Wenn man Erzählungen liest, denkt man meistens an schwere Kost. Zumindest mir ging es so. Aber es war gut, dass ich mich drauf eingelassen habe, weil man mit diesem Buch wirklich sehr belohnt wird!
Ulrike Schäfer liefert mit Schmaler Grat ein Buch, das zeigt, was diese literarische Form leisten kann, wenn jemand sie wirklich beherrscht.
Die Geschichten, die hier versammelt sind, teilen eine Grundstruktur, ohne sich dabei zu wiederholen. Menschen befinden sich in einem Moment, kurz bevor etwas kippt. Es sind keine ultra-dramatischen Ausgangssituationen, sonder kleinere und größere Risse in der jeweiligen Lebens-Normalität, jene Zäsuren, die (meist) unspektakulär beginnen und trotzdem alles verschieben.
Was diese Geschichten vor allem trägt, ist die Sprache. Schäfer schreibt mit einer Knappheit, die alles andere als karg ist, sondern in ihrer Reduziertheit sehr geladen ist. Da ist einfach kein Wort zu viel. Das Evangelische Sonntagsblatt aus Bayern sprach von einem Balanceakt zwischen Klarheit und Tiefe, zwischen Nähe und Schweigen. Das ist perfekt formuliert und man kann es besser nicht ausdrücken. Schäfer erzählt nicht alles aus und lässt ihrer Leserschaft Raum für das, was sich zwischen den Zeilen aufbaut und auch nach dem Ende einer Geschichte nicht einfach aufhört. Es ist wirklich so, dass ich nach einigen Geschichten kurz innehalten musste. Ich konnte einfach nicht direkt ins nächste literarische Abenteuer springen, weil ich das erst ein wenig nachfühlen musste, was ich da gerade gelesen hatte. Wirklich ganz klasse!
Diese Erzählungen bieten keine Lösungen, keine Katharsis im klassischen Sinne, kein beruhigendes Rundum-Glücklich am Schluss. Daher ist das Buch eine Empfehlung für alle, die Kurzprosa schätzen und lieben. Für alle, die ein Buch suchen, dass ich schnell weglesen lässt, ist es das Falsche und es wäre auch einfach schade, diesem Werk nicht die Aufmerksamkeit zu schenken, die es definitiv verdient!
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