Jimmy Winslow hat zwei Mütter. Honor, die ihn aufgezogen hat, schickt ihn als Studenten von New Hampshire nach Wien, wo er Vater werden soll. Das Wien der Sechzigerjahre ist ein Ort voller Geheimnisse und Versuchungen, und Jimmy springt kopfüber hinein und ist dabei immer auch auf der Suche nach seiner leiblichen Mutter Esther Nacht. Was er erlebt, ist eine spektakuläre Achterbahnfahrt, wie sie nur das Leben in John Irvings Büchern schreiben kann - voller großer Gefühle, unglaublicher Wendungen und Figuren, die uns nicht mehr loslassen.
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Besser zwei Mütter als keine
Bewertung aus Quickborn am 19.11.2025
Bewertungsnummer: 2658551
Bewertet: eBook (ePUB)
John Irving, mein Lieblingsschriftsteller über mehr als 40 Jahre, hat nach „Der letzte Sessellift“ (ein Buch, das mir leider nicht gefallen hatte) wieder einen neuen Roman geschrieben. Ich hatte schon große Befürchtungen, dass Irving keine Romane mehr schreiben würde, immerhin ist er unterdessen 83 Jahre alt, aber mit diesen weit über 500 Seiten bewies er das Gegenteil. Und so hat man mit „Königin Esther“ noch einmal mit allen Lieblingsthemen dieses erzählfreudigen Autors zu kämpfen, denn leicht liest sich dieses Buch nicht.
In die Familiengeschichte von Thomas und Constance Winslow hinein gerät Esther, „die Jüdin“, die in einem Waisenhaus groß wird, groß auch im wahrsten Sinne des Wortes, das von einem Arzt namens Dr. Wilbur Larch geführt wird. Spätestens hier klingeln bei jedem Irving-Fan die Ohren, denn dieser Dr. Wilbur Larch war schon vor vielen Jahren in „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ eine Hauptfigur. Womit ich wieder bei den Lieblingsthemen von Irving bin, die da sind: Familien, möglich groß und weitläufig, verrückt und innig, aber auch Waisenhäuser bzw. Waisen per se, hinzu kommen feministische Kampfgeister, Abtreibungsgegner und -befürworter, lesbische oder homosexuelle Personen, gern auch bisexuell veranlagt, und nicht zu vergessen die Ringer, ihre Blumenkohlohren und ihre eigenartigsten Herkünfte und Charaktereigenschaften. Seine Lieblingsorte sind New Hampshire und Maine bis rauf nach Kanada, aber auch Wien und Amsterdam, dortige Unterkünfte, Prostituierte, Kinder mit Gewaltfantasien, immer wieder auch Hunde oder andere Tiere, Kneipen und Nachtlokale, diverse Studenten und unsympathische Vermieterinnen. All dem wird man nun noch einmal nachspüren können, Irving breitet sein ganzes Repertoire an Figuren und Szenen noch einmal wollüstig aus.
Jene oben erwähnte Esther, die auch die Titelfigur und als Kind auf dem Cover verewigt ist, nimmt aber nur einen Teil des Buches für sich in Anspruch. Die andere Hälfte belegt James Winslow, gezeugt von Esther mit einem jüdischen kleinen Ringer nur zum Zwecke der Mutterschaft von Honor Winslow, der Tochter der oben genannten Eheleute. Denn Honor möchte zwar ein Kind, aber möglichst ohne alles Unangenehme drum herum. Und Esther, die jahrelang Honors Kindermädchen war, aber trotzdem gut ausgebildet wurde und die höhere Schule besuchte, Krankenschwester aus Passion wird, gibt sich gern als Gebärmaschine her, möchte aber keine Mutterpflichten aufgenötigt bekommen. Und so kriegt erst einmal jeder, was er möchte. Der kleine James wächst heran in den amerikanischen 1940er- und 1950er-Jahren, wird natürlich auch Ringer und geht dann ins weltläufige Wien zum Studium, weil dort auch seine Zweitmutter Esther sein soll und er zudem nun richtig Deutsch lernen soll und will. Was Jimmy – Alter Ego seines Erfinders – aber über alles will, ist Schriftsteller zu werden. Und so kämpft er sich durchs Studium, schreibt und ringt, was das Zeug hält, verliebt sich auch noch in seine Deutschlehrerin und wird irgendwann (nicht von ihr) entjungfert. Hier will ich stoppen, die kuriosen Erlebnisse, die sich durchs ganze Buch ziehen, kann man auf die Schnelle nicht erzählen und die Überraschungsmomente nehme ich nicht vorweg. Davon gibt es aber wirklich ausreichend. Sie werden sich wundern…
Wie es die Art von John Irving ist, wird all das nicht in knapper Form und kurzen Sätzen erzählt, sondern manchmal recht ausufernd und weitschweifig. Auch wenn ich seine Formulierungskünste mag – besonders im englischen Original sind seine Bücher eine Freude – empfand ich vieles als überflüssig. Aber die Neugierde hielt mich bei der Stange, die Geschichte von Esther wollte ich zu Ende erzählt haben. Und auf jeder Seite blitzen die vielen Romane von Irving auf, aus denen er das eine oder andere Stückchen entleiht. Wie immer frage ich mich am Schluss, ob das das letzte Werk des großen amerikanischen Schriftstellers ist. Ich hoffe nicht!
