Wie viel Schönheit passt in ein Leben, und wann ist es Zeit loszulassen?
Theo Engel ist in den Niederlanden als Sterbehilfearzt tätig. Fast jede Woche verabreicht er Menschen, die unzumutbar und ausweglos leiden, die erlösende Spritze. Doch der Beruf zehrt an ihm, Theo kämpft mit Depressionen. Eines Tages erhält er einen bemerkenswerten Brief: Darin bittet ihn ein zwar nicht mehr junger, aber vollkommen gesunder Mann um Sterbehilfe. Gerrit Blauw möchte sterben, weil er sein Leben für vollendet hält. Um den Arzt zu überzeugen, ihm zu helfen, erzählt Gerrit Theo von der Schönheit, die sein Leben erfüllt hat. Von seiner Arbeit für das Theater, vor allem aber von seiner großen Liebe Saartje, für die er einmal sogar eine Giraffe auf eine Nordseeinsel verschifft hat. Und zum ersten Mal beginnt Theo sich zu fragen, ob der Mensch nicht nur ein schönes Leben, sondern auch einen schönen Tod verdient hat.
»Eine Ode an das Leben, eine Feier der Lebendigkeit.« Dagblatt van het Noorden
Kundinnen und Kunden meinen
4.8/5.0
Alrik Gerlach
Thalia Book Circle Community
5/5
07.04.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wenn ein Leben einfach genug gewesen ist
Sterbehilfe, Lebenssattheit und dann plötzlich eine Giraffe auf einer Nordseeinsel. Klingt wie der Beginn eines schrägen Films, ist aber ein leiser Roman, der sich direkt unter die Haut schiebt.
Theo verbringt seine Tage damit, Menschen beim Sterben zu helfen. Kein dramatisches Hollywood, sondern nüchterner Alltag. Und genau das trifft. Diese Routine, diese Müdigkeit, dieses innere Abstumpfen. Dann taucht Gerrit auf. Gesund. Lebenssatt. Und überzeugt davon, dass sein Leben einfach vollständig ist. Kein Drama, kein Leiden. Nur der Wunsch nach einem schönen Ende.
Während Gerrit erzählt, entfaltet sich Stück für Stück ein Leben voller verrückter, zarter und liebevoller Momente. Theater, große Gefühle, absurde Ideen und diese eine Liebe, die alles trägt. Plötzlich wird aus der Frage nach dem Tod eine Liebeserklärung ans Leben. Und irgendwo zwischen den Seiten sitzt man da und denkt, verdammt, wann wäre ein Leben eigentlich voll genug.
Der Roman ist ruhig, fast vorsichtig. Kein Pathos, kein erhobener Zeigefinger. Stattdessen kleine Szenen, die hängen bleiben. Ein Satz, der kurz still macht. Ein Gedanke, der nachhallt. Und immer wieder dieses Gefühl, dass Schönheit manchmal ganz leise daherkommt.
Nicht jeder wird die ruhige Erzählweise lieben. Tempo gibt es kaum. Aber genau das macht den Charme aus. Ein Buch, das nicht schreit, sondern flüstert. Und genau deshalb trifft es mitten ins Herz.
Buch_im_Koffer
aus Münster
5/5
04.04.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Schöner Roman zu einem schweren Thema
Wie kann man sich dem Thema Sterbehilfe nähern, urteilsfrei und ohne Wertung, aber doch mit einer (inneren) Haltung und im besten Falle kritischen Auseinandersetzung? Joost Oomen hat mit seinem Roman eine Betrachtungs-Möglichkeit aufgezeigt, die viel Raum für Überlegungen und Reflexion lässt.
