Berlin, in den 1940er-Jahren: Martha E. ist fleißig und äußerst sparsam. Gute Eigenschaften für die Stelle als Hausbesorgerin, die sie im Schöneberger Mietshaus der Brüder Berkowitz innehat. Liane Berkowitz kommt aus gutem Hause, ein neugieriges und lebenslustiges Mädchen, das mitten im Krieg die Liebe kennenlernt – und den Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Jahrzehnte später wandert Martha die Straßen Schönebergs entlang, zerlumpt und abgerissen. Jeder kennt sie, doch keiner weiß, wer sie wirklich ist: eine Millionärin und Zeugin von Lianes schicksalhaftem Leben.
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Wenn ein stilles Leben plötzlich Geschichte erzählt
Alrik Gerlach (Mitglied der Thalia Book Circle Community) am 09.05.2026
Bewertungsnummer: 3133485
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Manchmal sind es nicht die lauten Heldengeschichten, die am tiefsten treffen, sondern die leisen Leben, die fast übersehen werden. Stunden wie Tage hat mich genau dort erwischt. In einem Schöneberger Mietshaus, zwischen Treppenhaus, Kriegslärm, Alltagsgeräuschen und unausgesprochenen Ängsten, entfaltet Shelly Kupferberg eine Geschichte, die behutsam erzählt und trotzdem schwer im Herzen liegt.
Martha E. ist keine Figur, die sich in den Vordergrund drängt. Sie wirkt zunächst schlicht, sparsam, pflichtbewusst und fast unscheinbar. Doch gerade diese stille Art macht sie so eindringlich. Ich mochte, wie sich ihr Leben langsam öffnet, wie hinter der zerlumpten alten Frau nach und nach eine Vergangenheit sichtbar wird, die voller Verantwortung, Nähe und Schmerz steckt.
Besonders berührt hat mich die Verbindung zu Liane Berkowitz. Dieses junge, neugierige, lebenshungrige Mädchen, das mitten in einer grausamen Zeit Liebe, Mut und Widerstand findet, bringt Licht in die Geschichte, aber auch eine Traurigkeit, die lange nachhallt. Die wahre historische Grundlage macht das Lesen noch intensiver, weil man spürt, dass hinter diesen Seiten echte Schicksale stehen.
Der Stil ist ruhig, fein und eher zurückhaltend. Wer großes Drama erwartet, könnte den Einstieg etwas langsam finden. Für mich passte diese leise Erzählweise aber sehr gut zum Thema. Sie gibt den Figuren Würde und lässt Raum für das, was zwischen den Zeilen steht.
Stunden wie Tage ist ein bewegender, stiller und kluger Roman über Erinnerung, Menschlichkeit, Mut und darüber, wie viel Geschichte in einem einzigen Haus wohnen kann.
Martha bleibt
Renie am 07.05.2026
Bewertungsnummer: 3131910
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Shelly Kupferberg erzählt in ihrem Roman „Stunden wie Tage“ die Geschichte von Menschen aus Berlin – beginnend in den 1920er-Jahren bis hinein in die Gegenwart. Im Mittelpunkt steht ein Mietshaus im Stadtteil Schöneberg und seine Bewohner. Dabei verknüpft sie die Geschichten fiktiver und realer Figuren, allen voran Fräulein Martha E., die zentrale Figur des Romans, sowie die Brüder Berkowitz mit ihren Familien.
Besonders berührend sind Prolog und Epilog, die beide in der Gegenwart spielen und einen Rahmen für die eigentliche Handlung bilden, die um 1925 einsetzt. Vor allem der Prolog weckt Neugier auf das, was den Leser erwartet. Wir begleiten die Figuren durch die 1930er-Jahre, als der Nationalsozialismus in Deutschland an Einfluss gewinnt und sich die Stimmung gegenüber der jüdischen Bevölkerung zunehmend verschlechtert. Ebenso erleben wir den Alltag während der Kriegsjahre und die Zeit des Wiederaufbaus danach.
Die hauptsächliche Perspektive liegt auf Martha, die als junges Mädchen nach ihrer Ausbildung von den Berkowitz-Brüdern als Hausbestellerin für ihr Mietshaus in Schöneberg angestellt wird. Diese heute nicht mehr gebräuchliche Berufsbezeichnung umfasste Tätigkeiten eines Hausmeisters, einer Reinigungskraft sowie organisatorische und kaufmännische Aufgaben. Martha war somit ein „Mädchen für alles“ und lebte ebenfalls in diesem Haus – zunächst allein, später mit ihrem Mann Willy.
