William Heinesen (1900-1991) umfasst mit seinem Leben fast das ganze färöische 20. Jahrhundert. Er schrieb über die raue Inselgruppe im Nordatlantik, mythengetränkt, aber von der unmittelbaren Lebenswirklichkeit. »Noatun«, 1938 veröffentlicht, ist färöisch durch und durch: Fischfang, Ackerbau und Schafzucht bestimmen die Tage - Regen, Schnee, Steinschläge und Wellengang prägen wie der Rhythmus der Jahreszeiten den Lauf der Dinge. Eine zusammengewürfelte Gruppe von eigensinnigen Menschen, denen im ärmlichen Kleinstadtleben und den dortigen besseren Kreisen keine Zukunft beschieden ist, beschließt, sich in einem verrufenen Tal niederzulassen und die Siedlung »Noatun« zu gründen. Ein Schiffsunglück hat die Bucht mit einem Schatten belegt, doch die Siedler lassen sich davon nicht abschrecken. Ihr Drang nach einem freien, wenn auch harten, einem selbstbestimmten, wenn auch unsicheren Leben ist stärker als alle Rückschläge und die Sorge vor dem Scheitern.
Den Kampf mit den Elementen und den gesellschaftlichen wie politischen Widerständen schildert William Heinesen mit herber Schönheit und wortkarger Tiefgründigkeit. Die Sprache ist ganz nah an der mythischen Natur und an den Menschen, von der Geburt über das Leben und Überleben bis zum Tod. Durch Inga Meinckes und Verena Stössingers hellhörige Übersetzung braust der Wind, schmirgelt, schnarcht und brodelt die Brandung. Hoffnung, Solidarität und Hartnäckigkeit drücken dem Roman ihren Stempel auf und führen die Bewohner Noatuns aus der archaischen Vergangenheit in eine verheißungsvolle Zukunft.
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
Kwinsu
aus Salzburg
5/5
17.11.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Buch: ein Land
Unwirtlich, lebensfeindlich und doch Heimat: das sind die Färöerinseln für ihre Einwohner und Einwohnerinnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Da sie in der Stadt keine Zukunft sehen, beschließt eine kleine Gruppe Menschen, in den vormals als "Dødmansdal" bekannten, entlegenen Landstreifen, den die neuen Einwohner*innen hoffnungsvoll "Noatun" nennen, Schiffsplatz - Sitz des Meeresgottes in der Nordischen Mythologie, um ihm eine positivere Konnotation zu verleihen, zu ziehen. Doch gleich zu Beginn gibt es ein Unglück und die Menschen sind sich unsicher, ob ihr neuer Wohnort ein Überleben möglich macht. Schließlich ist es die Gemeinschaft, die sie doch an eine sicherere Zukunft glauben lässt.
Der färingische Autor William Heinesen lebte von 1900 bis 1991, Noatun war sein zweiter Roman, der 1938 erschien. Doch der Stil ist zeitlos, auf gewaltige Art und Weise veranschaulicht er uns das harsche Leben auf den Inseln im Atlantik, die Landschaft scheint - wie bei vielen nordischen Werken - die zentrale Rolle zu spielen, sie prägt das Überleben und die Menschen, gibt ihnen einen eigenen, rohen Charakter, wobei die Gemeinschaft immer im Mittelpunkt steht. Und vielleicht ist das auch, was den Roman von der Gegenwartsliteratur abgrenzt, denn nicht das Individuum steht im Mittelpunkt, sondern das gemeinsame Überleben.
