Ulrich Woelk führt seine Heldin durch eine Phase existenzieller Umbrüche und erzählt mit literarischer Eleganz vom Wandel der Werte und der Suche nach Nähe. Sein Roman ist das überzeugende Portrait einer Generation, die fühlt, wie ihre Distanz zur Gegenwart wächst, und ein Gesellschaftsroman, der die aufgeheizte Realität seiner Zeit widerspiegelt - klug und feinfühlig.
Ruth, Professorin für Philosophie an der Humboldt-Universität, lebt in Berlin-Moabit. Ihre Ehe mit Ben ist Vergangenheit, die Beziehung zu seiner Tochter ist zerbrechlich und doch voller Nähe. Ihre Studentinnen und Studenten scheinen von Jahr zu Jahr jünger zu werden, der wachsende Abstand zu ihnen beunruhigt Ruth ebenso wie die Spaltung der Gesellschaft. Dann tun sich auch im Privaten, der sicher geglaubten Vergangenheit, Risse auf: Der Tod ihres Vaters konfrontiert Ruth mit einem Familiengeheimnis, das ihre Identität erschüttert. Mit feinem Gespür und großer Empathie zeichnet Woelk das Porträt einer Frau, die sich den Fragen ihrer Zeit stellt. Hellere Tage ist ein kluger, berührender Gesellschaftsroman über Generationen, Identität und den Wunsch, uns zugehörig zu fühlen - ein literarischer Spiegel unserer Gegenwart.
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Boockpicker
Orell Füssli Book Circle Community
5/5
22.04.2026
eBook (ePUB)
«Die Wärme im Wagen ist künstlich, aber ausreichend»
Ruth, nicht mehr jung und noch nicht alt, ist ins Schleudern geraten. Ben hat sie für eine jüngere verlassen, ihre Stieftochter Jenny ist in einer schwierigen Experimentierphase und nicht gut auf sie zu sprechen, und als Professorin für Ethik wird sie zurückgestuft wegen eines lange zurückliegenden Vorfalls. Als sie nach dem Tod ihres Vaters die Wohnung räumt, entdeckt sie Briefe, die ihr Bild von ihren Eltern abrupt in Frage stellt. Wer waren die beiden, wie haben sie das gelebt, und wie ist sie als einzige Tochter daraus hervorgegangen? Hin- und hergeworfen versucht sie mitten in den gesellschaftlichen Umbrüchen in ihrem durcheinandergeratenen Leben Orientierung und menschliche Nähe zu finden, ihre Tochter Jenny nicht auch noch zu verlieren.
Eine spannende Heldinnengeschichte, die berührt und trotzdem leicht zu lesen ist, sehr empfehlenswert.
«Liebes, sagte ihre Mutter, … ohne Geheimnisse kommst Du nicht durchs Leben»! (66)
«Man schaut hin und schaut hin und weiss, dass das, wonach man sucht, offen zutage liegt, und doch sieht man es nicht. Sie ist der traurige Smiley. Und sie will so unsichtbar werden, wie es nur zwischen den Millionen von Gesichtern in einer Grossstadt möglich ist. Die Wärme im Wagen ist künstlich, aber ausreichend». (186)
Bewertung
4/5
29.05.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Gesellschaftsroman unserer Gegenwart
„Hellere Tage“ von Ulrich Wölk ist ein Gesellschaftsroman unserer Zeit, der viele aktuelle Themen aufgreift und sie in die Lebensrealität seiner Figuren einbettet. Themen wie politischer Extremismus, sexuelle Orientierung, Umwelt- und Klimaschutz fließen in die Handlung ein ohne dass der Roman dabei belehrend wirkt. Stattdessen entsteht beinahe eine Chronik unserer Gegenwart, die zeigt, welche Fragen und Konflikte unsere Gesellschaft derzeit beschäftigen.
Im Mittelpunkt des Romans steht die Ethikprofessorin Ruth, Mitte fünfzig, die sich nach der Affäre ihres Mannes Ben plötzlich neu orientieren muss. Sie sucht nach Nähe, Liebe und Sexualität, streitet gleichzeitig mit ihrem Ex um eine Immobilie und versucht weiterhin eine enge Beziehung zu ihrer Stieftochter Jenny aufrechtzuerhalten. Parallel dazu wird sie von ihrer Vergangenheit eingeholt. Vor Jahren war sie an einem linksextremistischen Anschlag auf einen Strommast beteiligt, was berufliche Konsequenzen für sie hatte. Hinzu kommen der Tod ihres Vaters und ein Geheimnis, das dieser ihr zeitlebens verschwiegen hat. Dadurch stellt sich Ruth zwangsläufig die Frage, wie gut sie ihn eigentlich wirklich kannte. Ihr Leben gerät zunehmend ins Wanken.
