Abseits der Blicke der Außenwelt, draußen in der schwäbischen Provinz, führt eine patente Hebamme ein Frauenheim. Wer diskret ein Kind zur Welt bringen will, findet hier Unterschlupf. Auch die Schriftstellerin Cornelie Reimann zieht sich hierhin zurück. Nur zeigt die Fassade bald Risse, rohe Schikanen nehmen ihren Lauf – und Cornelie erkennt den hohen Preis ihres Wunsches, eine selbstbestimmte Mutter zu sein.
Das Tränenhaus wurde bei Erscheinen 1908 zum Skandal und eröffnet heute eine einzigartige Perspektive auf die Ursprünge des Umgangs mit weiblicher Selbstermächtigung.
»Dieses Grundbuch der frühen Frauenbewegung von 1896 kann man ohne Weiteres neben Fontane stellen.«
Tilman Krause über Aus guter Familie
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
Hornita
aus Augsburg
5/5
07.05.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Faszinierendes Sittengemälde
Man merkt am Schreibstil und der Wortwahl, dass das Buch schon etwas älter ist, aber daran habe ich mich sehr schnell gewöhnt und den Unterschied nach kurzer Zeit auch gar nicht mehr wahrgenommen. Die Geschichte ist aus der Sicht der gut situierten Schriftstellerin Cornelie Reimann geschrieben, die sich aufgrund ihrer ungewollten Schwangerschaft aus dem normalen Leben zurückzieht. Sie landet in einem Geburtshaus, in dem weibliche Jugendliche und Frauen verschiedener Gesellschaftsschichten bis zur Geburt die Zeit überbrücken und sich regelrecht verstecken müssen. Ich fand es sehr gut gemacht, wie die Autorin die unterschiedlichen Schicksale durch die Bewohnerinnen, die Besucherinnen, die Betreiberin und auch die Ortsbewohner dargestellt hat. Das Buch lässt sich sehr gut lesen, ich fand es sehr interessant und finde es wichtig, dass diese Art von Literatur sichtbar wird. Obwohl ich viel lese, hatte ich bisher noch nie von diesen Geburtshäusern gehört und kann mir sehr gut vorstellen, dass das Buch 1908 beim Erscheinen einen Skandal verursacht hat. Als Bonus gibt es am Ende ein sehr informatives und hilfreiches Nachwort von Annette Seemann, das einem bei der Einordnung der Schriftstellerin und der Zeit hilfreich ist. Ich finde das Buch ausgesprochen interessant und empfehlenswert!
leukam
aus Baden-Baden
5/5
27.04.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Dokument der Selbstermächtigung
Der Reclam-Verlag hat schon Gabriele Reuters erfolgreichsten Roman „Aus gutem Hause“, der zu Recht neben Fontanes „Effi Briest“ gestellt wird, neu herausgebracht. Nun ist in derselben Reihe „Reclams Klassikerinnen“ ihr 1908 veröffentlichtes Werk „Das Tränenhaus“ in einer hochwertigen Ausgabe neu erschienen.
Wie man dem aufschlussreichen Nachwort von Annette Seemann entnehmen kann, beruht hier vieles auf eigenen Erfahrungen. Die Autorin hat selbst in einem Geburtshaus für Ledige ihre Tochter bekommen. Heute würde der Text im Bereich Autofiktionalität eingeordnet werden.
Das titelgebende „Tränenhaus“ ist ein Heim für unverheiratete schwangere Frauen. Hier konnten sie sich bis zur Geburt zurückziehen, denn ihr Zustand musste geheim gehalten werden. Ein Kind ohne Trauschein war ein Makel, den es zu verbergen galt. Heimlich brachten die Frauen dort ihre Kinder zur Welt, die dann in die Obhut von Ziehmüttern gegeben wurden. Danach konnten sie wieder in ihr gewohntes Umfeld zurückkehren.
