Musik, Macht und Moral – wer war Herbert von Karajan im Nationalsozialismus? Bestseller-Autor Michael Wolffsohn legt durch diese historische Einordnung eine umfassende Neubewertung zu Karajan vor und korrigiert zentrale Fehleinschätzungen über dessen Verhältnis zum Nazi-Regime.
Herbert von Karajan gilt als bedeutendster Dirigent des 20 Jahrhunderts. Sein Einfluss auf die Musik – nicht nur die Klassik – ist enorm. Er prägte einen eigenen Klangstil und hat bis heute ca. 300 Mio. Tonträger verkauft. Doch seine Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus wird kontrovers diskutiert. In Aachen, seiner ehemaligen Wirkungsstätte, wurde 2023 gar eine Büste Karajans aufgrund seiner Vergangenheit entfernt. Allerdings fehlte bislang eine vollständige historische Einordnung.
Karajan – unpolitischer Künstler? Opportunistischer Mitläufer? Oder gar überzeugter Regimefreund?
Michael Wolffsohn legt auf der Grundlage umfangreicher internationaler Archivarbeit mit teils erstmals ausgewerteten Quellen ein umfassendes Gesamtbild des Stardirigenten vor. Er widerspricht verbreiteten Annahmen einer besonderen Nähe Karajans zum NS-Regime. Wolffsohn betrachtet:
Handlungsspielräume, Opportunismus und Strukturzwänge im nationalsozialistischen Kulturapparat,
Karajans Mitgliedschaft in der NSDAP,
die Bewertung Karajans durch die Entnazifizierung,
politische Zuschreibungen von 1945 bis heute und wie sie den Blick auf Karajan prägten
sowie Karajans Ehe- und Familienleben anhand zahlreicher Quellenstücke.
Mit „Genie und Gewissen“ legt Wolffsohn eine differenzierte Gesamtschau vor, die zentrale Irrtümer korrigiert und eine fundierte Einordnung ermöglicht. Es ist
ein Beitrag zu einer historisch präzisen, nicht ideologisch verzerrten Auseinandersetzung mit Herbert von Karajan,
eine exemplarische Untersuchung über die Handlungsspielräume von Künstlern in autokratischen Systemen
sowie eine Einordnung, ob Kunst nur der Ästhetik oder auch der Politik, Ideologie und Weltanschauung verpflichtet ist.
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Eine klare Leseempfehlung!
Bellis-Perennis aus Wien am 01.03.2026
Bewertungsnummer: 3062470
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Michael Wolffsohn, Historiker und Nachfahre von aus NS-Deutschland geflüchtete Juden, begibt sich mit diesem Buch auf ein gefährliches Terrain. Denn er stellt die allgemeine Frage, ob Künstler und Künstlerinnen, die in der NS-Zeit Erfolge hatten, unbelastet sein können? Im konkreten Fall, geht es um Herbert von Karajan (1908-1989), den man viel Jahre hoch leben lässt, um ihn wenig später fast fallen zu lassen und ihn der Nähe zur NSDAP zeiht. Muss Person und Werk getrennt betrachtet werden? Geht das überhaupt? Was tun mit historischen Fehleinschätzungen?
Bei seinen Recherchen hat Wolffsohn bislang unbekannte (oder vielleicht nur übersehene) Fakten ausgegraben. Zudem hat er entdeckt, dass zahlreiche Journalisten, Autoren und auch Historiker die eine oder andere Information ohne weitere Nachfrage übernommen haben.
Das Ergebnis seiner Recherche und der Neubewertung Karajans liegt nun mit diesem Buch vor. Wolffsohn weiß, dass er sich damit nicht nur Freunde macht, wenn er der verbreiteten Annahme, Karajan sei durch seine Nähe zum Regime, ein Nutznießer desselben gewesen, widerspricht.
