Berlin, in den 1940er-Jahren: Martha E. ist fleißig und äußerst sparsam. Gute Eigenschaften für die Stelle als Hausbesorgerin, die sie im Schöneberger Mietshaus der Brüder Berkowitz innehat. Liane Berkowitz kommt aus gutem Hause, ein neugieriges und lebenslustiges Mädchen, das mitten im Krieg die Liebe kennenlernt – und den Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Jahrzehnte später wandert Martha die Straßen Schönebergs entlang, zerlumpt und abgerissen. Jeder kennt sie, doch keiner weiß, wer sie wirklich ist: eine Millionärin und Zeugin von Lianes schicksalhaftem Leben.
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
Bewertung
5/5
24.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Entscheidungen
Entscheidungen
Ich durfte bei der Buchvorstellung Shelly persönlich über das Buch und dessen Hintergründe sprechen hören und war schon da total begeistert. Und wenn man so die ein oder andere Anekdote noch im Kopf hat, umso besser.
Wir befinden uns im Berlin der 1940er Jahre. Es arbeiten die sparsame Hausbesorgerin Martha und die lebensfrohe Liane Berkowitz im selben Mietshaus. Während Liane sich verliebt und sich dem Widerstand gegen das NS Regime anschließt, wird Martha zur stillen Zeugin ihres Schicksals. Jahrzehnte später lebt Martha verarmt auf den Straßen Schönebergs, obwohl sie eigentlich Millionärin ist. Nach und nach offenbart sich die bewegende Geschichte zweier Frauen, deren Leben eng miteinander verbunden sind.
Mich hat dieses Buch tief berührt. Denn es erzählt keine große Heldengeschichte, keinen grausamen Mordfall, sondern das Leben einer ganz gewöhnlichen Frau. Einer Frau, die immer so gelebt hat, wie sie es für richtig hielt. Und gerade das macht den Roman für mich so besonders.
Martha arbeitet als Hausbesorgerin in einem Berliner Mietshaus und begleitet die Bewohner über viele Jahrzehnte. Sie selbst hat sich gegen Kinder entschieden, begleitet aber das Leben von Liane seit sie ein kleines Mädchen ist. Und besonders die enge Verbindung zu Liane Berkowitz hat mich bewegt. Ihre Geschichte ging mir sehr nahe und hat mich noch lange nach dem Lesen beschäftigt. Ich habe mich danach noch länger mit ihr beschäftigt und viel recherchiert.
Der Schreibstil ist ruhig und doch sehr eindringlich. Die Autorin braucht keine lauten Worte, um starke Bilder entstehen zu lassen. Ich hatte oft das Gefühl, selbst durch das Haus zu gehen und die Menschen zu begleiten. Die Figuren wirken lebendig und glaubwürdig. Jede von ihnen trägt ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Sorgen mit sich.
Für mich ist dieses Buch eine berührende und wichtige Lektüre. Es erinnert daran, dass hinter den großen Ereignissen der Geschichte immer einzelne Menschen stehen. Menschen mit Hoffnungen, Ängsten und Entscheidungen, die ihr ganzes Leben prägen.
ISBN: 978-3257073485
Autor: Shelly Kupferberg
Verlag: Diogenes
ET: 25.03.26
Umfang: 272 Seiten
mimitatis_buecherkiste
aus Krefeld
5/5
02.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Gegen das Vergessen
In Berlin der 1940er Jahre bewirbt sich Martha bei den Berkowitz-Brüdern um die Stelle als Hausbesorgerin. Die Brüder möchten das Haus in Schöneberg in guten Händen wissen und entscheiden sich für die junge Frau. Viele Jahrzehnte später ahnt niemand, dass die alte Frau, die durch Schönebergs Straßen läuft, Millionärin ist und Zeugin von unvorstellbaren Taten im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen die Nationalsozialisten.
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»Mit den Jahren war auch das Unnormale, das Unvorstellbare zum Alltag geworden. Nie hätte Martha gedacht, dass es noch einmal einen Krieg geben würde.« (Seite 186)
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Vor längerer Zeit las ich den ersten Roman der in Tel Aviv geborenen Autorin mit dem schönen Titel »Isidor« und war erfreut darüber, als ich hörte, dass sie ein neues Buch geschrieben hat. Auch das vorliegende Werk behandelt die Dunkelzeit Deutschlands, die Verfolgung bestimmter Menschen sowie den Widerstand gegen die Herrschaft der Nationalsozialisten und verbindet Tatsachen mit Fiktion. Martha ist eine eigenwillige Frau, nicht unbedingt eine Sympathieträgerin, allerdings jemand, der das Herz auf dem rechten Fleck hat. Ihre Geschichte und auch die der ihr näherstehenden Personen hat mich beeindruckt und berührt, insbesondere die zweite Hälfte des Buches hat mich wirklich sehr bewegt. Ein wunderbarer Roman, den ich gerne empfehlen möchte.
