Weil der 86-jährige Avigdor Seliger nicht mehr spricht, steckt ihn seine Tochter Hannah in ein Altersheim. Die Ärzte sind sich nicht sicher: Verirrt sich der Mann allmählich in die Nebel der Demenz oder verweigert er das Sprechen bewusst? Weil Enkel Yair fürchtet, der Großvater könnte seinen Bezug zur Realität verlieren, erzählt er ihm jene Geschichten, die der Senior während der Schulferien am See Genezareth einst ihm erzählt hat. Allerdings erinnert sich Yair nicht immer genau. Er erfindet hinzu, übertreibt, wandelt ab - in der Hoffnung, den Groß- vater doch noch aus der Reserve zu locken und sich selbst vom eigenen Lebenschaos im Tel Aviv der Gegenwart abzulenken.
Er lässt die schöne Bella Rubinsteyn auferstehen, die sich während der Schwangerschaft nur von exotischem Obst ernährt, weil sie ein besonderes Wesen gebären will; die exaltierte Olympiada, die den Durst der KGBler nach Unbill mit körperlicher Liebe zu stillen sucht; Danuta, die als Anführerin einer Waisenkinder-Bande die Märkte von Taschkent unsicher macht...
Mit welcher Erzähl- und Sprachkraft Gabriel Wolkenfeld einen derart großen Bogen schlägt und dabei das Gleichgewicht hält zwischen dem Wissen um sein handwerkliches Tun und der Hingabe an den Strom der Erinnerung, ist große Kunst und lässt von diesem Autor noch viel erwarten.
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
Bewertung
5/5
17.12.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Unvergesslich
„Bücher sind eine Flaschenpost durch die Zeit, vielleicht das beste Medium, um Bleibendes zu schaffen.“ (Judith Schalansky)
Was bleibt bei der Lektüre? Nicht ein vielfältig und differenziert angelegtes Entwickeln einer Familiengeschichte des Herkommens und Weitergehens bzw. Hernehmens und Weitergebens von Ideen, Sprache, Essgewohnheiten und Erbstücken über Grenzen und Zeiten hinweg, sondern das Zurückgeben der Geschichte zwischen Generationen. Die sprachliche Umsetzung dieses kunstgriffigen Abenteuers ist das Neue und Bleibende, das als Faszinodium den Roman umgibt, und rechtfertigt die raumgreifende (512 Seiten) Chuzpe des Erzählers – und die Freude des Lesers, der im Gegensatz zum Autor gelegentlich sprachlos bleiben darf.
Bewertung
5/5
02.12.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Licht- und Schattenseiten einer jüdischen Familie
Von André Farin
Was passiert eigentlich, wenn sich ein Lyriker als Romanautor ausprobiert? Gute Frage. Gabriel Wolkenfeld liefert mit seinem neuen Roman „Babylonisches Repertoire“ eine passende Antwort dazu. Der 36-jährige Berliner sieht sich eher als Poet, der aus seinen Erlebnissen, Eindrücken und Erfahrungen wort- und bildgewaltige Verszeilen macht. In seinem aktuellen Gedichtband „Sandoasen“ gelang ihm das zum Beispiel in erstaunlicher Weise. Der Schritt nun zu einem 500-Seiten-Werk wirkt dagegen als eine Herausforderung, der sich der studierte Germanist und Literaturwissenschaftler bewusst stellen wollte.
Gabriel Wolkenfeld beschäftigte sich mit dem Schicksal einer jüdischen Familie, deren Geschichte von Litauen über Taschkent und das ehemalige Gorki bis in das heutige Israel führte. Darin sind der 86-jährige Avigdor Seliger und sein Enkel Yair zwei der zentralen Figuren der zahlreichen Handlungsstränge durch ein gutes Jahrhundert. Der eine lebt in einem Seniorenwohnheim, weil er mit seiner Tochter nicht mehr sprechen wollte und möglicherweise dement ist. Sein eigenwilliger Charakter kommt noch dazu. Und der andere mit einem eher chaotischen Lebenswandel wohnt in Tel Aviv in einer lockeren Beziehung zu seinem Freund und mit kurz gehaltenen Kontakten zu seiner neugierigen und besorgten Mutter.
