Wir befinden uns im Fischerort Kuinak, Alaska, und geografisch wie zeitlich am Ende der Welt. Das Wetter schlägt unerwartet und lebensbedrohlich von einem Extrem ins andere. Der Lachs wird knapp, die Menschen sind gereizt und diverse Weltuntergangspriester verkünden entsprechend: »Diesmal wirklich!«, und überdies scheint sich in Kuinak eine Katastrophe nach der nächsten anzubahnen.
Als eine Filmcrew aus Hollywood mit einer gigantischen Luxusyacht im Hafen aufkreuzt und Kuinak in eine Filmkulisse verwandeln will, wird dadurch alles auf den Kopf gestellt. Seitdem scharen sich schrullige Originale und räudige Köter um unsere beiden Helden. Da ist zum einen der abgehalfterte Ökoterrorist Ike Sallas, der sich nach seiner Haft nach Kuinak zurückgezogen hat. Außerdem noch Alice Carmody, eine der letzten Angehörigen vom Stamm der Kuinak: Unternehmerin und Künstlerin mit einem Hang zu cholerischen Anfällen.
Infolge der Filmaufnahmen werden Ike und Alice intensiv mit Fragen nach ihrer Identität konfrontiert. Am Ende kämpfen sie um nichts weniger, als um die Hoheit über ihre eigene Geschichte sowie um einen Ort, an dem es sich zu leben lohnt.
Mit diesem Roman wirft Kesey Ende der 1980er einen mal psychedelisch und bunten, mal düsteren Blick auf die unruhige See der 2020er-Jahre. Gekonnt lässt Kesey westlich-christliche Erzähltraditionen und archaische indigene Mythen aufeinanderkrachen.
Was ist authentisch in einer Welt, in der jede Tradition zum Merchandise verkommt? Was nützt all der Heldenmut, wenn die Welt ohnehin nicht mehr zu retten ist? Und wird Ike Sallas sich auf seine alten Tage noch einmal dazu aufraffen können, es zumindest zu versuchen?
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Roman aus 1992, jetzt erstmals auf Deutsch, noch heute aktuell wie damals
Buchbesprechung aus Bad Kissingen am 20.09.2025
Bewertungsnummer: 2601636
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
REZENSION – Der Name des amerikanischen Bestseller-Autors Ken Kesey (1935-2001) mag der jungen Generation kaum ein Begriff sein, allenfalls noch der Titel des Films „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975) mit Jack Nicholson nach Keseys im Jahr 1962 veröffentlichtem gleichnamigen Debütroman. Danach kam auch nicht mehr viel: Zwei Jahre später (1964) folgte der Roman „Manchmal ein großes Verlangen“, der erst 20 Jahre später auf Deutsch erschien und kaum Beachtung fand ebenso wie einige Kurzgeschichten. Denn längst war Kesey mit seinem buntbemalten Bus durch die USA unterwegs und frönte mit seiner Hippie-Kommune „Merry Pranksters“ der bewusstseinserweiternden Droge LSD. Nach mehreren Prozessen wegen Drogenbesitzes und einer Bewährungsstrafe zog sich Kesey schließlich auf seine Farm in Oregon zurück. Hier schrieb er zehn Jahre lang bis 1992 an seinem dritten und letzten Roman „Seemannslied“ – ein wahres Meisterwerk, das erst jetzt nach 33 Jahren Ende August beim März Verlag in deutscher Übersetzung von Milena Adam mit einem Vorwort von Literaturkritiker Volker Weidermann veröffentlicht wurde.
Man muss sich fragen, warum dieser absolut lesenswerte Roman, eine wunderbare Mischung aus Humor und Tragik, eine im Kern tiefgründige und nachdenklich stimmende, aber insgesamt satirische Geschichte mit einer Vielzahl skurriler Charaktere, erst jetzt auf Deutsch erschien. Auch nach 33 Jahren hat Keseys Werk inhaltlich nichts an Aktualität verloren. Oder ist er heute sogar aktueller denn je? Es sei ein prophetischer Roman, stellt Weidermann fest: Das 700-Seiten-Epos spielt „in unserem Jahrzehnt, in unserem Heute“, in einem fiktiven einst von Goldgräbern besiedelten Fischerstädtchen Kuinak in Alaska.