Fazit: John Irvings neues Alterswerk, ein wenig lang, aber doch sehr unterhaltsam, wer seine früheren Bücher kennt, wird es lieben.
Trauriger Tagträumer James…
clematis am 19.11.2025
Bewertungsnummer: 2971861
Bewertet: eBook (ePUB)
Trauriger Tagträumer James Winslow wächst unter ungewöhnlichen Umständen auf, denn er hat zwei Mütter, eine leibliche, Esther, und eine Ziehmutter, Honor. Mit zweiundzwanzig Jahren reist er von New Hampshire nach Wien, ein spektakulärer Auftrag soll ihn vor einer Einberufung in den Vietnamkrieg schützen. Außerdem möchte er hier endlich seiner Königin Esther begegnen. Es wäre wohl nicht John Irving, würde die Geschichte tatsächlich mit James, genannt Jimmy, beginnen. Nein, die Handlung setzt ein mit den Großeltern, Jimmy betritt erst etwa nach einem Viertel des Geschehens die Bühne. Von einem Thema ins nächste stürzend, erfahren wir von einem Krankenhaus und einem Waisenhaus, welche bereits in einem anderen Roman Irvings eine Rolle spielen, wird erörtert, ob beschnittene oder unbeschnittene Penisse empfehlenswerter sind und wie man wohl am besten zu einer Bescheinigung „nicht wehrdienstfähig“ kommt. James als „Honors Kind – ein trauriger Tagträumer“ [kindle Pos. 8476] steht dann doch im Mittelpunkt, denn schon vor seiner Geburt entspinnt sich ein abenteuerliches Schauspiel über seine geplante Entstehung, welche wohl nicht nur mir eine erstaunte Miene entlockt. Die Kindheit wird kurz gestreift, ausführlicher geht es dann wieder in Wien zu, wo unter anderem bekannte Lokale wie der Augustinerkeller oder das legendäre Café Hawelka erwähnt werden und das Experiment „Wehrdienstunfähig“ starten kann. Ein detailverliebter Schreibstil, ausgesprochen ungewöhnliche Szenen und eine bisweilen derbe Ausdrucksweise kennzeichnen diesen Roman, Motive wie Verlust – einer Mutter, eines Kniegelenkes oder eines Armes –, ungewöhnliche Sexualbeziehungen und der Einfluss Charles Dickens‘ fallen ins Auge, die Charakteristik der Figuren ist bemerkenswert. Es ist durchaus interessant, einmal „einen Irving“ zu lesen, dennoch werde ich wohl kein erklärter Freund dieser Art von Literatur werden.
Meinung aus der Buchhandlung
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"Je einsamer ich bin, je weniger Freunde ich habe, je weniger man mir hilft, desto mehr will ich mich selbst achten." (Zitat aus dem Roman Jane Eyre)
Mit dieser Erzählung eines jüdischen Mädchens, das von einer Adoptivfamilie aufgenommen wird, bezieht John Irving Stellung zum aktuellen Zeitgeschehen und setzt sich intensiv mit der Geschichte Israels auseinander. Obwohl der Text sehr ausschweifend und langatmig ist und sich oft in Nebensächlichkeiten verliert, hat er doch eine gewisse Faszination auf mich ausgeübt und letztendlich 4 Sterne bekommen. Wahrscheinlich aufgrund seiner liebenswerten und tragikkomischen Figuren, die sich mit ihren Verschrobenheiten durch Schicksalsschläge kämpfen und nach fehlenden Puzzleteilen in ihrer Familiengeschichte suchen.
"Versöhnung mit den Palästinensern ist der einzig mögliche Weg zum Frieden"
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