Alrik Gerlach
Thalia Book Circle Community
5/5
09.05.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wenn ein stilles Leben plötzlich Geschichte erzählt
Manchmal sind es nicht die lauten Heldengeschichten, die am tiefsten treffen, sondern die leisen Leben, die fast übersehen werden. Stunden wie Tage hat mich genau dort erwischt. In einem Schöneberger Mietshaus, zwischen Treppenhaus, Kriegslärm, Alltagsgeräuschen und unausgesprochenen Ängsten, entfaltet Shelly Kupferberg eine Geschichte, die behutsam erzählt und trotzdem schwer im Herzen liegt.
Martha E. ist keine Figur, die sich in den Vordergrund drängt. Sie wirkt zunächst schlicht, sparsam, pflichtbewusst und fast unscheinbar. Doch gerade diese stille Art macht sie so eindringlich. Ich mochte, wie sich ihr Leben langsam öffnet, wie hinter der zerlumpten alten Frau nach und nach eine Vergangenheit sichtbar wird, die voller Verantwortung, Nähe und Schmerz steckt.
Besonders berührt hat mich die Verbindung zu Liane Berkowitz. Dieses junge, neugierige, lebenshungrige Mädchen, das mitten in einer grausamen Zeit Liebe, Mut und Widerstand findet, bringt Licht in die Geschichte, aber auch eine Traurigkeit, die lange nachhallt. Die wahre historische Grundlage macht das Lesen noch intensiver, weil man spürt, dass hinter diesen Seiten echte Schicksale stehen.
Der Stil ist ruhig, fein und eher zurückhaltend. Wer großes Drama erwartet, könnte den Einstieg etwas langsam finden. Für mich passte diese leise Erzählweise aber sehr gut zum Thema. Sie gibt den Figuren Würde und lässt Raum für das, was zwischen den Zeilen steht.
Stunden wie Tage ist ein bewegender, stiller und kluger Roman über Erinnerung, Menschlichkeit, Mut und darüber, wie viel Geschichte in einem einzigen Haus wohnen kann.
Renie
5/5
07.05.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Martha bleibt
Shelly Kupferberg erzählt in ihrem Roman „Stunden wie Tage“ die Geschichte von Menschen aus Berlin – beginnend in den 1920er-Jahren bis hinein in die Gegenwart. Im Mittelpunkt steht ein Mietshaus im Stadtteil Schöneberg und seine Bewohner. Dabei verknüpft sie die Geschichten fiktiver und realer Figuren, allen voran Fräulein Martha E., die zentrale Figur des Romans, sowie die Brüder Berkowitz mit ihren Familien.
Besonders berührend sind Prolog und Epilog, die beide in der Gegenwart spielen und einen Rahmen für die eigentliche Handlung bilden, die um 1925 einsetzt. Vor allem der Prolog weckt Neugier auf das, was den Leser erwartet. Wir begleiten die Figuren durch die 1930er-Jahre, als der Nationalsozialismus in Deutschland an Einfluss gewinnt und sich die Stimmung gegenüber der jüdischen Bevölkerung zunehmend verschlechtert. Ebenso erleben wir den Alltag während der Kriegsjahre und die Zeit des Wiederaufbaus danach.
Die hauptsächliche Perspektive liegt auf Martha, die als junges Mädchen nach ihrer Ausbildung von den Berkowitz-Brüdern als Hausbestellerin für ihr Mietshaus in Schöneberg angestellt wird. Diese heute nicht mehr gebräuchliche Berufsbezeichnung umfasste Tätigkeiten eines Hausmeisters, einer Reinigungskraft sowie organisatorische und kaufmännische Aufgaben. Martha war somit ein „Mädchen für alles“ und lebte ebenfalls in diesem Haus – zunächst allein, später mit ihrem Mann Willy.
Zu Marthas herausragenden Eigenschaften zählen Sparsamkeit, Verlässlichkeit, Empathie und Hilfsbereitschaft. Sie kümmert sich nicht nur um das Gebäude, sondern auch um die Menschen in ihrem Umfeld. Dazu gehört auch einer ihrer Arbeitgeber, Henry Berkowitz, ein Jude, sowie dessen Frau Katharina und Tochter Liane, die von klein auf eine enge Bindung zu Martha entwickelt. Während Henry 1938 nach England flieht, bleiben Katharina und Liane in Deutschland. Katharina weigert sich, die nationalsozialistische Realität anzuerkennen, und unterschätzt die Gefahr, die ihnen droht.
Während der Kriegsjahre wird Martha zu einem verlässlichen Anker für ihre Umgebung. Mit Pragmatismus und großem Verantwortungsgefühl unterstützt sie die Menschen um sich herum. Politik spielt für sie keine Rolle, ebenso wenig die religiöse Zugehörigkeit anderer. Der Leser begleitet Martha durch „ihr“ Schöneberg, erlebt ihren Alltag und lernt zahlreiche Menschen aus dem Viertel kennen. Viele versuchen, sich mit den Einschränkungen zu arrangieren, achten aufeinander und bilden eine enge Gemeinschaft – eine Anonymität, wie sie heute in Großstädten oft vorherrscht, existiert hier nicht. Dennoch sind nicht alle mit der politischen Situation einverstanden: Einige leisten Widerstand – mal im Kleinen, mal in Form offener Proteste. Manche bleiben dabei unentdeckt, andere werden verfolgt und bestraft.
