Mika Collins, ein desillusionierter junger Mann, tritt seinen Militärdienst bei der ostländischen Armee an und gerät in eine Welt aus Brutalität, Alkohol und Schikane. Hoffnungslosigkeit und innere Finsternis prägen seinen Alltag. Als sein Kamerad Chris Leitner in einer Diskothek ermordet wird und die Polizei versagt, beginnt Mika auf eigene Faust zu ermitteln. Während sich politische Spannungen zum Krieg zuspitzen, treibt ihn die Suche nach Gerechtigkeit immer weiter in den moralischen Abgrund. Vom Opfer zum Täter wandelnd, erkennt er die Wahrheit erst, als es längst zu spät ist.
Kundinnen und Kunden meinen
1.0/5.0
Bewertung
1/5
03.08.2026
Buch (Taschenbuch)
Alkohol, Gewalt und die Flucht vor der Verantwortung
Der Roman präsentiert sich als dystopischer Militär- und Antikriegsroman, ist im Kern jedoch vor allem das Psychogramm eines Ich-Erzählers, der an seiner Umwelt, an sich selbst und am Alkohol zerfällt. Da der Autor den Namen Mika Collins zugleich für seine Hauptfigur verwendet und ähnliche Selbstfiguren auch in weiteren Büchern wiederkehren, liegt eine autofiktionale Lesart nahe.
Mika Collins inszeniert sich als verkannten Außenseiter, der die Gesellschaft durchschaut, sich ihr moralisch überlegen fühlt und zugleich an ihr zugrunde geht. Fast alle anderen erscheinen als gehorsame Automaten, primitive Schläger, oberflächliche Frauen oder machtgierige Funktionäre. Das erzeugt keine vielschichtige Welt, sondern ein geschlossenes System der Selbstbestätigung.
Alkohol als Zentrum des Romans
Besonders auffällig ist das extreme Alkoholmotiv. Alkohol ist kein Milieudetail, sondern das zentrale Mittel zur Emotionsregulation. Mika trinkt, um Angst, Einsamkeit, Selbsthass und militärischen Druck auszuschalten. Er bezeichnet Alkohol als seinen „einzigen Gott“, seinen Helfer und „besten Kameraden“ und erklärt zugleich, ohne ihn hätte er sich längst erschossen.
Der Roman zeigt zwar Kontrollverlust, Erbrechen, Bewusstlosigkeit, Aggression und körperlichen Verfall. Dennoch wird der Alkohol immer wieder pathetisch überhöht. Er erscheint als letzter verlässlicher Freund in einer feindlichen Welt. Dadurch dokumentiert der Text Abhängigkeit, stilisiert sie aber zugleich zur tragischen Form von Widerstand.
Gerade wegen der wiederkehrenden Selbstbenennung wirkt diese Fixierung persönlich stark aufgeladen. Sie legt nahe, dass Alkohol, Selbstbetäubung und Suizidfantasien zentrale Bestandteile einer literarischen Selbstkonstruktion sind.
Ein Protagonist ohne Entwicklung
Mika ist weniger eine sich entwickelnde Figur als ein feststehendes Bündel aus Hass, Selbstmitleid, Größenfantasie und Verzweiflung. Fast jede Erfahrung bestätigt seine Überzeugung, dass die Welt sinnlos und die Gesellschaft verdorben sei.
Besonders auffällig ist der Widerspruch zwischen seiner Opferrolle und seiner eigenen Entmenschlichung anderer. Er verachtet Menschen pauschal, reagiert gewalttätig und fantasiert darüber, ganze Gruppen zusammenzuschlagen. Der Roman nutzt diesen Widerspruch kaum zur Selbstkritik. Stattdessen bleibt der Erzähler moralischer Mittelpunkt seiner eigenen Welt.
Auch die Gewalt dient vor allem der Selbstbestätigung. Nach Demütigung und Ohnmacht verschafft sie ihm kurzfristig Kontrolle. Damit übernimmt er gerade jene Logik des Stärkeren, die er am Militär kritisiert.
Problematisches Frauenbild und schematische Dystopie
Die Darstellung von Frauen ist besonders schwach. Junge Frauen erscheinen überwiegend als oberflächlich, sexuell anspruchsvoll und geistig leer. Das ist keine präzise Gesellschaftskritik, sondern Ressentimentprosa. Weibliche Figuren dienen vor allem als Projektionsflächen für Kränkung und soziale Unsicherheit.
Auch die politische Welt bleibt schematisch. Zerfallende Bündnisse, Aufrüstung, Flüchtlingsbewegungen und Krieg erzeugen zwar ein dystopisches Panorama, werden aber selten differenziert entwickelt. Der Roman ersetzt politische Analyse häufig durch pauschale Untergangsrhetorik.
Sprachliche Überlastung
Stilistisch arbeitet der Text mit drastischen Metaphern, kurzen Sätzen und permanenten Steigerungen. Kaserne, Staat und Gesellschaft sind Gefängnis, Hölle, Schlachthof oder Vernichtungsmaschine. Menschen werden zu Robotern, Marionetten oder Schlachtvieh.
Diese Bildsprache wirkt zunächst intensiv, nutzt sich jedoch rasch ab. Hinzu kommt eine starke Wiederholung derselben Motive: Verzweiflung, Alkohol, Menschenhass, militärische Demütigung und Todesgedanken. Der Roman verwechselt häufig Intensität mit Redundanz.
Fazit
Der Roman besitzt eine rohe, stellenweise eindringliche Energie. Die Darstellung von militärischem Drill, psychischer Zermürbung und alkoholischer Selbstbetäubung kann bedrückend wirken. Doch das Buch leidet unter einer narzisstisch verengten Perspektive, repetitiver Sprache, pauschaler Gesellschaftsverachtung, einem problematischen Frauenbild und einer kaum reflektierten Faszination für Alkohol und Gewalt.
Die nahegelegte autobiografische Selbstbenennung macht den Text nicht automatisch authentischer. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass der Autor seine wiederkehrende Figur als Gefäß für dieselben Kränkungen, Feindbilder und Selbstzerstörungsfantasien benutzt. Der Text schaut tief in den Abgrund, aber fast ausschließlich in den von Mika Collins. Was fehlt, ist der entscheidende literarische Schritt: Distanz zum eigenen Leiden, Misstrauen gegenüber der eigenen Wahrnehmung und die Bereitschaft, auch die Selbstfigur kritisch aufzugreifen.
So bleibt ein düsteres, aggressives und offenbar persönlich stark aufgeladenes Buch, das seine Verzweiflung überzeugender dokumentiert als analysiert.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.