Der neue Roman der Booker-Preisträgerin Kiran Desai: ein leuchtendes Familienepos zwischen Indien und den USA
Sonia studiert Literatur in den verschneiten Bergen Vermonts, Sunny arbeitet als Journalist in New York und träumt von einer großen Zukunft. Als sie sich in ihrer indischen Heimat zum ersten Mal begegnen, sprühen die Funken - bis sie feststellen, dass ihre Großeltern einst eine Heirat für sie arrangieren wollten.
Im Strudel ihrer chaotischen Familien, zwischen Tradition und Moderne, gehen sie sich verloren - und geben doch, auch Jahre später, die Suche nach dem gemeinsamen Glück nicht auf.
Nominiert für den Booker Prize 2025
Auf der Liste der 10 besten Bücher des Jahres 2025 der New York Times
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Ein großer Familienroman - detailreich und atmosphärisch dicht erzählt
Nicoles Bücherwelt am 15.04.2026
Bewertungsnummer: 3110442
Bewertet: eBook (ePUB 3)
„Die Einsamkeit von Sonia und Sunny“ ist der neue Roman der indischen Autorin Kiran Desai, die im Jahr 2006 für ihr Buch „Erbin des verlorenen Landes“ mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde. „Sonia und Sunny“ war ebenfalls für den Booker Prize nominiert und hat es 2025 auf die Shortlist geschafft.
Hauptfiguren hier sind Sonia Shah und Sunny Bhatia, die beide in Amerika leben. Sonia studiert Literatur und Kreatives Schreiben in Vermont. In dem kleinen und verschneiten Örtchen North Hewitt fühlt sie sich zunehmend einsam und sehnt sich nach Glück. Sunny lebt in New York, arbeitet als Journalist und hofft auf den großen Durchbruch. Die beiden begegnen sich zum ersten Mal zufällig in ihrer indischen Heimat. Sonia und Sunny merken sofort, dass da etwas Besonderes zwischen ihnen ist. Kurz darauf erfahren sie, dass ihre Großeltern einst eine Heirat für sie arrangieren wollten…
Dieses ist nur ein sehr kurzer Einblick in den umfangreichen Familienroman, der sich über mehrere Jahre erstreckt.
Zu Beginn lernen wir zunächst die Großeltern von Sonia und Sunny kennen, die im indischen Allahabad in einer Nachbarschaft leben. Wir bekommen einen umfassenden Einblick in den Alltag von Sonias Großeltern, auch weitere Familienangehörige – Eltern, Onkel, Tanten und Bedienstete – lernen wird hier kennen. Gleichzeitig wird hier anhand der Charaktere sehr detailreich und nah das Leben in Indien beschrieben, wo oft alte Traditionen im Vordergrund stehen und daran festgehalten wird. Es gibt viele Einblicke in das ferne Land – sehr interessant und zugleich nachdenklich machend.
Aber auch Amerika spielt eine zentrale Rolle und hier wird der Kontrast zwischen beiden Ländern sehr deutlich. In die Lebenswege von Sonia und Sunny (die unabhängig voneinander von Indien nach Amerika gegangen sind) bekommen wir einen ausführlichen Einblick, lange bevor sie sich zum ersten Mal begegnen.
Zwischen Freud und Leid, Fremdsein in einem anderen Land, Glück und Unglück in Beziehungen und die immer wiederkehrende Einsamkeit – dieses sind nur einige Themen.
Später rücken auch weitere Familienmitglieder und deren Lebenswege in den Vordergrund.
Der Schreibstil ist besonders und hat mir gut gefallen: Mal sehr lebendig, etwas chaotisch und dramatisch, dann aber auch mal sehr ruhig und etwas träumerisch. Die Autorin schildert verschiedenste Momentaufnahmen immer sehr atmosphärisch: Ob es Begegnungen, Eindrücke oder Schauplatzbeschreibungen sind, alles wird in einem eigenen Stil erzählt. Insgesamt eine gute Mischung.
Einige Momente sind toll eingefangen, wie beispielsweise die erste Begegnung von Sonia und Sunny: Ruhig, inmitten der vielen Geräusche einer indischen Millionenmetropole.
Es gibt insgesamt einige überraschende Entwicklungen, auch die Geschichte um die beiden Hauptfiguren verläuft anders als zunächst gedacht. Ab und an gibt es immer mal wieder Längen, besonders in der zweiten Hälfte gibt es zu viele Nebenschauplätze, wodurch sich alles etwas zieht. Dennoch ist es überwiegend fesselnd erzählt.