Hierher zieht die Protagonistin Cornelie Reimann, eine erfolgreiche Schriftstellerin, unschwer als Alter Ego der Autorin zu erkennen. Anfangs grenzt sie sich von den anderen Bewohnerinnen des Hauses ab, möchte keinerlei Kontakt. Es liegen Welten zwischen ihnen. Cornelie ist eine gebildete Frau aus gutem Hause; finanziell unabhängig kann sie ihre Entscheidungen selbst treffen. Außerdem ist sie älter und an Lebenserfahrung reicher. Doch „war [sie] sich ein Einzelfall bisher gewesen“, so merkt sie bald, dass sie ein gemeinsames Schicksal teilen. Und sie verbündet sich mit den andern gegen die habgierige Hebamme Frau Uffenbacher, die das Haus mit eiserner Zucht und zweifelhaften Methoden leitet.
Gabriele Reuter beschreibt nun sehr eindringlich das Schicksal der Frauen im Tränenhaus. Meist sind es einfache Mädchen vom Land oder niederem Stand, die aus unterschiedlichen Gründen in die „ missliche Lage“ kamen, die sie hierher gebracht hat.
Da gibt es die lebenslustige Annerle, die seit Jahren mit ihrem Hans zusammenlebt, ihn aber nicht heiraten darf. Hans ist Jude und seine Eltern wünschen sich für ihn ein reiches Mädchen aus ebenfalls jüdischem Hause. Außerdem ist Annerles Onkel „Dekan“, auch der ist gegen die Verbindung. So kommt es, dass das Mädchen schon zum zweiten Mal bei Frau Uffenbacher Gast ist.
Eine andere fiel aus Naivität auf einen Verführer herein und eine Studentin der Malerei erlag dem Charisma ihres Lehrers. Doch der ist ein viel zu großer und berühmter Künstler, um eine kleine Malschülerin zu heiraten. Die junge Frau endet besonders tragisch - sie stirbt bei der Geburt.
Alle Frauen sind das Opfer patriarchaler Doppelmoral. Männer kommen im Roman kaum vor und das aus gutem Grund. Sie entziehen sich fast alle ihrer Verantwortung.
Das Thema bewegt noch heute. So lange liegt es noch garnicht zurück, dass eine ungewollte Schwangerschaft eine Frau in große Verzweiflung stürzen konnte. Die Männer waren meist fein raus. Sie hatten nicht mit den Konsequenzen zu leben und ihrem Ruf hat es in der Regel auch nicht geschadet.
Auch wenn heute ledige Mütter nicht mehr von der Gesellschaft geächtet werden und soziale Hilfen zur Verfügung stehen, so leiden alleinerziehende Frauen unter der großen Belastung und Verantwortung und haben ein höheres Armutsrisiko.
Cornelie selbst durchläuft eine tiefgreifende Entwicklung während dieser paar Monate im Tränenhaus. Wollte sie anfangs nur Ruhe finden, sich verstecken vor der Welt, war sie beinahe des Lebens müde, so gewinnt sie durch die Begegnung mit den Nöten und dem Schicksal anderer neue Kraft und ein gestärktes Selbstbewusstsein. Und am Ende sieht sie ihr Glück in einem Leben ohne Mann, ohne Ehe, dafür mit Kind und Beruf.
Was für eine revolutionäre Vorstellung für jene Zeit. Kein Wunder, dass man den Roman als Skandal empfand. Nicht nur hatte die Autorin es gewagt, sog. „gefallene Mädchen“ ins Zentrum zu rücken und die Doppelmoral anzuprangern, sie propagierte auch noch die freie Mutterschaft.
„Nun legte das Bewusstsein der gewonnenen Kraft ihr eine Verpflichtung auf, der sie sich nicht mehr zu entziehen dachte. Nicht in die Einsamkeit galt es zu fliehen. Nein - dort, gerade dort, wo man sie früher gekannt, wo sie früher gelebt und gewirkt hatte, dort wollte sie mit ihrem Kinde weiterleben, arbeiten und wirken. Zeugnis musste sie ablegen für sich und die anderen, … Zwingen musste sie die Menschen zur Achtung vor dem selbstgewählten Lebenslos, zu einer Anerkennung, die auch ihren verfolgten Schwestern zugutekommen sollte.“
An den altertümlichen, manchmal schwülstigen Sprachstil muss man sich erst gewöhnen. Er zwingt zum aufmerksamen und konzentrierten Lesen.
