Welche Löcher hat der Stoff, aus dem Familienlegenden sind? Das Porträt einer Familie, die in sicherer Distanz zu existenziellen Problemen ihre privaten Dramen inszeniert.
Freitagabend in der Flughafenbar. Mittendrin Anne und Jacob. Ein Paar, das kurz davor steht, keines mehr zu sein. Anne ist in einer Krise, deren Ursachen sie nur langsam begreift. Jacob ist an diesem Abend vor allem wütend, dass sie ihren Rückflug nach Wien verpasst haben. Das Alternativprogramm besteht aus Football, Whiskey und Gesprächen mit ihrem Sitznachbarn Leo. Da erreicht sie eine Eilmeldung: Ein Flugzeug ist abgestürzt. Ihr Flugzeug.
Kundinnen und Kunden meinen
4.3/5.0
Bewertung
5/5
14.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Polarisierend, geheimnisvoll, wortgewaltig
Antonia Löfflers Hydra ist ein Roman, der seine Leserinnen und Leser in ein Geflecht aus Familiengeheimnissen, Selbstinszenierung und verdrängter Wahrheit zieht. Alles beginnt an einem Freitagabend in einer Flughafenbar, wo Anne, ihr Freund Jacob und der Fremde Leo auf ihren Flug nach Wien warten. Whiskey, Football, beiläufige Gespräche – bis die Nachricht eines Flugzeugabsturzes kommt. Es wäre ihr Flug gewesen. Noch ahnt niemand, dass ihre Eltern sich einst kannten und dass auf der griechischen Insel Hydra vor dreißig Jahren etwas geschah, das alle bis heute prägt. Zurück in Wien beginnt Anne zu fragen. Und je mehr sie erfährt, desto deutlicher wird: Ihr Erbe besteht nicht nur aus Erinnerungen, sondern aus verborgenen Geschichten. Und aus dem Schweigen dazwischen.
Löffler erzählt das mit einer sprachlichen Kraft, die manchmal wie ein ungefilterter Gedanke wirkt – nah, roh, eindringlich. Der Roman ist geheimnisvoll, packend und fordert seine Leser heraus: Zeitsprünge, Ortswechsel, mehrere verwobene Erzählstränge und abrupt fallende Wahrheiten verlangen Aufmerksamkeit.
Hydra polarisiert. Für die einen ein packender, wortgewaltiger Roman über Generationentrauma, Identität und die bröckelnde bürgerliche Fassade, für andere ein anspruchsvolles Puzzle, das sich erst spät, oder nie ganz, zusammensetzt. Doch gerade diese Ambivalenz macht den Reiz aus und lässt viel Platz für Interpretation und Diskussion.
Fazit: Hydra ist kein leichtes Buch, aber eines, das mit sprachlicher Fülle, feinen Andeutungen und emotionaler Tiefe beeindruckt – und Lust auf mehr von Antonia Löffler macht.
Eine langsame, genussvolle Erzählung über eine komplexe Familiengeschichte. Bis zum Schluss tragen Wendungen zur Überraschung bei, während die Autorin die Tragik der einzelnen Lebensgeschichten unaufgeregt aus einem distanzierten Blickwinkel erzählt.
Dabei besticht der Schreibstil besonders durch Wortreichtum und der Gabe, etwas zu erzählen, ohne die Dinge direkt beim Namen zu nennen. Das lässt Raum zur Interpretation frei, was erstaunlich erfrischend war! Zusammengefasst eine tiefgehende und sprachgewaltige Literatur! Ich kann es nicht erwarten von der Autorin weitere Werke zu lesen!
Nach der Lektüre musste ich mich erst wieder daran gewöhnen, dass leider nicht viele Autor*innen die Kunst einer derart niveauvollen Literatur beherrschen.
AMCL
aus Wien
3/5
15.11.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Verwirrende Familienaufstellung
Die Journalistin Antonia Löffler hat ihren Debütroman vorgelegt und der Beginn klingt schon sehr vielversprechend: Das Paar Jakob und Anne verpasst gemeinsam mit Leo seinen Flug von New York nach Wien und finden sich so in einer Hotelbar wieder, als sie in den Nachrichten hören, dass ihr Flugzeug abgestürzt ist. Das schweißt sie gemeinsam mit viel Whiskey zusammen, und sie erzählen sich ihre Lebensgeschichte. Dass sich auch ihre Eltern kannten, wissen sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht, das wird erst langsam enthüllt. Auch warum sich Anne und Jakob entfremdet haben, wird erst ziemlich zum Schluss enthüllt.
Der Roman nimmt nur langsam an Fahrt auf, da sich die Perspektiven ständig ändern. Zum einen erzählt Anne ihre Geschichte in der Jetztzeit und verliert sich ständig in Erinnerungen, die für den Rest des Plots nicht wesentlich sind, aber den Lesefluss stören. Zum anderen wird die Vergangenheit ihrer Mutter Eva, die als Regieassistentin beim Theater arbeitet und dort ihren Mann Mathias kennenlernt, aufgerollt. Auf Hydra, einer griechischen Insel finden sich dann die Schauspieler:innen, um dort Ibsens "Die Wildente" zu proben und aufzuführen. Das beschreibt auch Mathias in seinen Erinnerungen, die sich zwar vom übrigen Text abheben, aber doch langsam aber sicher auf den Punkt zusteuern, was wirklich auf der Insel passiert ist. Wie das ganze mit Leo verknüpft ist, klärt sich erst ganz zum Schluss, und das eben so nebenbei. Das könnte eigentlich ziemlich spannend werden, aber leider verliert die Geschichte immer wieder ihren roten Faden und es ist mühsam, den zu finden.
Was der Flugzeugabsturz mit Hydra zu tun hat, kommt auch nicht ganz klar heraus. Es ist ein sehr verwickelter Roman, der anspruchsvoll und schön geschrieben ist, teilweise mit wirklich eleganten Sätzen, die oft nachhaltig beeindrucken. Aber es fehlt der kongruente Erzählstrang, an dem sich die Personen orientieren könnten und so driftet man immer wieder in belanglose Kleinigkeiten ab, die Schilderungen der Künstlerparties, das ausschweifende Leben auf Hydra und das geruhsame Heim von Annes Großmutter in Wien. Die Hauptprotagonisten selbst werden in ihren Motiven und ihrer Persönlichkeit nur im Ansatz skizziert, auch Anne, die die Geschichte trägt und nach der Vergangenheit forscht, bleibt in bestimmten Momenten blass und schemenhaft.
Schade, man hätte mehr daraus machen können.
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