Warum so viele ostdeutsche Schriftsteller aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden sind
Als die DDR unterging, kam es fast über Nacht zur Demontage der gesamten ostdeutschen Literatur. Millionen Bücher wurden vernichtet, Verlage und Betriebe für wenige D-Mark veräußert, Bibliotheken geschlossen. Die Bewertung des schriftstellerischen Schaffens erfolgte nicht nach ästhetischen Maßstäben, sondern nach ideologischen. Autorinnen und Autoren wurden pauschal als »staatsnah« oder »-fern« eingeteilt und aus dem kollektiven Gedächtnis verbannt. Das hatte traumatische Folgen, nicht nur für die Diffamierten.
Carsten Gansel zeigt exemplarisch, warum der Westen im Osten bis heute als dominant und übergriffig empfunden wird. Er wirbt für einen anderen Blick auf die DDR-Literatur und die Ostdeutschen, inklusive einer Rehabilitierung.
Von Christa und Gerhard Wolf bis Uwe Johnson, von Werner Bräunig bis Gerti Tetzner, von Brigitte Reimann bis Fritz Rudolf Fries, von Irmtraud Morgner bis Ulrich Plenzdorf, von Volker Braun bis Jenny Erpenbeck.
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
Manfred Orlick
aus Halle (Saale)
5/5
24.03.2026
eBook (ePUB 3)
Das Ende der DDR-Literatur?
Nach der politischen Wende und der deutschen Wiedervereinigung 1989/90 wurden Millionen von DDR-Büchern entsorgt und Kulturhäuser geschlossen. Sie wurden aus Bibliotheken und dem Buchhandel verdrängt. Viele Verlage und Werke verschwanden aus dem kollektiven Gedächtnis. Zwar werden einige Autoren heute durch Neuauflagen wiederentdeckt, doch die Literaturwissenschaft spricht vom „Ausradieren“ eines literarischen Kulturgutes.
Der Literaturwissenschaftler Carsten Gansel geht in seinem neuen Buch „Ausradiert?“ den Fragen nach: Was ist mit den DDR-Büchern und ihren Autoren passiert ist … warum ist es passiert … und welche Folgen hat das - bis heute? Überhaupt konnten die Ostdeutschen kaum ihren Erfahrungsschatz einbringen, obwohl sie einen Erfahrungsvorsprung hatten, weil sie vergleichen konnten. In neun umfangreichen Kapiteln beschreibt der Autor zunächst, wie der Prozess der Entfremdung zwischen West- und Ost-Literatur schon Jahrzehnte früher entstanden ist, welche Zukunftsvisionen es am Anfang gab, die Störfälle in der DDR-Literatur bis hin zur DDR-Literatur als Terra incognita. Die westliche Ablehnung basierte auf der Annahme, dass die DDR-Literatur zum Erhalt des abgelehnten Systems beigetragen habe. Gleichzeitig stand außer Frage, dass die Ostdeutschen nach der Wende westliche Zeitungen und Bücher lesen wollten.
Die Neuerscheinung will keine Literaturgeschichte sein, sondern eine offene Darstellung von Umbrüchen und verdrängtem Erbe. Am Ende gibt Gansel einige Lektüreempfehlungen: fünfzig Titel von „Das siebte Kreuz“ (1942/46, Anna Seghers) bis „Risse im Eis“ (1989, Joachim Walther).
Eternal-Hope
aus Österreich
5/5
27.05.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Für eine neue Sicht auf die DDR und ihre Menschen
In den letzten Jahren sind angesichts diverser Jubiläen und aktueller politischer Entwicklungen viele Bücher und Artikel erschienen, die sich auf die eine oder andere Weise mit der ehemaligen DDR und den dazugehörigen "neuen" deutschen Bundesländern sowie den dort lebenden Menschen befassen. Davon habe ich schon einige gelesen, manche zugänglicher, andere für Außenstehende schwieriger zu erschließen, manche aus einer Innensicht, andere mit einem Blick von außen.
Selten habe ich aber von einem Sachbuch so viel über die ehemalige DDR und die Zeit danach gelernt und vor allem durch die Lektüre so viel Empathie für die Herausforderungen und das Nicht-Gesehen-Werden der Menschen aus dieser Region entwickeln können, wie durch dieses Werk des in Ostdeutschland geborenen und aufgewachsenen Literaturwissenschaftlers und Hochschullehrers Carsten Gansel, der beide Teile des heutigen Deutschlands gut kennt und versteht.
Man könnte anhand des Titels meinen, es ginge in diesem Buch ausschließlich um die vergessene und zum Teil tatsächlich auf Mülldeponien achtlos oder sogar bewusst vernichtete in der DDR entstandene Literatur. Und ja, um diese geht es natürlich auch. Der Autor stellt uns unzählige interessante Werke aus dieser Zeit vor, beschreibt die Situation der Literaturschaffenden zwischen Anpassung, Beschreibung ihrer Lebenswelten und Kritik und sensibilisiert für die Vielfalt der in vier Jahrzehnten DDR entstandenen literarischen Werke, von denen viele einen näheren Blick wert sind, um Kunst, Kultur und Leben der Menschen in dieser Zeit und deren Auswirkungen bis heute besser zu verstehen.