Die Geschichte spielt in der schwäbischen Provinz und so sind viele Dialoge zwischen der Uffenbacherin und den Mädchen im schwäbischen Dialekt gehalten. Das schafft Atmosphäre und macht das Erzählte lebendig. Gleichzeitig steht die Mundart im Kontrast zur gebildeten Ausdrucksweise von Cornelie.
Einige humoristische Szenen lassen schmunzeln und machen so das Bedrückende der Situation erträglich.
Gabriele Reuter erweist sich als einfühlsame und genaue Beobachterin. Alle Charaktere werden als komplexe Figuren beschrieben. Ihre Konflikte, ihre Ängste und Sorgen werden differenziert und glaubwürdig geschildert. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der inneren Entwicklung der Hauptfigur Cornelie. Das lässt ihren Emanzipationsprozess nachvollziehbar machen, auch wenn man nicht all ihre Ansichten zu Ehe und Partnerschaft teilen muss.
So ist „Das Tränenhaus“ ein Roman, der auch heute noch mit Gewinn gelesen werden kann: Ein Aufruf zu weiblicher Solidarität, ein Dokument der Selbstermächtigung, eine Kritik an Doppelmoral und patriarchalen Strukturen.
Eternal-Hope
aus Österreich
5/5
24.04.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Durch innere Stärke zur Verbundenheit mit anderen Frauen
„Das Tränenhaus“ wurde von Gabriele Reuter, die auch schon für ihr in den letzten Jahren neu aufgelegtes Werk „Aus guter Familie“ bekannt ist und zu ihrer Zeit eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin war, im Jahr 1908 veröffentlicht. Das somit bald 120 Jahre alte Werk liest sich bis heute sehr unterhaltsam und interessant, gibt einen spannenden Einblick in historische Herausforderungen ungeplant schwangerer Frauen und regt zum Nachdenken über Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung und Klasse an.
Die Hebamme Frau Uffenbacher, „die Uffenbacherin“, betreibt in der schwäbischen Provinz, abgelegen am Land, das „Tränenhaus“, ein Haus für ungewollt schwangere Frauen. In dieses können sie einziehen, bevor die ledige Schwangerschaft und die damit zu dieser Zeit verbundene Schande für alle öffentlich sichtbar wird, später ihr Kind gebären, es zu Pflegeeltern geben und später in ihr bisheriges Leben zurückkehren und so tun, als sei nichts gewesen.
Die meisten Mädchen und Frauen, die in diesem Haus landen, sind jung, unsicher und oft auch wenig gebildet, wurden von ihrem Liebhaber im Stich gelassen oder gar von einem Fremden vergewaltigt, ihre Familien schämen sich für sie oder wissen nichts davon. Nun ist ihr Selbstwert am Boden, sie haben die urteilende Sichtweise der Gesellschaft auf sie internalisiert und das Gefühl, sich verstecken zu müssen. Niedergeschlagen ordnen sie sich der hausführenden Hebamme und den dort geltenden Regeln komplett unter.
Nicht so Cornelie. Sie ist älter als die meisten anderen Bewohnerinnen, schon in ihren 30ern, intelligent, gebildet und selbstbewusst, hat als Schriftstellerin ihr eigenes Einkommen und ist zwar manchmal voll des Zornes auf den Kindesvater, und auch ihre Mutter soll nicht unbedingt zu früh von ihrer Schwangerschaft erfahren, aber insgesamt ist sie innerlich doch weit davon entfernt, sich zu schämen.