Besonders gelungen fand ich Ruth als Figur. Ihr Seelenleben wird offengelegt. Sie ist intellektuell, reflektiert, aber auch verletzlich. Gerade ihre Gedanken über gesellschaftliche Entwicklungen machen den Roman interessant. Auch die Beziehung zu Jenny ist glaubwürdig geschrieben. Ruth bemüht sich ehrlich um einen guten Kontakt zu ihrer Stieftochter, hört ihr zu und ist bereit, sich auf ihre Sichtweisen einzulassen. Gleichzeitig merkt man, wie sehr Jenny zu Ruth aufblickt. Sie möchte selbst rebellisch und aktivistisch sein, erkennt aber schnell, dass sie an ihre Grenzen stößt und Ruth in ihrer Jugend deutlich kompromissloser und mutiger war.
Sehr amüsant war zudem die Szene, in der Jenny für ihren Freund ein Steak kaufen möchte, es an der Kasse jedoch zurücklegt, nachdem sie dort eine alte Bekannte trifft. Die Scham darüber, in bestimmten Kreisen mit Fleischkonsum negativ aufzufallen, beschreibt Woelk äußerst treffend. Gerade solche kleinen Momente halten unserer heutigen Gesellschaft einen Spiegel vor und machen den Roman so zeitnah.
Trotz vieler starker Ansätze hätte ich mir an manchen Stellen allerdings mehr Tiefe gewünscht. Einige Themen werden eher angerissen als wirklich ausgearbeitet. Die Homosexualität von Ruths Vater verläuft beispielsweise etwas im Sande, ebenso die beginnende Affäre mit dem unter RAF-Verdacht stehenden Harald. Andererseits passt genau das vielleicht auch zum Konzept des Romans. Denn nicht jede Geschichte findet eine klare Auflösung, manches verliert sich einfach im Alltag und bleibt fragmentarisch, genau wie im echten Leben.
„Hellere Tage“ ist ein Roman über gesellschaftliche Umbrüche, persönliche Krisen und die Frage, wie man sich selbst immer wieder neu erfindet. Trotz aller Schwere bleibt am Ende ein hoffnungsvoller Ton zurück und die leise Erinnerung daran, dass nach dunklen Zeiten eben doch wieder hellere Tage kommen können. Für mich ein kluger, aktueller und sehr menschlicher Roman.
Eternal-Hope
aus Österreich
4/5
27.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Neuorientierung einer Frau nach ihrem sanften Fall
Der neue Roman "Hellere Tage" von Ulrich Woelk schließt thematisch an seinen Vorgängerroman "Mittsommertage" an. Letzteren habe ich allerdings nicht gelesen, ich beurteile also das neue Buch unabhängig davon.
Im Zentrum der Handlung steht Ruth, eine etablierte Universitätsprofessorin für Philosophie, die in der letzten Zeit einige Rückschläge einstecken musste: nachdem öffentlich wurde, dass sie als verblendete, radikale junge Frau gemeinsam mit anderen einen Strommast gesprengt hatte, ist ihr Karrierefortschritt ins Stocken geraten, auch wenn sie immer noch über eine sehr gute, etablierte Position verfügt und auch finanziell gut abgesichert und sozial eingebettet und vernetzt ist. Die Ehe mit ihrem Mann Ben ist zu Ende, er ist nun mit einer viel jüngeren Frau zusammen, möchte aber am liebsten immer noch in der ehemals gemeinsamen Wohnung bleiben, auch wenn er sich nicht wirklich leisten kann, Ruth auszuzahlen.
Bens Tochter und Ruths Ziehtochter Jenny, eine junge Frau im frühen Erwachsenenalter, irrt orientierungslos durch das Leben und durch wechselnde Beziehungen, wohnt mit anderen in einem besetzten Haus und ist sich nicht ganz sicher, was es für ihre Beziehung zur Ziehmutter bedeutet, dass diese nun nicht mehr mit dem Vater zusammen ist. Dazu gibt es noch einen sehr alten und dann sterbenden Vater von Ruth, dessen Briefe an einen alten Freund sie liest und die für sie ebenfalls einiges in Frage stellen.