Die Geschichte Noatuns wird in Form eines Kollektivromans erzählt - ein literarische Gattung, die ich bislang noch nicht bewusst kannte. Dabei stehen nicht einzelne Charaktere im Mittelpunkt, sondern immer wieder wechseln sich die Personen ab, über die erzählt wird. Wir kommen ihnen dabei niemals nah, die Sprache und der Umgang miteinander ist roh, aber trotzdem lässt sich auch Herzlichkeit und Wärme für die Gemeinschaft, füreinander herauskennen, sehr stark sogar. Erstaunlich offen und mitfühlig zeigen sie sich gegenüber Menschen, egal welche mutmaßlichen Fehler sie mitbringen: ob die Ehefrau, die sich aus ihrem ehelichen Korsett löst, oder der Verbrecher, dessen wahren Kern die Dorfgemeinschaft sieht, die Frau, die einer Geisteskrankheit anheim fällt oder der ausgenutzte Nichtsnutz, der trotzdem viel beizusteuern hat. Dass das nicht jedem gefällt und die Gemeinschaft mit erheblichen Widerstand von Außen rechnen muss, ist fast schon klar. Da wundert das Urteil der anderen nicht: "Es ist ein allzu hartes und armes Leben, ein solches Leben kann die Menschen nur hart und sonderbar machen und abgestumpft, [...], nicht wahr, sie werden anders als andere Menschen... anders als die guten alten Färinger, die unser Land aufgebaut und unsere Kultur bewahrt haben..." (S. 271) Doch die Unterstellung geht zu weit, denn Glaube und Tradition sind auch Werte, die die Noatuner prägen, sehr sogar - und trotzdem sind sie offen für das Anderssein, eine Stärke, die die Gemeinschaft nicht nur solidarischer, sondern auch für die Leser*innen anziehend macht.
Mein Fazit: Noatun ist ein wunderschöner Roman aus den späten 1930er Jahren, der Einblick gibt in die harsche Lebenswelt der Färöer Inseln, der uns aber auch zeigt, wie wichtig Gemeinschaft und Offenheit sind, um ein Überleben in der Wildheit der unberechenbaren Natur zu garantieren. Sprachlich bewegt er sich im typischen nordischen Stil, der uns viel Atmosphäre und Rohheit bietet und ist ein absoluter Lesegenuss für alle, die das zu schätzen wissen.
Eternal-Hope
aus Österreich
5/5
20.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wo die Fallwinde die Berge hinab Richtung Meer sausen...
... da sind wir in Noatun: in der neuen Heimat mutiger, eigensinniger und individualistischer Menschen, die sich tapfer allen Widrigkeiten von Wind und Wetter entgegen stellen, um hier ein bescheidenes, unabhängiges neues Leben aufbauen zu können.
Die Geschichte spielt auf den Färöer-Inseln, in einer eher unwirtlichen Gegend mit langen, harten, dunklen Wintern und nur kurzen, hellen Sommern, voll von Stürmen und mitten im Meer. Hier gibt es einen bisher unbesiedelten Ort, der Unheil verheißend Dodmandsdal (ja, das heißt übersetzt "Totmannstal") genannt wurde und an dem sich nun eine Gruppe von Menschen neu niederlässt.
Das Land muss erst von Steinen befreit und urbar gemacht werden, Häuser müssen erst gebaut werden und jedes Mal, wenn man den Ort verlassen will, um in einer größeren Ortschaft etwas zu erledigen, muss man einen von zwei gefährlichen Wegen auf sich nehmen: zu Fuß über die unwirtlichen Berge, den starken Winden ausgesetzt, auf jeden Tritt achtend, um nicht in die Tiefe zu stürzen. Oder mit einem kleinen Boot über das aufgeschäumte und unruhige Meer.
Für die langen, harten Winter müssen vorausschauend Vorräte an Nahrung und Heizmaterial angelegt werden, die doch in manchen Zeiten nur ganz knapp reichen. Und auch von so manchen Krankheiten und sonstigen Unglücken bleibt die neue tapfere Gemeinschaft nicht verschont.
Nein, Noatun ist kein Ort für bequeme, faule oder ängstliche Menschen! Doch wer fleißig und arbeitsam ist und sich einbringen möchte, der wird in dieser Gemeinschaft herzlich willkommen geheißen und aufgenommen.