Yair kennt seinen Großvater aus den Geschichten, die er ihm selbst einmal in den Ferien am See Genezareth erzählte. Er will jetzt als Erwachsener nicht wahrhaben, dass dieser lebenserfahrene alte Mann vielleicht an Demenz leidet und den Bezug zur Realität verloren haben könnte. Daher möchte er ihn auf die Probe stellen und erzählt aus dessen Vergangenheit, manchmal etwas hinzudichtend, bewusst weglassend oder an anderer Stelle einfach nur abgewandelt. An jedem Besuchstag bringt er eine andere Frucht mit, die sie gemeinsam essen und damit eine Verbindung zu dem jeweiligen Lebensabschnitt seines Opas Avi herstellen, aus dem Yair ihm leidenschaftlich und anschaulich berichtet.
Eine Familiengeschichte aus mehreren Jahrzehnten braucht natürlich eine große Anzahl von Personen, wie sie Gabriel Wolkenfeld selbstverständlich aufnimmt. 27 Menschen finden so ihren dichterischen Platz in einer Ansammlung von Lebensgeschichten, die von vielfältigen gesellschaftlichen Verhältnissen und persönlichen Umständen bestimmt werden. Das Leben in dem viel zu großen Sowjetreich, das oft nur mit den Anordnungen der führenden Politriege und unlauteren Mitteln der Staatsicherheit zusammengehalten werden konnte, wird tiefgründig geschildert. Der Umgang von Volk und Partei mit den 2,5 Millionen Juden in der Sowjetunion oder die Auswanderung von jüdischen Bevölkerungsteilen werden thematisiert. Schwierige Zeiten und traurige Rückschläge für die agierenden Protagonisten wechseln mit amüsanten Höhepunkten, sagenhaften Momenten und lesenswerten Anekdoten.
Besonders schillernde Figuren umgeben Avigdor und machen den Reiz des Romans aus, denn wir erleben sie in vielen alltäglichen und besonderen Situationen äußerst bild- und gestenreich beschrieben. Etwa wie die bezaubernde Bella Rubinsteyn, Avigdors leibliche Mutter. Sie träumt davon, ein außergewöhnliches Wesen gebären zu können und isst daher während ihrer Schwangerschaft nur exotische Früchte, für die sie sogar ihren Schmuck eintauschte. In dem Roman sticht Avigdors zweite Frau Olympiada hervor. Sie ist lesebegeistert, interessiert sich für den literarischen Untergrund und versteht es mit fraulichem Geschick, Geheimdienstmänner zu umgarnen. Eine weitere bemerkenswerte Frauengestalt in Avigdors Leben ist Danuta, seine angenommene Schwester. Größtenteils wuchs sie in einem Taschkenter Waisenhaus auf und führte lange Zeit eine dortige Kinderbande an, die alle möglichen Märkte der Stadt unsicher machte.
Wie in einem Kaleidoskop fügen sich die wechselnden Zeiten, Orte und Personen des Romans zusammen. Die Fülle an Gesprächsstoff und erzählenswerten Details bringt der Autor mit großem schriftstellerischem Talent so auf dem Punkt, wie man es von seiner Lyrik kennt. Nur einem guten Zuhörer, Zuschauer und Beobachter wie ihm gelingt es, den roten Faden und das fantasiereiche Anliegen der hier festgehaltenen Lebensgeschichte zu verbinden. Er hat sein schreibendes Handwerk nicht nur gelernt, sondern mit dem vorliegenden Werk meisterlich ausgeführt.
Der Roman erschien in diesem Herbst im Müry Salzmann Verlag und wird jetzt die Lesefans erobern. Gabriel Wolkenfeld plant nach seinem Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse in diesen Tagen eine Lesetour durch Deutschland. Dann wird er vielleicht darüber Auskunft geben, wie autobiografisch sein Werk ist und ob er über eine Fortsetzung nachdenkt. Mit Sicherheit aber wird er die Zuhörer von seiner Erzählkunst begeistern, weil sie von den genauen Beobachtungen, ideenreichen Beschreibungen und attributgefüllten Wortspielen eines Lyrikers lebt.
