Drei Frauen, ein Haus und viele Träume: Gesuina, Maria und Lori – Großmutter, Mutter und Tochter – leben gemeinsam unter einem Dach. Die über Sechzigjährige Gesuina ist voller Begehren und Lebenslust, küsst heimlich den jungen Bäcker und chattet online mit ihren Verehrern. Maria hingegen, die tragende Säule der Familie, lebt als Übersetzerin in ihrer Welt der Literatur und der Briefe an den fernen Geliebten. Die siebzehnjährige Gymnasiastin Lori lehnt sich mit trotzigen Aktionen gegen die beiden Frauen und deren Liebessehnsucht auf und will ihre Freiheit behaupten. Bis ein Mann das labile Gefüge des Zusammenlebens zum Einsturz bringt und die Frauen zwingt, ihre Bande neu zu definieren.
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Drei Frauen und ein Mann
Magdalena aus Köln am 15.04.2026
Bewertungsnummer: 3109859
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Drei Frauen von Dacia Maraini, aus dem Italienischen von Ingrid Ickler ist mein erstes Buch der 90jährigen Autorin. Ich habe das dünne Büchlein (180 Seiten) sehr gern gelesen. Die Handlung spielt im Zeitraum von dreizehn Monaten.
Drei Frauen ist in Tagebuch- bzw. Briefform geschrieben, die Kapitel sind mit Datum (ohne Jahreszahl) überschrieben, abwechselnd aus der Perspektive der 60jährigen Großmutter Gesuina, der 40jährigen Mutter Maria und der 17jährigen Tochter bzw. Enkelin Lori.
Gesuina hat noch lange nicht mit der Liebe abgeschlossen, sie hat eine Internetromanze mit dem fünfzehn Jahre jüngeren Filippo und eine „Kuss-Beziehung“ mit dem jungen Bäcker Simone. Sie war früher Schauspielerin, doch seit vielen Jahren verdient sie ihren Lebensunterhalt mit dem Verabreichen von Injektionen.
Maria ist Literaturübersetzerin und sehr arbeitsam, sie arbeitet von früh bis spät, um „Madame Bovary“ rechtzeitig vor Weihnachten ins Italienische zu übersetzen. Mit ihrer großen Liebe François fährt sie regelmäßig in Urlaub, in der Zeit dazwischen schreiben sie sich Briefe.
Lori ist Schülerin, sie ist mit Tulú zusammen und recht rebellisch unterwegs. Aus einer Laune heraus lässt sie sich einen Drachen auf den Rücken tätowieren.
Kurz vor Weihnachten kommt François für ein paar Tage zu Besuch, bevor er mit Maria zu einem längeren Urlaub nach Holland aufbricht. Der Franzose bringt eine Lawine ins Rollen, die das Leben der drei Frauen radikal umkrempelt.
Nach wenigen Seiten habe ich mich an den ungewöhnlichen Schreibstil gewöhnt, und nachdem das Drama seinen Lauf genommen hatte, konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Am meisten mochte ich Gesuina, die sich vom Leben nimmt, was ihr gefällt, sich aber auch für ihre Tochter und Enkelin aufopfert. Ich hatte Diskussionsbedarf, da einige Fragen offenbleiben und würde das Buch an Buchclubs empfehlen. Ich freue mich, diese Autorin entdeckt zu haben und werde mir auch ihre anderen Bücher anschauen.
Aus purem Glück
Bories vom Berg aus München am 13.04.2026
Bewertungsnummer: 3108220
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Die schon länger für den Nobelpreis vorgeschlagene italienische Kultautorin Dacia Maraini hat sich mit dem Roman «Drei Frauen» erneut als streitbare Pionierin des Feminismus erwiesen. In dieser unkonventionellen Geschichte stellt sie drei Generationen einer aus Großmutter, Mutter und Tochter bestehenden Lebensgemeinschaft vor, deren Zusammenleben unter einem Dach sich nicht nur emotional als schwierig erweist. Diese unkonventionelle Thematik nutzt sie zu mancherlei überraschenden Wendungen in ihrer aus unterschiedlichen Perspektiven erzählten Geschichte.
