Eine Inselgemeinschaft aus Lehrern und Schülern kämpft um den Erhalt der Artenvielfalt. In hängenden Gärten und lebendigen Zeichnungen versuchen sie, das Leben zu retten und selbst nicht unterzugehen. Zu ihnen gehört Alice, die sich auf der Insel als Alois ausgibt. Eines Tages verlässt sie die Insel und zieht durch die menschenleere Weite auf dem Festland. Nach Jahren der Unterdrückung will sie wahrnehmen, wo sie selbst anfängt und aufhört, was sie begehrt und wen sie lieben kann. Gregor indes, der Freund und Vertraute, bleibt auf der Insel. Harte Erfahrungen fordern ihren Tribut, er trägt ein Trauma mit sich, das er zeichnend zu bannen versucht. Eine Fremde, die in den Gärten auftaucht, findet langsam Zugang zu ihm. Während Alice durch trockengelegte Auen und versehrte Wälder irrt, gerät Gregors Welt ins Wanken.
"Chimäre" erzählt mit großer poetischer Kraft von den drängenden Themen unserer Zeit, von der Verflochtenheit allen Lebens und Sterbens. Das berührt bis ins Innerste und hallt lange nach.
Kundinnen und Kunden meinen
4.8/5.0
Buch_im_Koffer
aus Münster
5/5
14.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Literarisches Kleinod
Worte für dieses Leseerlebnis zu finden, fällt mir schwer. Fast unmöglich erscheint es mir, diese Geschichte in einen Rahmen zu fassen, wo die Geschichte selbst doch von ihren fließenden Grenzen lebt. Ein literarisches Experiment, wie ich es so bislang noch nicht gelesen habe, schriftlich wie auch gedanklich.
In dem Roman begleiten wir Gregor und Alice, Tera und Max in einem Meer, nein, einer Natur voller Poesie, die gleichzeitig zauberhaft aber dann doch dem Niedergang geweiht ist. Eine Insel, auf der hinter jedem Gewächs, jedem Gewässer Verlust und Abschied lauert. Gregor bleibt Teil dieser Insel, die sie alle bewohnen, obwohl hier grausamer Missbrauch und „zerstörte Natur, verletzte Seelen“ über allem liegt; Alice hingegen, die auf der Insel Alois ist, entkommt ihr, sucht die Freiheit, die Weite, die Liebe. „Sie will, wenn sie nicht einbricht, zu diesem Baum im See, zur Hälfte in der Luft. Halb Wasser, halb Wind, eine Chimäre, das will sie auch sein. Wenn sie auftaucht, ein Vogel. Absinkt, ein Fisch.“
Inmitten eines surreal-verwirrenden Traumes, verstörend und irritierend und dann wieder zart, poetisch und sinnlich: Dieser Text versetzt dich in andere Welten, gedanklich wie auch literarisch. Er fordert, ist unbequem. Die Hälfte des Gelesenen habe ich nicht verstanden, muss ich auch gar nicht, später vielleicht oder auch nie. Und wo ich da eigentlich bin? Ich weiß es nicht. In einer dystopischen Fantasiewelt, im Fiebertraum, in einer dunstverhangenen Zukunft?
Eine Geschichte, die die Grenzen von Literatur und Poesie verschwimmen, eins werden lässt. In der es keinen Zustand, keine Regeln mehr gibt und alles miteinander verschmilzt, verschwindet, verstellt. Sätze gehen in Gedanken über, Worte werden zu Metaphern werden zu Leben. Nicht einfach zu lesen ist dieser Roman mehr Verwirrung als klares Wort – und doch einfach Zauber-haft.
Simone
aus Innsbruck
5/5
04.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Große Sprachkunst
Das ist wirklich eine Seltenheit. Sarah Kuratle hat eine eigene literarische Stimme. Sie wagt sich über die konventionelle Alltagssprache vieler zeitgenössischer Romane hinaus, kümmert sich nicht um Trends und Zeitgeist. Vor allem will sie nie belehren. Stattdessen nimmt sie uns an der Hand und lässt uns mit ihren Figuren mitfühlen, in Abgründe blicken und Hoffnung auf eine bessere Welt schöpfen. Das macht sie auf sprachlich unnachahmliche Art und Weise. Die Poesie ist dabei gleichzeitig ein Mittel zur Verzauberung und Entzauberung der Welt. Sie täuscht nie über den Albtraum hinweg, der in „Chimäre“ hinter jeder Uferböschung entlang des Flusses, hinter jedem Strauch im botanischen Garten auf der Insel lauert. Sarah Kuratle taucht mit uns in das Leben und Lieben von Alice und Gregor ein, erkundet eine zerstörte Natur und verletzte Seelen. Das berührt und bewegt. Wer „Chimäre“ liest, wird das Buch so schnell nicht vergessen.
Bewertung
5/5
27.08.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein sprachlich experimentelles Kunstwerk voll sinnlicher Schönheit
Ich habe so etwas noch nicht gelesen. Etwas so Gemeißeltes wie Fluides, etwas so Surreales wie Gegenständliches, einen Text, der Worte voller Schönheit und Anmut zusammenbringt, nur laut gelesen seine ganze Kraft entfaltet, während eine menschliche Stimme ihn gleichzeitig zerstört.
