Ostsee-Kriminalroman über Geheimnisse in der Lübecker Bucht
Cap Arcona - ein Schiff, das Weltgeschichte schrieb. Eine Tragödie am Kriegsende, deren Schatten bis in die Gegenwart reichen. Für alle Leser:innen von Trude Teige und Karen Kliewe
»Wehret den Anfängen haben wir immer gesagt! - Das ist längst durch. Wir sind schon mittendrin.«
Cay, gescheiterte Autorin mit einem Leben voller Brüche, schlägt sich als Journalistin durch. Für einen ihrer Aufträge fährt sie in die Lübecker Bucht: Zum achtzigsten Mal jährt sich der 3. Mai, an dem in den letzten Tagen des Krieges die Cap Arcona sank. Doch bevor Cay recherchieren kann, findet sie am Schauplatz der Katastrophe die Leiche einer jungen Frau, die sich für das Gedenken an diese Tragödie eingesetzt hat. Während Cay vor ihrer eigenen Vergangenheit flieht, läuft sie den Verantwortlichen von damals in die Arme, die bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen worden sind.
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tiefe Betroffenheit ist angesagt
Bewertung aus Oberweid am 07.05.2026
Bewertungsnummer: 3132066
Bewertet: eBook (ePUB)
Von den im Roman aufgedeckten Verbrechen, die noch in den letzten Stunden des Naziregimes an KZ-Häftlingen begangen wurden, habe ich tatsächlich in dem sogenannten Geschichtsunterricht unseres Bildungssystems kein Wörtchen gehört. Ich war auch nach den vielen Jahren, die vergangen sind, tief schockiert. Die teilweise Aufarbeitung durch die Schriftstellerin finde ich mutig und unbedingt notwendig. Wir vergessen gerne, was für Leid in dieser Zeit vielen Menschen angetan wurde. Der Mantel des Vergessens muss öfter gelüftet werden. Erschüttert hat mich auch, wie verblendet die Jugendlichen waren und wie wenig sie die Häftlinge als Menschen betrachteten. Unfassbar! Ich bekomme noch jetzt Gänsehaut. Geschickt hat die Autorin, die Ermittlungen der Reporterin in die Auffindung einer Toten im Gebiet, in dem noch heute Leichen aus der Kriegszeit gefunden werden, eingekleidet. Die Beschreibung der Zustände in dem Lager, in dem Leon inhaftiert ist, habe ich in Filmen und Literatur bereits erfahren. Das war also nicht ganz neu. Allerdings die stilistische Art der Erzählung durch Leon hat etwas besonderes. Sie ist teilweise zynisch, teils zotig und trotzdem gruselig zu lesen. Der Krimi ist nichts für zarte Seelen. Das Thema ist meiner Meinung nach als sehr wichtig einzustufen. In unserer aktuellen Situation, in der ein Rechtsruck immer stärker wird, sollte überlegt werden, ob wir nichts aus dem letzten derartigen Weg, gelernt haben. Ich hoffe, dass es nicht heißt: „Nur die Zeit ist weitergelaufen.“ – Ich hoffe, auch der Verstand hat sich weiter entwickelt!
Zwischen Vergangenheit und Wahrheit: Eine Spurensuche unter dem Strand
Dorothea Koch am 12.04.2026
Bewertungsnummer: 3107060
Bewertet: eBook (ePUB)
Ich habe „Unter dem Strand“ von Turid Müller gelesen und musste das Gelesene erst einmal sacken lassen. Es handelt sich nicht um einen Ostsee-Krimi im herkömmlichen Sinne, nein, es ist ein Buch, welches einen nicht sofort loslässt, weil es sich mit einem Thema beschäftigt, das sowohl aktuell als auch wichtig ist. Schon der Klappentext hat mich mit dem folgenden Satz neugierig gemacht:
»Wehret den Anfängen haben wir immer gesagt! – Das ist längst durch. Wir sind schon mittendrin.«
Im Mittelpunkt steht Cay, eine gescheiterte Autorin, die sich als Journalistin über Wasser hält und für eine Recherche in die Lübecker Bucht reist. Dort jährt sich die Katastrophe der Cap Arcona zum achtzigsten Mal – ein düsteres Kapitel der deutschen Geschichte, das bis in die Gegenwart nachwirkt. Doch noch bevor Cay richtig in ihre Arbeit eintauchen kann, stößt sie auf die Leiche einer jungen Frau. Was als Recherche beginnt, entwickelt sich zu einem Krimi und einer Konfrontation mit verdrängter Vergangenheit. Nicht nur historisch sondern auch ganz persönlich.
Ich habe die Handlung als sehr eindringlich und gleichzeitig ruhig erzählt erlebt. Der Schreibstil von Turid Müller ist unaufgeregt, fast sachlich, und entfaltet gerade dadurch eine enorme emotionale Wucht. Es gibt keine übertrieben dramatischen Ausschmückungen, sondern klare, präzise Sätze, die Raum lassen, das Geschehen selbst zu begreifen.
Besonders gelungen finde ich die Perspektivführung: Immer wieder wechselt der Blickwinkel zwischen Gegenwart und Rückblenden, von Cay zu Léon, wodurch sich nach und nach ein größeres Bild ergibt und ich deren Gedanken, Zweifel und innere Zerrissenheit sehr direkt miterleben konnte. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich Stück für Stück an die Wahrheit herantaste und dabei nie ganz sicher sein kann, wem ich eigentlich trauen darf. Diese erzählerische Vielschichtigkeit verleiht dem Roman eine angenehme Tiefe, sodass Vergangenheit und Gegenwart sich langsam ineinander verweben.
Cay selbst ist für mich eine Figur voller Brüche. Sie wirkt verletzlich, manchmal fast verloren, und doch steckt in ihr eine Hartnäckigkeit, die sie immer weiter antreibt. Ich mochte, dass sie nicht als klassische Heldin angelegt ist, sondern als jemand, der mit sich selbst ringt und Fehler macht. Gerade das macht sie greifbar. Léon hingegen bringt eine andere Energie in die Geschichte. Er wirkt ruhiger, kontrollierter, fast wie ein Gegenpol zu Cay. Gleichzeitig bleibt er nicht eindimensional, denn bei ihm habe ich das Gefühl gehabt, dass mehr unter der Oberfläche liegt, als er zunächst zeigt.
Mir hat die Art, wie der Roman mit Erinnerung und Verantwortung umgeht, gut gefallen. Die historische Tragödie wird nicht nur als Hintergrund genutzt, sondern zieht sich wie ein leiser, bedrückender Schatten durch die gesamte Handlung. Dabei stellt sich immer wieder die Frage, wie viel von der Vergangenheit wirklich vergangen ist. Am Ende habe ich das Buch mit einem nachdenklichen Gefühl geschlossen. Es ist keine leichte Lektüre, aber eine, die lange nachhallt.
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