Volha Hapeyeva legt ein ebenso poetisches wie persönliches und politisches »Wörterbuch« über ihre Nomadenjahre zwischen Belarus, Deutschland, Kreta und Japan vor.
Einzelne, vermeintlich unscheinbare Wörter sind der Ausgangspunkt und öffnen ganze Denk- und Erfahrungswelten. So ist der gedankliche Weg von »sad« (Ziergarten) und »harod« (Nutz- oder Gemüsegarten) zum Garten Eden, zu Stadt- und Staatsgrenzen nicht weit – und schon stehen wir vor den Fragen: Wie frei sind wir wirklich in der globalisierten Welt? Und wie sehr entscheidet der richtige oder falsche Pass über einen Teil unseres Lebens?
Hapeyevas Buch ist ein poetisches Nachdenken über Sprache, Identität und Zugehörigkeit. Sie stellt Fragen nach Heimat und Fremdsein, nach Geschlecht und Patriarchat, nach der Möglichkeit, »Mensch« zu sein jenseits von Zuschreibungen.
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Eine wunderbare Reise durch die Welt über die Kraft der Sprache. Absolut toll!
MarcoL aus Füssen am 23.02.2026
Bewertungsnummer: 3055711
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Selten hat mich ein Buch beeindruckt wie dieses hier. Und kaum wie zuvor war ich lange Zeit ideenlos, wie ich darüber in wohlst wollenden Wörtern schreiben könnte. Kein Roman, kein Sachbuch, kein Essay – es ist einfach eine Sammlung von Gedanken rund um das Thema der Sprache. Und diese Gedanken haben es in sich; nimmt uns doch die Autorin mit auf eine wunderbare Reise durch ihre Welt der Wörter. Mit vielen eigenen Erfahrungen erläutert sie, was unterschiedliche Sprachen für Schätze bieten können, und wir finden uns in einer spannenden Welt wieder. Schnell entdecken wir, dass möglicherweise die gleichen Wörter in anderen Sprachen ganz eine andere Bedeutung haben können – oder manche Ausdrücke es tatsächlich nur in einer spezifischen Sprache gibt.
Volha Hapeyeva verabsäumt es dabei auch nicht, Bezüge zur Gesellschafts- und Geopolitik zu schaffen – und natürlich vor allem darauf, welche Macht Wörter haben.
S.16/17: „ [...] indem man eine Parallele zwischen Frauen und kleinen Nationen zieht. Beide stehen in einem asymmetrischen Verhältnis zu einer dominanten Macht – Frauen gegenüber Männern, kleine Nationen gegenüber großen oder ehemaligen Imperien. […] Sie haben kein Recht auf Fehler […] Das, was Frauen und kleinen Nationen gleichermaßen betrifft, entspringt ein und demselben System: dem Patriarchat – einer Denk und Herrschaftsordnung, die strukturell Ungleichheit erzeugt und aufrecht erhält.“
Die Autorin, geboren in Belarus, mit Regime und Russlandabhängigkeit bestens vertraut, gibt uns viele interessante Einblicke in die Unterschiede der Linguistik der Nationen und somit Ländersprachen, oftmals direkt im Vergleich zwischen Deutsch und Belarusisch, aber auch die sprachlichen Nuancen im Englischen oder gar Japanischen. Spannend hier auch ein kleiner Auszug über das Wort „Muttersprache“:
S. 104: „Muttersprachler*in oder nativ speaker heißt auf Belarusisch nos'bit movy – was buchstäblich bedeutet: Träger der Sprache. Kein Wort über Mutter oder Heimat, wichtig ist die Handlung, der Prozess, vielleicht denkt man über Sprache nach, wie man über ein Kleid nachdenkt oder einen Anzug.“
S. 105: „Sprache ist Teil der Identität, und verschiedene Sprachen geben uns verschiedene Blickwinkel auf die Welt und uns selbst.“
Sprache und/oder Wörter können sehr mächtig und eine furchtbare Waffe sein, besonders in der heutigen Zeit. Aber auch das Gegenteil ist der Fall.
S.122: „Andererseits kann Sprache selbst zum Ziel der Vernichtung werden. Eine Sprache kann verboten werden (wie es beim Belarusischen lange Zeit der Fall war) […] können zum Linguizid oder zum Sprachentod führen.“
Mich erinnert das auch an das Verbot der Deutschen Sprache in Südtirol ab 1923/24.
Und letztendlich sind auch Sprache und Literatur ein Rettungsanker, besonders in krisengebeutelten Zeiten.
S.130: „Beim Lesen begreifen wir, dass wir nicht alleine sind, dass wir unsere Gedanken und Gefühle teilen können – das bewahrt uns vor der Isolation. Das ist aber auch der Grund, warum Diktatoren und totalitäre Regime so viel Angst vor der Literatur haben oder warum sie sie immer kontrollieren wollen.“(bestes Beispiel dieser Tage die USA).
Eigentlich könnte ich hier jede Seite zitieren, so beeindruckend und toll finde ich dieses Buch mit tausenden klugen Gedanken. Und am beeindruckendsten finde ich die Art und Weise, wie Volha Hapeyeva uns dies alles näherbringt. Allein ihre Sprache ist ein angenehmer Fluss der Wörter, der sanft dahin treibt, uns immer wieder gerne zum Verweilen einlädt, um in den eigenen Reflexionen zu baden wie in einem warmen, klaren See der Erkenntnis.
Ganz große Leseempfehlung – anders kann ich es nicht ausdrücken. Und lest auch die anderen Werke der Autorin. Ihren Roman „Samota“ kann ich euch nur wärmstens ans Herz legen, genauso wie ihr feines Gespür für die Lyrik.
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