Doch die Botschaft, die ich aus diesem Buch mitnehme, geht weit über die Beschreibung der Literatur heraus: es ist ein Entsetzen, das ich (als Österreicherin mit einem mitfühlenden Blick von außen) spüre, wenn ich davon erfahre, wie sehr die im ehemaligen Ostdeutschland aufgewachsenen und sozialisierten Menschen sowie ihre Kunst, Kultur und Lebenserfahrungen im Zuge der Wende und auch danach, immer wieder und bis heute, marginalisiert und entwertet werden, als gäbe es absolut nichts Wertvolles, das sie in dieser Zeit geleistet oder entwickelt hätten und als wäre es nur gut und richtig, wenn jegliche Kultur und Kunst aus der DDR-Zeit vergessen würde und komplett in der Kultur der ehemaligen BRD aufgehen würde. So wenig Interesse besteht und bestand oft von Seiten des ehemaligen "Westens" für reale Lebenserfahrungen der Menschen aus der ehemaligen DDR, aus denen doch ebenfalls Weisheit gewonnen werden kann!
Da verwundert es nicht, wenn manche von ihnen sich bis heute nicht zugehörig oder stark abgewertet fühlen, und, auch aufgrund eigener Erfahrungen, für undemokratische Entwicklungen, die es auch heute gibt, sensibilisiert sind.
Wie der Autor gegen Ende des Buches treffend schreibt und damit die besonderen Kompetenzen vieler dieser Menschen sieht und würdigt: "Eine Demokratie benötigt Kritiker, Nein-Sager, Aufstörer, die die als alternativlos gezeichneten Botschaften hinterfragen, ja in Frage stellen. Gefährdungen einer Demokratie vermögen daher besonders jene zu erkennen, die den schleichenden Prozess der "Zerwicklung" einer Gesellschaft am eigenen Leibe erlebt haben. Auf den Punkt gebracht: Man kann und sollte der beständigen Rede von den Ostdeutschen als defizitären Wesen endlich einmal eine andere Erzählung entgegenstellen - nämlich jene von den Ostdeutschen, die durch ihre Erfahrungen in der DDR und im Transformationsprozess gefeit sind gegen allzu übertriebene Versprechungen und Ideologien, die realistisch die Wirklichkeit beobachten und daher sensibel erkennen können, wann demokratische Rechte in Gefahr sind (...) Insofern vermögen die Ostdeutschen als Seismographen der Demokratie zu funktionieren. Man muss sich nur die Mühe machen, einen Blickwechsel vorzunehmen, und ihren Sichtweisen ernsthaft auf den Grund gehen." (S. 364)
Vielen Dank dem Autor für ein empathieförderndes, erhellendes, aufklärendes Werk und dem Reclam Verlag für die Bereitschaft und den Mut, es herauszubringen! Ich kann es einer breiten Leserschaft in ganz Deutschland sowie darüber hinaus Interessierten aus anderen Ländern aus ganzem Herzen empfehlen!
Alrik Gerlach
Thalia Book Circle Community
4/5
20.04.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wenn Literatur einfach ausgelöscht wird
Man sitzt da, liest ein paar Seiten und merkt schnell, das ist kein gemütlicher Literaturplausch, sondern eher so ein gedanklicher Wachrüttler mit Ansage. Carsten Gansel nimmt sich ein Thema vor, das gern mal unter den Teppich gekehrt wird, und zieht es einfach gnadenlos wieder hervor. Fand ich erst ein bisschen anstrengend, dann aber ziemlich notwendig.
Spannend ist vor allem dieser Blick darauf, wie schnell ein ganzer literarischer Kosmos nach der Wende quasi aussortiert wurde. Da geht es nicht nur um Bücher, sondern um Biografien, um Stimmen, die plötzlich keiner mehr hören wollte. Beim Lesen kam öfter der Gedanke hoch, wie bequem es eigentlich ist, Dinge einfach in eine Schublade zu stecken und abzuhaken.
Natürlich ist das Ganze nicht immer leicht verdaulich. An manchen Stellen wirkt es ein bisschen wie ein wiederholtes Nachhaken, so nach dem Motto, hast du das jetzt wirklich verstanden. Aber genau das sorgt auch dafür, dass die Argumente hängen bleiben und nicht einfach vorbeirauschen.
Was richtig gut funktioniert, ist dieser Mix aus Analyse und persönlicher Betroffenheit. Das fühlt sich nicht trocken akademisch an, sondern eher wie jemand, der wirklich was loswerden muss. Und genau das macht das Buch am Ende stärker, als ich gedacht hätte.
Unterm Strich kein Wohlfühlbuch, aber eins, das im Kopf bleibt und genau deswegen gelesen werden sollte.
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