Nach dem Kinobesuch mit ihrer besten Freundin setzt sich eine Frau in ihr Auto und fährt heim – bis eine Umleitung sie von ihrem Weg abbringt. Sie verpasst Ausfahrt um Ausfahrt, entfernt sich immer weiter von ihrem Zuhause, wo ihr Mann auf sie wartet. Nach einer ganzen Nacht und dem folgenden Tag wird klar: Vielleicht wäre es besser, wenn sie nie wieder zu ihm zurückkehren würde. Denn so unheimlich die Finsternis der Landstraßen und Tankstellen auch ist, die wahre Gefahr lauert dort auf sie.
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Genug Sympathie für den Teufel?
Bewertung aus Hamburg am 13.05.2026
Bewertungsnummer: 3137323
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Roman von Esther Schüttpelz erzählt von einer Frau, die sich einmal im Monat mit ihrer einzigen Freundin im Kino trifft. Danach fährt sie in ihrem alten Golf Kombi mit Rolling-Stones-Aufkleber, defektem Blinker und Türen, die sich nicht mehr richtig verschließen lassen, zu ihrem Mann nach Hause. An diesem Abend jedoch zwingt eine Umleitung sie durch die Straßen ihrer früheren Kunststudentinnenzeit. Sie verfährt sich, will an der nächsten roten Ampel wenden – doch alle Ampeln stehen auf Grün.
Was folgt, ist eine scheinbar ziellose Fahrt durch die Nacht, getragen von einem inneren Monolog.
Schüttpelz verzichtet fast vollständig auf Namen und reduziert das Personal auf ein Minimum. Statt Handlung dominiert Reflexion: über das Leben der Protagonistin als Ehefrau eines erfolgreichen Anwalts und über ihre künstlerische Entwicklung. Dabei entsteht ein konstant unterschwellig bedrohliches Gefühl.
Ein Einschnitt erfolgt im Morgengrauen durch einen Rehunfall – wie vieles in diesem Roman von symbolischer Bedeutung. Später nimmt sie zwei Anhalterinnen mit, eher aus Überrumpelung als aus freier Entscheidung. Als sie nach ihrem Namen gefragt wird, nennt sie sich spontan „Amy“, inspiriert von einem Song von Amy Winehouse. Mit diesem Namen verändert sich auch ihr Verhalten: Sie wirkt offener, interessierter, beinahe befreit. Erst als eine der jungen Frauen ihre Fassade durchdringt, bricht diese Rolle zusammen – und die Protagonistin flieht.
Zentrales Thema des Romans ist Gewalt in Beziehungen, insbesondere in ihrer subtilen, schwer greifbaren Form. Explizit benannt wird die physische Gewalt erst auf Seite 49; bis dahin bleibt sie eine Ahnung. So ergeht es auch der Freundin der Protagonistin: Sie spürt, dass etwas nicht stimmt, begegnet dem Ehemann, der nach außen charmant und kontrolliert wirkt, und gerät dennoch kurz in seinen Bann.
Gerade darin liegt die Stärke des Buches: Es zeigt, wie geschickt toxische Dynamiken verborgen werden und wie schleichend Manipulation das Selbstvertrauen der Betroffenen untergräbt, bis ihnen die Kraft zur Flucht fehlt.
Schüttpelz arbeitet stark mit Symbolen. Nahezu jedes Detail ist bedeutungstragend, besonders die im Radio gespielten Songs. Der Rolling-Stones-Aufkleber zu Beginn findet seine Entsprechung am Ende in „Sympathy for the Devil“ – ein möglicher Wendepunkt, an dem die Protagonistin erkennen könnte, dass ihre „Sympathie“ für den Teufel ein Ende haben muss.
„Großartig“ trifft es, auch wenn das Buch keine leichte Lektüre ist. Die präzise, durchdachte Sprache verlangt Aufmerksamkeit, belohnt diese jedoch auf jeder Seite. Die Namenlosigkeit der Figuren unterstreicht dabei die eigentliche Aussage: Diese Geschichte könnte jede treffen.