Damit kommen wir zu den Menschen in dieser ungewöhnlichen neuen Siedlung: allesamt interessante Originale. Da gibt es den alten Angelund, seine Frau und seine erwachsenen Kinder samt Enkeln. Die junge Sara, die früh verwitwet wird, nachdem ihr Mann auf See tödlich verunglückt. Ihr Schwager, der Bruder ihres verstorbenen Mannes, der auf einmal nach Noatun kommt, sich um Sara kümmern will und sehr mysteriös wirkt. Tilda, die eine kinderlose Ehe mit ihrem Mann führt, erst einmal klar zu wissen scheint, was gut und was schlecht sei, und im weiteren Verlauf des Buches dann in so einigem überrascht. Einen Bauern, der die Siedlung aus der Ferne mit Skepsis beobachtet. Einen Kaufmann und einen Rechtsanwalt im nächstgrößeren Ort. Einen kognitiv leicht zurückgebliebenen, dafür körperlich umso härter arbeitenden Feldarbeiter, der sich nach langen Jahrzehnten des Ausgenutzt-Werdens bei einem Bauern nun dieser Gemeinschaft anschließt, jeden Tag hart arbeitet, aber auch seine persönlichen Grenzen setzt, und am Ende auch für seine ältere Schwester einen Platz dort findet. Und noch so einige mehr.
Abwechselnd werden die Geschichten all dieser Menschen und ihre Beziehungen zueinander erzählt, als eine Art Kollektivroman. Mir hat diese Erzählweise sehr gefallen, weil ich das Gefühl bekommen habe, wirklich einen umfassenden Einblick in die Lebensbedingungen nach einer Landnahme auf den Färöer-Inseln in den 1930er-Jahren zu bekommen (das Buch wurde im Original 1938 veröffentlicht und nun neu übersetzt).
Es ist eine sehr interessant erzählte Geschichte und die darin porträtierten Menschen und ihre Gemeinschaft haben mir viel an Bewunderung abgerungen in Bezug auf die Stärke und den Mut, mit denen sie den harten Umweltbedingungen trotzen, sich mit Eigensinn und Liebe ihren eigenen Ort aufbauen, aber gleichzeitig mit viel Herzlichkeit und Offenheit auch Neuankömmlinge bei sich aufnehmen und integrieren.
Insgesamt ist es ein Buch, mit dem ich sehr gerne verweilt bin, weil es gerade durch die liebenswerten Charaktere so viel Hoffnung in sich trägt und zeigt, wie Menschen auch unter herausfordernden Bedingungen sich für das, was ihnen wichtig ist, einsetzen, dabei ihren Individualismus bewahren und gleichzeitig in einer Gemeinschaft sich gegenseitig unterstützen können.
Christian1977
aus Leipzig
5/5
15.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Gegen alle Widerstände
Das Leben in Noatun ist hart und beschwerlich. Die Menschen in der neu gegründeten Siedlung auf den Färöer Inseln leben vom Fischfang und von der Ernte. Größere Orte sind entweder nur mit dem Boot oder zu Fuß über die Berge zu erreichen. Doch Angelund, Niels Peter und die anderen sahen in ihrem vorherigen färöischen Kleinstadtleben einfach keine Perspektive mehr und ließen sich auf dem neuen Land nieder. Als ein Steinschlag das Haus von Sara und Halvdan beschädigt, kommen den Siedlern erste Zweifel: War es wirklich die richtige Entscheidung, nach Noatun zu ziehen?
“Noatun” ist das zweite Buch des färöischen Autors William Heinesen (1900 - 1991) nach der Erzählsammlung “Hier wird getanzt!”, das bei Guggolz erschienen ist. Übersetzt wurde der Roman aus dem Dänischen von der leider verstorbenen Inga Meincke und Verena Stössinger. Ergänzt wird die einmal mehr gelungene Ausgabe des Verlags durch ein informatives und einordnendes Nachwort des Skandinavisten Klaus Müller-Wille und einen emotionalen Brief der färöischen Autorin Sólrún Michelsen an Inga Meincke. “Noatun” stammt aus dem Jahre 1938 und wurde bereits 1940 erstmals ins Deutsche übersetzt - allerdings offenbar aus politisch-ideologischen Gründen entscheidend gekürzt.