André
aus Putbus
5/5
02.12.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Von André Farin Was passiert…
Von André Farin Was passiert eigentlich, wenn sich ein Lyriker als Romanautor ausprobiert? Gute Frage. Gabriel Wolkenfeld liefert mit seinem neuen Roman „Babylonisches Repertoire“ eine passende Antwort dazu. Der 36-jährige Berliner sieht sich eher als Poet, der aus seinen Erlebnissen, Eindrücken und Erfahrungen wort- und bildgewaltige Verszeilen macht. In seinem aktuellen Gedichtband „Sandoasen“ gelang ihm das zum Beispiel in erstaunlicher Weise. Der Schritt nun zu einem 500-Seiten-Werk wirkt dagegen als eine Herausforderung, der sich der studierte Germanist und Literaturwissenschaftler bewusst stellen wollte. Gabriel Wolkenfeld beschäftigte sich mit dem Schicksal einer jüdischen Familie, deren Geschichte von Litauen über Taschkent und das ehemalige Gorki bis in das heutige Israel führte. Darin sind der 86-jährige Avigdor Seliger und sein Enkel Yair zwei der zentralen Figuren der zahlreichen Handlungsstränge durch ein gutes Jahrhundert. Der eine lebt in einem Seniorenwohnheim, weil er mit seiner Tochter nicht mehr sprechen wollte und möglicherweise dement ist. Sein eigenwilliger Charakter kommt noch dazu. Und der andere mit einem eher chaotischen Lebenswandel wohnt in Tel Aviv in einer lockeren Beziehung zu seinem Freund und mit kurz gehaltenen Kontakten zu seiner neugierigen und besorgten Mutter. Yair kennt seinen Großvater aus den Geschichten, die er ihm selbst einmal in den Ferien am See Genezareth erzählte. Er will jetzt als Erwachsener nicht wahrhaben, dass dieser lebenserfahrene alte Mann vielleicht an Demenz leidet und den Bezug zur Realität verloren haben könnte. Daher möchte er ihn auf die Probe stellen und erzählt aus dessen Vergangenheit, manchmal etwas hinzudichtend, bewusst weglassend oder an anderer Stelle einfach nur abgewandelt. An jedem Besuchstag bringt er eine andere Frucht mit, die sie gemeinsam essen und damit eine Verbindung zu dem jeweiligen Lebensabschnitt seines Opas Avi herstellen, aus dem Yair ihm leidenschaftlich und anschaulich berichtet. Eine Familiengeschichte aus mehreren Jahrzehnten braucht natürlich eine große Anzahl von Personen, wie sie Gabriel Wolkenfeld selbstverständlich aufnimmt. 27 Menschen finden so ihren dichterischen Platz in einer Ansammlung von Lebensgeschichten, die von vielfältigen gesellschaftlichen Verhältnissen und persönlichen Umständen bestimmt werden. Das Leben in dem viel zu großen Sowjetreich, das oft nur mit den Anordnungen der führenden Politriege und unlauteren Mitteln der Staatsicherheit zusammengehalten werden konnte, wird tiefgründig geschildert. Der Umgang von Volk und Partei mit den 2,5 Millionen Juden in der Sowjetunion oder die Auswanderung von jüdischen Bevölkerungsteilen werden thematisiert. Schwierige Zeiten und traurige Rückschläge für die agierenden Protagonisten wechseln mit amüsanten Höhepunkten, sagenhaften Momenten und lesenswerten Anekdoten. Besonders schillernde Figuren umgeben Avigdor und machen den Reiz des Romans aus, denn wir erleben sie in vielen alltäglichen und besonderen Situationen äußerst bild- und gestenreich beschrieben. Etwa wie die bezaubernde Bella Rubinsteyn, Avigdors leibliche Mutter. Sie träumt davon, ein außergewöhnliches Wesen gebären zu können und isst daher während ihrer Schwangerschaft nur exotische Früchte, für die sie sogar ihren Schmuck eintauschte. In dem Roman sticht Avigdors zweite Frau Olympiada hervor. Sie ist lesebegeistert, interessiert sich für den literarischen Untergrund und versteht es mit fraulichem Geschick, Geheimdienstmänner zu umgarnen. Eine weitere bemerkenswerte Frauengestalt in Avigdors Leben ist Danuta, seine angenommene Schwester. Größtenteils wuchs sie in einem Taschkenter Waisenhaus auf und führte lange Zeit eine dortige Kinderbande an, die alle möglichen Märkte der Stadt unsicher machte. Wie in einem Kaleidoskop fügen sich die wechselnden Zeiten, Orte und Personen des Romans zusammen. Die Fülle an Gesprächsstoff und erzählenswerten Details bringt der Autor mit großem schriftstellerisc
Bewertung
aus Hamburg
5/5
08.10.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Schönes Buch über eine jüdische Familiengeschichte
„Babylonisches Repertoire“ ist eine wunderschön erzählte Geschichte, die über den Zeitraum fast
eines Jahrhunderts an ganz unterschiedlichen Orten spielt. In der Rahmenhandlung erzählt Yair
seinem Großvater dessen Lebensgeschichte, die Teil der Geschichte europäischer Juden ist. Avigvor
Seliger flieht vor dem Einmarsch der Deutschen mit seiner Familie aus einem Schtetl in Litauen über
die usbekische Hauptstadt an die Wolga und landet Jahrzehnte später, als der eiserne Vorhang fällt,
in Israel. Der Enkel Yair führt den Großvater also zurück in die Vergangenheit. Warum? Weil er Angst
hat, dass sein Großvater sich verliert. Er glaubt, den Großvater so an sich und die (seine?) Realität zu
binden. Der Großvater nämlich spricht nicht mehr. Warum, ist nicht klar. Demenz? Enttäuschung?
