Mein narrativer Zugang zur feministischen Theologie. Gött*in ohne patriarchalische Macht, zärtlich auf uns zukommend. Lyrik, Essayistisches und Betrachtungen
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07.01.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
„Göttin wird Mensch“ – Eine Theologie der Zärtlichkeit und des Werdens
Mit „Göttin wird Mensch“* legt Dieter Eigler ein Werk vor, das die Inkarnation nicht als historisches Ereignis, sondern als dauerhaften Prozess begreift – als ein Werden, das sich in jedem Menschen, in jeder Geste der Zärtlichkeit und in jedem Akt der Gerechtigkeit wiederholt. Eiglers Text ist keine systematische Abhandlung, sondern eine Sammlung von Geschichten, Gedichten, Reflexionen und Märchen, die gemeinsam eine radikale Vision entfalten: Gott wird nicht nur in Jesus Mensch, sondern in allen Menschen – und diese Menschwerdung ist kein abgeschlossener Moment, sondern eine Einladung, selbst zum Ort der Inkarnation zu werden.
1. Inkarnation als Prozess: „Nicht einmal Gott wusste es“
Eiglers einleitender Text „Nicht einmal Gott wusste es“ (S. 7) setzt den Ton für das gesamte Buch: Die Menschwerdung Gottes ist kein Plan, sondern ein Wagnis. Jesus wird nicht als fertiger „Gottmensch“ geboren, sondern als ein Wesen, das sich im Dialog mit Maria, mit den Menschen und mit Gott selbst entwickelt. Eigler fragt:
„Würdest Du zustimmen zu seinem Heilsplan für die Welt?“ – und zeigt damit, dass Marias „Ja“ kein unterwürfiges Einverständnis ist, sondern eine aktive Mitgestaltung.
„Wird er ein Mensch des Gebets sein oder einer der Tat?“ – Jesus ist bei Eigler kein statisches Wesen, sondern einer, der sich entscheidet, der wächst und der scheitern kann.
„Am Ende war Maria wieder da. Sie hielt die verzweifelten Jünger zusammen.“ – Die Inkarnation ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein Kreislauf: von Weihnachten zu Ostern und wieder zurück, in jedem Menschen, in jeder Generation.
2. Zärtlichkeit als sakramentale Handlung
Eiglers Text „Zärtlichkeit“ (S. 14) ist ein Gedicht der Berührung – und damit ein Schlüssel zu seiner Theologie:
„Komm, lass Dich an mich drücken. / Beruhige Dich. / Hier – nimm meine Brust.“ – Hier wird die Schechina (die mütterliche Gegenwart Gottes) nicht als Dogma, sondern als Körperlichkeit erfahrbar: Gott stillt, tröstet, hält.
„WUNDER MENSCH.“ – Dieser Schluss ist kein Ausruf, sondern eine Offenbarung: Das Wunder ist nicht die Überwindung der Menschlichkeit, sondern ihre Annahme.
3. Schechina: Gott als immanente Gegenwart
In „Schechina“ (S. 15) verdichtet Eigler seine Vision:
„Göttin gegenwärtig. / Göttin in der Gegenwart. / Göttin immanent.“* – Die Schechina ist bei ihm keine metaphysische Idee, sondern eine Erfahrung: in der Ruhe, in der Zärtlichkeit, im Frieden.
„Stillend. / Keine Machterweise. / Keine Kraftakte. / Friedlich.“ – Hier wird klar: Eiglers Gott ist kein Herrscher, sondern eine nährende Präsenz – wie eine Mutter, die ihr Kind an die Brust nimmt.
4. Die Umwertung der Eucharistie: Von der Sühne zur Begegnung
Eiglers Text „Wie kann die Eucharistie heute Sinn machen?“ (S. 17) ist eine radikale Abkehr von der Satisfaktionstheologie:
„Gott war den Menschen nie fern und ihnen abgewandt, um durch den stellvertretenden Sühnetod seines Sohnes wieder den Menschen zugewandt zu werden.“ – Eigler lehnt die Idee ab, dass Gott Blutopfer braucht, um die Menschen zu lieben. Sein Gott ist kein Richter, sondern ein Liebender, der bedingungslos zugewandt ist.
„Wir müssen nicht dem Teufel teuer abgekauft werden […] Es bedarf keiner Sühne.“ – Stattdessen sieht er die Eucharistie als Begegnung: „Das Brechen des Brotes, das Austeilen des Weines ist unzweifelhaft jesuanisch […] So wird wahre Begegnung mit Gott möglich.“
„Gott geht nicht nur über den Verstand in uns ein, sondern primär einmal durch Leib und Seele.“ – Die Eucharistie ist für Eigler kein magischer Ritus, sondern eine sinnliche Erfahrung – wie das Stillen eines Kindes oder das Teilen von Brot.
5. Maranatha: Sehnsucht nach einem „neuen Weihnachten“
In „Maranatha“ (S. 21) entfaltet Eigler seine Utopie einer gerechten Welt als Voraussetzung für die Rückkehr Jesu:
„Ich erwarte ohnehin keine Wiederkunft in Herrlichkeit. / Was soll das heißen: in Herrlichkeit?“ – Sein Jesus kommt nicht als mächtiger König, sondern als Armer, der den Ausgestoßenen Brot bringt.
