Wie ein Traum uns daran erinnern kann, wer wir eigentlich sind Luchs denkt, seine Geschichte wäre gelebt. Er ist Friedhofswächter und dreht da jede Nacht seine Runden – und damit scheint er auch zufrieden zu sein. Bis die 13-jährige Teresa auftaucht und er ihr Feuer leiht, ohne zu ahnen, dass er sich damit eine Suspendierung einheimst. Nach anfänglichem Ärger werden er und Teresa Freunde. Sie bringt ihm bei, Gitarre zu spielen, und erinnert ihn daran, dass er es einmal gewagt hatte, sein Leben zu leben. Und so lässt Luchs den Friedhof hinter sich und fährt zurück an den Ort seiner Träume, nach Santa Tereza, wo er sich nicht scheut, wieder er selbst zu sein. Was hält uns davon ab, das ganze Leben zu leben? Flurin Jecker zeichnet ein liebenswürdiges Portrait einer Figur, die uns fragen lässt: Wie schaffen wir es, unsere Desillusionen hinter uns zu lassen und in eine neue Naivität zu kommen?
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Erinnerung daran, mutig zu sein
Silke - Buchgespür - am 10.06.2025
Bewertungsnummer: 2511977
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Luchs, 34, Friedhofswächter mit Lernschwäche, lebt zurückgezogen und routiniert, bis die 13-jährige Teresa auftaucht und ihn um Feuer für einen Joint bittet. Wegen dieser Geste wird er des Drogenhandels verdächtigt und suspendiert.
Zwischen den beiden entsteht eine unerwartete Freundschaft. Teresa bringt Luchs dazu, Gitarre zu spielen, und weckt alte Träume: Schriftsteller werden, reisen, leben.
Er bricht auf nach Santa Tereza, seinem Sehnsuchtsort aus Kindheitstagen und beginnt, sein Leben neu zu denken.
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Ich habe schon immer Friedhöfe gemocht. Diese stille Klarheit, die Abwesenheit von Lärm, die langsame Zeit. Schon als Kind war ich oft dort. Nicht aus Zwang, sondern weil ich das Gefühl mochte, dass hier niemand etwas vorspielt. Vielleicht war das mit ein Grund, warum mich Santa Tereza so sehr gepackt hat. Denn genau diese leise, rau, aber nicht kalte Atmosphäre durchzieht das ganze Buch.
Luchs ist 34, Friedhofswächter und als lernschwach eingestuft. Er selbst sagt von sich, es sei „genug“, so wie er lebt. Nachtarbeit, kaum soziale Kontakte, keine Aufregung. Alles in Ordnung. Bis er Teresa begegnet. Sie ist 13, direkt, unerschrocken. Luchs gibt ihr Feuer für einen Joint, dadurch verliert er fast seinen Job. Teresa entschuldigt sich bei ihm und die unterschiedlichen Menschen werden sowas wie Freunde.
Was ich liebe: Diese Begegnung wird nicht überhöht, nicht romantisiert. Teresa reißt ihn nicht raus wie ein Wirbelsturm. Sie gibt ihm einen kleinen Schubs. Und Luchs, der vielleicht einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, traut sich plötzlich: Er kauft eine Gitarre und erinnert sich an seinen Traum Schriftsteller zu werden. Er fliegt nach Jahren zurück an seinen Ort der Träume, nach Santa Tereza, weil er endlich wissen will, was aus ihm hätte werden können. Und vielleicht ja immer noch werden kann.
Was mich besonders beeindruckt hat, ist, wie still dieses Buch laut wird. Es gibt keine großen Reden, keine Heldenreisen im klassischen Sinne und trotzdem verändert sich alles. Luchs ist nicht plötzlich ein anderer Mensch, er bleibt sperrig, langsam, manchmal auch unbeholfen. Aber er bewegt sich. Und das ist vielleicht das Mutigste, was man tun kann, wenn man jahrelang stillgestanden hat.
Der Ton des Romans ist ruhig. Leicht lesbar, aber nicht banal. Melancholisch, aber nie wehleidig. Ich hatte zu keiner Zeit Mitleid mit Luchs, im Gegenteil: Ich habe ihn bewundert. Für seinen Mut. Für seinen Willen, sich dem zu stellen, was lange zu weit weg schien. Und ich habe mich gefragt: Warum trauen wir uns so selten?
Auch sprachlich mochte ich, wie Flurin Jecker mit Rhythmus und Leere arbeitet. Vieles bleibt angedeutet, unausgesprochen, genau deshalb wirkt es. Und obwohl die Stimmung oft grau ist wie ein Novembermeer, liegt darin keine Hoffnungslosigkeit, sondern fast sowas wie ein stilles Leuchten. Das Meer in diesem Buch ist nicht türkis und voller Kinderlachen. Es ist grau, leer, nachdenklich. Und ich liebe es. Ich liebe das Meer, wenn es nicht performen muss. Genau wie Bücher, die nicht schreien, sondern wirken…
Der Roman ist ein Plädoyer dafür, die Dinge nicht perfekt machen zu müssen, sondern überhaupt erst mal zu beginnen.
traumhaft gut
Bewertung aus Zürich am 04.05.2025
Bewertungsnummer: 2482574
Bewertet: eBook (ePUB)
"Santa Teresa“ von Flurin Jecker ist ein sprachlich eindringlicher, atmosphärischer Roman über Selbstsuche, Identität und das Lebensgefühl junger Menschen – poetisch, nachdenklich und zeitgemäß.
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