Mein Fazit: Ein großer Familienroman von Einsamkeit und Liebe zwischen Indien und Amerika – atmosphärisch dicht erzählt. Zwischen Tradition und Moderne, von der Hoffnung auf Erfolg und das persönliche Glück – auf den über 750 Seiten gibt es einiges zu entdecken. Ein großer Schmöker, der mal fesselnd und schnell, und dann auch mal ruhig und leicht poetisch wird – gleichzeitig regt er auch zum Nachdenken an.
Trotz einzelner Längen, die zwischendurch immer mal wieder auftauchen, ein lesenswertes und besonderes Buch.
Über Einsamkeit und Entfremdung zwischen den Kulturen
Eternal-Hope aus Österreich am 26.04.2026
Bewertungsnummer: 3120244
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Sonia und Sunny, beide ursprünglich aus indischen Familien stammend, scheinen es auf den ersten Blick richtig gut zu haben: ihre Familien sind in der Lage, ihnen jeweils ein Studium in den gepriesenen USA zu ermöglichen. Sonia hat Literatur in Vermont studiert, Sunny Journalismus in New York. So stehen den beiden alle Verheißungen des Westens offen, möchte man glauben: eine Zukunft im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, voll unendlicher Weiten, und ein modernes, freies Leben, frei von den Zwängen alter kultureller Traditionen und familiärer Erwartungen - statt ganz jung heiraten zu müssen, wie viele andere junge Menschen in Indien.
So würde man erwarten, dass die beiden glücklich und erfüllt sind, oder? Das hätten sich zumindest ihre Familien für sie gewünscht, die ihnen dieses Auslandsstudium ermöglicht haben. Dieses Unverstanden-Sein erhöht natürlich das Gefühl der Einsamkeit der jungen Menschen noch einmal mehr, zur äußerlichen kommt noch eine starke innerliche Unverbundenheit und Entfremdung von der Lebenswelt der Herkunftsfamilien dazu:
"Einsam? Einsam?" Für Einsamkeit hatte man in Allahabad kein Verständnis. Sie kannten dort vielleicht die Einsamkeit, die entstand, wenn man sich missverstanden fühlte; sie kannten vielleicht das leere tote Gefühl der Nachmittage von Allahabad, eine Ebbe, die ewig währen mochte; aber sie waren noch nie allein zu Hause gewesen, hatten nie eine Mahlzeit allein eingenommen, nie an einem Ort gelebt, an dem sie Unbekannte waren, waren nie aufgewacht, ohne dass ein Koch ihnen Tee brachte oder ohne mehreren Menschen einen guten Morgen zu wünschen." (S. 9)
Und viele Aspekte des amerikanischen Traums erweisen sich als zerplatzende Seifenblasen: an eine dauerhafte Arbeitsgenehmigung ist nicht so leicht zu kommen, es gibt Vorurteile und Diskriminierung und in manchem sind die beiden in wohlhabenden, behüteten indischen Familien aufgewachsenen jungen Menschen wohl auch psychisch nicht so gut vorbereitet auf die Härten eines Lebens alleine, fernab der Verwandten, in einem fremden Land am anderen Ende der Weltkugel.
Dieses neue monumentale Epos der Booker-Preisträgerin Kiran Desai begleitet also Sonia und Sunny sowie weitere Personen aus ihrem Umfeld über fast 750 dicht erzählte Seiten durch einige prägende Episoden ihres Lebens als junge Erwachsene in ihren 20ern, zwischen den USA und Indien. Natürlich begegnen sich die beiden auch irgendwann, doch bis dahin geschieht noch so einiges andere, und auch danach ist es nicht immer leicht miteinander. Wenn alte kulturelle Normen von Sittsamkeit, Enthaltsamkeit und Ehe wegfallen, aber vielleicht zum Teil noch innerlich nachwirken, und nur stückhaft durch das neue, moderne, westliche Konzept von flexiblen Affären und Beziehungen, in denen alles möglich scheint, ersetzt werden... was hat man dann überhaupt miteinander? Was verbindet einen, wenn überhaupt etwas? Und was macht das mit diesen jungen Menschen?
Es sind viele tiefgründige Themen, die dieses Buch aufwirft:
Es geht um den Preis, den viele junge Menschen zahlen, wenn sie sich durch Wegzug und Studium auch innerlich von den Normen der Herkunftskultur und -familie entfernen und sich gleichzeitig doch nach Zugehörigkeit und Verbundenheit sehnen, aber nicht klar ist, wo diese in ihrem neuen Leben gefunden werden können.
Es geht um ein vielfältiges Indien im Aufbruch, zwischen Tradition und Moderne, zwischen Familienzusammenhalt und Brüchigkeit, mit einer uralten Kultur, Mystik und einzigartiger Kulinarik, aber auch vielfältigen Problemen in Bereichen wie Soziales, Gesellschaft und Umwelt. Dabei spart die schon lange im Ausland lebende indischstämmige Autorin auch nicht mit Kritik am Subkontinent und zeigt an vielen Beispielen, wie tief Klassismus, Misogynie, Korruption und viele weitere Probleme in der Gesellschaft verankert sind und das tägliche Leben der Menschen prägen.
