Gaëlle Bélem erzählt in ihrer Romanbiografie die Geschichte des kreolischen Sklaven Edmond Albius, der im 19. Jahrhundert auf der französisch kolonisierten Île Bourbon gelebt und Erstaunliches geleistet hat: Im Alter von 12 Jahren erfand er ein Verfahren zur Bestäubung der Vanille, die daraufhin in aller Welt kultiviert und als das beliebteste aller Aromen gefeiert wurde. Der Waisenjunge Edmond wuchs in der Obhut seines „Besitzers" Ferréol Beaumont auf, ein Botaniker mit Vorliebe für Orchideen. Das lebhafte und wissbegierige Kind begleitete ihn von klein auf in die Gärten und Gewächshäuser. Als Ferréols jahrelange Versuche, der Gewürzvanille eine Frucht abzutrotzen, gescheitert waren, begann Edmond allein zu forschen ... Die Autorin, die für ihre schillernde und humorvolle Sprache und die Authentizität ihrer Figuren ausgezeichnet wurde, lenkt den Blick auf die Geschichte ihrer Heimat La Réunion. Sie war geprägt von Rassismus und der Unterdrückung der Schwarzen Menschen, deren Talente und Erfolge systematisch aberkannt wurden. Edmond ist ihr Stellvertreter: Viele wurden reich an der seltensten Frucht, er starb in Armut.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
4 Bewertungen
5 Sterne
4 Sterne
3 Sterne
2 Sterne
(0)
1 Sterne
(0)
Lesenswert!
drawe aus Landau am 26.03.2026
Bewertungsnummer: 3090031
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Mein Lese-Eindruck:
Vanillepudding, Vanillekipferl, Vanille-Eis, Bayerische Creme,Crème brûlée – Vanille-Aromen sind aus unserer Küche nicht wegzudenken. Es gibt inzwischen zwar synthetisches Vanillin, aber nichts geht über das Aroma der „echten“ Bourbon-Vanille, deren Mark man aus den schwarzen Schoten herausschabt.
Wieso Bourbon-Vanille? Diese Geschichte erfahren wir in diesem Buch. Die Autorin stammt selber aus Bourbon, heute La Réunion, und hat die Geschichte des Vanille-Anbaus in ihrer Heimat erforscht. Zu Anfang des 19. Jhdts wird die Vanille, eine Pflanze aus der Gattung der Orchideen, von Frankreich aus in die Kolonie Bourbon verschifft. Der Anbau gelingt problemlos, aber es zeigen sich keine Früchte, bis schließlich – und hier beginnt die Geschichte des Protagonisten – eine besondere Technik bei der händischen Bestäubung zum Erfolg führt und die Vanille, das schwarze Gold der Azteken, wird zum teuren Exportartikel der Insel.
Die Autorin verpackt die Geschichte ihres Protagonisten in Romanform. Ihre Erzählung besticht durch eine kraftvolle, streckenweise lyrische Sprache, aber vor allem durch die sorgfältige Quellenanalyse, auch wenn die Befunde eher mager sind und sie gezwungen ist, die Lücken mit Vermutungen zu füllen. Dennoch bleibt ein beeindruckendes Lebensbild zurück. Der junge Sklave Edmond wächst gegen alle Gebräuche der Zeit in großer räumlicher und persönlicher Nähe zu seinem Herrn auf und übernimmt dessen Begeisterung für die Botanik. Er ist es, der schließlich mit nur 12 Jahren die besondere Bestäubungstechnik für die Vanilleblüte entwickelt und weitergibt und damit den Grundstein eines florierenden Exports legt.
Edmond lebt in einer ungewöhnlichen Zwischenrolle zwischen seinem weißen Gutsbesitzer, der ihn als seinen Ziehsohn betrachtet, und seinen schwarzen Mit-Sklaven, deren harte Lebenswelt die Autorin nicht ausspart. Diese Gegensätze sind es, von denen das Buch lebt. Die Vanille beginnt ihren Siegeszug rund um den Globus, einen Siegeszug, der bis heute anhält – und auf der anderen Seite die Biografie Edmonds, den bei der Freilassung das übliche Schicksal der ehemaligen Sklaven ereilt: der Absturz in das Prekariat. Edmonds Findigkeit, sein außerordentliches botanisches Wissen und seine Verdienste um die Vanille-Kultivierung werden zwar von seinem ehemaligen Herrn immer wieder öffentlich vorgetragen, aber das schützt ihn nicht vor einem armseligen Leben und Sterben.
