Vampire gehören längst zum Stammpersonal populärkultureller Gruselgeschichten. Doch die Vorstellung von Untoten, die Menschen das Blut aussaugen, ist älter als die moderne Kulturindustrie. Wann also kam der Vampir zur Welt?
Bereits in den alteuropäischen Mythen gibt es Berichte über körperliche Wesen, die ihre Gräber verlassen und Unheil stiften. Doch mit Ausnahme der griechischen Lamia fehlt jenen Kreaturen die eine entscheidende Eigenschaft: der Durst nach Blut.
Erst im 12. und 13. Jahrhundert beginnen sich die Vorstellungen des Wiedergängers zunehmend in eine bestimmte Richtung zu entwickeln: Da liest man von Toten, die aus ihrem Grab auferstehen, Blut saugen und Krankheiten übertragen. Ist dieser wandelnde Verdammte das kulturgeschichtliche Missing Link zwischen den rachsüchtigen Untoten der alteuropäischen Mythologien und dem balkanischen Vampir der Neuzeit?
Moderne Publikumsmagnete wie die »Twilight«-Saga und »Nosferatu« zeugen von der ungebrochenen Popularität jener Schreckensgestalten mit Blutdurst. Simeon Elias Hüttel hat sich auf die Spur des Vampirglaubens gesetzt und dabei überraschendes neues Material zutage gefördert.
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„Die Geburt des Vampirs“ ist…
LichtundSchatten am 21.01.2026
Bewertungsnummer: 3022776
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
„Die Geburt des Vampirs“ ist ein kulturgeschichtliches Sachbuch, das der Frage nachgeht, wie die Figur des Vampirs in der europäischen Vorstellungswelt überhaupt entstehen konnte und warum sie bis heute so wirkmächtig geblieben ist. Es verbindet Analyse mit erzählerischen Passagen und entfaltet so eine Art Biografie des Vampirs – von vormodernen Mythen bis zu Popkultur und Streamingserien. Der Autor interessiert sich weniger für einzelne Vampirgeschichten als für den historischen Moment, in dem „der Vampir“ als wiedererkennbarer Typus auftaucht. Er fragt, welche religiösen, medizinischen und sozialen Deutungsmuster zusammenkommen mussten, damit aus diffusen Erzählungen über Wiedergänger die klar umrissene Figur des blutsaugenden Untoten werden konnte. Ausgangspunkt sind alteuropäische Mythen und Volksglauben, in denen bereits körperliche Wesen beschrieben werden, die das Grab verlassen, Lebende heimsuchen und Unheil stiften. Der Autor zeigt, wie sich diese Gestalten von namenlosen Wiedergängern zu dem spezifischen Vampirbild verdichten, das im 18. und 19. Jahrhundert in Reiseberichten, Traktaten und Zeitungsartikeln greifbar wird. Ein wichtiges Moment des Buches ist die Verfolgung der Transformation vom Schrecken des Dorfes zur internationalen Kulturikone. Hüttel rekonstruiert, wie literarische Texte, Theater, später Film und Serien den Vampir ästhetisieren, sexualisieren und psychologisieren, bis er zum festen Stammpersonal moderner Grusel- und Fantasystoffe gehört. Zugleich liest der Autor den Vampir als Spiegel gesellschaftlicher Ängste: Krankheit, Seuchen, sexuelle Devianz, Fremdheit und soziale Ordnungskrisen verdichten sich in dieser Figur. Der Vampir erscheint so als Projektionsfläche für das Unheimliche der Moderne – ein Körper, an dem sich verhandeln lässt, was eine Gemeinschaft ausschließt, verdrängt oder tabuisiert. Stilistisch verbindet das Buch wissenschaftliche Genauigkeit mit essayistischen Passagen, die auch für literarisch interessierte Leser gut zugänglich bleiben. „Die Geburt des Vampirs“ lässt sich daher als kompaktes, reflektiertes Grundlagenwerk zur Kulturgeschichte des Vampirs betrachten, das sowohl Genrefans als auch geisteswissenschaftlich Neugierige anspricht. Eine gelungene Mischung. In der Vampir-SF galt Blut oft als Träger von Wissen – wer es trank, eignete sich die Fähigkeiten des Anderen an. Heute fließt dieses „Blut“ als Daten und Modelle durch KI-Systeme, ein Wissensstrom, der nicht tötet, sondern verteilt. Während Trump z.B. symbolisch als Vampir dämonisiert und emotional vernichtet wird – Pfahl, Knoblauch, Gelächter –, geschieht im Hintergrund das Gegenteil: Wissen wird beschleunigt, vervielfacht, entgrenzt. Die Dämonisierung liefert Bilder, die KI liefert Wirkung. Der Vampir wird medial verbrannt – aber das Wissen zirkuliert frei und entzieht sich jeder Personalisierung. Vampire kehren heute in anderer Form zurück – nicht mit Umhang, sondern als Energievampire, die Aufmerksamkeit, Empörung und moralische Erregung aussaugen. Für mich ist das vor allem eine skandalisierende, moralisch woke aufgeladene Presse, die von Dauerempörung lebt und sich aus Angst, Schuld und Aufregung speist. Sie tötet nicht, sie erschöpft: durch Übertreibung, Personalisierung und endlose Moralisierung. Der moderne Vampir saugt kein Blut mehr – er saugt Nerven, Zeit und Urteilskraft. Seine Lust, anderen den Vampirmantel umzuhängen, wie man am Beispiel Trump sieht, kennt keine Pause und keinen Feierabend.
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