In drei großen Abschnitten erklärt er, wie er sich der Person Karajan und dem Künstler Karajan genähert hat. Er eröffnet der interessierten Leserschaft ein Bild des Künstlers, das ihn als politisch eher desinteressierten Menschen bezeichnet, der im Elfenbeinturm mit und für seine Musik lebt, und sich neben der Partitur sich für Engagements in berühmten Konzertsälen und Opernhäuser interessiert, aber die Ereignisse rundherum völlig ignoriert. Details der Politik? Interessieren Karajan nicht. Anders als so manch anderen Dirigenten ist es ihm auch völlig egal, ob die Musiker im Orchester Juden oder eben nicht Juden sind. Die Qualität der Musiker des Spiels ist für ihn entscheidend.
Die Aufgabe, die sich Michael Wolffsohn gestellt hat, nämlich ein differenziertes Bild von Herbert von Karajan zu zeichnen, halte ich für durchaus gelungen, wenn es auch immer Menschen geben wird, die von ihrer Meinung nicht abrücken werden.
Der Schreibstil ist trotz der vielen Zahlen, Daten und Fakten niemals trocken. Im Gegenteil an zahlreichen Stellen flicht der Autor ironische Bemerkungen ein, die sogar als solche gekennzeichnet sind. Manche Aussagen oder Bemerkungen werden wiederholt. Es scheint Wolffsohn sichtlich wichtig, diesem Input ordentlich Gehör zu schenken. Gleichzeitig mokiert er sich darüber, dass durch die oftmaligen Wiederholungen von Un- oder Halbwahrheiten durch Journalisten und Autoren diese nicht richtiger werden.
Zahlreiche Briefe und/oder Interviews mit Zeitgenossen und Karajans Töchtern ergänzen diese Biografie, die im Verlag Herder erschienen ist.
Letzten Ende ist es schwierig als jemand, der die Zeit des NS-Unrechtsregime nicht miterlebt hat, sich ein Urteil anzumaßen. Wie hätten Vertreter meiner Generation in dieser Situation gehandelt?
Spontan fällt mir die Schlussszene in István Szabós Film „Mephisto“ ein, in der der fiktive Schauspieler Henrik Höfgen (der aber eine reale Entsprechung hat) mitten im Berliner Olympiastadion von Scheinwerfer verfolgt wird und ausruft: „Was wollen die von mir? Ich bin doch nur ein Schauspieler.“ Ähnliches kann ich mir von Karajan auch vorstellen. „Ich bin ja nur ein Dirigent.“ Wahrscheinlich mit dem Zusatz „aber der Beste“, denn wenn sich Karajan auch unpolitisch verstanden hat, bescheiden, war er nie.
Fazit:
Gerne gebe ich dieser differenzierte Biografie, die zahlreiche zentrale Irrtümer richtigstellt und einen neuen Blick auf Maestro Herbert von Karajan ermöglicht, 5 Sterne.
Spagat zwischen Wissen und Gewissen
Bewertung am 17.02.2026
Bewertungsnummer: 3048661
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Können Künstler;innen der NS-Zeit wirklich unbelastet sein ?
Dieser Frage geht Michael Wolffsohn anhand des wohl prominentesten Dirigenten nach und nimmt die Vita des Herbert von Karajan unter die Lupe. wer auf ein reißerisches Enthüllungbuch hofft, wird enttäuscht sein, denn diese Veröffentlichung legt zwar den Finger in die Wunde, ist aber sachlich, fachlich und menschlich immer korrekt, sodass die Lesenden Daten und Fakten erfahren, ohne dass von Karajan an den Pranger gestellt oder glorifiziert wird.
Wolffsohn scheut sich nicht, Konfrontationen einzugehen und deckt dabei ein interessantes Bild auf, das den Künstler als einen politisch eher desinteressierten Menschen beschreibt, der mit und für die Musik lebt und neben Noten das Vorankommen auf der Karriereleiter im Sinn hat.
Letztendlich bleibt es den Leser;innen selbst überlassen, sich ein eigenes Urteil über de Mann zu bilden, der wie so viele in dieser Zeit zwischen Wissen und Gewissen entscheiden musste. - 3,5 Sternchen
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