In den Niederlanden ist die aktive Sterbehilfe generell auf Basis eines strengen Protokolls möglich. Eine entscheidende Rolle übernimmt der Sterbehilfearzt, der den todkranken Menschen die letzte, für sie erlösende Spritze, verabreicht. Theo Engel ist ein solcher Sterbehilfearzt, der schon zahlreiche Kranke und deren Angehörige auf ihrem letzten Weg begleitet hat. Aber Theo selbst ist aktuell auch nicht ganz gesund. Er kämpft mit Depressionen und hadert mit seinem Leben und dem Weg, den es eingeschlagen hat. Ein Brief ist es dann, der Bewegung in den eher festgefahrenen Alltag bringt. Darin äußert der vollkommen gesunde Gerrit die Bitte um Sterbehilfe. Der Wunsch dahinter einfach und liebenswürdig wie auch herausfordernd (für Theo): Er hatte ein volles Leben, ein vollständiges, eines voller Schönheit; und möchte nun auch einen schönen Tod erleben.
In Rückblicken nimmt uns Gerrit mit in seine Vergangenheit und die zahlreichen schönen Momente. Wir erfahren aber auch vieles über Theo und seinen beruflichen „Alltag“. Sprachlich toll übersetzt von Lisa Mensing lernen wir zwei Männer kennen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Lebensbejahend, leidenschaftlich der eine; festgefahren, nahezu stoisch der andere – die kurzen protokollartigen Notizen zu seinen Patient:innen sprechen Bände.
Ein Buch, das erst dann seine vollständige Kraft entwickelt, wenn man den letzten Satz gelesen hat – denn dann spätestens kommt der eigene Kopf zum Einsatz. Wie denke ich selbst über aktive Sterbehilfe, was wünsche ich mir vielleicht eines Tages für mich, für meine Liebsten? Was sagt mein Herz, mein Verstand, vielleicht auch mein Glaube dazu?
Ein Buch, das lange nachhallt, gerade weil das Thema darin so facettenreich ist und kein Richtig oder Falsch ermöglicht. Ein Buch, das ein großes gesellschaftliches Tabu diskutiert und auch Grenzen versetzt, denn Gerrit ist mit seinem Wunsch ein ungewöhnlicher „Patient“.
Silke - Buchgespür -
5/5
26.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Roman mit einem tiefgründigen Thema würdevoll umgesetzt
Für mich gibt es sie immer wieder, Gedanken, die sich ab und an in meinen Kopf schleichen und dazu gehört nun, nach dem Beenden der Lektüre des Romans „Ein vollen Leben“ von Joost Oomen , Fragen rund um die aktive Sterbehilfe.
In den Niederlanden ist sie, unter der Voraussetzungen der unheilbaren Erkrankung und des unerträglichen Leidens, erlaubt, bei uns jedoch weiterhin ein rechtlich wie moralisch sensibles Feld und verboten.
Theo Engel begleitet als Sterbehilfearzt sonst Menschen, die schwer und aussichtslos leiden. Dann wendet sich Gerrit Blauw an ihn, ein älterer, gesunder Mann, der sterben möchte, weil er für sich spürt, dass sein Leben vollständig ist.
Um verstanden zu werden, hält Gerrit seine Geschichte schriftlich fest. Darin blickt er auf prägende Jahre in Friesland zurück, auf seine tiefe Verbundenheit und Liebe zu Saartje, auf Freundschaft, Verlust, Kunst und die Sehnsucht nach Schönheit. Während Theo diese Lebensgeschichte liest, gerät sein eigenes Denken ins Wanken.
Von Anfang an wird die Realität und die Berufsfelder rund um die Sterbehilfe mit einer Selbstverständlichkeit erzählt, was sich besonders an Theo Engel zeigt, einem Arzt, der genau diese Sterbehilfe leistet. Er übt seinen Beruf stoisch aus, lässt nur selten Gefühle an sich heran. Dies zeigt sich für mich in kurzen, fast protokollartigen Notizen, in denen er die Gründe für die Entscheidung zur Sterbehilfe seiner Patienten festhält, die an einer unheilbaren Krankheit leiden, wodurch eine Normalität entsteht, die mich zugleich fasziniert und irritiert, weil sie sich so stark von unserer gesellschaftlichen Realität unterscheidet.