Sie freut sich auf ihr Kind und hofft, es werde ein Mädchen werden (wie ungewöhnlich für die damalige Zeit!) und sie will es behalten und selbst aufziehen. Zuerst einmal fühlt sie sich fremd im Haus der Uffenbacherin und auch den anderen Mädchen und Frauen, die so viel weniger gebildet und reflektiert wirken als sie selbst, kaum verbunden:
„Gewiss – das machte Cornelie zur Hauptbedingung, sie durfte in keinerlei Beziehung zu diesen anderen Damen gebracht werden, sie musste ganz einsam für sich leben können.“ (S. 25)
„Auch eine Welt – auch eine Welt – dachte Cornelie, als sie wachend auf ihrem Bette lag. Und sie hatte geglaubt, etwas vom Leben zu wissen – hatte sich vermessen, Urteile zu fällen, Rätsel zu lösen, Vergleiche zu ziehen. In die Einsamkeit hatte sie zu flüchten gemeint und war, wie in alten Märchen, gleichsam in Schlaf und Traum in ein anderes Leben hinabgesunken…“ (S. 28)
Warum sie sich irgendwelchen für sie unsinnigen Regeln unterordnen sollte, etwa, tagsüber nicht in der schönen Landschaft spazieren zu gehen, damit sie keiner sehe, das kann sie nicht verstehen. Und auch sonst bietet sie der Hebamme und auch den geltenden Sitten ihrer Zeit in vielen Bereichen die Stirn, steht mutig und selbstbewusst für sich und ihr Kind ein und ist damit auch den anderen Mädchen und Frauen ein Vorbild, denen sie sich Schritt für Schritt immer mehr annähert, Gemeinsamkeiten erkennt und sich mit ihnen solidarisiert.
Ich habe diesen wieder aufgelegten Klassiker sehr gerne gelesen. Das Buch ist unterhaltsam und humorvoll geschrieben und insbesondere Cornelie, aber auch einige andere porträtierte Mädchen und Frauen, waren mir sehr sympathisch. Es war interessant, einen so genauen Einblick in die schwierige Lage selbst finanziell einigermaßen gut gestellter ungeplant schwangerer Frauen in dieser Zeit zu bekommen.
Um die Sprechweise und soziale Klasse einiger aus ländlichen Regionen stammenden Bewohnerinnen sowie der Hebamme authentisch darzustellen, sind deren Äußerungen in einem Dialekt wiedergegeben, z.B. „I weiß auch nimmer recht, wie’s kumme is“ (S. 92) oder „Dem Annerle war meistens nit recht extra zumut.“ (S. 129). Ich als aus Österreich stammende Leserin hatte hier keinerlei Verständnisprobleme.
Gleichzeitig war vieles in diesem Buch erfrischend modern: Cornelie mit ihren Ansichten, an denen die anderen sich ein Beispiel nehmen. Aber auch die zunehmende Unterstützung, Verbundenheit und Solidarisierung unter den Frauen war ein schönes Beispiel, auch für die heutige Zeit.
Besonders spannend fand ich, dass auch das in der heutigen Zeit so aktuelle, aber damals ungewöhnliche Thema der Vereinbarkeit eines anspruchsvollen Berufs mit den körperlichen und psychischen Veränderungen, die mit Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett einhergehen, am Beispiel von Cornelie und ihrer schriftstellerischen Tätigkeit, mit der sie sich und ihr Kind auch finanziell versorgen kann, schon in diesem Buch Raum bekommt. Hier spürt man auch, dass mit Gabriele Reuter eine Frau schreibt, die weiß, wovon sie spricht: auch sie hat im Alter von 38 Jahren ledig eine Tochter bekommen und diese als Alleinerzieherin groß gezogen.