Es geht außerdem um die ursprünglich so schillernden USA, über viele Jahrzehnte der Traum vieler Menschen aus aller Welt, die nach wie vor viele hoffnungsvolle Studierende aus verschiedensten Ländern anziehen, die dann doch in vielen Bereichen desillusioniert werden und erkennen müssen, dass auch diese Gesellschaft bei weitem nicht so frei und gleich ist, wie sie sich gerne marketingmäßig präsentiert, und die scheinbar unendlichen Möglichkeiten für sie selbst ihre Grenzen haben.
Ich empfehle, sich für dieses Buch mindestens einen Monat konzentrierte Lesezeit zu nehmen. Das gilt selbst für routinierte Leserinnen und Leser. Das Buch ist in seiner Erzählweise dermaßen dicht und reich an Metaphern und Querverbindungen, dass ein schnelles Lesen kaum möglich ist und dabei viel verloren gehen würde.
Eines der prägenden Bilder, das sich durch das Buch zieht und vielleicht auch als Metapher für die Vielschichtigkeit von Verbundenheit, Emotionen, aber auch Einsamkeit, Entfremdung und Überwältigung stehen könnte, ist das Meer:
"In Arossim gingen sie an den Strand. "Wenn du nach langer Zeit zum ersten Mal wieder schwimmen gehst - näher wirst du dem Glück nicht kommen", sagte Sonia." (S. 403)
"Die Brecher waren so hoch, dass sie fast bis an den Grund tauchen mussten, damit sie nicht von ihnen mitgerissen wurden. Sie hatten kaum Zeit zum Auftauchen und Luftholen, bevor schon die nächste Welle herangedonnert kam und sie wieder abtauchen mussten, so tief wie möglich, um der Gefahr zu entkommen." (S. 408)
"Am Horizont berührte der Vollmond das Meer, über den Hügeln ging die Sonne auf, und der Mond verschwand wie ein Geist. Sunny schwamm weit hinaus und sah zu, wie die Sonne die ausgedörrten Hügel in Besitz nahm, hinter dem Dorf, das erst langsam erwachte. Er bat den Gott der Dämonen um Schutz für die Sonne, und bat die Sonne, seine Reise zu segnen." (S. 741)
Hier zeigt sich auch, wie tief in diesem Buch modernes Denken, Fühlen und Genießen mit uralten religiösen, abergläubischen und mystischen Bezügen verbunden sind. Ich habe das Beispiel mit dem Meer gewählt, um zu zeigen, wie dieses Buch diesbezüglich funktioniert.
Es gäbe dazu aber auch unzählige weitere Beispiele mit anderen Metaphern, die sich ebenfalls durch das Buch ziehen und sich geschickt immer wieder in unterschiedlichen Kontexten wiederholen und dabei jeweils spiralförmig tiefere Aspekte eines Themas symbolisch aufzeigen. Um diese zu entdecken und zu entschlüsseln, ist Hintergrundwissen in Bezug auf Symbolik, Archetypen und die indische Kultur hilfreich, außerdem braucht es viel Zeit, um der Tiefgründigkeit dieses Werks den angemessenen Raum zu geben.
Damit ist es auch eines der Werke, bei denen es sich definitiv lohnt, es mehrmals zu lesen, dabei Notizen zu machen und es mit anderen zu diskutieren. Im Anhang finden sich Stammbäume von Sonia und Sunny, diese zu konsultieren lohnt sich für eine Einordnung der vielen vorkommenden Figuren.
Für schnelle, oberflächliche Unterhaltung ohne Anspruch eignet sich dieses Buch definitiv nicht, es verlangt und fordert seinen Raum. Es ist ein Buch mit sehr hohem Anspruch, das viel Konzentration, Zeit und Zuwendung erfordert, aber dafür mit einem sehr vielfältigen, reichhaltigen Leseerlebnis und einer umfassenden, tiefgründigen Annäherung an das Thema Einsamkeit zwischen Menschen und Kulturen in seinen vielfältigen Schattierungen belohnt. Es braucht viel Raum, zeitlich genauso wie emotional, sich auf dieses Buch voll und ganz einzulassen. Dann ist es aber ein besonderes Leseerlebnis, das seinesgleichen sucht, viel Tiefe und Wissen vermittelt, verständnisvoller für Menschen aus ganz anderen Kulturen und Lebenssituationen machen kann, zum Nachdenken anregt und auch nach Beendigung der Lektüre innerlich noch lange in einem verweilen wird.
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