Nun liegt der Roman also erstmals vollständig auf Deutsch vor. Und bereits der Beginn ist eine einzige Wonne. Wenn die Fallwinde “mit einem wilden, unbändigen Wiehern die Bergpässe herabkommen” oder wenn der Siedlungsälteste Angelund ein Gefauche von den Bergen hört, wähnt man sich als Leser kurz in Maria Borrélys naturalistischem Roman “Mistral”. So lebendig, metaphorisch und emotionsgeladen sind die Naturbeschreibungen auf den ersten Seiten. Auch wenn sich diese Beschreibungen in der Folge nicht so explizit durch das Romangeschehen ziehen wie bei Borrély, tauchen sie doch immer wieder auf und machen allein schon wegen der Sprache aus “Noatun” ein großes literarisches Vergnügen.
Positiv hervorzuheben ist zudem die Figurenzeichnung. William Heinesen verzichtet über weite Strecken auf einen Protagonisten und setzt auf einen Kollektivroman. Das mag zwar eine größere Identifikation der Leserin verhindern, hat aber den Vorteil, dass man ein so umfangreiches, kauziges und überwiegend liebenswertes Personal in der Literatur wohl so schnell kein zweites Mal findet. Da ist beispielsweise Niels Peter, der von Beginn an als eine Art zentrale Instanz von Noatun präsentiert wird und sich im Laufe der Lektüre dann doch zu einer heimlichen Hauptfigur aufschwingt. Bei Niels Peter laufen sämtliche Fäden zusammen, ob im Privatleben oder mit Blick auf die Fischerei und das Bauernleben in beruflicher Hinsicht. Da ist Sinklar, ein Hansdampf in allen Gassen, der sowohl als männliche Hebamme als auch als Schatzsucher etwas taugt. Und da ist Sara, die vielleicht tragischste Figur des Romans, deren Anwesenheit oder Verwandtschaftsgrad offenbar reicht, um den Tod ständig vor Augen zu haben. Nahezu alle Figuren aus “Noatun” leben zudem eine fast unbändige Solidarität vor, was bei ihnen und dem gesamten Roman für hohe Sympathiewerte sorgt. Einer springt für den anderen ein, die Noatun-Leute begegnen sich untereinander überwiegend mit großem Respekt. Gegen alle Widerstände setzt sich diese Gruppe von Außenseitern für sich und ihre neue Heimat ein. Zentrale Themen sind neben der Heimat aber auch der Umgang mit dem Tod, mit Trauer, aber auch mit der Liebe und der Geburt neuer Noatun-Bewohner.
Inhaltlich und vom Aufbau erinnert “Noatun” stark an Knut Hamsuns Literatur-Nobelpreis-Roman “Segen der Erde”. Irgendwo im Norden lassen sich hier wie da Siedler nieder, die Gemeinschaft steht irgendwo zwischen mythologischem Glauben und Moderne. Auch der technologische Fortschritt ist in beiden Romanen ein zentrales Thema. Anders als im “Segen der Erde” spielt ein beträchtlicher Teil von “Noatun” allerdings direkt auf hoher See. Und, vielleicht noch entscheidender, “Noatun” strahlt nicht diese gewisse Strenge aus, die es bei Hamsun gibt. Verantwortlich dafür sind vor allem die Dialoge, die Heinesen einerseits lebensnäher und andererseits immer wieder auch mit viel Witz präsentiert. Erwähnenswert ist hier vor allem die Figur des klassischen Antihelden Ole, dem nichts gelingen will - und der sich mit einem großen, einst in der deutschen Version gekürzten, Knall aus dem Roman verabschiedet.
