Aufgewachsen ist Lina, ein Kind der 1990er, in einer Welt, die aus der Zeit gefallen scheint: in einer donauschwäbischen Gemeinschaft, die sich nach Vertreibung und Flucht in Salzburg angesiedelt und ihr traditionelles Leben nach 1945 dort fortgesetzt hat. Als Lina eines Abends von der SS-Mitgliedschaft ihres Großvaters erfährt, beginnt sie, nach Antworten jenseits der großen
Opfererzählung zu suchen. Zerrissen zwischen der Liebe zu ihren verstorbenen Großeltern und ihrer eigenen Politisierung, will sie erstmals das Schweigen brechen. Getragen von ihren engen Freund*innen stellt sich Lina ihrer Familiengeschichte und bricht zu einer Recherche auf, die sie bis nach Belgrad führen wird. Als sie endlich auch die Konfrontation mit ihrer Mutter sucht, wird das zur Zerreißprobe …
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Eva
5/5
19.01.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wer unbequeme Fragen stellt...
Ach Lina! Ich kenne das nur zu gut. Wenn sich etwas zwischen dich und deine Mutter schiebt, wenn die Lücken mit dem vorsichtigen Vorfühlen gefüllt werden, weil das Ungesagte brüchiges Eis ist, das jederzeit brechen kann.
Mitten in den Alltag schieben sich plötzlich Erinnerungsfetzen, weil ein Wort eine ganze Flut von Bildern auslöst und dann kommt der Moment, wenn sich Leerstellen auftun und Fragen entstehen. Weil Erinnerungen lückenhaft sind und immer nur ein Bruchstück abbilden. Ein sehr persönliches.
Nur - wer Fragen stellt, muss die Antworten aushalten können. Katherina Braschel schickt ihre Protagonistin Lina auf eine Reise in die Vergangenheit. Heim holen ist eine Recherche durchsetzt mit Erinnerungsfetzen, die sich Stück für Stück zu einem Gesamtbild zusammensetzen. Es ist ein Drahtseilakt über hochkochenden Emotionen, Schmerz, der grausamen Geschichte des 20. Jahrhunderts und dem Versuch, sich selbst zu finden.
Aufgewachsen ist Lina in der donauschwäbischen Gemeinschaft Salzburgs, die dort ihr traditionelles Leben nach der Vertreibung und Flucht fortsetzte. Aber vielleicht ist die Erzählung aus Opfersicht nur die halbe Wahrheit, vielleicht lässt sich das Schweigen lüften. Sie beginnt zu forschen und die Vergangenheit greift nach der Gegenwart.
Hier strahlt das ganze Genie Katherina Braschels in voller Kraft. In wegweisend moderner, junger und natürlicher Sprache, die wie selbstverständlich einbezieht, was eine progressive Generation ausmacht, sind wir sofort mitten in Wien. Sprache schafft Identität. Für die Donauschwaben, für die jungen Feminist*innen, Genderdiversen, für die Opfer und die Täter im Nationalsozialismus.
Hier geht es um alles: Das Leben mit der Vergangenheit, die Frage, was es sich zu erforschen lohnt, das Aushalten der Erkenntnis, Freund*innenschaft, Zugehörigkeit, die komplizierte Beziehung zwischen Mutter und Tochter und das Bewusstsein um die eigene Position in der Welt.
Ein fantastischer Debütroman einer exorbitant talentierten Autorin. Die Latte hängt jetzt hoch, Katherina, ich freue mich schon jetzt auf den nächsten Roman aus deiner Feder.
yellowdog
4/5
19.01.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Recherche
Ein Roman mit einem relevanten Thema, sehr reserviert geschrieben.
Die ca. 30jährige Lina, deren Großeltern nach Österreich vertriebene Donauschwaben waren, beginnt über diese Wurzeln zu recherchieren und nachzudenken.
Für ihre Mutter ist Lina Recherche nicht einfach zu verkraften, denn sie wusste vieles nicht.
Schließlich reist Lina sogar nach Serbien zu dem ehemaligen Haus des Großvaters.
Katherina Braschel gestaltet ihr Buch sorgfältig und man spürt die Emotionalität ihrer Protagonistin, aber schade, dass so verhalten erzählt wird.
Jürg K.
