86 Stunden >Sopranos< in 11 Tagen - da, wo andere Urlaub machen. Thorsten Nagelschmidt erzählt mit Witz, Tiefgang und schonungsloser Offenheit vom Versuch, seinem alljährlichen Unglück zu entkommen.
Seit Langem überfallen den Autor und Musiker Thorsten Nagelschmidt in der Vorweihnachtszeit Depressionen. Seine Familie besucht er zu dieser Zeit schon seit über 20 Jahren nicht mehr. Stattdessen bilden Partys und Exzesse ein probates Mittel zur Ablenkung. Die Depression aber ließ sich dadurch nie aufhalten, allenfalls verzögern.
Um den Bann zu brechen, beschließt er, die Feiertage in einem All-Inclusive-Hotel auf Gran Canaria zu verbringen. Mehr noch: Er wird den Eskapismus auf die Spitze treiben und endlich die berühmteste Serie der Fernsehgeschichte gucken. Die >Sopranos<, alle 7 Staffeln am Stück, 8 Stunden täglich, 11 Tage lang.
In der Tradition von Foster Wallaces Kreuzfahrt-Reportage >Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich< begibt sich Nagelschmidt freiwillig in eine Extremsituation, um persönlich, kulturgeschichtlich und nicht ohne Humor zu ergründen, was es mit diesen Nicht-Orten der Urlaubsindustrie und dieser vielleicht seltsamsten Zeit des Jahres auf sich hat.
>Nur für Mitglieder< ist Thorsten Nagelschmidts Analyse der Einsamkeit in Zeiten der Abschottung. Eine Fluchtbewegung nach innen - und nicht zuletzt eine große autobiografische Erkundung der eigenen Abgründe.
»Oh, the pressure we put on ourselves this time of the year ... - I call it Stressmas.« (Dr. Melfi, The Sopranos)
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Depression eine Erklärung
MarieOn am 18.09.2025
Bewertungsnummer: 2599796
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Nie wieder Weihnachten in Deutschland hatte er sich letztes Jahr geschworen. Das tiefe Loch, in das er gefallen war, ließ ihn erst Monate später wieder frei. Helena sagte ihm am Klobichsee in der Märkischen Schweiz, dass er bei seinen Eltern gerne eingeladen wäre. Für Helenas Familie ist Weihnachten das Highlight des Jahres. Baumschmuck, Kirche, Festessen. Helena und ihre Schwester klappern schon im Vorfeld alle Weihnachtsmärkte des Landes ab. Und ganz egal, wie vehement sie jedes Jahr aufs Neue versucht, ihn zu überzeugen, wie groß, auch seine Freude sein würde im heimischen Schoß ihrer Familie zu kuscheln, lehnt er jedes Mal entschieden ab.
Jetzt kommt er am 14.12. in Las Palmas an. Er wird seine Bildungslücke mit den Sopranos auf Gran Canaria füllen. Elf Tage lang, acht Stunden pro Tag, sechs Staffeln. Bevor es los geht, wird er zuerst einmal ein kleines Dinner zu sich nehmen. Das orange Bändchen, das der freundliche, gut aussehende Rezeptionist ihm gegeben hat, befähigt ihn in seinem High End Resort so ungefähr jede Türe zu öffnen und sich den Fünf-Sterne-Luxus um die Ohren hauen zu lassen. Auf dem Weg zum Restaurant studiert er die Architektur der Einschüchterung. Weißer Beton, Glas, kurvige Wege, gesäumt von Palmen.
Der vegetarische Burger ist lecker, die Kellnerin zwinkert ihm lächelnd zu. Hinter ihm sitzt ein älteres Pärchen an einem Tisch auf Barhockern, von denen aus sie eine gute Sicht auf alle Gäste haben. Sie hält sich an einer halb vollen Flasche Weißwein fest, er scheint seinen roten zu bevorzugen. Jetzt wird er sich die Beine vertreten. Der 1,5 Kilometer Weg zum Meer ist gesäumt von gesichtslosen Hotels, Shopping Malls, Supermärkten und kleinen Souveniergeschäften mit Tittentassen und Pimmelbierkrügen. Wenig Grün, viel Beton, Verkehrskreisel. Dann die Dünen, Naturschutzgebiet und Touristenmagnet. Laut Reisepodcast und Google Rezension erwartbar viele alte Nudisten und Schwule auf der Suche nach Abenteuer. So, fürs erste alles gesehen. Jetzt aber schnell zurück zur ersten Staffel The Sopranos.
Fazit: Thorsten Nagelschmidt, Autor und Texter, Sänger und Gitarrist der Band Muff Potter, hat es sich zur Aufgabe gemacht, seine eigene Depression zu analysieren. Vordergrund ist ein beliebtes Urlaubsdomizil, dessen Urlauber er beobachtet und mit feinem Sarkasmus kommentiert. Dazu zählt die Unart, Liegen mit Handtüchern als Eigentum zu kennzeichnen, Sauforgien und Klassenunterschiede. Im Grunde ist ihm hiermit eine unterhaltsame gesellschaftliche Fallstudie gelungen. Im Hintergrund dreht sich Nagelschmidt um sich selbst, lässt mich an seiner Vergangenheit teilhaben, zieht familiäre Rückschlüsse und zeichnet das Bild eines überforderten Jungen, der früh Verantwortung tragen musste. Und so neigt er dazu, über seine Grenzen zu gehen, weil er einen hohen Leistungsstandard an sich stellt. Seine schlimmsten Erfahrungen spielten sich schon in der Kindheit zur Weihnachtszeit ab. Seine Erzählung ist gespickt mit Daten eigener Recherche zum heiligen Fest, aber auch mit seinen Ansichten zu heteronormativen Familien und Erwartungsdruck.
Kaum ein Konzept wird in patriarchal geprägten Gesellschaften so idealisiert wie das der Kleinfamilie. S. 156
Mir hat die Herangehensweise des Autors sehr gefallen. Er spricht ganz klar und deutlich über seinen Zusammenbruch und die möglichen Gründe. Wie die Dunkelheit sich anschlich, als er noch zu abgelenkt war, es zu merken. Seine Hilflosigkeit und Verzweiflung, das Gefühl, nie mehr aus diesem Loch herauszukommen. Und dann ist da auf der anderen Seite dieser zynische Typ mit den kritischen Gedanken zu den einfach strukturierten Menschen, die ein System am Laufen halten, das sich nicht bewährt hat. Ich mag ihn, seinen Stil und seine Offenheit. Volle Leseempfehlung für alle, die sich für das Thema Depression interessieren.
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