Das „kulturell abgeschlagene Provinznest“, geografisch und zeitlich am Ende der Welt, wird von einem Gemisch indigener und weißer Amerikaner bewohnt. Hauptfiguren sind der verschrobene Einzelgänger Ike Sallas, der mit seinem jamaikanischen Kumpel in einem alten Wohnwagen haust, und die zu cholerischen Anfällen neigende Unternehmerin und Künstlerin Alice Carmody, eine der letzten Indigene vom Stamm der Kuinak, sowie die Mitglieder des wichtigsten Vereins der kleinen Stadt, des „Loyal Order of the Underdogs“.
Alice Carmody ist die Mutter von Nicholas Levertov, der vor Jahren die Stadt verlassen hat, auch mal mit Ike Sallas die Gefängniszelle teilte und nun überraschend mit einer Hollywood-Filmcrew auf einer riesigen Segelyacht im Hafen von Kuinak festmacht. Die Produktionsfirma Foxcorp will hier das Kinderbuch „Shoola und der Seelöwe“ verfilmen, angeblich eine alte, authentische Geschichte um eine junge Ureinwohnerin. Doch schon in diesem Punkt ist es mit der Authentizität nicht weit her: Wie sich herausstellt, ist die vermeintliche Ureinwohner-Legende von einer pensionierten weißen Mathe-Lehrerin aus New Jersey nur ausgedacht.
Das kleine Städtchen wird von den Filmleuten völlig vereinnahmt. Entlang der Hauptstraße, die inzwischen vom Müll gesäubert ist, werden die verwahrlosten Häuser hinter historisch anmutenden Haus-Kulissen versteckt, die Einwohner, als Indigene früherer Zeiten verkleidet, als Statisten verpflichtet. Die Filmgesellschaft stellt ganz Kuinak auf den Kopf und verspricht „indigenen wie weißen Bewohnern Wohlstand, wenn sie ihren idyllischen Fischerort und ihre Seele an die Filmgesellschaft verkaufen“, fasst Übersetzerin Milena Adam das weitere Geschehen in ihrem Nachwort zusammen, das auch wegen ihrer Ausführungen zum Entstehen des Romans und zu Keseys Recherchen vor Ort in Alaska interessant ist. Nach Abschluss der Dreharbeiten wollen die Investoren der Filmgesellschaft den ärmlichen Fischerort zum modernen Vergnügungspark umgestalten, an dem alle Einwohner mitverdienen können.
Was ist noch authentisch in einer Welt, in der jede Tradition zum Merchandising verkommt und Wohlstand, Erfolg und Sicherheit nur Illusion sind? In seinem Roman setzt sich der in den 1960er-Jahren, in der Ära gesellschaftlicher, politischer und kultureller Umwälzungen geprägte Autor mit der US-Gesellschaft auseinander und prangert die Folgen wachsender Industrialisierung und Zerstörung von Natur und Tradition zugunsten des Profits an. Wie hoch darf der Preis für Fortschritt sein? Wie weit dürfen sich Konsum und technologische Entwicklung auf den Einzelnen und die Gesellschaft insgesamt auswirken?
„Seemannslied“ ist mit 700 Seiten ein wahres Opus Magnum. Der Roman verlangt dem Leser einiges an Durchhaltevermögen und Konzentration ab, zumal die Handlung gelegentlich fragmentarisch hin und her springt. Doch dank der lebendigen Erzählweise, dank des lockeren und oft flapsigen Sprachstils sowie der humorvollen Dialoge, alles von Milena Adam treffend in die Sprache unserer Tage übertragen, wird der Roman trotz aller Ernsthaftigkeit zur einer vergnüglichen und thematisch aktuellen Lektüre, die sich durchaus auch für jüngere Leser lohnt.
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