Dass “Noatun” auf seinen knapp 400 Seiten vor allem auf anekdotisches Erzählen setzt, hat seine Vor- und Nachteile. Der Roman wirkt dadurch sehr abwechslungsreich und unterhaltsam. Andererseits kann nicht jede Episode gleichermaßen überzeugen, so dass sich vor allem im letzten Drittel die ein oder andere Länge einschleicht.
Insgesamt unterstreicht der Guggolz Verlag mit “Noatun” aber einmal mehr eindringlich sein Gespür für unbedingt lesenswerte Klassiker aus Skandinavien. Auf weitere Veröffentlichungen von William Heinesen darf man hoffen.
4,5/5
drawe
aus Landau
5/5
14.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Geschichte einer Landnahme
Mein Lese-Eindruck:
Noatun: der „neue Schiffsplatz“. Eine Gruppe Fischer wird von der blanken Not und der Hoffnung auf ein besseres, freieres Leben aus der Stadt getrieben und siedelt sich in einem Tal an der unwirtlichen Steilküste einer Färöer Insel an. Dieses Tal hieß bislang „Das Tal der toten Männer“, weil dort vor vielen Jahren ein Schiff havarierte und von einer Steinlawine verschüttet wurde. Seitdem spuken die toten Seeleute als Wiedergänger durch das Tal, und in Sagen und Balladen hält sich ihre Geschichte auch bei den neuen Siedlern lebendig.
Die Umbenennung des Tals ist jedoch Programm: für die Siedler beginnt ein neues Leben. Heinesen erzählt diese Landnahme- Geschichte der Siedlergruppe altmodisch chronologisch und breitet einen Figurenreigen vor dem Leser auf, der unvergesslich ist. In einzelnen Episoden begegnet der Leser den unterschiedlichsten Menschentypen, denen sich der Autor liebevoll beobachtend zuwendet. Dieses liebevolle Verständnis für den Mitmenschen ist es auch, was die einzelnen Siedler auszeichnet. Hier gibt es keine Vorurteile, keine Verurteilungen und Ausgrenzungen, sondern jedes Mitglied des Kollektivs wird in seiner Eigenart akzeptiert. Damit bekommt der Roman Züge einer Sozialutopie, ohne jedoch in ein unglaubwürdiges Idyll abzugleiten.
Für Lebensnähe sorgt schon die Natur, mit der sich die Siedler täglich aufs Neue auseinandersetzen müssen. Das Urbachmachen ihres Landes ist mit harter und gefährlicher Arbeit verbunden. Steinschläge, harte und überlange Winter, Sturmfluten, Schmelzfluten und Schneewächten bedrohen ihr Überleben – und bescheren dem Leser einfach grandiose, wuchtige Naturbeschreibungen, die ihresgleichen suchen.
Auffallend ist, dass die Siedler die Natur jedoch nicht dämonisieren oder als Feind betrachten. Sie lassen sich von unheimlichen Geräuschen des Meeres und der Fallwinde nicht in den Aberglauben drängen, sondern sie erkennen die natürlichen Ursachen und arrangieren sich mit den Gegebenheiten. Hier tut sich ein Widerspruch auf, den der Autor immer wieder erzählt: der Widerspruch zwischen einem archaisch anmutenden Leben und der Moderne, die sich schließlich mit dem Bau eines Leuchtturms durchsetzen wird.
Heinesen erzählt diese Geschichte einer Landnahme in einem immer ruhigen, fast kargen realistischen Erzählton. Seine Sprache ist so karg wie das Leben der Menschen, und fast holzschnittartig lässt er die Charaktere vor dem Leser entstehen. Damit bekommt der Roman eine ganz besondere Stimmigkeit. Dazu trägt auch der schöne Rahmen bei, den er seinem Roman gibt: beginnt der Roman mit dem schrecklichen, dämonischen Geräusch der Fallwinde, die die Siedler in Angst und Schrecken versetzen, so lässt er ihn auch mit einem Geräusch enden, aber einem hoffnungsfrohen: dem Weinen eines Neugeborenen.