„Vielleicht müssen wir viel mehr selbst unternehmen, um das Reich Gottes auf Erden werden zu lassen […]“ – Die Parusie (Wiederkunft) ist für Eigler kein passives Warten, sondern ein Aufruf zum Handeln:
Frieden leben („Beginnen wir damit, Frieden zu leben, im Herzen und in der Realität.“)
Gerechtigkeit schaffen („Den Armen Brot bringen und den Kranken Heilung.“)
Besitz umverteilen („Die Eigentumspyramide auf den Kopf stellen.“)
6. Die Kinder von der Müllhalde: Weihnachten als Fest der Ausgestoßenen
Die Erzählung „Die Kinder von der Müllhalde feiern Weihnachten“ (S. 37) ist ein Manifest der Umkehr:
Die Kinder, die auf der Müllhalde nach Essbarem suchen, finden in den Abfällen der Reichen ihr Festmahl. Eigler zeigt: Weihnachten ist kein Konsumfest, sondern ein Fest derer, die nichts haben – und gerade darin liegt seine Wahrheit.
„Frohe Weihnachten!“ – Der Jubel der Kinder ist kein Zynismus, sondern eine radikale Hoffnung: Selbst in der Armut feiern sie das Leben.
7. Das leere Lararium: Trauer als Teil der Inkarnation
In „Das leere Lararium“ (S. 38) erzählt Eigler von Agnes, einer sterbenden Frau, die ihre leere Hauskapelle nicht füllen will:
„Ich will keine Hirten, keine Maria und keinen Josef, und schon gar kein Jesuskind in der Krippe. Mein Lararium ist leer.“ – Eigler zeigt, dass Leere nicht das Gegenteil von Glauben ist, sondern dessen ehrlichste Form.
Die Tochter, die die Krippe aufbaut, respektiert diesen Wunsch – und damit die Freiheit des Glaubens, der auch Zweifel und Wut einschließt.
8. Der Uhrmacher im Leuchtturm: Zeit als Geschenk
Das Märchen „Der Uhrmacher im Leuchtturm“ (S. 50) ist eine Parabel über die Verantwortung für die Zeit:
Der Uhrmacher verwandelt die „über den Rand der Welt fallende Zeit“ in Musik – doch wenn er überlastet ist, verstummen die Melodien, und die Welt verfällt in Lethargie.
Ein Mädchen hilft ihm – und zeigt, dass Zeit nicht „vergeht“, sondern „genutzt“ werden muss. Eigler fragt: „Wofür verwenden wir unsere Zeit?“ – und antwortet: Für Gerechtigkeit, für Liebe, für Musik.
9. Maria teilt Segen aus: Eine Eucharistie der Zärtlichkeit
Die Szene „Maria teilt Segen aus“ (S. 53) ist ein Bild der lebendigen Tradition:
Maria geht in der Kapelle umher und legt den Betenden die Hände auf – nicht als Ritual, sondern als Berührung.
„Reine Zärtlichkeit.“ – Hier wird klar: Eiglers Eucharistie ist keine Liturgie der Macht, sondern eine Geste der Nähe.
10. Warum Eiglers Werk so wichtig ist
Eiglers „Göttin wird Mensch“* ist radikal, weil es:
Die Inkarnation demokratisiert: Jesus ist nicht der einzige Ort der Menschwerdung Gottes – jeder Mensch kann es sein.
Die Eucharistie entzaubert: Sie ist kein magischer Akt, sondern eine Einladung zur Begegnung.
Weihnachten politisiert: Es ist kein Fest der Nostalgie, sondern ein Aufruf zur Umkehr – hin zu einer Welt, in der die Armen die Reichsten sind.
Gott feminisiert: Die Schechina ist keine Metapher, sondern eine Realität – Gott ist Mutter, Nährende, Zärtliche.
11. Für wen ist dieses Buch?
Für Theolog:innen, die nach einer befreienden Christologie suchen.
Für Spirituelle Suchende, die Gott nicht in Dogmen, sondern im Alltag finden wollen.
Für Aktivist:innen, die Gerechtigkeit nicht als Moral, sondern als Inkarnation begreifen.
Für Leser:innen von Eiglers anderen Werken („Zwischen-Summe“, „Marias Reise“), die seine Theologie der Schechina vertiefen möchten.
Für alle, die müde sind von patriarchalen Gottesbildern und eine Gött*in suchen, die atmet, liebt und leidet.
12. Fazit: Ein Buch, das die Welt verändert
Dieter Eiglers „Göttin wird Mensch“* ist kein Buch, das man liest, um es wegzulegen. Es ist ein Aufruf, selbst zum Ort der Inkarnation zu werden. Es zeigt:
Dass Gott nicht „kommt“, sondern „wird“ – in uns, durch uns, trotz uns.
Dass Zärtlichkeit kein Luxus ist, sondern die Grundlage des Heiligen.
Bewertung
5/5
11.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Nicht nur zur Weihnachtszeit
Es ist wohltuend zu lesen, dass auch Männer die einseitig männlich dominierte Sprache von Gott zurückweisen und für sich selbst und andere mit weiblichen Sprachformen und Bildern neue Zugänge zum Geheimnis Gottes suchen. In Prosa und Poesie, in Kurzgeschichten und Gedichten knüpft Dieter Eigler an biblischen Bildern an und entwickelt sie weiter. Die Lektüre der persönlichen und oft unkonventionellen Texte regt dazu an, bei sich selbst Einkehr zu halten und neue Perspektiven zu entdecken.
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