Bemerkenswert auch, wie viel Kraft Cornelie letztendlich aus der transformativen Erfahrung des Mutter-Werdens auch für ihre schriftstellerisch-schöpferische Tätigkeit ziehen kann und mit welchem Selbstbewusstsein sie als Mutter und Autorin in die Welt geht:
„Ihr Denken war reicher, ihre Erfahrungen tiefer, ihr Empfinden voller und reiner geworden in diesen Monaten der Erwartung, sie empfand es mit dem tiefen Glück, mit dem jeder starke Mensch sich wachsen fühlt. Nun legte das Bewusstsein der gewonnenen Kraft ihr eine Verpflichtung auf, der sie sich nicht mehr zu entziehen dachte. Nicht in die Einsamkeit galt es zu fliehen. Nein – dort, gerade dort, wo man sie früher gekannt, wo sie früher gelebt und gewirkt hatte, dort wollte sie mit ihrem Kinde weiterleben, arbeiten und wirken. Zeugnis musste sie ablegen für sich und für die anderen, denen sie sich durch unzerreißbare Bande verbunden fühlte. Zwingen musste sie die Menschen zur Achtung vor dem selbsterwählten Lebenslos, zu einer Anerkennung, die auch ihren verfolgten Schwestern zugutekommen sollte.“ (S. 171)
Insgesamt kann ich das Buch einer breiten Leserschaft wärmstens empfehlen: natürlich allen Frauen, insbesondere jenen, die sich für die Themen Schwangerschaft und Mutterschaft interessieren oder selbst davon betroffen sind.
Aber auch für Männer könnte diese spezifisch weibliche Thematik sehr interessant und vielleicht auch in manchen Bereichen augenöffnend sein, auch noch für die heutige Zeit, in der sich die Bedingungen ungeplant Schwangerer zwar in vielen Bereichen sehr verbessert haben und in unserer Weltengegend damit keine solche Schande mehr verbunden ist, aber dennoch nach wie vor Frauen die Hauptlast ungewollter Schwangerschaft tragen und viele Alleinerziehende (mehrheitlich Frauen) mit ihren Kindern unter der Armutsgrenze leben.
Danke, Gabriele Reuter, für dieses überzeugende Plädoyer für weibliche Kraft und Solidarität und für dieses Aufzeigen der unglaublichen Stärke, die eine selbstbestimmte Frau auch angesichts herausfordernder Umstände in sich tragen kann und sich von niemandem nehmen lassen muss. Danke an den Reclam Verlag dafür, dieses tolle Werk neu aufgelegt zu haben! Von dieser großartigen Autorin möchte und werde ich sicher noch mehr lesen.
Kwinsu
aus Salzburg
5/5
22.04.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Erstaunliches aus 1908
Cornelie ist schwanger, doch da sie nicht verheiratet ist, bedeutet das für sie: Schande. Auch ihr gebildeter Hintergrund unterscheidet sie nicht vor den gesellschaftlichen Werten, die tief im Patriarchat verwurzelt sind. Und so zieht sie in das "Tränenhaus", eine Einrichtung, geführt von einer strengen Regentin, in der unverheiratete Frauen ihr Kind im Geheimen zur Welt bringen. Erst ist Cornelie zurückhaltend, will ihre Ruhe, ist sich ihrem Stand gewiss, doch bald schon sieht sie die Gleichheit und die tiefe Solidarität, die sie mit den anderen Frauen verbindet, wird zu einem starkem Band des Zusammenhalts.
"Das Tränenhaus" ist ein erstaunlich feministischer Roman aus dem Jahr 1908, der viele fortschrittliche Gedanken aufzeigt, die man so nicht unbedingt erwarten würde. Die Autorin Gabriele Reuter war ihrer Zeit weit voraus und versuchte selbst, ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zu führen. All das verarbeitete sie in diesem von Reclam neu herausgegebenen Buch. Die Protagonistin äußerst Gedankenwelten, die einem für diese Zeit nicht nur fortschrittlich, sondern teilweise auch gefährlich erscheinen. Sie will sich nicht unterordnen, will sich an keinen Mann binden, ist überzeugt davon, es auch alleine zu schaffen. Cornelie philosophiert über ihre Selbstermächtigung, steht den anderen Frauen bei, ist stark und emotional zugleich, wirkt in ihrer Rolle als bildungsbürgerliche Frau authentisch und doch so anders als erwartet.