MarieOn
5/5
25.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
So spannend, wie ein Besuch im Naturkundemuseum
Ein Fauchen weckte Angelund und ihm wurde gleich klar, dass das Geräusch weder von Wasser noch von Wind verursacht wurde. Jemand klopfte hart an seine Tür. Als Angelund öffnete, standen Ole Ornberg und seine Frau vor ihm. Die Frau, halb angezogen, mit klappernden Zähnen jammerte: „Wir gehen fort von hier, jetzt sofort“. Ein Gang durch den kleinen Ort offenbarte, dass das Haus von Sara und Halvdan von einem Felssturz getroffen worden war. Mehrere Bretter waren geborsten, das Mondlicht schien herein. Ein Teil des Alkovens, in dem Halvdan die Bettstatt eingerichtet hatte, war ebenfalls zertrümmert. Sara, die, solange Halvdan auf See war, bei Angelund und seiner Familie wohnte, schlug die Hände vors Gesicht. Es musste Gottes Wille sein, dass beide nicht anwesend waren.
Vor einem Monat erst waren Angelund und seine Frau ins Dødmansdal gezogen. Sie hatten die erste Hütte gebaut und den Ort Noatun genannt, danach waren weitere Siedler hierhergekommen. Die Stadt bot keine Arbeit und keinen erschwinglichen Lebensraum mehr. Hier hatten sie Land gepachtet und wollten sesshaft werden. Nun war es schon Mitte September, allmählich mussten die Schiffe vom Nordmeer heimkommen und dann wären sie alle wieder vereint. Angelund war mit den Frauen alleine geblieben, sie hatten Kartoffeln gelesen, Torf getrocknet, Zäune gebaut und Rotbarsch geangelt.
Bauer Sigvard und sein Schafhirt Andreas hatten in der Siedlung herumgeschnüffelt, waren barsch und unfreundlich zu ihnen. Sigvard würde sie augenblicklich dem Sysselmann melden, falls sie sich am Treibholz bedienten. Und das Grasen der Ziegen jenseits der Einfriedung sei sofort zu unterbinden. Tilda glaubt, dass der Hirte Andreas etwas mit dem nächtlichen Steinschlag zu tun haben könnte und unterstellt, er sei ein böser Mann.
Fazit: Diese Geschichte von William Heinesen (1900-1991) wurde 1938 erstmalig veröffentlicht. Der Guggolzverlag, der sich auf skandinavische Literatur spezialisiert hat, fand die Geschichte so lesenswert, dass er sie 08/2025 erneut verlegt hat und hat recht. Diese komplexe Geschichte ist so spannend wie ein Besuch im Naturkundemuseum. Eine Gruppe verarmter Menschen flieht vor der Stadt, die ihnen keine Sicherheiten bietet. Sie bauen eine Siedlung an einem unwirtlichen Ort, wo sie autark leben wollen. Das Kräftemessen mit der Natur verlangt ihnen alles ab. Sie leben vom Fischfang, dem Ackerbau und der Schafzucht. William Heinesen hat die Geschichte mit großer Gottgläubigkeit (Der Herr gibt und der Herr nimmt) und windig unterhaltsamen Charakteren gespickt. Da ist die manipulative Tilda, die die ganze Siedlung aufmischt, Ole Ornberg, der Klinkenputzer und der barmherzige Frederik, der als unbeschriebenes Blatt aus dem Nichts auftaucht. Drei Monate im Jahr erstrahlt ein richtiger Sommer, den Rest des Jahres kämpfen die Bewohner um ihr Überleben. Der Schreibstil des Autors ist solide, ruhig und fesselnd. Eine großartige historische Erzählung, die ich sehr gerne gelesen habe. Das ganze Buch ist so hochwertig gestaltet, wie alle Bücher des Guggolzverlages
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