Fahr um dein Leben!
Kwinsu aus Salzburg am 22.04.2026
Bewertungsnummer: 3116619
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Es gibt Bücher, die begeistern mich. Weil sie eingänglich geschrieben sind, einen besonderen Schreibstil vorweisen, eine berührende und / oder mitreißende Geschichte erzählen, die nachhallen. Und dann gibt es Bücher wie "Grüne Welle", die ich so feiere, dass ich am liebsten jede/r ein Exemplar in die Hand drücken und sagen möchte: Du musst das lesen!
Im Mittelpunkt steht eine Frau, später wird sie sich Amy nennen, die im Auto fährt. Und fährt. Und fährt. Und sich denkt: wenn die nächste Ampel auf rot schaltet, kehre ich um. Doch es kommt keine rote Ampel, dafür aber immer mehr die Gedanken an ihr Leben, das so wie es ist, nicht gut ist. Ihr Mann ist herrisch, bestimmt über sie, schränkt sie ein, ja, eigentlich sperrt er sie ein. Nur einmal im Monat darf sie mit ihrer Freundin ins Kino gehen, muss aber gleich danach wieder heim kommen. Die Frau ist nur mehr ein Schatten ihrer selbst, nein, eigentlich ist sie gar nicht mehr sie, ihre Träume, ihre Pläne, alles vergessen, der Mann hat sie fest im Griff. Warum also nicht einmal planlos durch die Nacht düsen, die Gedanken schweifen lassen? Das Reh vor ihrem Auto wollte es anders und bringt eine Begegnung mit zwei Tramperinnen mit sich. Im Gespräch mit ihnen erinnert sich die Frau wieder an sich selbst, an ihre Kunst, an das selbstbestimmte Leben, dass sie einmal hatte.
Wie genial Ester Schüttpelz sich an das Thema häusliche Gewalt annähert, ohne belehrend, zu offensichtlich oder zu plakativ zu sein, zeigt sich vor allem an der Wahnsinnssprache. Sie setzt unterschiedliche Stilmittel ein um die Universalität des Themas häusliche Gewalt aufzuzeigen: die Frau bleibt lange nur die Frau; nur kurz, als sie die vertiefenden Gespräche mit den Tramperinnen führt und für einen Augenblick zu sich selbst zurück findet, wird sie wieder Amy - eine eigenständige Person, ein Mensch mit Talenten, Träumen und Hoffnungen. Im Schutze der Anonymität ist sie das unsichtbare Opfer, Gefangen in einem Käfig, der beherrscht wird von dem Mann, der sie als Besitz ansieht. Außerdem nutzt die Autorin Symbolik als starkes Element der übertragenen Situationsbeobachtung. Der plötzliche Stopp, den sie durch das Reh einlegen muss, steht der rasanten, unaufhaltsamen Autofahrt, die eigentlich eine Flucht ist, diametral entgegen, bringt sie jedoch in weiterer Folge für einen kurzen Moment zur Rückbesinnung auf sich selbst. Das Reh ist tot, wie sie selbst, doch sie will es noch nicht ganz gehen lassen.
Die Gewalt, die die Frau in allen Facetten erleben muss, wird nie so wirklich direkt beschrieben, aber feine Andeutungen lassen eine/n beim Lesen wissen, wie der Hase läuft. Ihre - mittlerweile einzige - Freundin, weiß nichts, vermutet aber viel, hat das richtige Gespür und droht Gefahr sich vom Mann täuschen zu lassen. Und die Frau selbst - bis zum Schluss wissen wir nicht, ob sie die Kraft aufwenden wird können, um sich zu befreien.
"Grüne Welle" betört mit einer Tiefgründigkeit, einer distanzierten Sprache und der Intensität der gefühlten Berührung, die sich oft in Form von Beklemmung und Atemlosigkeit Luft schafft. Für mich ist der Roman definitiv ein Jahreshighlight, mit dem ich mich noch des Öfteren beschäftigen werde.
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