Die niederländische Sterbehilfeordnung gerät für Theo Engel ins Wanken, als Gerrit Blauw in sein Leben platzt. Gerrit ist weder krank noch leidet er, vielmehr betrachtet er sein Leben als erfüllt und abgeschlossen, weshalb er selbst bestimmen möchte, wann es endet. Seine Memoiren hat er niedergeschrieben, um Theo davon zu überzeugen, bei ihm Sterbehilfe zu leisten. Durch Gerrits Aufzeichnungen erfahren wir mehr über ihn als über Theo selbst. Gerrit beschreibt seine Jugend und sein Leben in Friesland, seine unerfüllte Liebe zu Saartje, seine skurrilen Erfahrungen beim Film und zugleich seine berührenden Freundschaften. Immer wieder hat er Berührungspunkte mit der Kunst und dem Schönen per se.
Die Sprache des Romans ist dabei von phasenweiser Leichtigkeit geprägt, von Charme und Humor, ohne schwierige oder traurige Momente auszublenden. Während Theos eigenwilligem Ritual, von jedem Patienten eine Kleinigkeit mitzunehmen, dem Leser ein Schmunzeln entlockt, denkt man aber auch über die Gründe dieser Handlung nach. Der Roman überzeugt damit, dass er ein schweres Sujet mit bemerkenswertem Schwung behandelt, ein zutiefst bewegendes Thema auf seine Seiten bringt und das ohne zu belehren.
Am Ende komme ich einfach nicht umhin mir über das Thema Sterbehilfe eingehenden Gedanken zu machen. Wie sie rechtlich umgesetzt werden kann, für wen sie sinnvoll ist und welche Verantwortung diejenigen tragen, die diesen Wunsch begleiten und ausführen.
Die Entscheidung, ob Theo Gerrits Bitte erfüllt, verrate ich hier natürlich nicht, kann aber guten Gewissens empfehlen, die Antwort im Roman selbst zu entdecken.
Bewertung
5/5
10.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Von Lebenslagen & Sterbenslagen
In diesem Buch lernen wir Gerrit kennen. Wir lernen aber auch Theo kennen. Denn es geht um deren ungewöhnliche Begegnung zwischen einem Sterbehilfearzt & einem Mann, der sterben möchte – obwohl er nicht krank ist.
Eines Tages erhält der niederländische Arzt Theo Engel einen ungewöhnlichen Brief von dem älteren Herrn Gerrit Blauw, in dem dieser ihn trotz Gesundheit um Sterbehilfe bittet. Denn Gerrit hält sein Leben für vollendet.
Theo kann ihm im Grunde nicht helfen, weil Gerrit nicht unerträglich & aussichtslos leidet. Dennoch liest er sich seine angefügte Lebensgeschichte durch.
Gerrit erzählt von seiner Schullaufbahn, von seinem besten Freund Douwe, von seiner lyrischen Phase, seiner später kreativen Arbeit als Theatermacher. Wer dabei zu keiner Zeit unerwähnt bleibt, ist seine heimliche, aber vielleicht auch nicht ganz so heimlich gebliebene große Liebe Saartje.
Während Gerrit seine Erinnerungen erzählt, beginnt Theo zunehmend über seine eigene Einstellung zum Leben & zum Tod nachzudenken. Er fragt sich, ob Menschen nicht nur ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben haben, sondern vielleicht auch auf einen selbstbestimmten Tod?
✨
Hui! Dieses Buch empfinde ich als etwas ganz Besonderes. Ein wahrer Goldschatz! Erstmal klang der Schreibstil ruhig & poetisch. Die Sprache transportierte auf angenehme Art starke Gefühle & philosophische Gedanken, aber genauso symbolische Bilder. All das machte die Story emotional & gedanklich anspruchsvoll.