4/5
12.01.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Kluger und emotional vielschichtiger Roman
Als Lina von der SS-Mitgliedschaft ihres Grossvaters erfährt, beginnt sie, nach Antworten jenseits der grossen Opfererzählung zu suchen. Lina stellt sich der Familiengeschichte und führt sie bis nach Belgrad. Für den Leser wird nicht nur die Geschichte einer jungen Frau, die sich ihrer Herkunft stellt, sondern auch die Geschichte einer Gemeinschaft, die sich über Jahrzehnte in einem selbstgeschaffenen Schutzraum eingerichtet hat, erzählt. Sondern auch einem Raum aus Tradition, Nostalgie und Schweigen. Katherina Braschel beschreibt eindrucksvoll, wie ein einziger Satz das Fundament einer Identität erschüttern kann. Der Roman zeigt eindrucksvoll, wie schwierig es ist, sich aus einer kollektiv tradierten Opferrolle zu lösen und wie befreiend es sein kann, die eigene Geschichte neu zu erzählen. Als sie endlich auch die Konfrontation mit ihrer Mutter sucht, wird das zur Zerreißprobe. Der Roman berührt eine Vielzahl von Themen, die weit über die konkrete Familiengeschichte hinausreichen. Besonders stark ist, wie der Roman zeigt, dass Aufarbeitung kein intellektueller Akt ist, sondern ein emotionaler. Die Figuren wirken lebendig, widersprüchlich, verletzlich. Nichts ist schwarz-weiss, und genau das macht den Roman so glaubwürdig. Ich wurde beim Lesen von der Geschichte von Beginn weg in den Bann gezogen. Für mich ein eindringlicher, kluger und emotional vielschichtiger Roman, der lange nachhallt. Empfehlenswertes Buch.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
3/5
10.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Fragezeichen und Widersprüche
Lina, ein Kind der 1990er Jahre, blickt als junge Frau zurück auf ihre Kindheit. Sie wuchs auf in einwer Welt aus alten Traditionen, in einer donauschwäbischen Gemeinschaft, die sich damals in Salzburg angesiedelt hatte, als sie vertrieben wurden. Zwar erinnert sich Lina gerne an Feierlichkeiten und die schönen Trachten, doch: „Mein Wissen über die Donauschwaben besteht vor allem aus Fragezeichen, Widersprüchen und Dingen, die sich mir entziehen.“
Als Lina erfährt, dass ihr Opa ein Mitglied bei der SS war, ist das ein Schock für sie.
„Nein, nicht Wehrmacht, Lina“, sagt meine Mutter und schüttelt ihren Kopf, „bei der SS war der Opa, das waren sie alle aus Semlin, soweit ich weiß. Aber was das genau war, du, keine Ahnung.“
Bei der SS.
Die Worte stoßen etwas an in mir, machen eine Reihe von Bildern, von Fragen, von Ausrufezeichen auf. Mir wird plötzlich klar, dass dies das erste Mal ist, dass ich nach dem „Im-Krieg-gewesen“-Sein meines Großvaters frage. Dass ich diese diffuse Beschreibung bisher einfach hingenommen habe, ohne an Unterscheidungen zu denken, was ein „Im Krieg-gewesen“-Sein zu dieser Zeit bedeutet haben kann.
[….]
„Und“, frage ich etwas zögerlich weiter, fühle mich plötzlich weniger souverän, „wie war das so von der Überzeugung her, also, gab es da schon einen Glauben an Hitler-Deutschland oder wie war das?“
Meine Mutter und ich sehen uns an und wissen in dem Moment beide, dass in meiner Frage ein „War der Opa ein Nazi?“ steckt, das ich versuche, auf diese Art abzufedern, ungelenk.
„Na ja, du, da hat man ja gar nicht so viel gewusst damals, dort in Belgrad. Also man hat sich halt entschieden: als Deutscher für das deutsche Heer. Und nachdem sie eben vorher schon so diskriminiert wurden dort …“
Im Zwiespalt zwischen der Liebe zu ihren verstorbenen Großeltern und ihrer eigenen Politisierung macht sie sich auf die Suche nach Antworten. Ihre Recherche bringt sie bis nach Belgrad. Und die Konfrontation mit ihrer Mutter wird zu einer schweren Belastungsprobe … doch Lina will nicht aufgeben.
„Heim holen“ behandelt ein sehr emotionsbeladenes Thema, das ich sehr spannend finde. Daher war ich etwas enttäuscht, dass der Erzählstil etwas distanziert ist. Auch Lina selbst blieb etwas schwammig für mich als Mensch. Das Ende des Buchs war ebenfalls recht nüchtern. Ich hätte hier etwas anderes erwartet. Für mich war „Heim holen“ ein thematisch interessanter Debütroman, dessen Umsetzung mich leider nicht ganz abholen konnte.
Vielen Dank an den Residenz Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar!
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