Älteste im Bunde ist mit 60 Jahren die lebenslustige Großmutter Gesuina, eine ehemalige Schauspielerin, die immer noch gern mit Männern flirtet und mit ihrem deutlich jüngeren Bäcker eine ungewöhnliche Liaison hat. Denn er ist nur am Küssen interessiert, darin aber ist er unschlagbar. Gesuina werden jedes Mal die Knie weich, wenn er sie leidenschaftlich küsst, mehr will er aber nicht von ihr. Die früh verwitwete, vierzigjährige Maria, ihre ernste, sittenstrenge Tochter, ist freiberuflich als literarische Übersetzerin tätig. Sie ist ein eher lebensfremder Bücherwurm, und sie ist es denn auch, die ihre Familie durchfüttert. Seit fünf Jahren ist sie mit François liiert, eine Fernbeziehung, die sie ganz unkonventionell noch mit langen Briefen ausfüllt. Kulturell interessiert machen sie beide öfter gemeinsam Urlaub, und zwar nicht nur in exotischen Ländern, sondern sie bereisen kulturinteressiert auch Holland, worüber Maria ihrer Familie von unterwegs begeistert per Brief berichtet. Die siebzehnjährige Gymnasiastin Lori schließlich, Marias Tochter, ist pubertär bedingt ziemlich aufmüpfig. Sie hat öfter mal Sex mit ihrem festen Freund und kümmert sich ganz unkonventionell um eine auf der Müllkippe hausende Obdachlose, der sie öfter mal Essen und Getränke vorbei bringt und auch Geld zusteckt. Unterschiedlicher als diese drei Charaktere können Romanfiguren wohl kaum sein.
Es gibt schließlich eine überraschende Wendung, als sich herausstellt, dass Lori schwanger ist. Während der Geliebte ihrer Mutter an Weihnachten zu Besuch war, hat sie die Gelegenheit genutzt und mal schnell Sex mit François gehabt, einfach weil sie neugierig war auf den gut aussehenden Mann. Aber selbstverständlich wollte sie ihn der Mutter nicht ausspannen! Man fragt sich als Leser, ob die Autorin es nicht auf die Spitze treibt in ihrer Geschichte, wenn sie es bei diesem leichtsinnigen Spontansex nun auch gleich zu einer ungewollten Schwangerschaft kommen lässt. Sie wollte «der heutigen, verwöhnten Jugend einen Spiegel vorhalten», hat sie dazu erklärt. «Die lassen sich leichtfertig treiben, sie weichen Verpflichtungen aus und denken kaum über den Tag hinaus». Insoweit soll also ihr an die Vernunft appellierender Roman auch eine moralische Botschaft transportieren. Lori traut sich nicht, ihrer Mutter zu beichten, denn auch die Großmutter lehnt es vehement ab, die arme Maria damit zu konfrontieren. Soll Lori abtreiben oder einfach ihrem festen Freund das Kind unterschieben? Nach mehr als drei Monaten ist der Bauch nicht mehr zu verstecken, François hat sich schändlich ‹vom Acker gemacht›, und Lori offenbart sich endlich ihrer Mutter, ziemlich feige zwar, - in einem langen Brief nämlich!
Stilistisch perfekt wird diese Geschichte, ständig wechselnd und meisterhaft gekonnt, aus der Perspektive ihrer drei Protagonistinnen erzählt: Als Tonband-Aufzeichnung der Großmutter, in Briefen der Mutter und in Tagebuch-Einträgen der Tochter. Letztere gebiert einen prächtigen Jungen, dem sie ganz unbeirrt den Namen Prometheus gibt, der ‹Vorausdenkende›. Das Baby verändert die familiäre Struktur schlagartig zum Positiven, das Gefühls-Karussell dieser drei ungleichen Frauen justiert sich von Grund auf neu. Sehr subtil legt die Autorin in ihrem raffiniert angelegten Plot eine zerbrechliche Familien-Struktur dar, die mit dem Vogelkäfig auf dem Cover auch die Freiheit als politisches Ziel symbolisiert. Trotzdem bleibt sie aber auch hoffnungsfroh, denn am Ende lachen alle wieder, die letzten Worte dazu lauten ergänzend «aus purem Glück»!
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