Ein weiterer erstaunlicher Aspekt ist die Charakterschärfe, die die Autorin all den fiktiven Figuren zukommen lässt. Keine ist wie die andere, die eine naiv, die andere verzagt, doch die gemeinsame Ausgrenzung schweißt sie zusammen. Die Charaktere wirken so authentisch und andererseits bildhaft gestochen scharf, dass man stellenweise glaubt, man sehe eine Dokumentation über diese Frauen. Ein besonderes Stilelement ist der schwäbische Dialekt, der einigen der Figuren in den Mund gelegt wird - spielt das Geschehen doch in der schwäbischen Provinz. Dementsprechend weist das Buch auch etliche humoristische Tendenzen auf, die das Leseerlebnis umso erfrischender machen. Verschwiegen darf allerdings nicht werden, dass die Sprache der Autorin ziemlich schwülstig und deshalb oft schwer verständlich ist, für mich zumindest.
Es ist nicht verwunderlich, dass Macht, Klassismus, Ausbeutung, Missbrauch, Gier und Frauenverachtung eine zentrale Rollen spielen, das Buch ist wie ein Spiegel der Zeit um die Jahrhundertwende. Das Patriarchat ist eine Bürde, das sowohl die Autorin, als auch ihre Protagonistin Cornelie nicht so einfach hinnehmen wollen. So fließt viel fortschrittliches und feministisches Denken in den Roman, auch wenn dieses beinahe ausschließlich der bildungsbürgerlichen Hauptperson zugeschrieben wird. Außerdem ist Cornelie eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin, die europaweite Erfolge mit ihren Schriften über die Psyche der Frauen feiert. Bezeichnend, dass auch die Schriftstellerin Gabriele Reuter zu ihrer Zeit höchst populär war und im Zuge der männlich fokussierten historischen Literaturwissenschaften aus dem kollektiven Gedächtnis gedrängt wurde. Die Männerwelt bekommt zurecht ihr Fett weg, allerdings gibt es auch positive und ebenso fortschrittliche Männermodelle. Diese Differenziertheit im Gesamten überrascht, lässt eine aber auch hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, denn wie dieser Roman zeigt: Utopien zu träumen, kann auch durchaus realistisch sein. Auch wenn es seine oder ihre Zeit dauert.
Mein Fazit: Das Tränenhaus ist ein erstaunlich fortschrittlicher Roman aus dem Jahr 1908, der Augen öffnen, in so vieler Hinsicht. Es ist ein Hohelied auf die weibliche Solidarität und den unbeirrbaren Glauben daran, dass sich eine Gesellschaft zum Positiven, zur Gleichheit hin entwickeln kann. Wir müssen nur daran festhalten.
Bewertung
5/5
11.04.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Kraftvoll, berührend, wichtig
„Das Tränenhaus“ von Gabriele Reuter wurde bei seinem Erscheinen vor beinahe 120 Jahren zum Skandal. Seither hat sich vieles verändert, besonders auch die Situation von unverheirateten Müttern. Dennoch ist das Buch hochaktuell, denn es befasst sich nicht nur mit dem Schicksal ungewollt schwangerer Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sondern auch mit zeitlosen Fragen zu Mutterschaft und der Rolle von Vätern, mit Fragen nach Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Verantwortung und darüberhinaus mit dem literarisch-künstlerischen Schaffensprozess. Es ist ein modernes Werk, das zu Unrecht vergessen wurde.
Im Gegensatz zum Inhalt mag die sprachliche Gestaltung für den Geschmack vieler Lesender heute ungewohnt und herausfordernd sein, mich stört dies jedoch nicht. Ich finde vielmehr, dass sie die Atmosphäre des Buches unterstreicht - und den Kontrast verdeutlicht zwischen dem, was wir als Frauen und Gesellschaft nach Außen hin erreicht haben, und der noch immer unerfüllten Forderung der Autorin nach weiblicher Solidarität. Die berührenden Schilderungen der verschiedenen Frauenschicksale verleihen dieser Forderung deutlichen Nachdruck.
„Solche Macht und Gewalt könnten die Frauen bekommen, wenn sie sich nicht länger um eines Dogmas willen gegenseitig hassen, verachten und verfolgen würden.“
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