Wie kann ich Worte, die sich in mir wie ein Ölteppich ausbreiten und jede Faser mit Sein, Wollen, Farben, Gerüchen, zarten Fäden von Licht, dunklem Glucksen von Tiefe füllen, in eine Form gießen, die 2200 Zeichen zulässt? In eine Form gießen, die Einleitung, Inhaltsangabe, Eindruck und Fazit umfasst?
Verlangt bitte nicht, dass ich zerrede, was Gregor und Alice verbindet. Dass ich eine Handlung erzähle. Wie sie wechselnd von ihrem traumgleichen Wandeln durch symbolhafte Welten berichten. So lose und fest verbunden, wie die Sätze, die sie füreinander aneinanderreihen. Stolpern und dann wieder gleiten, durch satte hängende Gärten, wabernde Wasserlabyrinthe, über Flüsse und Seen in roten Booten, auf Inseln, die Finger durch grüne Algenfäden verbunden.
Bittet mich nicht, das Sehen beim Lesen in Wortet zu fassen. Surreale Bilder, voller Metaphern und Symbolik, die doch ganz gegenwärtige Schmerzen ausdrücken: Missbrauchs-Traumata, Trauer und Verlust in einer durch Umweltzerstörung und Artensterben gezeichneten Welt, Suche nach Identität, nach dem Leben und Tod und den Grenzen dazwischen. Die aber auch vom Wunderland, Kaninchen, Metamorphosen, der Entdeckung der Liebe, der eigenen Sexualität und von Rettung erzählen.
Lasst mich nicht über die Sprache „reden“. Sie liest sich oft wie ein Gedicht ohne Vers, webt, schraubt, bricht, kocht, windet, schleicht, schwebt, macht nichts klar und alles verständlich.
„Das Tanzen ist, als zeichneten sie sich im Raum. Ihre Gestalten, die Schlingen, die Kanten ihrer Kleidung, die ihrer Gesichter. Wenn sie einander um Hals und Hüfte, übermalen sie die Enden, die eine Illusion waren. Sie hielten sich schon früher, im Geheimen, im Arm. Sie, die anderen. Unbewusst standen sie im Kreis, der eine Kugel ist.“ S.90
Über fast jeden Satz in diesem Buch kann ich staunen.
Das Buch ist eine Schock-Liebe: zuerst das Cover, an dem ich mich nicht sattsehen und fühlen kann und dann der Text, der mich völlig überrannt hat. Lust auf ein literarisches Experiment? Dann unbedingt dieses!
KJ
aus Wien
5/5
25.08.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Feinfühlig, poetisch, spannend
Sarah Kuratle legt nach ihrem lyrischen Debütroman „Greta und Jannis“ nach – und wie. Die feinfühlige erzählte Geschichte rund um Gregor, Alice, Tera und Max entwickelt einen mitreißenden Sog. Sie beginnt auf einer abgeschiedenen Insel und führt entlang eines Flusses bis in eine große Stadt und wieder retour. Wir sind ganz nahe bei den Figuren, ihren Gefühlen, ihrem Empfinden. So erleben wir mit, wie die Welt um sie herum aus dem Gleichgewicht gerät und wie sie sich in ihr behaupten. „Chimäre“ ist nicht laut und wütend, klagt nicht an und legt doch den Finger in die Wunde. Kuratle spielt mit Worten und ihren Bedeutungen, verrückt Satzstrukturen und offenbart auf diese Weise verborgene und doch so klare Zusammenhänge. Das ist oft schön, traurig, grausam und verstörend zugleich. Und auf jeden Fall ein ganz besonderes Leseerlebnis.
Majo C.
aus Wien
4/5
16.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Verzaubernd
Eine Insel voller Menschen, die sich dem Artenschutz verschrieben haben. Dunkle Geheimnisse, versteckte Identitäten und zerfleischende Emotionen. Kuratle hat uns in einer einzigartigen, wunderschönen Sprache, die einem aber auch viel abverlangt, eine Parallelwelt zum darin Versinken gezaubert. Unglaublich schwere Themen und Traumata verpackt in Worte wie aus Feenstaub. Durch die ganz eigene Art Sätze zu bauen ein Buch das sich liest als hätte es 400 Seiten mehr als es tatsächlich hat. Meine Empfehlung für Fans von experimenteller Lyrik, die emotional gewappnet sind.
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4/5
12.01.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
"Verwoben und verwickelt scheint es, wenn es um Vergänglichkeit und um das Wachsen zugleich geht. Um das Sterben. Das Überleben. Das Am-Leben-Sein."
„Uff, das in Worte zu fassen, wird spannend“, war, was ich einer Freundin geschrieben habe, als ich fertig mit dem Buch war. Sarah Kuratle hat eine fast magische und tragische Atmosphäre geschaffen, die gleichzeitig verwirrend und atemberaubend ist. Oft bin ich da gesessen und habe mich gefragt, was ich gerade gelesen habe, weil der Text Gedichten gleicht. Man muss es fast mehrmals gelesen haben, um es in seiner vollen Gänze verstanden zu haben. Ein toller Text über die Umwelt, Liebe, Freundschaft und Trauma. Eine große Empfehlung für jede*n, die/der etwas Forderndes und Poetisches lesen möchte.
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