Am 12. Juli 1776 stach James Cook, in seiner Heimat bereits als der größte »Entdecker« der britischen Geschichte gefeiert, mit der HMS Resolution zu seiner dritten großen Reise in See. Zweieinhalb Jahre später wurde er an einem Strand von Hawaii in einem Konflikt mit Einheimischen getötet. Bisher war Cook durch einen für seine Zeit bemerkenswerten Respekt gegenüber indigenen Völkern aufgefallen. Doch auf dieser letzten Fahrt zeigte er sich von einer ganz anderen Seite. Wie dies mit dem geheimen Befehl zusammenhängen könnte, die Nordwestpassage zu erschließen, beleuchtet Hampton Sides in seinem neuen Buch. Cooks letzte Reise liest sich wie eine rasante Abenteuergeschichte auf hoher See und ist zugleich eine kluge Reflexion über das Zeitalter der sogenannten Entdeckungen.
James Cook, der legendäre britische Seemann, ist heute umstritten. Seine Forschungsfahrten werden als Teil des britischen und europäischen Kolonialismus gewertet, und wegen der fatalen Folgen dieser Entwicklung für die Kolonien wird auch die Person Cooks zunehmend kritisch gesehen.
Hier setzt der Historiker und Journalist Hampton Sides an. „Cook war vor allem Entdecker und Kartograf, nicht Eroberer und Kolonialist“, sagt er und will diesem Mann Gerechtigkeit widerfahren lassen. Dazu greift er auf eine schier unendliche Fülle von Quellen zurück, um die dritte Reise Cooks nachzeichnen zu können: eine Reise, auf der Cooks Persönlichkeit sich verändert hatte.
Cook, der sonst immer besonnen und empathisch agierte und das Wohl seiner Mannschaft im Auge hatte, zeigte sich hier unkonzentriert und launisch, und er ließ sich zu überzogenen, teils auch gewaltvollen, unklugen Aktionen hinreißen, die letztlich mitverantwortlich für das schlimme Ende seiner Reise waren. Sides verzichtet auf eine späte Diagnose, aber er stellt deutlich Cooks Desillusionierung heraus. Cook sieht die Inbesitznahme eines von anderen Völkern bewohnten Landes zunehmend kritischer und erkennt, dass sein Besuch zwar England nutzt, den indigenen Völkern aber schadet und den Untergang ihrer Kultur zur Folge haben wird. „Wir verderben ihre Sitten und hinterlassen Bedürfnisse und Krankheiten“, schreibt er in seinem Tagebuch, und „wer an der Wahrheit dieser Aussage zweifelt, möge mir erklären, was die Ureinwohner Amerikas durch den Kontakt zu Europäern gewonnen haben.“ Wie wahr!
Cooks Bedeutung als genialer Hydrograf und Kartograf ist nach wie vor unbestritten, ebenso seine Maßnahmen, mit denen er die gefürchtete, tödliche Seemannskrankheit Skorbut besiegen konnte. Sides stellt Cook auch als engagierten Anthropologen heraus, der sich den indigenen Völkern, z. B. in Polynesien, neugierig, aufgeschlossen und vorurteilsfrei näherte, was wiederum im zutiefst rassistischen England auf Widerstand stieß. Cook ließ sich nicht beirren und zeigte seinen Respekt vor den Indigenen z. B. dadurch, dass er auf seinen Karten immer den ursprünglichen Namen vermerkte. Sides sieht den eurozentristischen Begriff „Entdecker“ ebenso wie Cook eher kritisch, da die „entdeckten“ Gebiete bereits längst von anderen Völkern entdeckt und besiedelt worden waren.
Das alles erzählt Sides in einer Sprache, die den historisch interessierten Laien erreicht. Gelegentlich holt er aus und stellt z. B. die Bedeutung der Nordwest-Passage im historischen und geopolitischen Kontext vor, oder er zitiert kurz die aktuelle Forschungsdiskussion. Immer bleibt seine Darlegung spannend, anschaulich, immer an Quellen orientiert, auch an mündlich tradierten polynesischen Quellen, immer lebendig und fesselnd.
Eine Leseempfehlung
Bellis-Perennis aus Wien am 14.03.2026
Bewertungsnummer: 3076042
Bewertet: eBook (ePUB 3)
Über James Cook (1728-1779) gibt es zahlreiche Bücher, die unterschiedlichen Genres zugeordnet werden können - Sachbücher wie (historische) Romane.
In diesem Buch nähert sich der amerikanische Autor und Historiker Hampton Sides der Person James Cook an. Dazu hat er zahlreiche Archive durchforstet.
In fünf Abschnitten, die in insgesamt 39 Kapitel unterteilt sind, zeichnet der Autor den Lebenslauf von James Cook nach:
Europas führender Seefahrer
Das Ausmaß meines Missfallens
Unter hohem Himmel
Ein neues Albion
Apotheose
Dabei richtet er seinen Blick, soferne das möglich ist, auf die Persönlichkeit James Cook, der zum einen als kluger, umsichtiger Kapitän, der über eine natürliche Autorität verfügt, gilt und zum anderen den indigenen Völkern auf seinen Reisen mit, für diese Zeit, bemerkenswerten Respekt gegenübertritt, auffällt. Umso dramatischer sind die Ereignisse auf seiner dritte Reise, die ihn letztlich das Leben kostet, beschrieben. Warum hat er alle seine bisherigen Gepflogenheiten über Bord geworfen? Erfolgsdruck, als erster die Nordwestpassage zu entdecken? Oder eine wesensverändernde Krankheit? Oder schlichtweg Überforderung, Cook wollte sich ja eigentlich zur Ruhe setzen?
Meine Meinung:
Ich habe dieses Buch regelrecht verschlungen. Zudem bin mehr als erfreut und beeindruckt von diesem Buch über Cooks letzte Reise, das mich trotz, oder gerade wegen seiner korrekten Sachlichkeit, gefesselt hat. Hampton Sides vermittelt ein glaubhaftes Abbild der Zeit, in denen Monarchen um die Vorherrschaft zu Wasser und zu Land kämpfen. Der ethnografische Blick auf die Unterschiede zwischen Briten und Indigenen zu Eigentum und/oder die Ehe wird sehr gut herausgearbeitet. So erhalten wir auch Einblick in einige religiösen Riten, die sich vom europäischen Monotheismus wesentlich unterscheiden.
Dieses Buch über James Cook beschert uns ein Wiedersehen mit einer weiteren interessanten Person: Dem noch jungen William Bligh (1754-1817), der uns aus der Belletristik bzw. aus zahlreichen Verfilmungen bestens (?) vertraut ist.
Mich hat auch der Ausflug in die Instrumentenkunde der damaligen Zeit begeistert. So erfahren wir einiges über die von John Harrison (1693-1776) im Jahr 1762 hergestellte präzise Uhr H4, mit der man auch auf See die Zeit exakt messen konnte, um die Geografische Länge festzustellen. Cook hat allerdings bei seiner zweiten Südssereise von 1775 das baugleiche Modell K1 von Larcum Kendall (1719-1790) an Bord. Als Vermesserin bin ich ein Fan von historischen Seekarten und Vermessungsinstrumenten. Gut haben mir auch die Passagen gefallen, die James Cook als gewissenhaften Kartographen schildern, der sich, bei seinen Bemühungen eine Nordwest-Passage zu finden, sich über die schlechten Karten aus dem Zarenreich ärgert. Darüber habe ich mehrmals schmunzeln müssen.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem aufschlussreichen Buch über James Cook eine Leseempfehlung und 5 Sterne.
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