Damit wird dieser Roman nicht nur zu einer Biografie des Edmond, sondern auch zu einer Geschichte von Kolonialismus und Rassismus. Diese Geschichte wird mir nun immer präsent sein, wenn ich wieder eine Vanilleschote auskratze.
Eine klare Leseempfehlung!
Bellis-Perennis aus Wien am 20.02.2026
Bewertungsnummer: 3051864
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Gaëlle Bélem, die selbst von der lnsel La Réunion stammt, entführt uns in das 19. Jahrhundert, als die Insel noch La Bourbon heißt und Sklaven eine Selbstverständlichkeit zur Bewirtschaftung in der Landwirtschaft zählten.
Sie erzählt, stellvertretend für alle rechtlosen Menschen, die Geschichte des Sklavenjungen Edmond Albius, der dem verwitweten und depressiven Plantagenbesitzer Ferréol Beaumont quasi als „Kuscheltier“ überbracht wird. Edmond erweist sich als neugierig und wissbegierig, heitert seinen Herrn, der sich lieber mit der Orchideenzucht als mit Menschen beschäftigt, tatsächlich auf.
Als sich die jahrelangen Versuche, der Gewürzvanille eine Frucht abzutrotzen, als Fehlschlag entpuppen, versucht der damals zwölfjährige Edmond auf eigene Faust, das Geheimnis der Befruchtung zu lösen.
In der Tat gelingt das Experiment und der Siegeszug des als Bourbon-Vanille bekannten Gewürzes ist nicht mehr aufzuhalten. Von den Gewinnmargen der Plantagenbesitzer und Kaufleuten, die sich mit der Frucht eine goldene Nase verdienen, hat Edmond (wie die Abertausenden Sklaven, die auf der Insel schuften) genau nichts. Ja, es ist ihm sogar verboten lesen und schreiben zu lernen.
Meine Meinung:
Wenn uns heute der exotische Duft von Vanille in der Nase kitzelt, denkt niemand an die Erzeugung und Herkunft dieses Gewürzes, zumal es gelungen ist, das Aroma künstlich herzustellen, um möglichst viele Süßspeisen damit zu verfeinern. Echte Bourbon-Vanille ist nach wie vor teuer, das sie händisch bestäubt werden muss.
Gaëlle Bélem nimmt uns auf den Triumphzug der Vanille rund um den Globus mit. Zunächst gibt es einen kleinen Exkurs nach Mexiko, dem Ursprung der Vanillepflanze, die eine Orchidee ist. Wir besuchen Pflanzungen in Afrika und Asien, Botanische Gärten in Europa, in denen die kostbare Vanille als Zierpflanze angesehen wird, und verkosten in den zahlreichen Cafés und Adelshaushalten Torten, Eis und Schokoladegetränke.
In diesem sprachgewaltigen Roman zeigt Autorin Gaëlle Bélem wie weiße Plantagenbesitzer das Wissen und die Arbeitskraft ihrer Sklaven brutal ausgenützt haben. Dabei gelingt es ihr, manchmal durchaus ironisch und humorvoll, den mühsamen Alltag der Sklaven ihren Leserinnen und Lesern nahe zu bringen.
Wer nostalgisch-gediegene historische Romane, die penibel recherchiert worden sind, und in exotische welten entführt, liebt, wird hier fündig. Sprachlich ist dieser historische Roman, der auf wahren Begegebenheit beruht ein Leckerbissen.
Die Abbildung der Orchidee Gewürzvanille (Vanilla planifolia) ziert das Cover und bietet einen Eindruck der Schönheit der Pflanze. Den betörenden Duft kann man leider nicht riechen.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem Ausflug in die Welt der Vanille, der uns darauf hinweist, wie Wohlstand auf dem Buckel von Sklaven erwirtschaftet worden ist, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.