Der schlimmste Liebesroman, den man sich vorstellen kann
»Toxibaby« ist ein schonungsloser, zugleich zärtlicher Roman über die Suche nach Liebe, die uns heilt - und die uns zerstören kann. Dana von Suffrin erzählt von einer Beziehung, die alles will: Rettung, Erkenntnis, Erlösung. Mit scharfem Witz und großer erzählerischer Kraft seziert sie die Beziehungsunfähigkeit einer ganzen Generation.
Herzchen liebt Toxibaby und Toxibaby liebt Herzchen, die zwei ziehen sofort zusammen und adoptieren einen Hund - und trotzdem funktioniert überhaupt nichts. Herzchen ist die gefeierte Millennial-Schriftstellerin, die alles hat, noch mehr will, und doch unglücklich ist, Toxibaby ist Anfang vierzig und meint, die Last der gesamten Welt auf seinen Schultern zu tragen.
Doch für Herzchen ist er der Mann, der ihr alles bedeutet und der ihr alles nimmt. Er ist schön, brillant, wütend auf die Welt - und auf sie. Was als rauschhafte Liebe beginnt, wird zu einem Kampf um Nähe und Selbstbehauptung, ein Spiel aus Hingabe, Abhängigkeit und intellektuellem Kräftemessen.
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Die Sucht nach Anerkennung
MarieOn am 05.06.2026
Bewertungsnummer: 3158881
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Toxibaby hat viel Zeit, ins Leid zu fallen. Er will sich nicht verbiegen und anpassen, im täglichen Strudel des Broterwerbs ertrinken. Er lässt sich treiben, arbeitet stattdessen die philosophischen Fragen des Lebens ab und Herzchen hilft ihm dabei. Sie sei eben anpassungsfähig, sagt er, deswegen hat sie auch ihr erstes Buch geschrieben und für das hoffentlich baldige Zweite einen satten Vorschuss kassiert. Zuvor hatte sie den ein oder anderen Schreibwettbewerb gewonnen und durfte sich dem geneigten Publikum auch schonmal in der Kreissparkasse zeigen. Tatsächlich handelt ihr erstes Buch von ihrer jüdischen Familie und Toxi wirft ihr vor, sie habe sich daran bereichert, ihre Familie vorzuführen. Und also na ja, es passt aber auch so gut ins kollektive Schuldbewusstsein und deswegen hat es sich auch so gut verkauft, wer hätte denn da nicht zugeschlagen?
Trotz Toxibabys Zickigkeit ist er für Herzchen der schönste Mann, den die Welt je gesehen hat. Er kleidet sich in Designerware aus zweiter Hand, dass er sie belügt und betrügt, davon geht sie aus. Toxibaby verzweifelt gerne am System, das Verlierern wie ihm nicht den gebührenden Platz einräumen möchte. Herzchen ist sich allerdings sicher, dass sie ihn wird retten können. Toxibaby monologisiert gerne ausschweifend und wenn Herzchen ihren kindlichen Blick aufsetzt und Interesse heuchelt, dann ist sie ihm recht. Wenn sie jedoch widerspricht, dann streiten sie. Toxi kann laut werden, wenn ihm der Kragen platzt, danach verschwindet er in schöner Regelmäßigkeit aus ihrer Wohnung und blockiert sie für Tage bis Wochen. Herzchen telefoniert deswegen mit ihren besten Freundinnen und verbreitet ihr Leid, denn sie kann einfach nicht ohne Toxi. Dreizehnmal ist ihnen das jetzt schon passiert.
