herkunft zu vergeben.
Eva
5/5
23.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Schicht um Schicht die Leere abtragen
Tamara nimmt sich das Leben. Ihre Tochter Marie kann nicht weinen. Sie hatte Tamara schon vorher verloren. Die Mutter war immer abwesend, anwesend war nur die Leerstelle, gefüllt mit Schmerz, Wut, Schweigen. Die Künstlerin Tamara ging nach Berlin, raus aus der Enge des Ruhrgebiets, dorthin, wo sie sich selbst neu erfinden konnte.
Marie lebt mit Simon und Tochter Paula in der Lausitz, doch das Heim zeigt Risse. Die Verletzungen wirken fort, das Schweigen droht das Vertrauen der eigenen Tochter zu zersetzen.
Um zu verstehen und sich selbst und ihrer Tochter eine Zukunft zu ermöglichen, begibt sich Paula auf eine Reise in die Vergangenheit, nach Gelsenkirchen und Berlin, zu den Menschen, die sie einst selbst ohne Erklärung zurückließ.
Leise nähert sich Marie der Frau, die ihre Mutter war, beginnt, ihre Kunst mit anderen Augen zu betrachten. Langsam entsteht das Bild einer Frau, die die eigene Herkunft mit Acrylfarbe übermalte und selbst so viele Verletzungen in sich trug, dass sie auf die Bedürfnisse ihres Kindes nicht eingehen konnte.
Sarah Meyer-Dietrich schreibt mit feinem Gespür für die Zustände der Seele, spiegelt sie in der Farbsymbolik der Kunst.
Das Licht begleitet, verändert seinen Charakter, wird Lebenselexier. Für den Vater, den Bergmann unter Tage, für Marie, die sich nach einem lichtdurchfluteten Ort zum Ankommen sehnt.
Gerade ihre Brüche sind es, die die Figuren so glaubhaft werden lassen. Es ist fast unmöglich sich dem Sog ihrer wunderbar unlogischen, hoffnungs- und sehnsuchtsvollen Menschlichkeit zu entziehen.
Mit kraftvollen Bildern erzählt Sarah Meyer-Dietrich von gesellschaftlichen Prägungen, der Wirkung politischer Systeme im Privaten, Lebensumständen und Traumata, der Suche nach Freiheit und dem unbedingten Willen zur Heilung.
Tamara, bei Licht betrachtet ist hochkarätige Unterhaltungsliteratur, die tief in zwischenmenschliche Beziehungen eintaucht. Der Roman erzählt von Müttern und Töchtern, der heilenden Kraft der Kunst und nähert sich Schicht um Schicht der Antwort auf die Frage, wie wir werden, wer wir sind.
Bewertung
4/5
29.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wenn die eigene Kindheit bis ins Muttersein nachwirkt
Eine sehr intensive Geschichte über eine komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung, Selbstverwirklichung und die Frage, was unsere Kindheit mit uns macht.
Als Maries Mutter Tamara sich das Leben nimmt, muss Marie sich nicht nur mit ihrem Verlust, sondern auch mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen. Tamara war als Mutter oft abwesend, zog es immer wieder nach Berlin, wo sie als Künstlerin leben wollte, und ließ ihre Familie im Ruhrgebiet zurück.
Für die kleine Marie muss es unglaublich schmerzhaft gewesen sein, nicht zu wissen, wann ihre Mutter wiederkommt und warum sie immer wieder geht. Dass sie sich als Kind fragt, ob sie selbst daran schuld ist, hat mir beim Lesen besonders wehgetan. Die kleine Marie hätte ich definitiv gern öfter in den Arm genommen.
Tamaras Wunsch nach Selbstverwirklichung konnte ich durchaus nachvollziehen. Sie wollte ihr eigenes Leben führen und ihren Traum als Künstlerin verwirklichen. Aber die Art, wie sie das tut und ihre Tochter dabei immer wieder zurücklässt, fand ich sehr schwer auszuhalten.
Umso schmerzhafter ist es für Marie, zu erleben, wie liebevoll Tamara später mit ihrer Enkelin Paula umgeht. Warum konnte sie ihrer eigenen Tochter nicht dieselbe Zuneigung entgegenbringen? Gleichzeitig ist Marie selbst Mutter und muss sich fragen, wie sie es eigentlich besser machen soll, wenn ihr die eigene Mutter vieles davon nie vorgelebt hat. Auch sie macht Fehler, und gerade diese Verbindung zwischen Maries Kindheit und ihrem eigenen Muttersein fand ich spannend.
Doch nicht nur die Beziehung zu Tamara ist kompliziert. Auch Maries Vater, der zwar immer da war, aber selbst mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat, spielt dabei eine Rolle. Nach und nach setzt Marie sich mit ihrer Familiengeschichte auseinander und versucht zu verstehen, was sie bis heute prägt.
Der Schreibstil ist feinfühlig und angenehm zu lesen. Ich habe die Geschichte auch sehr gern gehört. Sie ist ruhig erzählt, dabei aber emotional und tiefgründig.
Ich kann mir gut vorstellen, dass sie Menschen, die Ähnliches erlebt haben, noch einmal ganz anders berührt und einiges in ihnen anstößt.
Von mir gibt es eine Lese- und Hörempfehlung!
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