Es geht somit um eine Frau, die eigentlich ganz gut im Leben stand und immer noch vergleichsweise sanft fällt, aber doch in den mittleren Lebensjahren so einiges, was sie als Gewissheiten angesehen hatte, in Frage stellen und sich neu orientieren muss. Das Buch ist - mit ganz wenigen Ausnahmen, in denen zu Jennys Perspektive gewechselt wird - überwiegend aus der Sicht von Ruth geschrieben. Wir erleben die Enttäuschung der Universitätsprofessorin über den Verrat des Ehemannes und die berufliche Degradierung, und ihre zaghaften Versuche, durch sexuelle Abenteuer einen zweiten Frühling zu erleben, sowie ihr Bemühen um das Aufrechterhalten oder Wiederherstellen einer guten Beziehung zu Jenny.
Eingebettet in die Handlung sind viele Themen, die insbesondere in der linksliberalen Szene derzeit eine große Rolle spielen: von der Legitimität zivilen Ungehorsams oder aktiven Widerstands durch Sabotageakte über Fleisch essen oder nicht bis zu verschiedensten sexuellen Orientierungen. Damit reiht sich das Buch perfekt in den aktuellen Zeitgeist ein, stellt zugleich aber auch immer wieder die Frage, wie die porträtierten Personen - und damit in Identifikation mit diesen auch wir als Leserinnen und Leser - sich zu diesen Themen positionieren möchten und was diese Stellungnahme für unsere nahen Sozialbeziehungen bedeutet. Somit ist es sehr geeignet für ein Reflektieren der Zeit, in der wir leben, und der Haltung, die wir selbst zu aktuellen Themen einnehmen möchten.
Das Buch liest sich insgesamt unterhaltsam, leicht und durchaus interessant, auch wenn mir die meisten Charaktere und insbesondere Ruth emotional nicht sehr nahe gegangen sind. Inhaltlich habe ich die Vermutung, dass ich durchaus davon profitieren hätte können, das Vorgängerwerk davor gelesen zu haben, weil sich manches dann vielleicht noch anders eingeordnet hätte. Insgesamt ist das Buch aber natürlich auch als eigenständiger Band gut lesbar und verstehbar.
begine
aus Lemwerder
4/5
03.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Es geht weiter
Hellere Tage, von Ulrich Woelk ist die Fortsetzung von Mittsommertage.
Ruth Lember ist Professorin der Philosophie.
In diesem Band erzählt sie, wie ihr Leben weiter geht.
Sie erfährt nach dem Tod ihres Vaters, das er homosexuell veranlagt war. Sie ist da sehr bedrückt, aber ich meine , für sie hat sich da nichts geändert.
Der Autor beschreibt ihre Emotionen gekonnt.
Die politische Lage wird auch eingeflochten. Die Auseinandersetzungen mit ihrer Ziehtochter sind normal.
Der Roman lässt sich wie der Vorgänger, wieder gut lesen.
anonym
Thalia Book Circle Community
4/5
24.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Fortsetzung von "Mittsommertage"
Dieser Roman ist der Fortsetzungsband von „Mittsommertage“. Erneut geht es um Ruth, jetzt 56, Ethikprofessorin an der Berliner Humboldt-Universität. Gerade hat sie sich von ihrem untreuen Ehemann Ben getrennt und ist ihr alter Vater verstorben. Sie sehnt sich nach einem neuen Partner, den sie in dem linksautonomen Harald meint, finden zu können.
Die Geschichte lässt sich ohne Vorkenntnisse des ersten Bandes lesen. Mir war zunächst nicht einmal bewusst, es mit der Fortsetzung eines früher von mir gelesenen Romans zu tun zu haben. Der Leser erhält einen kompakten Überblick über alles Wesentliche aus der Vergangenheit der Protagonistin. Immer wieder, m.E. zu oft, wird dabei auf ihre Jahrzehnte zurückliegende Rolle als Aktivistin in der Klimabewegung und einen von ihr verübten Anschlag auf einen Strommast eingegangen. Auch andere Vorkommnisse aus ihrem früheren Leben werden gebetsmühlenartig wiederholt, wie etwa ihre erste Liebesbeziehung zu einem ihrer Professoren. Etwas banal erscheint mir, wie Ruth sich so schnell dem WG-Bewohner Harald hingibt und gleich an eine nachhaltige Zukunft mit ihm denkt. Auch die von ihr post mortem entdeckte Homosexualität ihres Vaters zeugt von Banalität. Positiv empfand ich, dass aktuelle Probleme wie der Anschlag auf das Brandenburger Tesla-Werk oder die Festnahme der ehemaligen RAF-Terroristin Klatte eingebunden werden. Ebenso interessant ist, wie philosophische Themen Eingang in die Geschichte finden. Die Protagonistin als solche, ist nicht gerade Sympathieträger, da sie eher unnahbar und distanziert wirkt. Das schmälert aber nicht, dass der Roman anschaulich und lesenswert ist.
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