Verletztsein? Vielleicht einfach ein stiller Rückzug am Ende eines ereignisreichen Lebens. Die Idee,
den Enkel das Leben des Großvaters erzählen zu lassen, finde ich sehr schön. Das weckt
Scheherezade-Assoziationen. Nur geht es dem Erzähler hier nicht darum, den eigenen Kopf zu retten.
Der Erzähler möchte seinen Großvater vor dem Ende bewahren. Das ist z.T. sehr anrührend und gibt
dem Autor einen gewissen erzählerischen Spielraum: Weil das Leben einer anderen Person erzählt
wird, kommt es zu kleinen Ungereimtheiten, Irritationen, Szenen, die märchenhaft anklingen. Die
gewisse Unschärfe, die dadurch entsteht, habe ich als durchaus reizvoll empfunden. Was von dem,
was der Enkel erzählt, hat sich tatsächlich so zugetragen?
Genau genommen werden zwei Geschichten erzählt. Denn der andere Erzählstrang widmet sich Yair
selbst, einem Mann Anfang Dreißig, der, wie so viele junge Menschen, eher in den Tag hineinlebt:
abgebrochenes Studium, frisch getrennt, beruflich nicht erfolgreich. Yair, der davon träumt, als DJ
durchzustarten, lernt im Tel Aviv der Gegenwart einen jungen Deutschen kennen, der ihm den Kopf
verdreht und mit dem er Israel bereist. Die beiden Lebensentwürfe von Enkel und Großvater sind
also total unterschiedlich – und doch hatte ich nie den Eindruck, der Roman sei am Reißbrett
entworfen oder wirke konstruiert. Dafür fügen sich die verschiedenen Ebenen einfach zu
überzeugend ineinander.
Obwohl es sich bei den beiden Hauptfiguren um Männer handelt, wimmelt es in diesem Roman
geradezu von wundervollen, intelligenten, witzigen, charmanten Frauenfiguren. Einigen davon
gelingt es, sich über die engen Grenzen, die ihren die patriarchalen Gesellschaften und engen
Familienstrukturen vorgeben, hinwegzusetzen, andere scheitern genau daran. Gerade bei diesem
Scheitern beweist der Autor großes Einfühlungsvermögen. Er stellt seine Figuren nicht bloß. Dies
gelingt, weil nicht auf Effekt oder Stereotype gesetzt wird und selbst die Nebenfiguren alles andere
als eindimensional gestaltet sind.
Dieses Buch ist für mich eine große Überraschung, zumal mich so umfangreiche Bücher eher
abschrecken und ich einem so relativ jungen Autor so einen großen erzählerischen Bogen eher nicht
zugetraut hätte. Beim Lesen hatte ich allerdings nie das Bedürfnis, ein paar Seiten zu überblättern. Im
Gegenteil. Kaum hatte ich ein Kapitel beendet und das Buch aus der Hand gelegt, wollte ich wissen,
wie es weitergeht. Ich bin total froh, der Empfehlung meiner Buchhändlerin gefolgt sein.
„Babylonisches Repertoire“ ist für mich ein besonderes Buch, intelligent und witzig und dabei sehr
schön geschrieben.
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