Eines der schönsten Bücher für mich dieses Jahr. Sehr prägend und nahegehend, selbst für Nicht-Mütter eine absolute Herzensempfehlung. Draesners Stil hat mir zudem äußerst gut gefallen, weder tränendrüsig noch zu nüchtern.
Liebesannäherungen
Katrin aus Kiel am 28.01.2025
Bewertungsnummer: 2397115
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Kindern gilt als gesetzt – aber ist das wirklich so? Und was passiert, wenn man die zukünftige Tochter erst kennenlernt, als diese schon drei Jahre alt ist und zudem keine gemeinsame Sprache existiert? Ulrike Draesner erzählt in diesem persönlichen Buch, das kein Roman ist (schließlich ist das Wort auf dem Umschlag durchgestrichen), sondern eher ein autobiografischer Text oder vielleicht irgendetwas dazwischen, von ihrem Elternwerden, von ihrem Herantasten an das Lieben eines Kindes, an das Gefühl, jetzt eine Mutter sein zu müssen, ohne genau zu wissen, wie das denn gehen soll. Nach vielen Versuchen und einigen Fehlgeburten entscheiden sich die Ich-Erzählerin und ihr Mann, es mit einer Auslandsadoption zu versuchen, die Wahl fällt dabei eher zufällig auf Sri Lanka. Jahre später kommt dann der ersehnte Anruf, ein dreijähriges Mädchen, das bisher in einem Kinderheim gelebt hat, soll die zukünftige Tochter des Paares werden. Doch dafür müssen sie nach Sri Lanka reisen und das Kind kennenlernen. Und nicht nur kennenlernen, auch für sich einnehmen, schließlich wird der dort zuständige Richter nur einer Adoption zustimmen, wenn Eltern und Kind sich lieben gelernt haben. Doch wie soll das gehen, in nur drei Wochen?
Ulrike Draesner erzählt in gewohnt poetischer Sprache vom Ausprobieren und Herantasten, von widersprüchlichen Gefühlen und dem langen Weg zur Adoption. Und auch davon, dass am Ende nur eine Liebe gewachsen ist, die zu ihrer Tochter, während die Liebe zu ihrem Mann langsam verschwand. Es geht also um Anfänge und Abschiede, um die Bereitschaft, sich auf etwas ganz Neues einzulassen. Dabei reflektiert sie sowohl über Mutterschaft und Elternliebe als auch über die Herausforderungen, sich mit einem offensichtlich nicht eigenen Kind ganz anders in die deutsche Gesellschaft einfügen zu müssen und den immanenten Rassismus vielleicht zum ersten Mal im Leben richtig wahrzunehmen. Das Buch ist klug und sehr berührend, die Autorin schafft es, offen über ihre Ängste und Gefühle zu schreiben, ohne dabei die ihr nahestehenden Personen bloßzustellen. Selten schreibt sie ihnen Gedanken oder Gefühle zu, im Vordergrund steht das eigene Hinterfragen der Geschehnisse, ihre Sicht auf eine bestimmte Zeit ihres Leben. Dieses Buch besticht durch seine Sprache und bereichert gleichzeitig die bekannten Erzählungen über Mutterschaft und Familie. Sehr empfehlenswert!
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