Fazit: Die mehrfach ausgezeichnete Autorin Dana von Suffrin hat in diesem Buch eine moderne On-off-Beziehung verhandelt. Sie zeigt auf eingängige, fast penetrante Weise, wie zwei Menschen weder mit,- noch ohne einander können. Beide haben große Minderwertigkeitsgefühle, die sie unterschiedlich kompensieren. Er ist paranoid und depressiv. Er neigt zur Bevormundung, zu mangelnder Selbstironie, und weil er sich und seinen weltlichen Schmerz sehr ernst nimmt, kreiert er allerhand Dramen. Sie ist eine nähesuchende, abhängige Persönlichkeit, die zu Hysterie neigt. Sobald sie sich zurückgewiesen fühlt, wird sie verletzend und ist in ihrem Repertoire breit aufgestellt. Sicherlich kranken beide an ihrem familiären Background, aber auch an den gesellschaftlichen Optimierungstendenzen. Bedingungslose Liebe wird nicht mehr verschenkt. Wir verstricken uns in Erwartungen, denen weder wir noch andere gerecht werden können, die uns jeden Tag durch sozial Media vorgekaut werden. Viele sehnen sich nach dem Optimum, geiler Job, coole Bude in hypem Wohnviertel, schnatzes Aussehen. In der Sehnsucht nach Anerkennung vergessen wir das, was wirklich zählt. Und so zerreiben Toxi und Herzchen sich an den Gegensätzen Libido und Thanatos und entwickeln eine Leidensfähigkeit, die für mich als Außenstehende extrem nervig war. Die Geschichte ist großartig gemacht, gerade weil sie mich dazu bringt, von den Interaktionen des Paares und dem sinnlosen Verschwenden ihrer Lebenszeit genervt zu sein. Und sie zeigt, dass so eine komplizierte Beziehung eben nicht nur Frust, sondern auch Lust bringt. Für alle, die sich für weiblichen Narzissmus interessieren.
toxisch, klug, fesselnd. Toxibaby hat mich erwischt
Johanna Zimmermann am 17.04.2026
Bewertungsnummer: 3111966
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Manche Bücher lesen sich wie ein Blick in einen Abgrund, der gleichzeitig wunderschön formuliert ist. Genau so war Toxibaby für mich.
Dana von Suffrin erzählt in diesem Roman von einer Beziehung, die von Anfang an alles will: Nähe, Rettung, Verschmelzung, Liebe. Herzchen und Toxibaby ziehen sofort zusammen, adoptieren einen Hund, sind sich unfassbar nah, und trotzdem funktioniert zwischen ihnen eigentlich gar nichts. Was als große, rauschhafte Liebe beginnt, kippt immer mehr in eine Dynamik aus psychischer Gewalt, Abhängigkeit, Schuld, Selbstverlust und einem ständigen intellektuellen Kräftemessen.
Und genau das macht dieses Buch so stark: Es ist nicht einfach nur eine Geschichte über eine toxische Beziehung. Es ist ein Roman über zwei beschädigte Menschen, über den Wunsch nach Heimat, über vererbte Schuldgefühle und über die fatal falsche Hoffnung, all das vielleicht in einem anderen Menschen heilen zu können.
Was ich besonders mochte, war die Art, wie dieser Roman erzählt ist. Nicht streng linear, nicht klassisch aufgebaut, sondern eher in Momenten, Anekdoten und kleinen Beobachtungen, die sich Stück für Stück zu einem großen, schmerzhaften Bild zusammensetzen. Das Ganze hatte für mich stellenweise etwas von einer sehr klugen, sehr ehrlichen Sprachnachricht einer Freundin, die dir etwas erzählt, bei dem du die ganze Zeit denkst: "Oh nein. Bitte lauf. Und warum verstehe ich trotzdem alles daran?"
Auch sprachlich hat mich das Buch total erwischt. Die Sätze wirken oft schlicht, aber genau in dieser Schlichtheit liegt unglaublich viel Kraft. Dana von Suffrin braucht keine überladenen Formulierungen, um präzise zu sein, sie trifft mit einfachen Sätzen oft genau da, wo es wehtut. Dazu kommt dieser scharfe, fast beiläufige Witz, der den Roman nie leicht macht, aber lesbar, klug und seltsam nah.
Ich glaube, Toxibaby ist der schlimmste Liebesroman, den man sich vorstellen kann, und genau deshalb so gut. Schonungslos, zärtlich, bitter, klug und dabei auf eine ganz eigene Art sogar glamourös, mit all den guten Outfits und der kaputten Sehnsucht darunter.
Dieses Buch wird dir gefallen, wenn du
- ungeschönte Beziehungsdynamiken lesen willst,
- literarische Gegenwartsliteratur mit psychologischer Tiefe magst,
- ambivalente, kaputte Figuren spannend findest,
- Bücher liebst, die wehtun und trotzdem wunderschön zu lesen sind.
Für mich war das ein Roman, der nicht laut dramatisch sein muss, um tief zu treffen. Eher leise zerstörerisch. Und genau das bleibt hängen.
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