1924 betritt Sergej Eisenstein zum ersten Mal einen Schneideraum. In Russland fehlt es an allem: an Drehbüchern, Regisseuren, vor allem aber an Filmmaterial. Stattdessen kauft man im Ausland. Hauptlieferant der Träume in Zelluloid sind Deutschland und die USA, aber diese Filme müssen erst »sowjetisiert« werden. Eisenstein beherrscht diese höchst anspruchsvolle Kunst bald wie kein Zweiter. Er weiß um die Mittel des Films: Was gezeigt wird, wird geglaubt und damit zur Wahrheit. Er schafft furchtbare Propagandafilme - und zugleich Meisterwerke von Weltrang. Doch sein ganzes Leben lang leidet er an einer inneren Zerrissenheit. - Gusel Jachinas literarische Biografie ist ein gründlich recherchiertes Panorama der Zeit, eine faszinierende Charakterstudie und eine augenöffnende Lektüre über das Verhältnis von Kunst und Macht. »Gusel Jachina ist eine der bedeutendsten Autorinnen der russischen Gegenwartsliteratur.« Ljudmila Ulitzkaja
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Biografie in Romanform
Manfred Orlick aus Halle (Saale) am 08.03.2026
Bewertungsnummer: 3069760
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Der russische Regisseur Sergej Eisenstein (1898-1948) gilt als einer der einflussreichsten Filmregisseure und Filmtheoretiker der Filmgeschichte. Mit seiner bahnbrechenden Montage- und Schnitttechnik zwischen Film und Theater, angewandt auf den Stummfilm „Panzerkreuzer Potemkin“ (1925), revolutionierte er das Kino. Am Beispiel eines historischen Matrosenaufstandes in der Stadt Odessa im Jahr 1905 verdeutlicht der zwanzig Jahre später in Moskau uraufgeführte Film die aggressive Dynamik revolutionärer Bewegungen.
Die Biografie von Eisenstein selbst war von Widersprüchen, künstlerischen Visionen und politischen Zwängen geprägt. Die russische Schriftstellerin und Filmemacherin Gusel Jachina porträtiert in ihrem neuen Roman „Eisen“ den widersprüchlichen Künstler. Sie zeichnet seinen Weg vom jungen Filmemacher im revolutionären Russland Anfang der 1920er Jahre über die Beendigung der sowjetischen Montage-Experimente und die Ablehnung seiner Filme durch Stalin bis zur Dreherlaubnis zum Film „Alexander Newski“ und Eisensteins frühen Tod, der seine Karriere jäh unterbrach. Jachina, die selbst Putins Russland verlassen hat und in Kasachstan lebt, beleuchtet eindrucksvoll Eisensteins Dilemma zwischen künstlerischer Freiheit und notwendiger Anpassung. Sie entlässt ihn aber nicht aus der persönlichen Verantwortung. Neben den ausführlichen Beschreibungen der filmischen Arbeiten breitet sie ein historisches und gesellschaftliches Panorama der frühen Sowjetunion aus.
Fazit: Die Biografie in Romanform ist eine absolute Leseempfehlung.
Brillant erzählt aber unfassbar kleinteilig
Sursulapitschi (Mitglied der Thalia Book Circle Community) am 25.03.2026
Bewertungsnummer: 3088528
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ich bin großer Fan von Gusel Jachina und lese alle ihre Bücher. Die meisten davon liebe ich sogar, nur dieses hier macht es einem etwas schwer.
In ihrem Vorwort sagt sie, sie möchte einen Roman schreiben, der sich zwischen Fiktion und Sachbuch bewegt, der sich der Figur des Sergej Eisensteins respektvoll annähert, Fakten darlegt und fantasievoll ergänzt. Das tut sie in ihrem gewohnt wunderbaren Erzählstil, aber auch mit vielen Gedankensprüngen und Einschüben, die einem die Orientierung sehr schwer machen. Am Anfang kam mir das Buch vor wie ein großes Durcheinander, mit der Zeit gewöhnt man sich dann ein bisschen daran.
Sergei Michailowitsch Eisenstein, von seinen Freunden kurz „Eisen“ genannt, wurde 1898 in Riga geboren. Er hat Propagandafilme für die neu entstandene Russische Sowjetrepublik gemacht und wurde weltberühmt durch den Film „Panzerkreuzer Potemkin“, der noch heute zu den Klassikern der Filmgeschichte zählt.
Grundsätzlich erleben wir hier mit, wie Eisensteins Filme entstanden sind, einer nach dem anderen, vom Auftrag bis zum Kinostart. Dazwischen wird in kleinen Schlenkern das politische Umfeld sowie Eisensteins Kindheit und Privatleben eingeflochten.
Eisenstein hatte einen ganz eigenen künstlerischen Anspruch, wollte Realität zeigen, Realität überzeichnen, echte Gefühle einfangen, lieber Charaktere zeigen als gefällige Schönheit, wollte schockieren, Hässlichkeit zelebrieren, in Kämpfen das Blut fließen sehen. Das erreichte er durch unglaublich aufwändige Filmaufnahmen und seine innovative Montagetechnik. Er war ein Meister im Schneideraum, wo er wochenlang in Klausur ging, um seine Filme zu gestalten.
Gusel Jachina malt ihn als einen Getriebenen, eine tragische Gestalt zwischen Genie und Wahnsinn, exzentrisch, narzisstisch, genial und größenwahnsinnig, jemand der sich aufreibt zwischen Arbeit und Anstalt. Das ist sehr eindrucksvoll, toll erzählt, aber auch wirklich anstrengend zu lesen.
Durch dieses Buch musst ich mich kämpfen. Es erzählt brillant und unfassbar kleinteilig die Geschichte eines sehr komplizierten Menschen. Ja, man bekommt ein plastisches Bild davon, wie sich Eisenstein gefühlt haben mag, nur ein Spaß ist das nicht. Es ist ein anstrengendes Buch über einen anstrengenden Menschen, das mir zwar diesen Ausnahmekünstler nahegebracht hat, das mir aber insgesamt viel zu ausführlich war. Immerhin bin ich jetzt klüger.
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