Zu Marthas herausragenden Eigenschaften zählen Sparsamkeit, Verlässlichkeit, Empathie und Hilfsbereitschaft. Sie kümmert sich nicht nur um das Gebäude, sondern auch um die Menschen in ihrem Umfeld. Dazu gehört auch einer ihrer Arbeitgeber, Henry Berkowitz, ein Jude, sowie dessen Frau Katharina und Tochter Liane, die von klein auf eine enge Bindung zu Martha entwickelt. Während Henry 1938 nach England flieht, bleiben Katharina und Liane in Deutschland. Katharina weigert sich, die nationalsozialistische Realität anzuerkennen, und unterschätzt die Gefahr, die ihnen droht.
Während der Kriegsjahre wird Martha zu einem verlässlichen Anker für ihre Umgebung. Mit Pragmatismus und großem Verantwortungsgefühl unterstützt sie die Menschen um sich herum. Politik spielt für sie keine Rolle, ebenso wenig die religiöse Zugehörigkeit anderer. Der Leser begleitet Martha durch „ihr“ Schöneberg, erlebt ihren Alltag und lernt zahlreiche Menschen aus dem Viertel kennen. Viele versuchen, sich mit den Einschränkungen zu arrangieren, achten aufeinander und bilden eine enge Gemeinschaft – eine Anonymität, wie sie heute in Großstädten oft vorherrscht, existiert hier nicht. Dennoch sind nicht alle mit der politischen Situation einverstanden: Einige leisten Widerstand – mal im Kleinen, mal in Form offener Proteste. Manche bleiben dabei unentdeckt, andere werden verfolgt und bestraft.
Martha durchlebt diese Zeit mit einer bemerkenswerten Unerschütterlichkeit, die sie und ihr Umfeld jedoch nicht vor Verlusten und Leid bewahren kann. Die Jahre vergehen, doch Martha bleibt. Im hohen Alter, inzwischen verwitwet, tritt sie ihren Ruhestand an, bleibt jedoch weiterhin in ihrer Wohnung. Später zieht sie in ein Pflegeheim, von dem aus sie noch immer ihre Streifzüge durch Schöneberg unternimmt – und damit schließt sich der Kreis zum Prolog, der in der Gegenwart spielt und von einer rätselhaften alten Frau erzählt, die zum Straßenbild von Schöneberg dazugehört, deren Geschichte jedoch kaum einer kennt.
Shelly Kupferberg erzählt deutsche Historie auf eine sehr persönliche Weise. Der Fokus liegt weniger auf historischen Fakten als auf den Menschen – insbesondere auf Martha und der Familie Berkowitz, aber auch auf den Bewohnern des Kiezes. Die Figuren sind vielschichtig und lebendig gezeichnet. Besonders Martha gewinnt im Verlauf des Romans an Tiefe. Sie, deren Geschichte kaum einer kennt, wird von Shelly Kupferberg aus der Anonymität geholt. Sie verleiht Martha auf eindrucksvolle Weise eine Lebensgeschichte, indem sie reale biografische Elemente durch fiktionale ergänzt.
Alle Figuren zeigen Schwächen und treffen nicht immer richtige Entscheidungen. Gerade diese Menschlichkeit macht den Roman so eindringlich. Die Geschichten gehen unter die Haut: Man leidet mit den Figuren, freut sich mit ihnen und bewundert vor allem Martha für ihre Standhaftigkeit, ihre innere Stärke und ihre Menschlichkeit in einer Zeit, in der vieles zu zerbrechen drohte.
Fazit
„Stunden wie Tage“ ist ein eindringlicher, bewegender Roman, der große Geschichte durch kleine, persönliche Schicksale erzählt. Shelly Kupferberg gelingt es, historische Ereignisse greifbar zu machen, indem sie den Fokus auf zwischenmenschliche Beziehungen und individuelle Lebenswege legt. Besonders die Figur der Martha bleibt nachhaltig im Gedächtnis – als Sinnbild für Mitmenschlichkeit, Stärke und stille Standhaftigkeit. Ein lesenswertes Buch für alle, die sich für Geschichte interessieren, aber vor allem für die Menschen dahinter.
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