Das neue Buch des Schweizer Buchpreisträgers: eine Erkundungsreise ins unbekannte Land des Alters
Der Mikrobiologe Paul Bálint feiert mit ehemaligen Kollegen in Paris seinen 80. Geburtstag. Er wird geehrt und spürt zugleich, dass die Feier auch ein Abschied ist. Er befindet sich, so sein Freund Steinberg, an der Schwelle zwischen dem „jungen Alter“ und dem „alten Alter“ – einer Phase, in der nichts mehr selbstverständlich ist und sich die Vergänglichkeit in allen Dingen bemerkbar macht. Doch statt sich nur mit dem Verlust zu beschäftigen, will Bálint die neue Lebensphase erkunden wie ein unbekanntes Land: Was bedeutet das Alter für den Körper, die Erinnerung, das Gefühl für das Selbst und die Zeit, für das Verhältnis zu den Mitmenschen, den lebenden wie den toten? Je mehr er sich mit dem Alter beschäftigt, desto deutlicher zeigt sich ihm ein Leben voller neuer Möglichkeiten. Es bietet ihm zudem die große Freiheit, sich ohne Rücksicht auf Konventionen und wissenschaftliche Regeln einen eigenen Reim auf die heutige Welt und ihre Veränderung zu machen.
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Ein wunderbares, im Prinzip komplexes Buch, das einen mit Leichtigkeit durch die Seiten schweben lässt
MarcoL aus Füssen am 19.04.2026
Bewertungsnummer: 3113531
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Einmal mehr zeigt Christian Haller, dass er zu den ganz großen Erzählern im Literaturbetrieb gehört. 2023 wurde er mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Auch diese Novelle hat das Zeug dazu. Seine philosophischen Ansätze und Fragen, die diesmal das Thema „Alter“ betreffend, verpackt er wunderbar in eine angenehme Sprache und in eine gut aufgebaute Handlung.
Paul Balint ist Mikrobiologe. Er hat sich Zeit seines Lebens der Wissenschaft verschrieben und sein Leben damit ausgefüllt. Zu seinem 80. Geburtstag wird eine Feier in Paris organisiert. Ehemalige Kollegen kommen, er wird geehrt und erlebt einen wunderbaren Abend. Und zugleich erscheint ihm dieser Tag wie ein Abschied von einem gelebten Leben zu sein. In Rückblicken lässt uns der Autor an den Erinnerungen von Balint teilhaben, während die Gegenwart ihr unbarmherziges Netz auswirft.
Vor zehn Jahren hat ihn seine Langzeitlebensgefährtin Carla verlassen. Freiwillig, um noch etwas anderes im Leben zu suchen als die gemeinsame Vergangenheit. Balint hat sich damit arrangiert, sein Leben neu organisiert, und dennoch vergeht kein Tag, an dem er nicht an sie denken muss. Eine Stütze für ihn wird ihm sein Psychotherapeut Steinberg. Beide entwickeln im Laufe der Jahre ein freundschaftliches Verhältnis zu einander, mit tiefen Gesprächen und Ratschlägen für beide Personen.
Was ist das, das „Altern“. In welchen Stufen läuft es ab? Wann beginnt es überhaupt? Und so entwickeln sie die Theorie von „Jungem Alter“ und „Altem Alter“. Balint beginnt seine Umgebung mit anderen Augen zu sehen, nicht nur im mikrobiologisch-wissenschaftlichen Kontext, sondern er versucht auch hinter allem einen Sinn und eine Seele zu suchen. Ganz allmählich begreift er, dass das hohe Alter nicht nur eine unausweichliche Herausforderung darstellt, mit Vergangenem abzuschließen und einen verfallenden Körper in die Zukunft tragen zu müssen. Das hohe Alter bedeutet nicht nur Verlust, es kann auch eine Befreiung sein. Eine Befreiung von all den Gedanken, die nicht mehr mit irgendwelchen Zwängen daher kommen.
Ich darf das tun, muss es aber nicht mehr. Ich kann alles beobachten, muss nichts mehr hineininterpretieren. Und ich muss nichts mehr werden, das pure „Sein“, das „Carpe diem“ soll das Motto jeden Morgens sein und nicht das „Memento mori“
Ein wunderbares, im Prinzip komplexes Buch, das einen mit der Leichtigkeit durch die Seiten schweben lässt, die die Erfahrung eines ganzen Lebens beinhaltet. Ich finde auch Titel und Cover äußerst treffend gewählt. Sehr gerne gelesen und damit eine absolute Leseempfehlung.
Recherche du temps future
Boockpicker (Mitglied der Book Circle Community) am 13.04.2026
Bewertungsnummer: 3108035
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Nicht nur dem Vergangenen nachtrauern, will Bálint, der pensionierte Zellbiologe, nicht nur das «noch» eines alten Mannes leben. Und so verbringt er seine Tage mit Spazieren und Gesprächen, mit Beobachten von Menschen und von all dem Leben um ihn herum. Er sammelt Schnappschüsse und Gedanken zur «Kammer des alten Alters» und entdeckt dabei, wie viel gelassener er geworden ist, und wie ihn sogar Gedanken und Träume zum Paradies streifen, ob das nun dies- oder jenseitig sei. Neben der Trauer um seine verstorbene Frau Carla versucht er dem Kern des Lebens näherzukommen, analog zu dem, wie er als Biologe Zellkerne erforscht hatte.
Eine ruhige, beschauliche Novelle mit Gedanken zum älter werden und alt sein, mit Lebensrück- und ausblicken, tröstlich, versöhnlich und doch offen für das, was kommen mag. Sehr lesenswert.
«Als er aufsah, sein Blick über die Bücher, Nippes und Fotos im Regal gegenüber schweifte, kam es ihm vor, als sässe er im Museum der eigenen Biografie, einzig von Vergangenheit umgeben. Zeit, die zu Gegenständen, Möbeln, Teppichen, Bildern geronnen war». (26)
«Der Blick der Amsel war Carlas Blick gewesen, ein Blick des reinen, absichtslosen Schauens». (54)
«Vergänglichkeit verbindet, sie ist das, was allem Lebendigen innewohnt, und das man im anderen Wesen, sei es eine Pflanze oder ein Tier, erkennt und mit ihnen teilt» (60)
«Das sexuelle Begehren, die Fantasien, die ihn in den Wochen seit Carlas Suizid gequält hatten, waren eine Notwehr gegen den Tod – ein unbewusster Trieb, das Leben gegen das Erlöschen zu behaupten, Neues zu schaffen, die Gene zu erhalten». (64)
«Es wäre wunderbar und tröstlich, würde das, was er in den Träumen erlebte, nach dem Tod zu einem Zustand werden». (129)
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