Theo fand ich interessant, aber auch manchmal seltsam, was ihn aber gleichzeitig wieder interessant machte. Gerrit mochte ich noch etwas mehr. Wunderschön fand ich auch die anhaltende Liebe, die er für Saartje empfand & auf welche besondere Weise sie erzählt wurde.
Weiter hat mich die ethisch schwierige Thematik der Sterbehilfe sehr angesprochen! Noch nie zuvor las ich einen Roman, in dem es darum ging. Dabei stellte der Autor keine Antworten bereit, sondern ließ mich selbst über moralische Fragen nachdenken. Trotz des zunächst schwer erscheinenden Themas wirkte die Geschichte nicht düster sondern sinnmachend.
Die zentrale Frage, was ein erfülltes Leben ausmacht, hat mich sehr bewegt & mich in meiner ohnehin festen Meinung bestätigt, dass ein Leben nicht unbedingt lang sein muss, um vollständig zu sein.
hamburg.lesequeen
aus Bargfeld-Stegen
4/5
16.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Buch das nachhallt ...
EIN VOLLES LEBEN
Joost Oomen
ET: 11.02.26
Dr. Theo Engel ist Allgemeinmediziner und arbeitet seit einigen Jahren in den Niederlanden als Sterbehilfearzt. Täglich erreichen ihn Anfragen von Menschen, die unheilbar krank sind und sich wünschen, ohne Schmerzen aus dem Leben zu gehen. Doch die Hürden sind hoch: Sterbehilfe darf nur geleistet werden, wenn ein aussichtsloses und unerträgliches Leiden vorliegt – der bloße Wunsch zu sterben reicht nicht aus. Die vielen Vorgespräche, in denen Theo prüfen muss, ob die gesetzlichen Kriterien erfüllt sind, sind belastend. Schon lange fühlt er sich ausgebrannt, und jede neue Anfrage kostet ihn Kraft.
Eines Tages erhält er einen Brief von Gerrit Blauw. Gerrit möchte seinem Leben ein Ende setzen, weil er es als erfüllt betrachtet. Dem Schreiben legt er seine Lebensgeschichte bei. Wie diese genau aussieht, müsst ihr selbst herausfinden – nur so viel sei verraten: Es geht um eine große Liebe und um eine Giraffe.
Was für ein interessanter Ritt! Auf gerade einmal 190 Seiten passiert unglaublich viel, und manches ist herrlich skurril. Ich möchte gleich vorwegnehmen, dass mir das Buch gefallen hat und ich es gern gelesen habe – wenn auch mit gemischten Gefühlen. Besonders die Geschichte von Gerrit hat mir sehr gefallen. Es war schön, ihn von der Jugend bis ins Erwachsenenalter zu begleiten und Stück für Stück mehr über sein Leben zu erfahren.
Der Erzählstrang um Dr. Theo Engel hat mich dagegen eher belastet. Die vielen kranken Menschen, die unzähligen Anfragen – das hat mich beim Lesen immer wieder heruntergezogen. Versteht mich nicht falsch: Ich befürworte Sterbehilfe. Vielleicht hat mich dieser Teil aber gerade deshalb so beschäftigt, weil man mit zunehmendem Alter merkt, dass Themen wie Krankheit und Tod näher rücken. Mit diesem Teil der Geschichte hatte ich daher persönlich etwas mehr Schwierigkeiten.
Dennoch lässt sich der Roman leicht und flüssig lesen, und ich habe es sehr genossen, einmal eine ganz andere, ungewöhnliche Geschichte zu entdecken.
Fazit:
Ein Roman über Sterbehilfe und die Frage, was ein erfülltes Leben – und vielleicht auch ein guter Tod – sein kann. Ein besonderes Buch, das zum Nachdenken anregt und das ich gern weiterempfehle.
3½/5
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