Martha durchlebt diese Zeit mit einer bemerkenswerten Unerschütterlichkeit, die sie und ihr Umfeld jedoch nicht vor Verlusten und Leid bewahren kann. Die Jahre vergehen, doch Martha bleibt. Im hohen Alter, inzwischen verwitwet, tritt sie ihren Ruhestand an, bleibt jedoch weiterhin in ihrer Wohnung. Später zieht sie in ein Pflegeheim, von dem aus sie noch immer ihre Streifzüge durch Schöneberg unternimmt – und damit schließt sich der Kreis zum Prolog, der in der Gegenwart spielt und von einer rätselhaften alten Frau erzählt, die zum Straßenbild von Schöneberg dazugehört, deren Geschichte jedoch kaum einer kennt.
Shelly Kupferberg erzählt deutsche Historie auf eine sehr persönliche Weise. Der Fokus liegt weniger auf historischen Fakten als auf den Menschen – insbesondere auf Martha und der Familie Berkowitz, aber auch auf den Bewohnern des Kiezes. Die Figuren sind vielschichtig und lebendig gezeichnet. Besonders Martha gewinnt im Verlauf des Romans an Tiefe. Sie, deren Geschichte kaum einer kennt, wird von Shelly Kupferberg aus der Anonymität geholt. Sie verleiht Martha auf eindrucksvolle Weise eine Lebensgeschichte, indem sie reale biografische Elemente durch fiktionale ergänzt.
Alle Figuren zeigen Schwächen und treffen nicht immer richtige Entscheidungen. Gerade diese Menschlichkeit macht den Roman so eindringlich. Die Geschichten gehen unter die Haut: Man leidet mit den Figuren, freut sich mit ihnen und bewundert vor allem Martha für ihre Standhaftigkeit, ihre innere Stärke und ihre Menschlichkeit in einer Zeit, in der vieles zu zerbrechen drohte.
Fazit
„Stunden wie Tage“ ist ein eindringlicher, bewegender Roman, der große Geschichte durch kleine, persönliche Schicksale erzählt. Shelly Kupferberg gelingt es, historische Ereignisse greifbar zu machen, indem sie den Fokus auf zwischenmenschliche Beziehungen und individuelle Lebenswege legt. Besonders die Figur der Martha bleibt nachhaltig im Gedächtnis – als Sinnbild für Mitmenschlichkeit, Stärke und stille Standhaftigkeit. Ein lesenswertes Buch für alle, die sich für Geschichte interessieren, aber vor allem für die Menschen dahinter.
Bewertung
aus Wermelskirchen
5/5
30.04.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Berlin der 40iger Jahren
Dies ist eine Geschichte, die lange nachwirkt und eine interessante Perspektive auf den Nationalsozialismus bietet.
Wir begleiten Martha im Berlin der 40iger Jahre. Sie ist eine fleißige und bescheidene Frau, die mit stiller Stärke ihren Platz im Leben behauptet. Als Hausbesorgerin in einem Mietshaus der jüdischen Brüder Berkowitz ist sie Dreh- und Angelpunkt für alle Bewohner. Sie sorgt sich, hört zu und hilft und bleibt stets im Hintergrund. Auch als ein Bruder nach Amerika flüchtet und Henry Berkowitz sich scheiden lässt, um nach England zu flüchten und seine Frau Katharina und die Tochter Liane in Berlin zurücklässt, hält Martha sich zurück. „Nach außen trug Martha es mit Fassung, niemals hätte sie gewagt, ihre Meinung kundzutun, doch es schmerzte sie. So weit war es also gekommen. So weit war die Politik ins Private gedrungen. Und das Kind? Ihr wollte das Herz zerspringen.“ (S.143)
Besonders berührend ist die Beziehung zu Liane, der lebensfrohen Tochter aus der Familie Berkowitz. Zwischen Martha und Liane entsteht eine zarte, fast mütterliche Nähe, die einen warmen Gegenpol zur düsteren Zeit bildet. Während der Krieg das Leben überschattet, verliebt sich Liane und wird mit ihrem Freund im Widerstand aktiv. Diese Entscheidung hat dramatische Folgen.
Der Roman lebt von seinen leisen Tönen. Aus Marthas Perspektive erleben wir nicht nur den Alltag im Krieg, sondern auch die schleichenden Veränderungen durch Antisemitismus und den Nationalsozialismus. Ihre Zurückhaltung macht sie zu einer eindringlichen Beobachterin und zu einer Figur, die man tief ins Herz schließt.
Ein feinfühliger Roman mit starken und vielschichtigen Figuren, der zeigt, wie eng Hoffnung und Verlust beieinanderliegen. Diesen Roman müsst ihr lesen!
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