Der „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner ist auch 150 Jahre nach der Uraufführung des gesamten Zyklus eine Herausforderung. Dieses Buch lädt ein, sich auf das Werk aus neuen Perspektiven einzulassen.
Neben Texten zum „Ring“ finden sich weitere zu Wagners ideologischem Standort, zur Rolle von Goethes „Weltendrama“ „Faust“, zur Frage von Religion und Utopie sowie zu Fragen der Existenz im Exil. Es handelt sich um pointierte Essays, in denen Wagners Prägung durch Vormärz und Revolution im Zentrum steht, nicht so sehr der später behauptete, jedoch nicht wirklich belegbare „Bruch“ zwischen frühem und spätem Wagner. Vielmehr wird zur Überbrückung der Distanz zwischen Revolution, Scheitern und Utopie Hegels Denkfigur der „Aufhebung“ herangezogen. Dabei liegt der Fokus stets auf Wagners umfassendem Musikbegriff und dessen Bedeutung für die konkrete Beschaffenheit der Partituren.
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02.05.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Küsnacht als historischer Resonanzraum – ein exzellentes Kapitel über Mann, Wagner und das Exil
Als Historiker und Küsnachter Lokalpatriot greift man naturgemäss mit besonderem Interesse zu Werken, die den eigenen Lebensmittelpunkt streifen. Wenn sie dann noch aus der Feder eines profunden Kenners und Küsnachter Mitbürgers wie Laurenz Lütteken stammen, sind die Erwartungen entsprechend hoch. Um es vorwegzunehmen: "Aufgehobene Revolution" erfüllt sie nicht nur – das Buch übertrifft sie, insbesondere in seiner subtilen Ausleuchtung der lokalen Verflechtungen.
Mein Fokus richtet sich vor allem auf das achte Kapitel, "Als Dimension und Zumutung unzeitgemäss". Lütteken seziert hier auf akademisch exzellente und zugleich erzählerisch fesselnder Weise das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen Thomas Mann, Richard Wagner und der existenziellen Erfahrung des Exils. Der Ausgangspunkt mag historisch bekannt sein – Lütteken kontextualisiert ihn jedoch mit bestechender Präzision: Manns Münchner Vortrag "Leiden und Grösse Richard Wagners" vom Februar 1933 und der darauffolgende "Protest der Richard-Wagner-Stadt München". Unterzeichnet von Clemens von Franckenstein, Siegmund von Hausegger, Hans Knappertsbusch, Hans Pfitzner und Richard Strauss, war dieses Pamphlet der Auslöser für Manns endgültigen Bruch mit Deutschland und seinen Weg in die Schweiz.
Was Lütteken faszinierend herausarbeitet, ist die Rolle unserer Gemeinde. In der Küsnachter Schiedhaldenstrasse 33, wo heute eine Gedenktafel an sein Wirken erinnert, fand Mann nicht nur Zuflucht, sondern – so Lüttekens These – eine tiefe ästhetische und biografische Parallele zu Wagner. Es ist, wie Lütteken selbst einräumt, ein bislang kaum beachteter Aspekt der Wagner-Forschung, dem das Kapitel erstmals systematisch nachgeht. Lütteken führt uns in dichter Narration in das Küsnachter Haus am Heiligen Abend 1936. Mann notierte in seinem Tagebuch, wie er nach dem Tee in der "verstellten Weihnachtshalle" Reisiger vorlas, bevor die Familie zur Bescherung überging – und am ersten Weihnachtstag folgte abends die Vorführung des ersten Akts der "Walküre". Lütteken vermutet, dass es sich dabei um die hochdramatische, im furiosen Tempo des Vorspiels aufgepeitschte Einspielung von Bruno Walter handelte, 1935 in Wien entstanden – eben jenes Dirigenten, der in diesen Jahren mehrfach bei den Manns in Küsnacht am Tisch sass.
In diesem intimen Rahmen reflektierte Mann die "schauerlich deutschen Elemente", die drüben im Reich in jenen Jahren politisch missbraucht wurden. Lüttekens zentrale These: Ab 1933 verdrängte die Exilerfahrung den bis dahin dominierenden Dekadenz-Gedanken zunehmend und wurde zum neuen Wahrnehmungsmuster. Mann rettete Wagner aus der nationalsozialistischen Umklammerung, indem er das Exil in den Mittelpunkt rückte – und erkannte dabei in Wagners Werk die ästhetische Erfahrung einer physischen Heimatlosigkeit, die das Werk selbst vollzieht. Zürich war schon in den 1850er Jahren der Ort, an dem die ersten Lesungen und musikalischen Präsentationen des "Rings" stattfanden; Mann machte die liberale Bürgerstadt zur bewussten kunstpolitischen Gegenproklamation gegen die selbsternannte "Wagner-Stadt München" mit ihrer denunziatorischen Anmassung.
Das Kapitel endet mit einer bitteren Ironie, die Lütteken präzise herausarbeitet: Als Thomas Mann in seinen letzten Jahren noch einmal öffentlich zu Wagner sprach, erklang im Radio ausgerechnet eine Aufführung des Zürcher Tonhalle-Orchesters unter Hans Knappertsbusch – einem der Hauptinitiatoren jenes Protestes von 1933, der Manns Exil besiegelt hatte. Der Bogen schliesst sich, ohne sich zu lösen.
Lütteken wählt bewusst keinen trockenen Theorietext, sondern den epischen, erzählerischen Zugang – jene Form, die Mann an Wagner selbst so bewunderte. Das ist Programm, keine Schwäche. Wer die kulturellen Strömungen des 19. und 20. Jahrhunderts wirklich verstehen will, findet hier einen klugen, anregenden Beitrag – und für uns Küsnachter hat er noch eine besondere Qualität: Er macht den eigenen Ort als historischen Resonanzraum sichtbar, ohne den Ort zu mythologisieren.
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